Der nutzlose Baum

Von Will Vesper

Auf einer Berghöhe, an einer Stelle, wo es nicht gerade sehr fruchtbar war, von wo man aber einen weiten Blick über Täler und Höhen, Seen und Wälder hatte, stand ein gewaltiger Baum. Er bedeckte mit seiner Krone beinahe den ganzen Berggipfel, so als hätte der Berg ihn wie eine große grüne Haube auf seinen Kopf gesetzt.

Eines Tages kam nicht weit von dem Baum ein Zimmermann vorüber, der mit seiner Säge und seiner Axt in den Wald ging, um Holz zu fällen; denn er machte Tische, Bänke, Stühle und allerlei Holzwerk. Der sah den Baum an und sagte zu seinem Gehilfen, der mit ihm ging: »Jetzt sieh einmal den Baum an. Was das für ein nutzloser und häßlicher Baum ist. Sein Stamm ist zwar dick genug und alle seine Äste auch, und doch kann man nichts damit anfangen; denn der Stamm ist so krumm, so verdreht und verwachsen, die Äste sind alle so vielmal um sich selber gedreht, so knorrig und eigensinnig, daß man auch nicht das kleinste nützliche Brettchen aus dem ganzen Baume schneiden könnte. Dazu sind seine Blätter so hart und seine Früchte so bitter, daß man sie nicht einmal als Futter für die Ziegen gebrauchen kann. Das nenne ich wirklich einen nutzlosen Baum, den da.« Damit ging er voll Verachtung für den Baum weiter in den Wald zu anderen Bäumen und sein Knecht hinter ihm.

Der Baum aber, der die Rede wohl gehört hatte, rauschte laut auf mit allen seinen Zweigen, daß es wie ein brausendes Gelächter war, das hinter dem Zimmermann herlief. »Darum also,« sprach der Baum fröhlich zu sich selber, »hat man mich hier so viele Jahre stehen lassen, weil ich nutzlos bin, weil die Zimmerleute nichts mit mir anfangen können. Darum haben sie mich unbeschädigt so groß und gewaltig werden lassen, mich, der ich so viel krummer und knorriger bin als alle Bäume im Walde. Das also war mein Glück. Und darum haben heute die Vögel des Himmels eine so schöne Wohnung in mir. Darum finden heute die Wanderer, die den Berg ersteigen, unter meinen Zweigen wohltuenden Schatten und segnen mich. Von weit her kommen die Menschen aus dem Lande und bestaunen mich, liegen unter mir in der Kühle, betrachten die Schönheit der Erde und gehen fröhlich und geduldiger wieder in ihre Täler hinab. Alles nur, weil ich nutzlos bin und die Zimmerleute, die nur an den Nutzen denken, nichts mit mir anzufangen wissen. Gepriesen sei meine Nutzlosigkeit, die mir erlaubt hat, die Krone des Berges und ein Wahrzeichen des Landes zu werden.«

(Aus Reclams Universum.)


Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt;
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Vom Wandern und Weilen im Heimatland

Von Gerhard Platz

Dresden 1920

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Band I

320 Seiten – Großoktav

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