In den Hütten meiner Heimat
(aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und Heimat von Max Zeibig, Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz[2])
Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt an rauschenden Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden Webstühlen vorbei, zeigt stolz zwei alte, turmreiche Städte, davon eine immer schöner und lieber als die andere, zieht hinaus in bauernsatte Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz müde in die Heide, in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.
Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites müde, spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat ruft, die Heide.
Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen Trieben; aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt ein Teich, da leuchten aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die sind so heilig und so schön, wie ein Mädchen in seiner seligsten Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender Bussard, im Schilf Scharen wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh, dazu tausend und tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu Heidekraut überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der morgenfrische Tau funkelt und leuchtet wie Millionen Brillanten, und über allem ein ungemein feines und weiches Singen und Klingen und ein Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien möchte vor so viel Schönheit.
Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat – die Heide.
Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.
Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den Stuben frische Luft!)
Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett hat einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein paar blutrote Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden hängen, gestickt, unter Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt, fromme, bescheidene Wandsprüche. Im Glasschrank feiern silbern- und goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von Steingut und zierliche von Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene, braungetönte Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig auf den rankenden Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie weit er mit seinen Trauben sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen späte Rosen in königlicher Pracht.
Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie. Wie lieb das klingt!
Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die Hände, wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was gerackert und geschafft, und die müden, erloschenen Augen, die haben manche Träne geweint … »Wir haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen die beiden Alten, »echte, treue, starke Söhne der Heide. Da sind ihre Bilder … Sind alle beide gefallen. Für die Heide. Für die Heimat …«
Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich auf ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! … Die beiden Alten sind ganz ruhig, ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt. Nun sind sie so zufrieden und so fromm … Das fühlt man.
Arme Leute! hier in der Heide …
O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest, wie arm du bist … und wie reich sie sind in den einsamen Hütten meiner Heimat!
[2] Preis für Mitglieder (gebunden) M. 15,– (sonst M. 18,–). Bestellkarte anbei.