Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland
Von Studienrat H. Hänig, Wurzen
Aufnahmen von Curt Sippel, Plauen i. V.
Es geht mir, wenn ich die Feder ergreife, um den Leser nochmals zu einer Wanderung durch das Vogtland einzuladen, ähnlich wie einem alten Schriftsteller: ich muß ihm zunächst Dank dafür sagen, daß er mir durch das verhältnismäßig einförmige Gebiet jenseits der Elster gefolgt ist, und ich kann ihm dafür versprechen, daß ihm der östliche und südliche Teil dieses Landes wenigstens landschaftlich mehr bieten wird als der westliche. Allerdings verfügt er nicht über Glanzpunkte wie die vogtländische Schweiz und das Triebtal, das ja im übrigen selbst auf der rechten Seite in das Elstertal einmündet, und er vermag keine Edelsteine dörflicher Kunst wie die erwähnte Kirche zu Kürbitz aufzuweisen, aber die Bodenformen selbst sind hier weit mannigfacher, und derjenige, den immer wieder gerade der Blick ins Weite und die Sehnsucht nach den Höhen in die Natur hinauszieht, wird hier eher auf seine Kosten kommen als bei einer Wanderung jenseits der weißen Elster, wie wir sie früher zurückgelegt haben. Wer einmal von der Höhe des Friedrich-August-Steines in Schöneck hinabgeschaut hat ins weite Land oder dem Plätschern der Rißfälle gelauscht oder wer auf dem Grenzwall des vogtländischen Erzgebirges mit seinen Blicken nach Sachsen und Böhmen gewandert ist, der wird anerkennen müssen, daß sich gerade dieser Teil des Vogtlandes mit jedem anderen Sachsens an Naturschönheiten messen kann, und der wird verstehen, daß es einen Dichter wie J. Mosen immer wieder, wenn auch in weiter Ferne, zur Muttererde hinzog.
Wo auf hohen Tannenspitzen,
die so dunkel und so grün,
Drosseln gern verstohlen sitzen,
weiß und rot die Moose blühn,
zu der Heimat in der Ferne
zög ich heute noch so gerne –
Es liegt mehr darin in diesen Worten als so mancher ahnen dürfte – es ist die wahre, tiefe Sehnsucht nach dem Mutterboden, nach den Bächen und Tannen der Heimat, von der der Dichter auch weit in der Ferne nicht lassen konnte. –
Abb. 1 Kirche in Kürbitz
Allerdings wird man hier, wo es sich darum handelt, dem Leser einen Gesamtüberblick über das Ganze zu geben, ohne eine Einschränkung nicht auskommen können: das eigentliche Volkstümliche, Heimatliche findet sich im Vogtland mehr nach dem Süden zu, während der nordöstliche Teil heute von einem Netz von Industriestätten überzogen ist, die wenig Merkmale der ersteren Art aufkommen lassen. So bietet gleich Reichenbach, wo wir unsere Wanderung beginnen wollen, das Bild einer wohlhabenden Mittelstadt mit stark industriellem Einschlag, und der Ort enthält wenig, was gerade den Kunst- und Altertumsfreund zu längerem Bleiben einladen möchte. Das Hasten und Treiben der modernen Zeit pulsiert hier tagaus – tagein in dem Stadtkörper, und wie eine Erleichterung überkommt es den Wanderer, wenn er etwa um Mittag einen Blick über das Tal schweifen läßt bis hinüber zu der Höhe des Netzschkauer Kuhberges, wo eine Bismarcksäule Wacht über das nördliche Vogtland hält: aus hundert Fabrikschornsteinen strömt wie erlösend der Rauch, und Tausende von Händen feiern, um nach kurzer Zeit wieder die Arbeit zu beginnen. So ist die Stadt voll von Webereien, Färbereien und Spinnereien, und die größte dieser gewerblichen Anlagen, die Schlebersche Färberei, stellt mit ihren vielen Schornsteinen einen Organismus für sich dar, wie er in dieser Ausdehnung nicht so leicht wieder gefunden wird. Und doch vermag auch in dieser Gegend so manches daran zu erinnern, daß alles einst geworden ist und seinem Wesen nach mit Vergangenem zusammenhängt. Schon der Name der Stadt, der an den des Goldflusses, der Göltzsch, erinnert, weist auf ein hohes Alter der Ansiedlung hin, und so wird denn Reichenbach schon 1140 in zwei alten Urkunden als Stadt genannt, während Plauen damals nur als »Ortschaft« erwähnt wird. In der Altstadt fließt der Seifenbach, wo das Gold geseift, d. h. die Goldteilchen aus dem Sande herausgewaschen wurden, und auf den früheren Bergbau weisen noch heute Stollen hin, die sich in dieser Gegend erhalten haben. Reichenbach gehörte mit den umliegenden Dörfern zu der Herrschaft, mit der 1212 König Ottokar v. Böhmen von Friedrich II. belehnt wurde, und es war später zeitweise Reichslehen, bis es durch den vogtländischen Krieg wieder an Böhmen fiel. Schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts muß die Industrie hier bedeutend gewesen sein, bis 1720 eine furchtbare Feuersbrunst den größten Teil in Asche legte, aber diese vermochte ebensowenig wie die von 1833 den Aufschwung der Stadt zu hindern, sondern hat im Gegenteil zu ihrer Erneuerung beigetragen, so daß besonders die Bahnhofsvorstadt heute ein freundliches Bild bietet. In weit höherem Maße vermag Mylau mit seinem Kaiserschloß und der vielbogigen Göltzschtalbrücke das Auge