Burgsteinkapellen.
Geborsten die Wandung, das Meßwerk welk,
Hussitenverwunschen Gewölb und Gebälk,
Entgöttert das Chor.
Kein wunderwirkend Marienbild
Nickt mehr aus der Nische versöhnungsmild,
Keine Glockenverheißung, kein Weihrauchflor
Hängt mehr in der Luft.
Aber Fichtenwald predigt im Chor.
Königskerzen lohn. Und im Wehmutsfeuer
Des Sonnabendabschieds strahlt wie verklärt das Gemäuer.
Harzduft wittert vom frühen März
Bis spät in den Sommer. Stundenlang läutet die Kuckucksterz,
Und im Herbstwind nestelt Mariengarn,
Heimwehwimpel in Fichte und Farn – Gottes voll kniet das Herz.
(K. A. Findeisen).
Aber drüben grüßt, schon im Dunkel des Abends umfangen, der Turm von Mißlareuth zu uns herüber, wo wir für heute Nacht rasten wollen. Über den Schienenstrang, auf dem die Schnellzüge der Nord-Süd-Expreßlinie nach dem Süden eilen, geleitet uns ein anmutiger Buchenweg nach der Höhe hinüber, an der sich das Dorf entlang zieht. Ein vogtländisches Bauerndorf wie viele andere, aber im Herzen der Natur und fern von der Kultur, die auf die größeren Städte des östlichen Vogtlandes beschränkt geblieben ist. Auch der Gasthof, in dem wir übernachten, ist ein Bauernhof mit derben Pfosten und schlichten Kammern, aber in den einfachen Betten schläft es sich besser als in den weichen Hotelbetten, die wir vielleicht eine halbe Stunde weiter nach Westen, in dem preußischen Städtchen Gefell, finden würden. Wir brauchen die Ruhe; denn wir haben noch einen weiten Weg vor uns, wenn wir noch den nördlichen Teil des westlichen Vogtlandes kennen lernen wollen.
Abb. 4 Ruderitz mit Burgstein
Das Dorf Mißlareuth, in dem wir die letzte Nacht zugebracht haben, braucht sich, was seine Höhenlage anbetrifft, nicht vor den übrigen Dörfern des Vogtlandes und des Erzgebirges zu schämen, es wetteifert mit den 620 Metern seiner Höhenlage mit den höheren Siedlungen des Erzgebirges, und sein schmucker Kirchturm grüßt frühmorgens hinüber zu dem von Schöneck und leuchtet selbst dem entgegen, der von der Ruine des Epprechtsteines im Fichtelgebirge seinen Blick gegen Norden schweifen läßt. Aber selbst der hochgelegene Kirchhof legt dem Besucher nahe, den Blick von der heimatlichen Scholle in die Weite schweifen zu lassen; denn gleich am Anfang liegt, durch ein Denkmal geziert, das Grab des gelehrten vogtländischen Bauern Nikolaus Schmidt, nach dem Großvater genannt Küntzel, auf den noch heute seine Landsleute stolz sein können und der zwei ihrer besten Eigenschaften, die Zähigkeit und die Bodenständigkeit, zum Ausdruck gebracht hat. Er wurde zu Rothenacker geboren, das zwar im Reußischen liegt, aber nach Mißlareuth eingepfarrt ist. Dort lernte Nikolaus, dessen Vater das größte Bauerngut im Dorfe besaß, durch Vorsagen von der Mutter die ersten Gebete und die Hauptstücke des Katechismus, während ihm ein Dorfjunge, der an seiner Stelle die Kühe hüten sollte, an der Hand eines A-B-C-Buches zum ersten Lehrer wurde. Von dem Schulmeister in Mißlareuth erhielt er ein Buch, das seinen Wissenstrieb in weitere Bahnen lenkte: einen Katechismus, der in vier Sprachen (deutsch, lateinisch, griechisch und hebräisch) geschrieben war. Und nun wächst dieser seltsame Mensch Schritt für Schritt aus der Enge seines Heimatbodens heraus, der er doch bis an das Ende seines Lebens als Bauer treu geblieben ist. Von dem gelehrten Sprachkenner, der