Praktischer Heimatschutz
In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das leider in seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner Großstadthäuser bedeutend eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her ein kleines, immer sauber getünchtes Häuschen, das mich dadurch ganz besonders interessierte, weil es neben seiner kleinen grüngestrichenen Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg, den nur wenige kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise Sichtbarmachung erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses Hauses.
KOM HER REIN DU GE
SEGNERDER DES HERN
WAS SEIEST DU DRAUSEN.
Alt-Trachau
(Aufnahme Julius Georg Perlik, Dresden-Rochwitz)
Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens oder schon früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen diese alten Schriftzeichen eingraviert hat, lenkte eines Tages meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte alle Mühe, diese alten, mit Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern. Seinerzeit als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch war, solche Sprüche – meist ernsten Inhalts – über Türen, an Giebeln und Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie auch zu lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl noch scharf und leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf aufmerksam wurde, war wohl der Faustpinsel des Scharwerksmaurers verschiedene Male und in allen erdenklichen Farben darübergefahren. So kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge der Zeit fast eins geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und Wetter und das Alter haben das übrige getan.
Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer dafür, daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß, mal hellblau, mal rosa. Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das Weinspalier, der Gartenzaun und die Fensterladen frisch blaugrün. Das alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit durch einige neue Ziegel, die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche Abwechslung. Es war eben immer schön.
Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich Heimatschützler. In Nr. 3 der Heimatschutznachrichten läßt der Heimatschutz seinen Mitgliedern wissen, daß Bilder von Hausinschriften erwünscht seien. So ließ sich aber kein Bild machen. Bei dieser Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu Ehren kommen.
Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns ans Werk. Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle gebracht, auch die Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement – gestiftet von Kell & Löser – war auch schon da. Kurz berichtet war die Arbeit folgende:
Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt, dann die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder Kante aus einem Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt; die Mauer nach hinten um einige Zentimeter erhöht, um den darauf liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach und gleichzeitig, um das Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen sollen, eine schräge Lage zu geben.
Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand aber dadurch eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem Wohlfahrtsbeamten wegen Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige gebracht wurden. Ich ließ mich selbst zur Wache führen, und erwirkte nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor, daß wir doch diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich seinerzeit im Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.
Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker, während die Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber die alte Schrift noch entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen aber vorläufig von einem Ausmalen der Buchstaben noch ab, da wir befürchteten, daß das Historische dieses alten Spruches dadurch einbüßen würde.
Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung unserer Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach hervorhebende und dadurch schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet uns deshalb, das Ausmalen der Schrift doch noch vorzunehmen. Diese Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau ausgemalt wirkt dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden und selbst der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden hatten, die diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst gestand zu seiner Schande, wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei, wäre ihm dieser herrliche Spruch noch nicht aufgefallen. So mancher, der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn zu bemerken, macht jetzt Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig, der andere nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man den alten Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?
Alt-Trachau
(Aufnahme Julius Georg Perlik, Dresden-Rochwitz)
Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt Leute hier – meist alte, aber auch junge – und buchstabierten den alten Spruch. –
Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise unterstützt hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den größten Teil dieser Arbeiten nach meinen Angaben ausführte, fertigte auch umstehende Aufnahmen an. Während mein Wanderfreund Burk Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling die malerischen Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der Natur angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit eingezeichnet. Ich übte das Amt eines Poliers aus.
So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht gebracht und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen Vororten und Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber leider noch zu wenig Helfer.
Richard Köhler.