Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele

Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes

Von Max Wenzel, Chemnitz

Ein gut Teil Poesie im erzgebirgischen Volksleben ist mit dem Weihnachtsfest verknüpft. Ja, man kann wohl sagen, daß in keiner Gegend unseres deutschen Vaterlandes Weihnachten so inbrünstig gefeiert wird wie im Erzgebirge, und auch der berühmte Zahn der Zeit hat sich hier machtlos erwiesen. Schon die Adventszeit ist weihnachtlichen Zaubers voll. Da blasen vom Kirchturm Musikanten das »Feldgeschrei« in die dunkle Winternacht hinaus, und im warmen Stübchen regen sich fleißige Hände, um all die Wunderwerke der Krippen und Pyramiden herzustellen, die einer erzgebirgischen Stube die rechte Weihnachtsweihe geben. Fast könnte man von einer Überfülle sprechen. Man will alle Möglichkeiten ausnützen, seine Festfreude zu zeigen. Der »Winkel« der Stube bevölkert sich mit allerhand buntem Schnitzwerk, das die lieblichste biblische Erzählung figürlich darstellt. Daneben dreht sich auf der Kommode eine gar prächtige Pyramide, und von der Decke herab grüßt das bunte Perlen- oder Holzrankenwerk eines Leuchters oder einer Spinne. Auf dem Schrank stehen gravitätisch Engel und Bergleute mit Lichtern auf dem steifen Arm und auch ein Räucherkerzchenmann blickt von irgendwo auf den köstlichen Zierat. Und – um auch der modernen Zeit eine Verbeugung zu machen – fehlt zu alledem auch der Christbaum nicht, dessen Fuß in einem kleinen Christgärtchen wurzelt. Farbe und Licht überall! Eine Erinnerung an die alte Bergherrlichkeit. Kam der Bergmann aus dem dunklen Schoß der Erde, begrüßte er das Licht als Befreier von dunkler Sorge und ängstlichem Druck. So wollte ihm auch in dunkler Winternacht das Licht von oben als ein symbolisches Zeichen des Lebens erscheinen. Lichter stellt man in die Fenster, daß sie weit in die Nacht hinausstrahlen; oder man besteckt die Fensterrahmen mit kleinen Öllämpchen. Wer einmal an einem der drei heiligen Abende oder an den Festtagen selbst im Schlitten von Annaberg über Buchholz, Sehma, Cranzahl nach Oberwiesenthal gefahren ist, wird den Märchenzauber nie vergessen.

Es handelt sich hier um durchaus gegenwärtige, lebende Dinge, nicht etwa um Erinnerungen an eine alte freundliche Zeit. Auch der Erzgebirgler in der Fremde hält an seinem Weihnachten fest und schmückt seine Wohnung gern mit solch heimatlichem Gerät. Als wir vor einigen Jahren in Chemnitz eine Ausstellung volkstümlicher Weihnachtskunst veranstalteten, waren wir erstaunt über die Menge von Krippen und Pyramiden, die uns allein aus Chemnitz angeboten wurden. Ein bekannter Drechslermeister hielt sogar die einzelnen Pyramidenteile fertig auf Lager.

Süße Lieder und innige Verse preisen das traute, hochheilige Paar noch heute. Und an allerlei volkstümlichen Gebräuchen, dem Schuhwerfen, Bleigießen, dem Rupprecht usw. hält der Erzgebirger mit Zähigkeit fest; wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß solch’ alte Sitten mehr und mehr den Anstrich eines gesellschaftlichen Spaßes erhalten haben.

In einzelnen Orten gibt es auch noch »Metten«. Da ziehen Erwachsene und Kinder mit hellen Laternen durch die dunkle Winternacht zur Kirche, und Lied und Wort sind mehr wie sonst volkstümlichem Empfinden angepaßt. Hier haben wir die letzten Reste einer einst im ganzen Gebirge verbreiteten Gepflogenheit, nämlich die heilige Geschichte dramatisch darzustellen, die Sitte der Christ- und Mettenspiele.