mehr als ein Dutzend fremder Sprachen lesen, sprechen und verstehen konnte, redete man am Hofe des Kurfürsten Johann Georg I., der ihm eine zehnbändige Bibel in deutscher und lateinischer Sprache und dreiunddreißig Taler schenkte, wie an dem zu Gera, dessen Fürst ihm Steuerfreiheit und das Recht verlieh, den Titel Herr zu führen, und der Erfolg des ersten Schmidt-Küntzelschen Kalenders, der im Jahre 1653 erschien (man bedenke, daß das Leben dieses seltsamen Mannes in das Dunkel des Dreißigjährigen Krieges fiel) und der bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein fortgeführt wurde, zeigt, daß auch in weiten Kreisen des deutschen Volkes hinein sein Name gedrungen war. Die Bücher zu seinem rastlosen Studium mußte er sich freilich selbst beschaffen, und so finden wir ihn mit seinem Schubkarren in Hof, Schleiz, Lobenstein, ja selbst in Leipzig und Nürnberg, und welch ein Verlust muß es für ihn gewesen sein, als seine kostbare Sammlung von sechshundert Bänden im Jahre 1640 von plündernden Kroaten vernichtet wurde. In der Dresdner Bibliothek befindet sich noch eine Handschrift vom gelehrten Bauer mit 150, in der von Schleiz eine solche mit 250 Schrift- und Sprachproben (er hat es bis zur Meisterschaft im Schönschreiben gebracht), und von seiner Beschäftigung mit der Arznei- und Himmelskunde legt der erwähnte Kalender beredtes Zeugnis ab. Im Jahre 1671 ist sein müder Leib der Heimatserde zurückgegeben worden. –
Wir setzen unsere Wanderung an dem taufrischen Morgen auf der großen Straße fort, die sich etwa auf der Grenze des Vogtlandes und des reußischen Gebietes dahinzieht. Überall dasselbe Bild, das für diese Landschaft charakteristisch ist: Waldstücke und Wiesen in anmutigen Hügelformen, wechselnd mit Äckern und wohlhabenden Dörfern, von denen gar mancher Name (als zweiter Bestandteil reuth von roden) von der Tätigkeit der Ansiedler auf diesem Stück Land Zeugnis ablegt. Das große Dorf Reuth ist eine namhafte Station an der Bahn zwischen Reichenbach und Hof, die sich in mannigfachen Windungen durch das Vogtland zieht und in stetem Wechsel Bilder von Heide, Wiesen und Wald bietet, und es enthält noch die Reste einer Wasserburg, wie wir sie schon früher kennen gelernt haben. Wir müssen noch einmal ins Reußische, ehe wir die Höhe mit dem Stelzenbaum, auch jetzt noch das Wahrzeichen unseres Wandergebietes, erreichen können. Die Kirche des Ortes Stelzen, das zu seinen Füßen liegt, gehört nach Reuß, während in den Bauergütern zum Teil geborene Vogtländer auf ihrer Scholle sitzen. Fast versteckt in den Wogen der Ährenfelder, die sich bis auf den Hügel hinaufziehen, steht ein kleiner Stein und nicht weit davon der ehrwürdige Rest des alten, sagenumwobenen Stelzenbaumes, der im Jahre 1897 vom Blitze getroffen worden ist. Von seinem Umfange redet noch der Stumpf, den fünf Männer kaum umspannen können und dessen oberes Ende durch eine mächtige Platte vor weiterer Zerstörung geschützt ist. Eine Orientierungstafel des Vogtländischen Touristenvereins Plauen zeigt, daß die Höhe, auf der wir uns befinden (618 Meter), groß genug ist, um nach allen Seiten Umschau zu halten. Eine Menge von Dörfern im bunten Wechsel von Tal und Hügel dehnt sich nach allen Seiten vor dem Beschauer aus, und bei klaren Tagen reicht der Blick von der Plauener Gegend bis zu den Höhen des Frankenwaldes.
