Das Weberhaus in Hosterwitz

Von Edgar Hahnewald, Dresden

Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu machen; dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten bedroht, deren unangetastete Erhaltung selbst in dieser Notlage geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus in Hosterwitz der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt lag; besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen wußten, seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung kannten. Jetzt aber glauben die Wohnungsbehörden, die bisher Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht länger schonen zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere Gestaltung unumgänglich nötig, die den historischen Charakter des Hauses zerstören.

Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die Erhaltung der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil Krahmer, die drohende Gefahr abzuwenden.

Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese Schaffensstätte des Freischütz-Komponisten Carl Maria von Weber zu interessieren, was durch die nachfolgende Schilderung geschehen soll.

Die Schriftleitung.

An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.

Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit gewacht. Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr darin. Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne Veranda vorgebaut, die aber das Ganze nicht stört und die heute schon wieder alt geworden und von der Zeit in die Stimmung des Winkels einbezogen worden ist. Aber sonst ist es noch ganz und gar Webers Haus geblieben – man meint, die Blumen, die da blühen, habe schon er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in der Laube ihm entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen nur noch tiefer in friedevolles Grün gehüllt.


Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so reizend daran ist: seine Unberührtheit.

Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen. Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und schützen und erhalten helfen müßt!


Abb. 1 Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther um 1820
(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)

Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.

Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«

Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte er sich, um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine Equipage an und versteifte sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er freilich übel debütierte und nach der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß in Hosterwitz ankam, während ein Bursche Tier und Wagen nachführte. Er besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen und eine nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke. Und es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den elegantesten der Stadt zählte.


Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise dahin war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche Bad an der Elbe und Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe die Ausflugsziele der Dresdner waren. Das hübsche Aquarell Professor Günthers aus dem Jahre 1820 im Dresdner Stadtmuseum gibt eine deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und abgeschieden das kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande, daß Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im Ergänzungsbande von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem Keppgrunde, unstreitig in einer der reizendsten Gegenden Sachsens, welche wir selbst jenen von Pillnitz und Loschwitz noch vorziehen möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder Art von Bekleidung, nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen zeigen; auch haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen Charakter.«


In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in dem er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner Widersachern und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.

Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen, pulsen immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab, spiegelt ja geradezu im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel« die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch wieder. Die anmutige »Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz, der Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem kleinen Hause niedergeschrieben worden.

Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee blitzte auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus bis zur letzten Note, und im Geiste gestaltet existierte sie längst, ehe noch eine einzige Note auf dem Papier stand. Oft überraschte er seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition, die nur in seinem Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war – in seinen Notizen findet sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.

Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist seiner Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem Linckeschen Bad. Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der Gartenwirtschaft hatten die Kellner Tische und Stühle, meist mit den Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt. Beim Anblick dieser in Reihen und Intervallen starrenden Tisch- und Stuhlbeine blieb Weber plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock und rief: »Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch? Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« – abends notierte er den fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.

Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer Kapelle hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter Weiber bei den Responsorien einer Litanei – aus diesem Eindruck entstand der Lachchor der Bauern im ersten Freischützakt.

Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen durch das graue, gespenstige Gewoge – in dieser Stimmung schuf, »dachte« er die Wolfsschluchtmusik.


Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder. In jenem kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der Pillnitzer Maillebahn und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel hereinblicken, arbeitete er. In lauen Sommernächten saß er an diesem Fenster und schrieb in fehlerlosen Partituren von den Flötenstimmen bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen, Pausen, Pianos, Fortes in perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder, was in seinem Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn Max, sein treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen: »Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten Geistern gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er seine zierlichen Musikschriftzeichen malte.«

Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen Fieber erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch drängt, trat er, nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte, dann aus dem kühlen Hause hinaus in den Garten. Düfte strömten und die Sonne leuchtete über allem. Er schritt über den knirschenden Sand der Laube zu, in der seine Gattin nähte und stickte, warf die lange, graue Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief: »Möcht’ doch den Kerl sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer und Kämpfer, der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der Wein und volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine Kraft verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu »Gott behüts« und lüftete sein schwarzes Käppchen.


Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte – Hosterwitz schenkte ihm Ruhe nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.