Es ist hier nicht der Ort, Ursprung und Verwandtschaft mit ähnlichen Erscheinungen in anderen Teilen Deutschlands festzustellen, nur soviel sei gesagt, daß diese Spiele einst einen wesentlichen Teil der erzgebirgischen Weihnachtsgebräuche ausmachten. Wie kommt es nun, daß sie sich nicht erhalten haben, sind sie so wertlos? – Wir kommen hier auf die befremdliche Tatsache, daß sie behördlicherseits verboten wurden, daß man die Teilnehmer an solchem Tun, wie 1805 in Thalheim geschehen, sogar ins Gefängnis setzte. Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit diese Strafen berechtigt waren, oder ob eine volksfremde Regierung und Geistlichkeit etwas Harmloses als Profanierung des Heiligen ansahen und es zu unterdrücken suchten. Denn überrascht ist man etwas, wenn man sich in dieses Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter, echter Volksliederton. Allerdings an die Stelle mystischer Feierlichkeit tritt häufig ein wohltuender Humor. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit geworden. Der Joseph ist ein alter Bekannter, er spricht sogar in der heimischen Mundart; und die Hirtengeschichte hat sich gleich draußen vor dem Dorfe am Bergwald zugetragen. Erklingt einmal ein biblischer Ton, so mutet er fast fremd an, es ist, als wenn sich in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und Gesangbuchverse mischen. Der deutsche Volkshumor verbindet gern einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht; siehe Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter usw. Ganz und gar liegt es dem Volke fern, die heiligen Leute zu verhöhnen, im Gegenteil, nur mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.

Und es gelang nicht, das alte Volksgut gänzlich auszurotten. Bis in die sechziger Jahre hinein hielten sie sich in vielen Orten, trotz aller Verbote. Voller Sehnsucht dachten die Alten an die Zeit zurück, wo sie selbst an den Spielen beteiligt gewesen. Noch 1861 fand der Gymnasialoberlehrer Gustav Mosen in Zwickau ansehnliche Reste der Spiele vor, die er in ein köstliches Büchlein sammelte und herausgab. Gewitzigte Unternehmer retteten die Spiele fürs Puppentheater. Wie beim Volkslied, so erhielten sich auch hier und da Reste von Versen im Munde des Volkes, oft unbewußt, woher die Reimlein stammten.

Und was gab man dem Volke für einen Ersatz? – Zuerst überschwemmte eine Flut von allerlei »Weihnachtsstücken« den Markt. »Dramatische Gemälde«, Weihnachtsszenen: »Landwehrmanns Weihnachten«, »Weihnachten in der Kaserne«, »Der Weihnachtsengel im Elendhause«, – süßlich, sentimental, unecht, unwahr, Kitsch über Kitsch! Eine von den Behörden sanktionierte Geschmacksverderbnis übelster Art!

Von verschiedenen Seiten, auch in den Kreisen der Geistlichen, sah man das wohl ein, und man knüpfte an die alten Christspiele an, indem man eine Anzahl sogenannter »Weihnachtsstücke« schuf, »Der Stern von Bethlehem« und andere mehr. Wirkliche Bedeutung kommt wohl von allen diesen Stücken nur dem von dem verdienten Dr. Alfred Müller bearbeiteten Mosenschen Weihnachtsspiel zu, in dem auch eigentlich volkstümliche Elemente nicht fehlen.

Durch Haaß-Berkows Wiederbelebung eines alten Weihnachtsspieles wurde ich ermutigt, unsere noch vorhandenen Spiele auf ihre Aufführungsmöglichkeit hin zu untersuchen, und ich kam zu dem Ergebnis, daß hier etwas Gutes vor dem völligen Untergang zu retten sei. Die Spiele sollten aber echt sein. Darum sah ich von einer sogenannten Bearbeitung mit Um- und Neudichtung ab. Ich reihte nur die Reste aneinander. Das Wiesaer Spiel enthält z. B. das volle Bescherungsspiel und die Herbergsszene. Beides wurde unverkürzt aufgenommen. Das Hirtenspiel entnahm ich dem Thalheimer Spiel, das Krippenspiel der Neudorfer Engelschar. Das Königsspiel war das Löwenhainer usw.