des Wanderers zu fesseln. In der Stadt selbst ist vor allem die prächtige, reiche Stadtkirche hervorzuheben, das Schloß dagegen liegt auf einem Hügel, der nur auf einer Seite bequem zu erreichen ist. Es zerfällt in zwei Höfe: den großen westlichen Burghof mit seinen beiden viereckigen Türmen und dem verwitterten Löwen über dem Haupteingang, der zum böhmischen Wappen gehört und die frühere Zugehörigkeit des Mylauer Schlosses zu Böhmen zeigt, – dahinter der kleinere, östliche Burghof, der »Kaiserhof«, der mit seinem Bergfried und seinem Saalbau sowie dem ehemaligen Frauen- und Herrenhause noch ein ziemlich gutes Bild der früheren Zeit zu bieten vermag. Allerdings sind von der früheren Herrlichkeit des Saalbaues nur noch wenige Wappenschilde vorhanden, und das ehemalige Frauen- und Herrenhaus ist zu einer vielbesuchten Schenke geworden. Auch die Kapelle ist ihrer Würde entkleidet, so daß von ihrem Schmucke nur noch die gewölbte Decke mit rohgemalten Blumen und Engelsfiguren sowie einige Wappen übriggeblieben sind. Immerhin steht das Schloß mit seinen wuchtigen Mauern und dicken Türmen auch heute noch wie ein Wächter über Stadt und Land, und von den Fensternischen schweift der Blick gern in die Weite: nach der gewaltigen, fast hundert Meter hohen Göltzschtalbrücke, die sich in vier gigantischen Bogenreihen über das hier stark verbreiterte Göltzschtal spannt, oder nach dem gewerbfleißigen Netzschkau, das sich von dem Tale bis zur Höhe des Kuhberges hinaufzieht, dessen von Gesteinstrümmern übersäte Kuppe selbst bewaldet ist.
An der erst vor einigen Jahren gebauten Göltzschtalbahn gelangen wir durch stille Waldtäler, in denen sich heute gleichfalls hier und da eine Fabrikanlage erhebt, nach Lengenfeld, das im übrigen wie seine Nachbarstadt Treuen seiner Entwicklung nach nicht von den weiter südwärts gelegenen Städten Auerbach und Falkenstein zu trennen ist. Aber im Wettlaufe, den die letzten Jahrzehnte mit sich gebracht haben, ist die zuerst genannte Stadt zurückgeblieben: seitdem die von Bewohnern vielleicht slavischen Ursprungs lebhaft betriebene Tuchmacherei in Verfall gekommen ist, genügte die hier eingeführte Industrie (Spitzen, Filzwaren, Spinnereien) gerade noch, um die Bewohner ernähren zu können, während der Grund, der sich von hier aus bis hinauf zu den Quellmooren der Mulde zieht, in ungleich schnellerem Maße besiedelt wurde, so daß sich gerade hier die Schwankungen, denen die Industrie unterworfen ist, in der Gegenwart unangenehm bemerkbar machen. Und doch haben vor allem Auerbach mit seinem alten Schloßturm und das hochgelegene Falkenstein mit seiner schönen Kirche auch als Städte etwas Anziehendes. Besonders die letztere Stadt ging erst dann zur Industrie über, als es mit dem Bergbau vorüber war, der ihr schon im sechzehnten Jahrhundert die Rechte einer freien Stadt verliehen hatte, und wie bei Auerbach und Lengenfeld griff auch hier ein großer Brand gewaltsam ein, so daß diese Orte im wesentlichen ein neuzeitliches Aussehen haben. Der Naturfreund freilich wird gerade hinter Falkenstein die Natur des oberen Vogtlandes selbst suchen, die sich mit ihrem Waldreichtum unmittelbar hinter der Stadt nach allen Seiten auftut. Schon die Felspyramide des Lochsteins und die zackige Wand des Wendelsteins verdienen als Naturdenkmäler ebenso gewürdigt und besucht zu werden wie die Rißfälle, die in etwa einer Stunde von Falkenstein aus zu erreichen sind. In vielen kleinen Wasserfällen stürzt hier die Göltzsch zwischen Wald und Felsen in die Tiefe und zaubert die verschiedenartigsten Bilder vor das Auge des Wanderers. Wir befinden uns hier auf einer Höhe von etwa siebenhundert Metern und beinahe auf dem Kamm des Elstergebirges, das sich in dieser Gegend über das weite Gebiet des Schönecker Waldes nach Süden dahinzieht. Die Siedlungen werden spärlicher, wenn sie überhaupt das Wald- und Moorgebiet unterbrechen: ein paar Holzhütten oder höchstens das eine oder andere Dorf hat sich auf diese Höhe gewagt, und der Rauch, der von hier aufsteigt, ist an stillen Nachmittagen oft das einzige, was noch den Wanderer an die Tätigkeit des Menschen zu erinnern vermag.
Abb. 2 Kirche in Kürbitz
Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge, das sich von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger Seite her der westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge bei Schönheide beginnt und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert Metern eine Reihe von Genesungsstätten enthält, die, von ausgedehntem Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe aus freundlich in das gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch der etwas südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend genug, um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich aushalten zu können. Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das sächsische Niederland und das Egertal schiebt, durchwandern zu können, verläßt man am besten bei Rautenkranz, das bereits dem Vogtlande angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals, die von Aue ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe des Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des Kranichsees entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen erzgebirgischen Holzhäusern haben hier Platz gefunden, bis nach etwa zwei Wegstunden auch die letzten menschlichen Siedlungen aufhören und ein einsames Waldtal die Blicke des Wanderers bannt: bis fast an die drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen sich von den Höhen die Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im Wiesengrund, während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter hohe Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt, gehört bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine Stunde lang hinaufzieht, bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor sich weit über die Höhe von fast neunhundert Meter ausbreitet. Hier beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über den Rücken des kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum, und nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene, hinter der weitere Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer Waldlichtung überschreitet hier die Landstraße die Gebirgshöhe, die von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt. Aber wir wollen das merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen, das sich bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre, wenn ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine jedem bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings gegenwärtig ebensowenig mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken, nach denen dieser einsam im Walde emporragende Fels seinen Namen hat. Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für Ungeübte zu erklimmen, und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke vor sich hat, einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert werden, wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert Meter befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall zutage tritt, für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.
Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und zieht sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin – aber wir dürfen von ihm nicht Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen Grenze hat sie bis heute ihr Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt, und nur die kleine Rundkirche macht eine Ausnahme, die sich inmitten des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder gotischen Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die hier herüberkamen und die Stadt gründeten – die Geigen, Trompeten und Klarinetten, die noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle Welt, und in jedem Hause des weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt und singt es ebenso wie in Markneukirchen, das weiter westwärts in einem Seitentale der weißen Elster eingebettet ist.
Abb. 3 Winnknock am Wendelstein
Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals reich an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften Raum gegeben, sich da oben anzusiedeln, und man kann das weite Waldgebiet vom Kuhberg bei Schönheide aus stundenlang durchstreifen und findet immer wieder Punkte, die solche Wanderungen lohnend machen. Ganz einsam wird der Wald erst in der Gegend von Kottenhaide bei Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände und über die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden des Weges vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich unter den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen erklingt das Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier oben zahlreich in dem Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt in der Ferne der Schrei einer Lokomotive, die keuchend das Muldental heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei Schöneck wieder in weitem Bogen ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des Vogtlandes hat man diese Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert ist, wird diesen Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was wir bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren Vaterlande zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet sich der Wald. Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem Elstertale vorgeschoben etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck, das schon durch seine Lage zu den seltsamsten Städten Deutschlands gehört und deshalb wert ist, längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.
