Das westliche Vogtland, ein deutsches Wald- und Wandergebiet
Von Studienrat Hans Hänig, Wurzen
Aufnahmen von Curt Sippel, Plauen
Unsere engere Heimat ist reich an Schönheiten. Wer das Erzgebirge durchwandert und den Reiz des Elbsandsteingebirges genossen hat, wem es vergönnt war, von der Höhe des Oybin aus seine Blicke über das böhmische Mittelgebirge schweifen zu lassen, der wird voll sein von Lobes über ein Land, dessen Lebensbedingungen im übrigen Deutschland nicht eben für günstig gelten. Aber wie es z. B. die Geschichtswissenschaft nicht immer mit den Höhen des menschlichen Daseins zu tun hat, sondern auch die Niederungen berücksichtigen muß, so muß man von dem Schilderer unserer Heimat verlangen, daß er auch den Gegenden ein liebevolles Verständnis entgegenbringt, die nicht von vornherein als Glanzpunkte von Wanderungen gelten können. Er wird vielleicht manches vermissen, was ihm sonst als beachtenswert erscheint, aber er wird auch hier vieles finden, an dem sein Blick mit Wohlgefallen hängt und von dem echtes Heimatsgefühl ausströmt, das uns gerade jetzt so vonnöten ist. Warum immer nur das Erzgebirge oder die Lausitz oder die Sächsische Schweiz? Auch in Südwestsachsen gibt es Landschaften, die eine eingehende Betrachtung wert sind. Ich will den Leser in das Vogtland führen, und zwar in den westlichen Teil, und hoffe ihn überzeugen zu können, daß auch dieser Teil unserer engeren Heimat mit seinen Naturdenkmälern, Bergen und Erinnerungen aus der Vergangenheit eine liebevolle Anteilnahme verdient.
Abb. 1 Straßberg bei Plauen i. Vogtl.
So lade ich denn den freundlichen Leser ein, eines Nachmittags mit mir von Plauen aus ins westliche Vogtland zu wandern. Wir benutzen die Straßberger Straße und erblicken schon in dem ersten Dorfe Straßberg, das etwa eine Wegstunde von Plauen entfernt liegt, ein ehrwürdiges Denkmal aus der vogtländischen Vergangenheit. Es ist die altertümliche Kirche dieses Dorfes, die wie so manche andere des westlichen Vogtlandes (Untertriebel, Schwand, Thierbach bei Plauen) Spuren ehemaliger Befestigungen aufweist. Es war ein Schutz gegen die unaufhörlichen Kriegsnöte, die dem Vogtland niemals erspart worden sind: seit es von Franken aus besiedelt wurde (daher auch die ostfränkische Mundart der Bewohner, die auch ihrem Wesen nach eher den Bayern nahestehen als den Sachsen), hörte das Land nie auf, ein Durchgangsgebiet zwischen Bayern und Mitteldeutschland zu sein, auch nachdem die Herrschaft der Vögte – das Land war bis dahin sogar zeitweise Reichslehen gewesen – an die der Wettiner übergegangen war. Noch erzählen zahlreiche Steinkreuze von der Herrschaft der Kirche oder von Mordtaten, die begangen worden waren (der derbe, wenn auch gutmütige Vogtländer greift auch heute noch gern zur Selbsthilfe, was an seine bayrische Verwandtschaft erinnern mag oder an die Zeit, in der noch die Sorben und Deutschen nebeneinander wohnten), und fast jede der größeren Städte an der Elster erfuhr an sich das Wüten des grausamen Generals Holk, der mit seinen Scharen im Dreißigjährigen Krieg von Eger anrückte und überall ein Schrecken der Vogtländer wurde. Was könnten allein die Kirchenbücher von Ruppertsgrün und von Pausa Schreckliches von den Leiden jener Zeit erzählen! Auch in den folgenden Kriegen ist das Land nicht verschont geblieben: am Wartberge bei Taltitz fochten im Siebenjährigen Kriege die Ziethenschen Husaren gegen die Österreicher, und im Jahre 1806 wurden die Dörfer Groß- und Kleinzöbern, sowie Thiergarten bei Plauen von den Franzosen niedergebrannt, um den übrigen Scharen, die von der Schleizer Gegend aus vordrangen, ein Zeichen zu geben. Aber wir wollen nicht immer bei den schweren Zeiten verweilen, die über das Vogtland hinweggegangen sind. Bereits das nur wenige Minuten entfernt gelegene Dorf Kürbitz ladet mit seiner herrlichen Kirche, die für eine der schönsten in ganz Sachsen gilt, zu sinniger Betrachtung ein. Wohl ragt