Die Aneinanderreihung ist durchaus berechtigt, denn die Spiele sind einander durchaus ähnlich, nur durch die mündliche Weitergabe verändert und angepaßt – zerspielt. Die einzelnen Szenen sind durch alte Mettenlieder verbunden, wie wir sie in örtlichen Aufzeichnungen, in Bernhard Schneiders Liederheften, Mosens Weihnachtsspiel usw. finden. Es kam die Frage des Aufführungsortes. Die alten Spieler zogen im Orte umher, die größten Stuben wurden zum Schauplatz. Aus dem ganzen Hause, aus den Nachbarhäusern kamen die Neugierigen gelaufen, um die »Engelschar« zu bewundern. In die einzelnen Wohnungen zu gehen, würde sich jetzt aus verschiedenen Gründen verbieten; da nimmt man eben eine recht große Stube des Ortes, ein Schulzimmer, die Turnhalle, einen Saal. Hier kommen die Ortsbewohner zusammen, aber nicht wie zu einem Theaterabend, – sie sollen die Spiele durchaus miterleben.

Die Chemnitzer Volkshochschule, die allen Bestrebungen des Heimatschutzes und der Volkskunde das erfreulichste Verständnis entgegenbringt, nahm sich im vergangenen Jahre der Sache an – und mit wirklichem Erfolg, denn wir mußten unser Spiel zwanzigmal wiederholen!

Wie verläuft so ein Abend?

Orgel- oder Harmoniumklang stimmt die Hörer ein. Dann klingt von draußen das alte Schneeberger Mettenlied »Auf, Tochter Zion, schmücke dich« zum Saale herein. Auf der Bühne, die nebenbei bemerkt, nur mit dunklen Stoffen ausgeschlagen ist, erscheint ein Hirte als Bote:

»Einen schönen guten Abend, den geb euch Gott!

Ich bin ein ausgesandter Bot;

ich zeig euch an zu dieser Frist,

daß jetzt wird kommen der heilige Christ!«

Zwei Engel werden auf der Bühne sichtbar, sie bereiten die Hörer vor. Dann kommt unter den Klängen eines böhmischen Weihnachtsliedels, von Lauten und Geigen gespielt, durch den Saal die Engelschar gezogen. Der heilige Christ, St. Martin, St. Nikolaus in weißen Kleidern, mit hohen Goldkronen auf dem Haupte, das heilige Paar, Knecht Rupprecht usw. Sie ziehen auf die Bühne und es beginnt das Bescherungsspiel. Nun wechseln sich die bunten Szenen ab, von denen das Verkündigungsspiel und das Krippenspiel wohl am eindringlichsten wirken. Beim Krippenspiel wird alles Bühnenlicht weggenommen. Die ganze Szene ist nur durch eine Stallaterne beleuchtet, die vor der Krippe auf dem Boden steht. Dieser einfache Regiekniff hat ungeahnte Wirkung. Nach kurzer Pause eröffnen das Thalheimer und Löwenhainer Spiel den zweiten Teil, nachdem die »Königschar« durch den Saal eingezogen ist. Wie sehr die Hörer in Chemnitz dabei waren, merkte man daraus, daß sie in den Pausen verschiedene Male unaufgefordert Weihnachtslieder anstimmten.

Von der Großstadt aus sollen die Spiele wieder in ihre Heimat zurückkehren. Schon in diesem Jahre werden sie in vielen Orten sich einzubürgern versuchen. Nicht um ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, nur um praktisch Heimatschutz zu treiben, veröffentlichte ich das gesamte Material in Buchform unter dem Titel »Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele. Ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes«. Mit der Zusammenstellung am Schlusse des Buches, die auch einzeln im Verlag H. Thümmler in Chemnitz erschienen ist, will ich nur ein Vorbild aufstellen, »wie man es machen soll«. Gedacht ist es so, daß jeder Ort, der noch Reste eines Spieles besitzt, diese in den Mittelpunkt stellt und die übrigen Teile nach Belieben aus dem vorhandenen Material ergänzt. So soll jeder Ort »sein Spiel« gewinnen.

Aus den vielen Zuschriften, die wir erhielten, ersahen wir mit Freuden, wie man in allen Teilen unseres Gebirges den Gedanken aufgegriffen hat. Wenn uns auf diesem Wege die Wiederbelebung dieses Stückes alter Volkskunst gelingen sollte, würden wir herzlich zufrieden sein.

Anmerkung der Schriftleitung: In H. Thümmlers Verlag, Chemnitz, ist erschienen: Wenzel, Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele, ein Versuch zur Rettung alten Volksgutes, 182 Seiten, gebunden einschließlich aller Zuschläge M. 14,40.