Die Liebe zum Baume

Von Georg Marschner, Dresden

In unserem so dicht besiedelten Sachsenlande läßt die alles umgestaltende, rastlose menschliche Tätigkeit dem freien Walten ungezügelter Naturkräfte nur noch wenig Raum. Deshalb sind die anmutigen Bilder, welche sowohl im Niederlande als auch im Gebirge das Herz mit beglückender Heimatfreude füllen, zum weitaus größten Teile Werke fleißiger, kultivierender Arbeit unseres Volkes. Die einzelnen, das Landschaftsbild zusammenfügenden Elemente sind überall die gleichen. Dörfer und Städte, Straßen und Wege, Felder, Wiesen und Wälder, Teiche, Bach- und Flußläufe und vieles andere ergeben in unerschöpflich wechselvoller Gruppierung alle die reizvollen Bilder, die uns das Heimatland so liebenswert machen.

Wohl kann ein hoher Berg, ein tiefes Tal, ein großer See oder ein breiter Fluß einer begrenzten Gegend ein besonderes Gepräge geben, bestimmend aber wirkt auf den Charakter einer jeden Landschaft ihr Bestand an Bäumen. Sie sind es, die im Verein mit den Tages- und Jahreszeiten alle Stimmungs- und Empfindungswerte auslösen.

Ob sie, dicht aneinandergedrängt, als Wald die weiten Feld- und Wiesenfluren der Niederung ruhig umsäumen, im Gebirge das Schönheit suchende Auge über ihr wogendes Wipfelmeer hinauslocken in blau verdämmernde Fernen und uns erfüllen mit unstillbarer Wandersehnsucht, oder ob sie, aufgelöst in Gruppen und Reihen, das Dörflein liebevoll in ihren weichen Mantel betten und im stillen Wiesengrunde, gleich einer grünen Schlange, dem Bache das Geleite geben, immer und überall tritt die belebende und Schönheit gebende Kraft des Baumbestandes uns vor Augen.

Ganz besonders aber werden wir uns der hohen Schönheitswerte des Baumes bewußt, wenn ein im hohen Alter seinen Artcharakter ausgeprägt zur Schau tragender Einzelbaum die Landschaft beherrscht und zum Wahrzeichen einer weiten Gegend wird.

Und welch einen poesiedurchtränkten Zauber verleihen machtvolle Baumwipfel der bäuerlichen Siedlung. Ein Dorfkirchlein, umrauscht von einer alten Linde, ein Bauernhof, über dessen bemoostes Dach ein uralter Baum, wie ein treuer Hüter und Wächter, schirmend seine grüne Hülle breitet, sind mir immer der Inbegriff herzerfrischender ländlicher Schönheit gewesen. Und auch dann noch, wenn die Herbst- und Winterstürme seine Kraft gebrochen, wenn er tiefer und hohler rauscht und zur lebenszähen Ruine ward, wird jeder fühlende Mensch in Ehrfurcht vor ihm stehen und ahnungsvoll die Vergänglichkeit alles Irdischen erkennen.

Uralt ist die Liebe zum Baume in unserem Volke. Ein köstlicher Schatz von Erinnerungen an gute und böse Zeiten, ein unverwelklicher Kranz von Sagen und Märchen windet sich um jeden alten Baum, der wie ein mahnendes Symbol in den ruhelosen Zeitenstrom unserer Tage hineinragt. Viel könnte ich erzählen von manchen alten, in einem arbeitsreichen Leben krumm gewordenen Bauersmann und der Liebe zu seinem Baum. Oft habe ich im Schatten solcher Bäume gesessen und der Geschichte des Dorfes und Tales gelauscht. Manch biedrer Alte ist mir da zum lieben Freunde geworden. Hier im Banne alter Bäume wurde es mir zur Gewißheit, daß ihr hoher Wert sich nicht erschöpft in staunenden, bewundernden Betrachten. Ihr tiefer Einfluß spiegelt sich wieder in Herz und Gemüt eines jeden, dem eine alte Hauslinde das Wiegenlied gesungen. Er wird mir sagen, alte Bäume haben eine Seele.

Er wird’s verstehen, ihr fröhliches Rauschen an den hohen Tagen seines Lebens, und nur er wird aus dem leisen Raunen das heimliche Schluchzen heraushören, wenn einer vom Hofe hinausgetragen wird zur ewigen Ruhe.

Aber ich könnte auch berichten von manchem stolzen Baume, den Generationen seiner früheren Besitzer, als zur Familie gehörig, hegten und pflegten und der dann nur zu bald dem neuen Besitzer im Wege stand und als Feuerholz ein schnelles, unrühmliches Ende fand.

Wo ein altersgrauer Baum heute noch sein grünes Blätterdach zum Himmelsdome reckt, da sollte er jedem Menschen als ehrwürdiges Vermächtnis seiner Väter heilig sein. Unantastbar als Denkmal der uns alle nährenden Mutter Natur, unverletzlich als lebendes Ehrenmal seines Besitzers. So sollte es sein – aber die Erfahrung lehrt’s oft anders.

Bei der Hast des Alltags, in den Sorgen der Gegenwart schwingt die uns aus Urväterzeiten vererbte Liebe zum Baume nur noch leise. In manchen Herzen ist sie ganz verklungen. Für viele hat der Baum keine Seele mehr. Er ist Handelsware geworden, Erzeuger hochwertigen Holzes. Ohne Not und ohne bleibende Werte zu hinterlassen, ist mancher knorrige Recke und stumme Zeuge vieler Menschenschicksale auf den Holzmarkt gewandert.

Aber sie muß wieder lebendig werden, die Liebe zum Baum. Ein jeder Bauernhof muß wieder seinen Baum haben. Darum wähle jeder, der die eigne Scholle bebaut, je nach Vermögen einen oder mehrere der ältesten und schönsten Bäume aus seinem Besitzstande, ganz gleich welcher Art, und weihe sie, als herrliche Zierde seiner Heimatflur. Das stille Gelöbnis aber, daß sie in treuer Hut wurzeln sollen im heimischen Grunde, bis unsere, nach ehernen, unerforschlichen Gesetzen bauende Allmutter Natur ihre Werke selber zerstört, wird seinen Namen laut und sichtbar künden auch den kommenden Geschlechtern.

Und wer keinen geeigneten Baum sein eigen nennt, der pflanze einen solchen. Ist’s nicht am Hause, dann am Feld- und Wiesenrande, oder an einem Grenzmale. Ist er auch jung an Jahren, er wächst heran im Laufe der Zeiten und knüpft enger und fester das unsichtbare Band, welches verbindet mit dem Heimatboden, auf dem wir geboren und der uns aufnehmen wird zum letzten Schlummer, dem Vergessen entgegen.

Nicht einer, der jetzt mit Recht bewunderten Baumriesen dankt sein hohes Alter dem Zufalle oder ist bisher übersehen worden, sondern ihre Erhaltung sicherte ein Name, eine bedeutsame Erinnerung oder ihr Standort als Grenz- und Markbäume. Vor allen aber wurden sie alt im Schutze der innigen Beziehungen zu ihren Besitzern.

Der Bestand an alten Bäumen ist ein Maßstab für die Geistes- und Herzenskultur eines Volkes. Deshalb sorge jeder, der auf heimischen Grunde die Früchte harter Arbeit ernten darf, daß unser Sachsenland nie arm werde an alten Bäumen.

Nur dann bleibt uns die Heimat ein Jungbrunnen, aus dem Glück und Zufriedenheit ins Herz sich ergießen, die reich machen in aller Lebensnot.