In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer und er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das ländliche Idyll bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder, tafelte mit Freunden in der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und Ziegenkäse, spielte stundenlang mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im Grase, ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem Freunde Lichtenstein einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich ab, aus Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn, Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn alles um ihn her jachterte und purzelte.

Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber war stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße Früchte« erhofften, aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder Eis, Moselwein, Champagner und allerhand treffliche Labe, nach eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und österreichischer Weise kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und Rasen ergoß.

Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert. Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr, der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.


Abb. 2 Das Weberhaus, an der Straße die beiden prächtigen Nußbäume

Abb. 3 Der einzigartige Blumengarten des Weberhauses

»Oh Hosterwitz, oh Ruhe! Ruhe!« Das schrieb Weber einmal in einem Briefe. Aber Ruhe nannte er es auch damals noch: die Euryanthe schreiben; Ruhe nannte er: in vierundzwanzig Tagen drei Singspiele und eine Oper einstudieren, zu jeder Probe drei Meilen zurücklegen und außerdem in hundert Tagen noch achtunddreißigmal Dienst in Kirche und Theater tun.

»In dieser Zeit,« schreibt sein Sohn, »sahen Caroline und der damals auch in Hosterwitz wohnende (Freund und Schüler) Benedikt oft schon früh vor sechs Uhr, wenn sie in die Laube im Garten traten, wo gewöhnlich das gemeinschaftliche Frühstück eingenommen wurde, am offenen Fenster seines Arbeitszimmers das bleiche Haupt des Meisters über das Notenpapier gebeugt, oder ihn vom kurzen Morgenspaziergange heimkehren. An allen Tagen, die ihm sein Dienst frei ließ, arbeitete er sechs bis acht Stunden unablässig an der Oper und gönnte der gepreßten Brust nur selten, bei langsamen Wanderungen am Elbufer oder durch ein Waldtal die Erquickung tiefer Atemzüge balsamischer Luft. Mehr als einmal rief er, aus dem heißen Arbeitszimmer in den Garten tretend und die Arme ausdehnend aus: ›Ich wollte, ich wär ein Schuster und hätte meinen Sonntag und wüßte nicht Gix noch Gax von C-Dur und C-Moll!‹«

Unablässige Arbeit schwächte seine ohnehin kränkelnde Brust. »Ich huste und faulenze,« antwortete er ingrimmig den Freunden, die nach seinem Ergehen fragten. Die Symptome der Müdigkeit häuften sich, seine Kräfte, flackrig geworden, verzehrten sich in tätiger Hast.

Ein Jahr darauf, 1823, fühlte er sich zu matt für den der Entfernung wegen beschwerlichen Aufenthalt in Hosterwitz, der ihm – ein tragischer Widerspruch – gerade damals so not tat. Und doch rang er sich in dieser Zeit den Oberon ab! »Dieses Leben und musikalische Licht und diese tongewordene Heiterkeit und Frische schrieb ein kranker, gebeugter und verdrossener Mann, den trockner Husten Tag und Nacht quälte, der, in Pelze gehüllt, die geschwollenen Füße in Sammetstiefeln, am Schreibtische saß und im stark geheizten Zimmer fror.«

In diesen letzten Schöpferstunden umgeisterten ihn schon Todesgedanken. Sie trieben ihn in Sorgen um das Wohl seiner Familie. Um für sie zu sorgen, bestand er auf der verhängnisvollen Londoner Reise. »Ich erwerbe in England ein gut Stück Geld, das bin ich meiner Familie schuldig,« sagte er zu einem Freunde, »aber ich weiß sehr gut – ich gehe nach London, um da zu sterben – still, ich weiß es.«


Am 7. Februar 1826 trat er die Reise an. In Pelze gehüllt stieg er in den Reisewagen. Und während er in den dunklen Wintermorgen hinausrollte, sank seine Frau in ihrem Zimmer zusammen und schluchzte ahnungsvoll: »Ich habe seinen Sarg zuschlagen hören!«

Dreiundfünfzig Briefe flatterten noch nach Hosterwitz. Und dem grünumbuschten Frieden des stillen Häuschens galt seine Sehnsucht aus der Ferne: »Ich habe wohl schon genug – vielleicht – in Dresden gewiß schon zu viel getan und will mich in Hosterwitz recht strecken und pflegen.«

Er kam nicht wieder.

