Wissenschaft und Vogelschutz

Auf meine wenigen Zeilen über »Vogelschutz von seiten eines Forschers«[3] sendet Herr Schriftsteller R. Zimmermann an den Herausgeber der Mitteilungen eine Erwiderung, die ich insofern begrüße, als sie mir Gelegenheit gibt, auf die Frage etwas näher einzugehen. Zunächst lasse ich Herrn Zimmermann das Wort; er schreibt:

»Vogelschutz von seiten eines Forschers!« Unter diesem Stichwort übt im letzten Heft der Heimatschutz-Mitteilungen Herr B. Hffm. eine scharfe Kritik an einer Arbeit des Ungarn Csiki »Positive Daten über die Nahrung unserer Vögel« in der »Aquila«, der Zeitschrift des Ungarischen Ornithologischen Instituts. Bei aller Hochachtung und Verehrung, die ich für den Verfasser der Kritik, mit dem ich mich ja sonst eines Herzens und eines Sinnes weiß, empfinde[4], kann ich um des Ansehens einer wissenschaftlichen Anstalt wegen, der gerade auch die deutsche vogelkundliche Forschung reiche Anregungen, der deutsche Forscher aber durch uneigennützigste Überweisung wertvoller Veröffentlichungen u. v. a. m. nicht hoch genug einzuschätzende Unterstützungen verdanken, und die vor allem jederzeit auch zielbewußt für einen ganz entschiedenen Vogel- und Naturschutz eingetreten ist und gerade auf diesem Gebiete viel mustergültiges und vorbildliches geleistet hat – wer wohl hat es schon einmal bei uns versucht, die Bedingungen festzustellen, unter denen man die so nützlichen Fledermäuse neu ansiedeln und vermehren kann? – nicht unwidersprochen lassen. Ich bin mehrfach Gast des Ungarischen Ornithologischen Instituts gewesen, 1911 bereits, als Otto Hermann noch ihr Leiter war – ich habe selten einen Menschen kennen gelernt, der eine so große Hochachtung einflößte, wie diese prächtige, im Wesen jugendfrische Greisengestalt! – und später wieder während des Krieges, als mich in feldgrüner Schützenuniform der Weg einigemal über Budapest führte. Und ich zähle heute die Stunden, die ich in anregendstem Gedankenaustausch gerade auch über Vogelschutzfragen mit ihren Mitgliedern verleben konnte, zu meinen schönsten ornithologischen Erinnerungen, und bin dabei überzeugt, daß keiner der Herren, mit denen ich dort zusammengetroffen bin, jemals die Hand zu Maßnahmen bieten würde, die den Forschungen des Vogelschutzes zuwiderlaufen würden. – Die Elster ist in Ungarn ein ganz gemeiner Vogel und stellenweise viel häufiger, als es bei uns manchenorts die Krähen sind, sie tritt auch wohl überall stark schädigend auf – in Hermannstadt konnte ich mich 1911 wiederholt selbst davon überzeugen, wie stark sie oft die Bruten der Kleinvögel zu zehnten vermag –, und eine Beschränkung ihres Bestandes gehört daher vielerorts zu den unbedingt gebotenen Lebensnotwendigkeiten. Ist es nun aber ein Fehler, wenn dann die abgeschossenen Vögel – und bei den Untersuchungen Csikis handelt es sich wohl ausschließlich nur um solche des Schadens wegen, nicht aber der Untersuchung halber abgeschossener Vögel, die dann, wie noch so manche andere, dem Institut regelmäßig zur Untersuchung eingeliefert werden – nicht einfach draußen im Felde wertlos verludern läßt, sondern sie noch wissenschaftlichen Feststellungen dienstbar macht? Magenuntersuchungen liefern nicht nur wertvolles Material für die wirtschaftliche Bewertung einer Vogelart – hätten wir jemals mit der Kraft und, das darf man wohl sagen, auch mit dem Erfolg für Mäusebussard und Turmfalk eintreten können, wenn nicht mehrere tausend Magenuntersuchungen dieser Vögel, die ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen worden wären, uns ein so laut redendes Material beigebracht hätten, das allein erst die weitesten Kreise und die Behörden von dem großen Nutzen dieser beiden Tagraubvögel zwingend überzeugte? –, sondern sie ermöglichen uns auch noch so viele andere Einblicke in das Leben eines Tieres und bringen selbst sogar überaus wertvolles faunistisches Material (Nachweis einer ausgedehnteren Verbreitung der Nordischen Wühlratte in Deutschland) bei, daß man nur bedauern kann, daß nur der kleinste Bruchteil geschossener oder sonst tot aufgefundener Vögel derartigen Untersuchungen zugeführt wird.

Rud. Zimmermann.