sie rein äußerlich höchstens durch die Größe ihres 42 Meter hohen Turmes etwas aus der langen Reihe der Schwesterkirchen hervor, die so manches vogtländische Dorf aufzuweisen hat, aber schon ein Blick durch die schöne Hauptpforte zeigt, daß die Kunst hier eine dauernde Stätte gefunden hat. Wir stehen in einer Hallenkirche mit drei Schiffen, über die sich ein kunstvolles Kreuzgewölbe spannt, während an den Fenstern Spitzbogen mit Rundbogen abwechseln. Auch die Kanzel aus Sandstein mit den Evangelisten und Moses, sowie der Taufstein mit dem kelchartigen Unterbau ist erwähnenswert, aber niemand wird die schlichte Größe des Altares vergessen, der aus der alten Kirche vor der Reformation, einer Gründung der Deutschritter in Plauen, übernommen worden ist. Es ist ein dreiteiliger Flügelaltar, dessen geschnitzte und vergoldete Figuren wie verwundert und versonnen aus jener Zeit in die heutige hineinschauen und gerade deshalb durch ihre kindliche Einfalt so ergreifend wirken: die Mutter Maria mit dem Jesuskindlein und den Aposteln, Maria Magdalena am Grabe des Herrn und die Mutter Maria, wie sie ihrer Mutter, der heiligen Anna, das Kind darreicht. Auch die Gemälde möchte man an dieser Stätte dörflicher Kunst nicht missen, die biblische Begebenheiten sowie solche aus der Geschichte der Herren von Feilitzsch darstellen, und es möge erwähnt werden, daß eines dieser Bilder, die Einkehr des Herrn bei Maria und Martha, aus der Schule von Rubens herrühren soll. Auch die drei kleinen Altäre sind erwähnenswert, die ebenfalls mit Schnitzwerk und Malereien reichlich versehen sind. Die Kirche soll eine Stiftung des kunstsinnigen Urban Caspar von Feilitzsch sein, der sie in den Jahren 1624–1626, also während des Dreißigjährigen Krieges gebaut haben soll. In einem Seitenschiffe befindet sich die Begräbnishalle dieser Familie, und viele ihrer Mitglieder sind auf den Grabsteinen, umgeben von vielen Wappen, dargestellt.
Abb. 2 Kirche zu Kürbitz
(Phot. Hans Ulbricht, Chemnitz)
Der Weg von dem Elstertale bis zur bayrisch-reußischen Grenze ist noch weit, und wir müssen noch manche Höhe überwinden, ehe wir zu unserem Ziele für heute gelangen. Das ganze westliche Vogtland, das mit dem östlichen Teile einen Übergang zwischen dem Erzgebirge und dem Thüringer- und Frankenwald bildet, steigt von hier an allmählich zu der Höhe von etwa 600 Meter auf, die zugleich die Grenze zwischen dem Vogtland und dem reußischen Gebiet bildet, aber das Gelände ist von zahlreichen Talrinnen durchfurcht, von denen die meisten nach der großen Elsterkrümmung zwischen Plauen und Ölsnitz zu verlaufen. Nur ein eigentlicher Paß, der von Wiedersberg, bildet eine mäßige Einsenkung dieser Hügelketten, die, wie das ganze Gelände, auch nach Norden einen allmählichen Abfall zeigen, und dort führt auch die Straße von Plauen nach Hof ins Bayrische hinüber. Somit ist auch eine Wanderung in dieser Gegend nicht ohne Reiz, wenn auch überragende Berggipfel fehlen: Dörfer wechseln mit Waldstücken und Äckern, auf denen der Bauer jahraus, jahrein in harter Arbeit dem Boden seine Erzeugnisse abringt (der Boden des Vogtlandes ist zumeist felsig und gibt nur dort einigermaßen gute Ackererde, wo Grünsteinschichten verwittert sind), und zwischen dem Grün der Wiesen schlängelt sich manches Bächlein dahin, um in eine größere Schwester einzumünden. Die Bauernhäuser zeigen auch hier die Merkmale fränkischer Besiedlung: der Hof von Gebäuden umgeben, die Häuser von Fachwerk, und dazwischen manch altes Blockhaus, die Kirchtürme oft mit zwiebelförmigem Aufbau wie in Franken, und vielfach noch alte Dorflinden, die manches ländliche Fest im Reigen der Jahre gesehen haben. Nur das Herrschaftshaus eines Rittergutes hebt sich mitunter einigermaßen aus dieser Bauart heraus, und manche dieser Schlösser wie die von Geilsdorf, Reuth und Rodersdorf zeigen geradezu durch ihre Wasserbefestigungen, daß sie aus alten Wasserburgen entstanden sind.