Abb. 4 Ausblick aus Webers Arbeitszimmer in den Garten und nach der Elbe

Am 5. Juni 1826, acht Wochen nach der Uraufführung des Oberon in London, schloß der vierzigjährige Schöpfer die Augen. Und als er in London schon aufgebahrt lag, ließ eine Freundin, Charlotte von Hanmann, ihren Wagen am Dorfeingange halten und brachte der Frau in Hosterwitz die Todesbotschaft, über der die Verlassene mit einem Schrei zusammenbrach.


Ein Jahrhundert ist seitdem durch den friedsamen Garten, durch die kleinen Räume des schlichten Hauses gegangen.

Der Zauber einer holden Verschollenheit liegt darüber gebreitet. Ich sah das Idyll im seligen Glast eines Hochsommertages um die Stunde, da Pan schläft – vor den Fenstern des treuen Bewahrers, des alten Krahmer, standen Kornpuppen mit einer Krone schwergebogener Halme. Und ich sah es wieder im milden Riesellichte der Septembersonne – über Haus und Garten spann sich ein scheidender Abglanz der Glückstage, deren sich Haus, Garten, Laube heimlich zu entsinnen scheinen.


Dem Kommenden guckt das Häuschen mit gemütlichen Fenstern entgegen – es blinzt gleichsam vertraulich und wartend durch den Zaun, der das benachbarte Feld einhegt.

Dann aber wehrt eine alte Steinmauer die Neugier ab – es ist ein Winkel für Vertraute. Zwei alte Nußbäume überschatten locker belaubt das grüne Holztor zwischen den Torsäulen mit den Steinkugeln obendrauf.

Der Grundriß des Hauses hat die Gestalt eines längs zur Straße gelegten lateinischen T. Das ergibt drei Giebel, von denen einer der Straße, der andere der hinter Dorf und Bäumen verborgenen Elbe zugekehrt ist, während der dritte in den blühenden Garten blickt. Um diesen Giebel knirschte Carolinens Schritt, wenn sie kam, den Heimkehrenden zu empfangen, der ihr durch das Gitter des grünen Tores entgegenlachte.

Innen ist der alten Mauer, dem Tor zur Seite, ein schmaler, steinerner Sitz eingefügt. Er sieht einer Konsole ähnlicher als einer Bank. Eine Clematisranke zieht einen Bogen darüber. Diese hübsche Kleinigkeit mutet an wie eine zierliche Titelvignette.

Rundum blüht es. Ein bunter Fries von Astern und Balsaminen umzieht den Sockel des Hauses. Vor dem blaugrauen Giebel blühen hochstämmige Rosen, Oleander, Astern, Geranien im Buchsbaumrondell. Sogar um die alte Pumpe in ihrem Holzgehäuse mit spitzem, rotem Dach, die zu Webers Zeiten auch schon dastand, blüht ein Kranz bunter Topfblumen: Geranien, fleißiges Lieschen, blaßblaue, hängende Glockenblumen.

Dahinter, in dichtes Grün gehüllt, versteckt sich die Laube, in der Caroline mit ihrer Näharbeit saß, wenn er oben am Freischütz schrieb. Der Efeu hat die Laube dicht umwuchert. Über das hohe, spitze Dach wächst er noch hinaus und krönt den Laubengiebel mit einem üppigen Blätterschopf. Drinnen – drei Steinstufen führen hinein – ist es kühl. Die weiße Decke ruht auf kornblumenblauen Wänden. Weißes, bäuerlich gemütliches Gestühl steht drin. Durch die zwei Fenster der Rückwand blickt man aus der blauen Kühle hinaus in durchsonntes Gartengrün.

Und draußen im Licht, im Sonnenschein, von den Efeugardinen der Laube umrahmt, liegt das Haus, hell, heiter und glücklich.