Abb. 4 Rißfälle
Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland überhaupt diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig Metern, sondern sie baut sich hier auch hart am Rande der erwähnten Hochfläche auf, die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht und nach Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre hier oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und als klammerte sich ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe selbst bleiben zu können, denn schon die Hauptstraße des Städtchens führt steil abwärts und noch mehr die Verbindungswege, die von der Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen, und dem Wanderer, der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein, als habe er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für die Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das ist tatsächlich der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt sich ein Stück vogtländischer Gebirgslandschaft hinein, und von dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der Kirche unvermittelt aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze gegen die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu überraschende Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze Vogtland vom Kuhberg bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an der böhmischen Grenze vor dem Auge des Wanderers ausgebreitet, und Hügel wechseln in endloser Reihe mit Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis sich fern am Horizonte die sanften Bogen des Frankenwaldes und der bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese Landschaft zeigt immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag: wenn an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im Herbste die Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien der Berge und Wälder hervorheben, oder wenn an einem Januartage die ganze Landschaft in dem Winterkleide leuchtet und die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in tausend Farben glitzert. Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der Jahreszeiten, ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von Mißlareuth oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und mir fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein, mit denen ich sie am ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien, die Stadt des heiligen Franziskus, und Rokka di Papa, das Räubernest im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben am Latinerberg seine Stätte gefunden hat.
Abb. 5 Großer Rammelsberg und Sachsengrund, Kammweggebiet
Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der Rechte rühmen, die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist heute wegen ihrer Lage ein stark besuchter Luftkurort geworden, während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie (Zigarren usw.) beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der hier liegenden freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein. Durch den sogenannten Buttergrund führt ein Weg stark bergab nach dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen und Wald dahingestreckt liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten vogtländischen Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß stundenlang auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels und dem Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen. Von dem sprachkundigen Vater wurde er schon in der Heimat in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er auf das Gymnasium zu Plauen kam, wanderte er noch oft hinaus in das Heimatsdorf, um die Eindrücke der Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe, Land und Leute zu schildern, die uns besonders in den Bildern »Im Mose« entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen, wie er den Kindern die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen könnte. Auch die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging (Mosen ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte Eindrücke und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er volkstümlich geworden ist – wer vergißt von seinen Erzählungen das Heimweh oder Ismael, oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden oder den Trompeter an der Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig und wie die Gedichte alle heißen mögen, durch die sein Name in ganz Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat zog es ihn immer wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als Rechtsanwalt in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem fernen Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat und Theaterdichter im Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte. Eine zunehmende Krankheit verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre, und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in diese Nacht, als Freunde mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten. Zwei Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet wurde. –
Abb. 6 Schneckenstein
Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die Stadt, die zwei Kilometer von der Adorf–Aue–Chemnitzer Bahn entfernt liegt, ist neben dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen Musikinstrumentenfabrikation, und man erhält in die Reichhaltigkeit dieses Erwerbszweiges am besten einen Einblick, wenn man die wertvolle Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente aus älterer und neuerer Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen, die für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft aufgelöst in Berg und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder Einzelgehöften und Wäldern, so daß es sich auch hier lohnt, einmal seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen hinaufzusteigen. Wer von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze Anzahl von vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt haben. So liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die von Eger bis hierher führte, und gilt als eine der ältesten Städte des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben gegründet ist. Als dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine befestigte Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die Befestigungsanlagen noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden, dessen Türme auch von Schöneck sichtbar sind. Aus den Mitteln des Bergbaues – die Zinn- und Kupfergruben wurden 1519 durch Wasser zerstört – wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet, die mit ihren beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein Muster gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief von der äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie öfters umgestaltet worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem großen Stadtbrande, während das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert wurde. Die Türme wurden 1865 nach den Plänen von Lipsius errichtet, und auch im Inneren findet sich manches schöne Denkmal kirchlicher Kunst: die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger Glasmalerei, sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz Heidel und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist. Ähnliche Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am alten Friedhofe durchgemacht, deren Sterngewölbe im alten Chor aus der alten Kirche noch auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung besonders der Industrie wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken gehabt, nicht zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für Touristen geworden ist.