Abb. 5 Der Burgstein von Westen
Nur zwei Städte sollen uns bei unserer Wanderung noch aufhalten, um auf diese Weise das Bild zu vervollständigen, das wir von diesem Teil des Vogtlandes gewonnen haben. Sie zeigen uns beide in ihrer Art, daß wenigstens dieser westliche Teil auch heute noch ein Acker- und Weideland ist und daß sich größere Städte abseits von der großen Heerstraße, die sich an der Elster entlang zieht, hier nicht zu entwickeln vermögen. Zwischen Wiesen gebettet und mit seinem Schloßturm noch an das Mittelalter erinnernd, tritt uns zunächst Mühltroff entgegen, ein Städtchen von etwa 2000 Einwohnern, dessen Mittelpunkt auch heute noch der überragende, festgefügte Schloßbau ist, unter dessen Schutz sich die Stadt entwickelt hat. Schon die Bauart des Schlosses mit seinem runden, hohen Turm, dessen Wände drei Meter stark sind, und seiner Wasserbefestigung, die jetzt zugeschüttet ist, erinnert an jene Zeit, wo deutsche Kaiser ihre Macht durch feste Grenzplätze zu stärken suchten, und so scheint die Herrschaft Mühltroff schon im frühen Mittelalter ein unmittelbar kaiserliches Reichslehen und im zwölften Jahrhundert mit Lobenstein, Schleiz, Pausa und Elsterberg vereinigt gewesen zu sein. Heute ist das Schloß verödet und die großen Säle dienen zur Aufbewahrung von Feldfrüchten, während die Prunksäle zu Rumpelkammern geworden sind, aber noch immer zeigt man geheimnisvolle Räume und dunkle Gänge, wo die Erinnerung an einen der Schloßherrn spukt (den Grafen Kospoth), dem man nachsagte, daß er der Geisterbeschwörung und Alchemie ergeben war und daß er bei dem Brande des Schlosses 1817 in dem Wahne, den Feuersegen zu besitzen, elendiglich zugrunde ging. Auch die Bauart der Stadt mit dem engen Markte (in dem Gasthofe zum halben Mond residierte die eine Linie der Gutsherrn) hat noch heute etwas Altertümliches und ist nie über die eines kleinen Landstädtchens hinausgekommen, und zu erwähnen ist höchstens die ehemalige Schloßkirche, zu der eine Brücke vom Schlosse aus führt und die nach dem großen Stadtbrande der Stadt überwiesen wurde. Mehr der heutigen Zeit hat sich Pausa angepaßt, das in einem weiten Talkessel liegt und vor allem der Stickereiindustrie seinen Aufschwung verdankt. Die Stadt ist, wie der Name sagt, eine Gründung der Slawen gewesen, die sich mehr die Niederungen und Flußgegenden zu Wohnsitzen aussuchten, sie kam schon zu Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts mit anderen Städten in den Besitz der Wettiner und hat besonders im Dreißigjährigen Krieg, wie der Bericht ihres treuen Pfarrers Pyrläus zeigt, schwere Zeiten durchlebt. Heute zeigt Pausa das Bild einer sächsischen Kleinstadt wie so manche andere: die Kirche im altsächsischen Renaissancestil, ein geräumiger Markt und die Häuser, im übrigen vielfach einstöckig, mit reinlichen Straßen – man fühlt, daß man hier abseits ist von dem großen Weltgetriebe, und man möchte gern ein paar Stunden verweilen, um sich satt zu sehen an dem Grün der Wiesen und um dem Gesang der Vögel zu lauschen, die nicht müde werden, auf diesem schönen Stück Erde ihre Lieder erschallen zu lassen. Kein Wunder ist es daher, daß bei der Nähe der heilkräftigen Moore von jeher die Menschen hier Heilung gesucht haben und daß besonders der Name des Bades Linda weit über die sächsischen Grenzen bekannt geworden ist. Mit Bad Elster, das auf dem südwestlichen Teile des vogtländischen Hügellandes in einem Tale, von Nadelwäldern umgeben, eingebettet ist, kann sich allerdings Pausa nicht messen, das außer Linda auch noch ein älteres Bad mit schönen Anlagen besitzt, aber die Heilberichte, die uns auch von hier vorliegen, zeigen, daß auch dieses Bad trotz der augenblicklich ungünstigen Zeitumstände noch eine Zukunft hat.
Abb. 6 Elstertal mit Eisenberg
Abb. 7 Vogtländisches Dorf Tremnitz (Nord-West)