Abb. 5 Großes Eckzimmer im Obergeschoß

Wein rankt an Spalieren an den Wänden herauf. Blaue Winden blühen zwischen den Reben. Diese Blumentrichter, in deren zartweiße Tiefe violette Saftmale hinabführen, wirken zwischen den flachgeschichteten, silbern überreiften Weinblättern köstlich. Sie erinnern an Becherschalen von hauchdünnem Porzellan. Und die grünen Fensterläden mit den schräggestellten Jalousiebrettchen, die vor den weißgestrichenen Fenstern in das silbergrüne Weingerank zurückgeschlagen sind, vollenden den sommerlich heiteren Eindruck, den das Ganze macht. Es sieht aus, als lupfe das Haus lauter kleine grüne Flügel und schicke sich an, vor Vergnügen am eignen Dasein mal ein bißchen über den Garten hinzufliegen. Und das ziegelbewimperte Fensterauge im altersbraunen Dach zwinkert: ja, los – mal übern Garten hin!

Abb. 6 Treppenflur des ersten Obergeschosses


Der Garten. Er ist gar nicht groß und scheint doch unabsehbar, weil Buschwerk und Hecken seine Grenzen verhüllen, weil man über die Bäume hin und zwischendurch in benachbarte Obstbaumwiesen und Gärtenwildnis guckt und weil die gradlinigen Wege das Gartenstück so geschickt aufteilen, daß sich ein Eindruck von Größe ergibt.

Da durchschneidet ein Weinlaubengang von der Haustür aus den Garten der Breite nach. Sonnenlicht rieselt hindurch und mustert den sauber geharkten Weg mit einem Schattengitter. Der Gang ist kaum zehn Schritte lang. Hinten schließt eine lockere, wandartig verschnittene Buchenhecke den Durchblick ab, sonniger Rasen schimmert hindurch – der Gang scheint in eine grüne Wirrnis zu führen, die gar kein Ende nimmt.

Man tritt aus dem Gang heraus und steht vor einer anderen Laube, die mit ihren gelben Wänden ganz sonnig wirkt. Wilder Wein streckt wippende Ranken herein – eben hissen seine Blätter die köstlichen Likörfarben des Herbstes.

Vor der Laube beschattet eine stattliche Linde einen kleinen Platz. Eine weiße Bank steht darunter. Und nahe dabei, im schützenden Hauswinkel, trägt ein Feigenstrauch sogar Früchte – Weinstock und Feigenstrauch: es ist eine beinahe biblische Symbolik häuslichen Glücks.

In einem anderen Winkel des Gartens macht der Weg eine kleine kokette Biegung – man steht vor einem Gitterpförtchen in der Mauer, tief unter einer hohen, fächerleicht entfalteten Akazie und hinter dichtem Gesträuch heimlich verborgen. Draußen läuft ein schmales Gäßchen zwischen Gemäuern vorbei – und das wieder ist ganz das Szenarium einer Liebesgeschichte.

Und man guckt in den Garten zurück.

Was da alles auf kleinstem Raum wächst, blüht, reift! Obstbäume stehen im Rasen. Dahinter die Weinlaube. Und rundum blüht es: goldgelbe Röderblumen und fleischigrote Begonien, Astern und Phlox, Nelken und Balsaminen. Es ist eine Fülle.


Und über all das hinweg, in das Blühen und Wachsen hinein guckt mit allen Fenstern das Haus.

Man betritt den kühlen, anheimelnden Flur – dabei kann man der Lockung nicht widerstehen und zupft beim Eintreten mal an dem Klingelzug, worauf der Flur von altväterischem Gebimmel widerhallt.

Abb. 7 Die Weberlaube

»Diese Laube alt und klein,

Soll allen Zeiten befohlen sein,

Weil hier ein heiliger Quell’ entsprang

Freischütz, der Ewigkeitsgesang.«

Ernst von Wildenbruch

Unten wohnt der biedere alte Krahmer, der Eigentümer dieses Schatzkästchens – er wohnt sozusagen in seinem Augapfel, denn wie einen solchen hütet er das Haus. Und nächst ihm verdanken wir den sorgsam und pietätvoll gepflegten Zustand des Ganzen dem Maler Heinrich Hübner, der hier seit Jahren allsommerlich bis tief in den Herbst – dann wird dieses Sommerhäuschen alt und feucht und unwirtlich – sein steinernes Berlin vergißt und künstlerisch von diesem Haus und diesem Garten und der Landschaft ringsum lebt. Er hat Vieles hinzugetragen, was – ich möchte sagen: seelisch zu der vorhandenen Einrichtung der Räume wenn auch nicht aus Webers Besitz, so doch aus der Weber-Zeit stimmt.