Abb. 7 Schöneck
Das weiter südlich liegende Adorf, ein freundliches Städtchen mit etwa achttausend Einwohnern, ist besonders durch die Perlmutterfabrikation groß geworden, die auch in Ölsnitz zu Hause ist, die Muscheln wurden früher zahlreich in der Elster gefunden, und der Erwerbszweig ist geblieben, auch nachdem die Funde seltener geworden waren, so daß heute auch zahlreiche importierte Stücke dort verarbeitet werden. Im übrigen zeigt auch Adorf mit seinem geräumigen Marktplatz dasselbe freundliche Bild wie alle diese vogtländischen Kleinstädte, und die Industrie, die sich auch hier zahlreich findet, hat es nicht wesentlich zu beeinflussen vermocht. Abseits davon sind noch zwei Orte zu erwähnen, deren Name jedem bekannt ist und die dem Reichtum der Erde selbst ihre Blüte verdanken: Bad Elster und Brambach. Inmitten der Nadelwälder des Elstergebirges ist hier eine Stätte für Genesungsuchende entstanden, die mit ihren Quellen und Sprudeln (alkalisch-salinische Eisensäuerlinge, Glaubersalz, kohlensaure Stahlbäder) jährlich Tausenden Genesung bietet und sich zu einem modernen Bade entwickelt hat, wobei auch dem Moorboden aus den großen Lagern der Umgebung ein wesentlicher Anteil zufällt. In weitaus freierer Lage ist Bad Elster, wenn auch in weit bescheidenerem Maße, Brambach gefolgt, das in der Nähe der böhmischen Grenze am Fuße des Kapellenberges in einer engen Talmulde eingebettet ist. Wer von Adorf nach Brambach wandert, durchschreitet zuerst in fortwährender Steigung ein stilles Waldtal, bis der Weg zuletzt steil auf die letzte Hügelwelle hinaufführt, die vor Brambach gelagert ist und erblickt von hier hinüber nach den waldbedeckten Höhen des Elstergebirges und ein Stück ins böhmische Land hinein, das sich hier von beiden Seiten an diese Ausläufer des Vogtlandes heranschiebt. Auch Brambach selbst hat sich, so gut es möglich war, an die eingeengte Lage im Tale des Fleissenbaches, der hier in westlicher Richtung der Elster zufließt, angepaßt. Die Straße nach Eger führt von hier unmittelbar am Kapellenberg vorbei, der mit seinem granitenen Aufbau wie ein Wächter des südlichen Vogtlandes dasteht und von dessen Gipfel eine weite Rundsicht nach Norden und über Böhmen gestattet ist. Die beiden nächsten Dörfer, die südlichsten des Vogtlandes, liegen bereits tief unten am Steilabfall des Elstergebirges, und Straße und Eisenbahn haben die Senkung nur künstlich durch große Bogen überwinden können. Wir sind hier am Ende unserer Wanderung angelangt, aber an einer Stelle, von der sich in kurzer Zeit weitere Glanzpunkte landschaftlicher Schönheit erreichen lassen: das herrliche Egertal im Osten, oder das Kaisergebirge mit Eger und Franzensbad oder das Fichtelgebirge mit seinen östlichen Ausläufern bei Selb und Tirschenreuth und der uralten Kultstätte des Klosters Waldsassen, die von hier in ein paar Wegstunden zu erreichen ist.
Abb. 8 Kirche von Bösenbrunn am Triebelbach
Es war nicht meine Absicht, eine vollständige Beschreibung des Vogtlandes zu geben, sondern es waren nur Wanderbilder, die vor dem Auge des Lesers vorüberziehen sollten, um ihn selbst zu einer Fahrt durch diesen südwestlichen Gau Sachsens einzuladen. Wer mehr mit der Landschaft selbst vertraut werden will, der möge selbst kommen und schauen, und er wird mit der Überzeugung zurückkehren, daß kein Grund vorliegt, das Vogtland hinter den übrigen Gegenden unseres engeren Vaterlandes zurückzusetzen. Daß es noch nicht »Mode« geworden ist, ist wohl der beste Beweis, daß ein Unterkommen auf den Wanderungen auch denen ermöglicht ist, die nur über bescheidene Mittel verfügen.
Abb. 9 Bad Elster
Anmerkung. Wer mehr über das Vogtland erfahren will, sei auf die Literatur verwiesen, die auch bei den vorliegenden beiden Arbeiten benutzt worden ist, vor allem auf: Unser Vogtland (Heimatkundliche Lesestücke für die Schulen des sächsischen Vogtlandes, bearbeitet von einer Kommission Plauenscher Lehrer, Verlag der Dürrschen Buchhandlung, Leipzig), Das Königreich Sachsen in Wort und Bild von Leo Woerl und Steche: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen; weitere Literatur ist in dem zuerst genannten Buche angeführt. Denen, die ihr Wissen und Können in den Dienst dieser Sache stellten, besonders Herrn C. Sippel, Schriftführer des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine in Plauen, der für beide Aufsätze eine Reihe von eigenen photographischen Aufnahmen zur Verfügung stellte, bin ich zu großem Danke verpflichtet.