Von Pausa selbst lassen sich besonders zwei Gebiete in kurzer Zeit erreichen, die durch ihre landschaftliche Schönheit ausgezeichnet sind: die Schleizer Gegend und die vogtländische Schweiz, der wir uns zuletzt noch zuwenden wollen, um an den Ausgangspunkt unserer Fahrt wieder anzuknüpfen. Wir müssen ein Stück durch das Reußische hindurch, um die Höhe zu erreichen, die von einer Windmühle, einem Wahrzeichen des nördlichen Vogtlandes, gekrönt ist. Der Berg, auf dem sie steht, trägt noch heute den Namen »Liekirch« und erinnert an ein altes Kirchlein, das vor Jahrhunderten an dieser Stelle gestanden haben soll und das der Sage nach seinen Namen (Lindwurmskirche) von der mutigen Tat eines Müllerknechtes erhalten hat, der die Tochter seines Herrn und die Umgegend von Syrau vor den Zähnen eines greulichen Lindwurms rettete. Auf dem Kirchturm von Syrau hängt noch heute ein Glöckchen, das einst die alte »Liekirch« geziert haben soll. Vor unseren Augen entfaltet sich, wenn wir jenseits dieser Mühle, etwa bei Steinsdorf, auf die Plauen-Reichenbacher Heeresstraße kommen, eine Landschaft, wie sie an Mannigfaltigkeit und Reiz der Erscheinungen in Sachsen, ja in Deutschland ihresgleichen sucht. Es ist wieder der Grünstein, der hier, am Kreuzungspunkt zweier großen Eisenbahnlinien, einen entzückenden Bilderreichtum vor das Auge des Wanderers gezaubert hat. Berggipfel mit Waldstücken bauen sich hoch zu beiden Seiten der Elster, die, von der einen Bahn begleitet, in dem waldumkränzten Tale dahinrauscht, und mit königlichem Bogen spannt sich die Elstertalbrücke dort, wo sich die beiden Linien kreuzen, über die hohen Ufer. Das Dorf Jocketa, das neben der Brücke auf der andern Seite hoch über dem Tal liegt, ist beinahe durch die Schönheit seiner Lage zu einer Villenkolonie geworden, und der Blick in das Elstertal ist von hier aus ebenso lohnend wie der in das stille Triebtal, dessen wir noch gedenken werden. Und darüber hinaus weitet sich der Blick noch nach allen Seiten und ladet zu weiteren Fahrten ein: im Süden erscheinen die blauen Linien des Elstergebirges, und zur linken Seite können wir ein Stück des Elsterlaufes verfolgen, die hier stundenlang zwischen tannengekrönten, zerklüfteten Grünsteinfelsen in einem engen Talkessel – besonders im sogenannten Steinicht zwischen Jocketa und Elsterberg – dahinfließt. Darüber erhebt sich in der Ferne der Kuhberg bei Netzschkau, von dem wieder ein weiter Blick in das gewerbfleißige östliche Vogtland mit seinen Industriestädten gestattet ist. Aber wir hätten beinahe ein noch schöneres, wenn auch stilleres Naturbild vergessen, das hinter den Bogen der Elstertalbrücke versteckt liegt. Wir gehen den Saumweg zur linken ins Tal herab und werfen noch einen Blick auf die Barthmühle, die wie die weiter nördlich gelegene Rentzschmühle wegen der landschaftlichen Schönheit ihrer Lage viel besucht wird. Hinter der Brücke mündet die Trieb in die Elster, für flüchtige Besucher kaum sichtbar, aber doch so reich an Schönheiten, daß wir ihrer an dieser Stelle noch gedenken müssen. Noch vor wenig Stunden ein stiller Waldbach, der an den Dörfern und Wiesen des östlichen Vogtlandes vorüberzieht, hat sie sich kurz vor ihrer Vereinigung mit der Elster durch Felswände ein großartiges, etwa hundert Meter tiefes Bett gebrochen und rauscht nun durch dieses tannenumdüstert der Mündung in die größere Schwester zu. Nur wenige der Schnellzugsreisenden, die dort oben über der Elstertalbrücke dem Süden zustreben und denen nur ein flüchtiger Blick in diesen bewaldeten Talkessel vergönnt ist, ahnen, daß hier unbemerkt von ihnen seitwärts eine Perle deutscher Flußlandschaft vorübergezogen ist: die Trieb, die sich dort durch die Enge des Tales hindurchzwängt und sich von den gewaltigen Granitblöcken, die ihr allerorts den Lauf zu versperren scheinen, von der Vergangenheit der Erde erzählen läßt, die Bergwände, die mit steilen Pfaden und Tannenwäldern in das Dunkel des Talkessels hinabstürzen und der Saumpfad, der sich fast scheu an der Seite des Flüßchens dahinschlängelt, als wollte er das Weben der Natur nicht stören und der nur bei der Pyramidenwiese zu kurzem Verweilen einladet, wo sich hohe Fichten, gleich den ägyptischen Königsgräbern in ihrer Spitze verjüngend, ein weltverlorenes Stelldichein geben. Aber wir sind hier schon auf dem andern Ufer der Elster, das nicht mehr zu unserem Wandergebiet gehört. Noch eine halbe Stunde von der Brücke weg nach Süden zu, und das Tal erweitert sich, und vor uns liegt wieder die Hauptstadt des Vogtlandes, die auch nach dieser Seite zu im Vollgefühl ihrer Kräfte die Arme ausgestreckt hat. Das westliche Vogtland wird aber auch weiterhin ein deutsches Wald- und Wanderland bleiben zumal für den, der es zu verstehen und in seiner Eigenart zu lieben vermag – bedürfen wir nicht gerade heute mehr als je diese Eigenschaften, um im Inneren wiederzufinden, was wir nach außen – wenn auch hoffentlich nur vorübergehend – verloren haben?
Abb. 8 Triebtal
Abb. 9 Loreleysteg im Triebtal