Webers Zimmer liegen oben im ersten Stockwerk. Eine gewundene Steintreppe führt hinauf.

Im Giebelzimmer, in das von drei Seiten Garten, Bäume und Berge hereingrüßen, wohnte das gastfreie Ehepaar.

Der Raum mit dem behäbigen, runden Tisch, den behaglichen Polsterstühlen und den edel schlichten Kirschbaummöbeln macht den Eindruck, als würde Caroline jeden Augenblick wieder eintreten und mit der Stimme der beliebten Bühnensängerin von einst sagen: Weber kommt – ich bitte die Herren um ein Weilchen Geduld.

Aber nur seine Totenmaske blickt drüben im kleinen Arbeitszimmer dem Besucher entgegen. Sie ist kostbarer Familienbesitz und war nur da, weil der Maler Hübner das geistvoll feine Antlitz zeichnete. Alle Weberbildnisse aus der Lebzeit des Meisters erblinden vor diesem Abdruck des eben Verstummten – der letzte Hauch des entschwundenen Lebens durchdrang – so scheint es – die formende Masse und belebte sie. Er gab ihr den aus seelischen Tiefen kommenden Blick der Pupillen, der die schon geschlossenen Lider noch ein letztes Mal durchdringt, der im Wissen um das Letzte noch einmal ins Leben zurückblickt. Und gab der feingeformten Nase ein letztes nervöses Atmen, ein Veratmen. Und ein letztes, unausgesprochenes Sprechen dem energisch und doch mild geschwungenen Munde.

Ich neigte die Maske ein wenig nach vorn – um diesen Mund erschien ein feines, heimliches Lächeln, ein verstehender, stummer Spott aus dem Schattenreiche der Toten, die um die Irrtümer der Lebenden wissen und deren Eifer belächeln – das Beste, das Letzte haben sie immer mit hinübergenommen.

Das Antlitz lächelte voller Geheimnisse. Und durch das offene Fenster, aus dem blühenden Garten, weiter her, von den fernen Duftbergen im Abendlicht, aus dem Endlosen des perlmutterfarbenen Himmels drang lautlos, verhallend, riesengroß vom Himmel niederflüsternd, aus Freischützklängen geisterhaft ins Unendliche verklingend:

Schau der Herr mich an als König!

Dünkt Ihm meine Macht zu wenig?

Gleich zieh Er den Hut, Mosje …

Und darüber hin, schattenhaft groß, als lautloser Zwieklang der Lachgesang:

Hehehehehehehehehehe!

Hehehehehehehehehehe!

Im Weinlaub raschelte leises Frösteln.


Um mich stand still und schlicht das Zimmer, in dem der Tote dort den Freischütz und die Euryanthe und den Oberon geschrieben hat.

Ich trat ans Fenster, an dem er saß, an sommerlichen Tagen, in bleichen Nächten, über das Notenpapier gebeugt.

Unten, zum Greifen nahe, blühte der Garten im Herbstlicht, im Abendschimmer. Heiterkeit flog vogelgleich drüberhin – drüberhin.

Und es schien mir gut so, daß dieser lächelnde Garten den Schrei nicht gehört hat, mit dem Caroline die Todesbotschaft empfing – die Frau, die schon Witwe war, ehe sie es wußte, eilte ahnungsvoll hinaus auf die Straße, der Botin entgegen, als sie das Rollen des Wagens vernahm und ihn an ungewohnter Stelle halten sah. Dort brach sie zusammen und dort zerschnitt der Schrei die Luft.

Der Garten lächelte in friedlicher Glücksruhe fort.


Vom Fenster her sah ich hinüber nach dem Antlitz des Toten, dessen Arbeitsstätte dieses kleine Zimmer war.

Der Zwieklang des Notengelächters in der Luft war verstummt. Und auf den mageren Wangen dieses Gesichts lag ein verzitterndes Mitfühlen des Schmerzes, den er zurückließ, und der für eine geliebte Frau der Abschied von den Heiterkeiten des Lebens war, die einmal diese Räume, diesen Garten durchklungen und deren milder Widerschein allsommerlich in den unschuldigen Blumen des Gartens erblüht.