Leider kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß in der vorstehenden Erwiderung die rein persönlichen Beziehungen eine etwas zu starke Rolle spielen. Ich habe den Wert und die Bedeutung der Magenuntersuchungen ja selbst hervorgehoben und ebenso die Bemühungen der Ungarn um den Vogelschutz anerkannt; ich weiß ferner aus eigner Beobachtung, daß die Elster in Ungarn häufiger ist als bei uns. Doch kann ich auch heute meine Bedenken nicht unterdrücken, daß die 351 Elstern nicht bloß ihres Schadens wegen, sondern auch um der Untersuchungen willen abgeschossen worden sind. Die meisten dürften doch wohl aus der näheren oder ferneren Umgebung des Instituts stammen, und da ist die Zahl 351 doch schon gewaltig hoch. Aber ich will der Kürze halber zugeben, daß in dem vorliegenden Falle die Tatsachen etwas gegen meine Auffassung sprechen. Ich habe den Fall nur an die Öffentlichkeit gebracht, weil es der mir zuletzt bekanntgewordene war und weil ich die Frage einmal anschneiden wollte, die viel wichtiger ist, als aus meinen kurzen Zeilen hervorgeht. Ich nehme, um dies darzulegen, bezug auf die Bemerkung Zimmermanns betr. des Mäusebussards. Auch hierzu muß ich ein großes Fragezeichen setzen, sofern es mir höchst unwahrscheinlich vorkommt, daß die allein von Röhrig untersuchten 1210 (!) Mäusebussarde »ohne diese Untersuchungen auch abgeschossen worden wären.« Daneben hat Röhrig noch bei 376 (!) Rauchfußbussarden den Mageninhalt festgestellt, während ein paar Jahre darauf Greschik wiederum 125 Rauchfußbussard-Magen lediglich des Inhalts wegen vorgenommen hat. Bedenkt man, daß gleiche Untersuchungen, wenn schon in viel geringerem Maße, noch von anderen Seiten ausgeführt worden sind, so ist klar, daß sie mit zu starken Eingriffen in den Bestand unsrer Raubvögel verbunden gewesen ist.

Ich bemerke ferner, daß z. B. Vollhofer allein fast 500 und Pawlas sogar 600 Magen von Wasseramseln untersucht hat! Aber selbst wenn auch in diesen Fällen Herr Zimmermann mit seiner von mir oben erwähnten Bemerkung wenigstens teilweise recht hätte, so kann ich dieses Zugeständnis doch keinesfalls betreffs der übrigen Singvögel machen. Man wird sehr staunen, wenn man erfährt, daß Severin seinerzeit 3000 (!) Magen von insektenfressenden Singvögeln untersucht hat. So ziemlich um dieselbe Zeit machte Cziki gleiche Beobachtungen an wahrscheinlich ebenfalls sehr umfassendem Material, darunter z. B. Zaunkönig, Gartenrotschwänzchen, Grasmücken usw., und wenige Jahre später untersucht Rey 1075 (!) Magen von kerbtierfressenden Vögeln! Erwägt man hierbei, daß es sich immer um freilebende, nicht aber um in der Gefangenschaft gestorbene Vögel handeln kann und daß es außerordentlich schwer hält, einmal einen einzigen aus natürlichen Ursachen verendeten Vogel, noch dazu einen kleinen Singvogel, draußen in der Natur aufzufinden, so wird man zugeben, daß der durch die Magenuntersuchungen unter der Vogelwelt angerichtete Schaden größer sein dürfte als der Nutzen, den sie uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben.

Jedenfalls muß ich hiernach meine starken und ernsten Bedenken gegen eine allzu umfangreiche Magenuntersuchung unsrer Vögel aufrechthalten, und zwar um so mehr, als sich auch in andrer Beziehung ein gewisser Gegensatz zwischen Wissenschaft und Vogelschutz immer mehr zu entwickeln scheint. Er kommt dadurch zustande, daß jetzt den Faunisten bzw. Systematikern sehr daran liegt, von den einzelnen Arten bzw. Unterarten ganze Serien von Exemplaren zu erlangen, um dadurch etwaige Schwankungen und deren Grenzen, örtliche Abweichungen, Übergangsformen der einen in die andre Art usw. festzustellen. Daß das besonders für weniger häufige Arten recht bedenkliche Folgen haben kann, leuchtet ohne weiteres ein.

Man muß sich hiernach wohl gefallen lassen – und Herr Zimmermann wird mir da sicher zustimmen –, wenn einmal von unbefangener Seite auf die Schattenseiten der Dinge aus wohlberechtigten Sorgen ernstlich hingewiesen und im Anschluß daran die Forderung gestellt wird, daß nach den angeführten Richtungen hin möglichst Maß gehalten werde!

Prof. Dr. Bernh. Hoffmann.

[3] Mitteilungen Heft 4/6, Bd. X, Seite 131

[4] Es beruht dies ganz auf Gegenseitigkeit (Anm. von B. Hffm.)