Abb. 3 Altes Wasserschloß in Mechelgrün
Aber es ist unterdessen spät geworden bei unseren Betrachtungen, und wir müssen noch ein tüchtiges Stück Weg über die Höhen zurücklegen, die vor uns liegen, um noch vor Abend zu unserem Ziel zu kommen. Schon ziehen sich im Reußischen, das sich drüben jenseits des Stelzenbaumes erhebt, die Abendwolken zusammen, aber rückwärts von uns hat das Gewitter ausgetobt, das noch vor einer Stunde über der Landschaft gelegen hat: der ganze Grund, der sich bis in die Straßberger Gegend hinzieht, ist von Nebel verhüllt, aus dem sich nur taufrisch einzelne Waldstücke und Wiesen hervorheben. Noch ein seltsam schönes Bild soll unsere Aufmerksamkeit anziehen, ehe wir weiter wandern. Seitwärts von dem holprigen Wege, der eben wieder am Tannenwald entlang eine größere Höhe genommen hat, ruht ein See, dessen Oberfläche nach dem Gewitter dampft, das auch hier wie ein verjüngendes Bad über die Natur gegangen ist, und wie scheu öffnen sich die Kelche der Wasserrosen den Strahlen der Sonne, die sie jetzt wieder auch in diesen stillen Erdenwinkel herniedersendet. Der Dichter des Vogtlandes, J. Mosen, der in einem Dörfchen an den Abhängen jenseits der Elster geboren ist, hat das Bild, das uns hier die Natur vor Augen zaubert, in Worte gekleidet:
Der See liegt tief im blauen Traum,
von Wasserblumen zugedeckt;
ihr Vöglein hoch im Fichtenbaum,
daß ihr mir nicht den Schläfer weckt!
Doch leise weht das Schilf und wiegt
das Haupt mit leichtem Sinn;
ein blauer Falter aber fliegt
einsam darüber hin! – –
Unser Weg geht nach dem hart an der bayrisch-reußischen Grenze gelegenen Dorfe Mißlareuth; aber bevor die Sonne untergeht, soll sie uns noch einmal ein Stück vogtländischer Landschaft von einer weihevollen Stätte aus vor Augen zaubern. Nach einstündigem Marsche, der wegen der Steigerung zusehends anstrengt, gelangen wir nach dem Dörfchen Krebes, das sich eine lange Talrinne hinaufzieht, und daneben liegt, mit überraschend schönem Blick auf das wellige Hügelland, eine weithin sichtbare Grünsteinkuppe, der Burgstein, in dessen Ruinen die Reste zweier Wallfahrtskapellen zu finden sind. Beide wurden 1430 von den Hussiten zerstört, und damit verschwand auch das berühmte Marienbild, dessen Gnadenhandlungen der Burgstein seinen Ruhm und seinen Reichtum zu danken hatte. Das liebliche Landschaftsbild, das ehrwürdige Gemäuer umrandet vom Grün der Fichten, erinnert an so manches Gegenstück im Fichtelgebirge wie an den Epprechtstein und den Waldstein, von dem die Blicke fast bis zu uns herüberschweifen. Wir empfinden, was ein Dichter des Vogtlandes aus jüngster Zeit hier in Worten ausgesprochen hat: