Die Schneeheide
(Erica carnea L.)
Von Felix Heller, Bahnhof Bad Elster
Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz
Abb. 1
Unter den deutschen Phanerogamen, die nach Garckes Flora von Deutschland (17. Aufl. 1895) sehr selten vorkommen, befindet sich eine, mehr der süddeutschen Flora angehörige Pflanze, deren Verbreitungsgebiet in Mitteldeutschland ein so eng begrenztes ist, daß sie in Botanikerkreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt und zu mancherlei Deutungen über die Ursachen ihres sporadischen Auftretens Veranlassung gegeben hat. Der Pflanzenkundige, der im zeitigen Frühjahre den südlichsten, nach Böhmen hereinragenden Zipfel des nunmehrigen Freistaates Sachsen besucht, wird sie freudig begrüßen und auch dem Laien wird sie auffallen. Im allgemeinen bieten unser Elstergebirge und seine Ausläufer keine große Auswahl an Pflanzenseltenheiten, wenn man nicht die buchsbaumblättrige Kreuzblume (Polygala Chamaebuxus L.)[3], hier »Ramsel«, auch »falsche Preiselbeere« genannt, dazu rechnen will, die im südlichen Vogtlande übrigens häufiger vorkommt, als bei Garcke angegeben ist. Aber die Schneeheide, das ist hier in ihrer sächsischen Heimat die volkstümliche Bezeichnung (»Schniehaad«), ist etwas ganz besonderes; sowie der Schnee zu schmelzen beginnt, meist Anfang bis Mitte März, entfalten sich ihre zierlichen, in der Farbe vom hellsten Rosarot bis zum tiefsten Carminrot schwankenden Glöckchen – der erste Frühlingsgruß der neuerwachten Natur! Deshalb liebt sie hier auch jedermann, und gern stellt man sich ein von Weißtannenzweigen oder Preiselbeerkraut umkränztes Sträußchen in das Zimmer. Die vogtländischen Nachbarn dieses bescheidenen Pflänzchens sind sich seiner Seltenheit wohlbewußt und erklären dem Befrager mit einem gewissen Stolze, daß die Schneeheide eben nur bei ihnen vorkommt und sonst in ganz Deutschland nicht. Böhmen ist ja nicht Deutschland und das Vorkommen im Fichtelgebirge und in den südlichen bayrischen Alpen ist ihnen wohl nicht bekannt. Im Spätsommer und Herbst finden die Kurgäste von Bad Elster auch zuweilen blühende »Schneeheide«, die sie mit stolzer Freude heimtragen, aber das ist die weißblühende Form der gewöhnlichen Heide (Calluna vulgaris Salisb.); die echte Schneeheide hat ihren Namen nicht von der Farbe, sondern daher, daß sie zur Zeit der Schneeschmelze blüht, oft genug sogar schon unter dem Schnee, bei kühlem Wetter bis in den Mai hinein.
[3] Abbildung Seite 108. Dieses reizende Pflänzchen ist hier ziemlich weit verbreitet. Es gibt Stellen, wo sie rasenbildend auftritt und meterlange Ausläufer treibt.
Abb. 2 Vogtländische Bauernhäuser in Mühlhausen bei Bad Elster
Garcke gibt als Vorkommen an: »Im Vogtlande im Brambacher Walde bei Adorf häufig und ebenso um Karlsbad, Franzensbad, Eger und Marienbad; früher auch bei Paderborn. – Bayern (Alpen und Hochebene verbreitet)«. Von dem erstgenannten Verbreitungsbezirke entfällt auf Sachsen ein winziger Teil. Die Schneeheide ist daher tatsächlich für Sachsen und ganz Mitteldeutschland eine große Seltenheit; Südbayern kommt ja für Mitteldeutschland nicht in Betracht. Im Fichtelgebirgsführer von Dr. Albert Schmidt (Wunsiedel 1894, Verlag von G. Kohler) Seite 18 ist Erica carnea als Bewohnerin des Silikatgesteines aufgeführt (nach Rektor Kellermann). Auf meine Anfrage schreibt mir Herr Dr. Vestner, Reallehrer in Wunsiedel, folgendes: »Erica carnea beherrscht im Fichtelgebirge das Gebiet des sogenannten Selber Waldes. Sie ist im Vorfrühling, zu ihrer Blütezeit, der einzige Glanzpunkt in unserem so floraarmen Fichtelgebirge. Der Verbreitungsbezirk beginnt südwestlich in der Höhe von Thierstein, wird begrenzt von den Höhen des Egertales, ohne jedoch auf das Gebiet des Kornberges überzugreifen, endet östlich mit der Waldgrenze (Hohenberg, Liebenstein, Lindau) und zieht schließlich über Asch in den Brambacher Wald. Eine weitere Ausbreitung oder ein Zurückgehen des Bestandes ist nicht zu beobachten. Ihr Standort ist Granitboden in gemischtem, vorwiegend mit Föhren bestandenem Walde. Sonstiges Vorkommen im Fichtelgebirge gibt es nicht.« Demnach wäre Garckes Flora mit diesem Vorkommen in Nordostbayern zu ergänzen.
Abb. 3 Erica carnea bei Brambach i. V.
Häufiger findet sich die Schneeheide im angrenzenden Böhmen, sie geht aber kaum über Karlsbad hinaus. Der Gesamtverbreitungsbezirk bildet eine Insel, deren größerer Durchmesser von Westen nach Osten, der kleinere von Norden nach Süden verläuft. Die Begrenzung bilden in Richtung West–Ost etwa die Orte Thierstein in Bayern–Karlsbad, in Richtung Nordwest–Südost etwa Rohrbach–Marienbad. Auf sächsischem Gebiete kommen nur die Waldungen und Höhen um Rohrbach, Brambach, Schönberg am Capellenberge, Hohendorf, Bärendorf in Frage. Und auch hier tritt sie meist in inselförmigen Beständen auf. Niemals überzieht sie ausgedehnte, zusammenhängende Strecken wie Calluna, sondern wächst immer in kleinen geschlossenen Beständen auf feuchtem Granitboden. Wer von hier aus östlich wandert, findet die ersten spärlichen Spuren zwischen dem Raunergrunde bei Raun und Oberbrambach. Um Brambach selbst wird sie häufiger: auf dem Kuhberge, Fuchs- und Capellenberge, besonders schön auf dem Hirschberge und in reichlicheren Beständen in der Richtung von Brambach über Fleißen in Böhmen nach Schönberg am Capellenberge.
Die reichsten Bestände finden sich, wie schon gesagt, in Böhmen; schon in den Waldungen bei Fleißen, Großloh, Wildstein fällt sie im Vorfrühling jedem auf, der dort wandert, denn ihr leuchtendes Rot macht sich schon auf weite Entfernung bemerklich.
Die Gesteinsformation, die zu ihrem Gedeihen notwendig ist, ist lediglich Granit, und zwar Granit in loser Form als Grus oder Sand. Nirgends besiedelt sie Basalt, Porphyrit, Ton- oder Glimmerschiefer; die scharfe Grenze, die sie bei Formationswechsel einhält, gibt dem Geologen einen Hinweis, daß er aus dem Gebiete des Granits in ein anderes übertritt. Im Granitgebiete selbst bevorzugt sie feuchte Stellen, findet sich daher auf den Bergkuppen, soweit sie wasserarm sind, nur spärlich und hier oft in Gesellschaft von Calluna. In vertikaler Richtung liegt die Wachstumsgrenze etwa zwischen 550–900 Meter.
Abb. 4 Schneeheide – Erica carnea – im Vogtlande bei Brambach
Wenn man die Kartenskizze, die freilich auf absolute Genauigkeit keinen Anspruch machen kann, betrachtet, fällt einem unwillkürlich auf, daß das Vorkommen der Schneeheide ziemlich genau in den Bereich der sächsischen und böhmischen Bäder fällt (Bad Elster, Bad Brambach, Franzensbad, Karlsbad, Marienbad). Alle diese Bäder besitzen Quellen mit mehr oder weniger starkem Radiumgehalt, Brambach z. B. eine solche mit über 2200 Macheeinheiten. Es liegt ja nahe, die Radioaktivität des Wassers als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch Radiumemanationen bedingte höhere Bodenwärme. Doch sind hierüber wohl noch keine wissenschaftlichen Untersuchungen angestellt worden; für den Pflanzenbiologen wäre dies eine dankbare Aufgabe! Läßt sich ein Zusammenhang der Lebensbedingungen unsrer Pflanze mit dem Radiumgehalte des Bodens nachweisen, dann würde ihr reicheres Auftreten an irgend einer Stelle im Granitgebiete vielleicht einen Fingerzeig darbieten, hier nach einer Radiumquelle zu suchen. Analoge Beispiele dafür, daß Pflanzen an bestimmte Mineralien gebunden sind, gibt es meines Wissens mehrere, z. B. das sogenannte »Galmeiveilchen«, das in der Gegend um Aachen das Vorkommen von Zinkerzen anzeigen soll. Wie weit eine solche Vermutung berechtigt ist, das zu ergründen muß ich berufenen Leuten überlassen, ich spreche hier eben nur eine Vermutung aus. Ob in den südbayrischen Alpen ähnliche Boden- und Wasserverhältnisse vorliegen, vermag ich nicht anzugeben. Vielleicht sind dort im Süden, wo die Schneeheide unsre gemeine Heide vertritt, wo sie nicht, wie hier, zur Relictenflora gehört, sondern von jeher in großen Beständen heimisch gewesen ist, die Verhältnisse anders.[4]
[4] Gelegentlich meiner Urlaubsreise im September-Oktober 1920 in dem bayrischen Allgäu beobachtete ich Erica carnea dort. Im Allgäu und in den Alpen bevorzugt sie Kalkboden. Der südliche Typus der Schneeheide ist anders als der in Böhmen, Sachsen und Nordost-Bayern; die südliche Form ist strauchiger, knorriger, die mitteldeutsche und böhmische weicher, anschmiegender. Die langen Ranken, die sie hier an feuchten Stellen treibt, sieht man in den Alpen, besonders in hohen Lagen, nicht.
Jedes Frühjahr erscheint in unsern südvogtländischen Zeitungen ein Hinweis auf die Schneeheide, diese »einzige Seltenheit« im südlichen Vogtlande. Es wird darin geklagt, daß die Pflanze dem Aussterben nahe sei und darum gebeten, die Ausrottung dadurch verhindern zu helfen, daß man keine Schneeheidesträuße kauft. Die Bitte ist recht gut gemeint und wird den Herzen der Naturschützler wohl tun. Aber zum Glück liegt die Gefahr des völligen Verschwindens nicht so nahe, wie befürchtet werden könnte. Einmal hält die Pflanze an ihren Standorten so zäh fest, wie ihre fast unausrottbare Base Calluna an den ihren; sie erscheint immer wieder, man merkt keine Abnahme, freilich auch kein weiteres Ausbreiten. Sodann ist der Handel mit Schneeheidesträußen nur gering; es mögen sich kaum ein halbes Dutzend alte Frauen gelegentlich damit beschäftigen. Das sind die sogenannten »Sandfrauen«, die aus Brambach, Fleißen, Schnecken den feinen Scheuersand bringen, den sie in Bad Elster, Adorf, Ölsnitz, Plauen verkaufen. Sie haben an ihren schweren Sandsäcken gerade genug zu schleppen und können deshalb nur ab und zu ein paar Sträuße mitbringen, für die sie meistens feste Abnehmer haben. Der weitaus größte Teil der Sträuße stammt aus Böhmen.
Vor etwa 7–8 Jahren freilich wurde auch mir bange um die Schneeheidebestände, als im März und April täglich Leute aus Plauen mit großen Körben nach Brambach fuhren und in den dortigen und böhmischen Waldungen die Heide ausrissen, um sie an Blumenbindereien zu verkaufen! Aber der Unfug hatte glücklicherweise sehr bald ein Ende: die Amtshauptmannschaft Ölsnitz und die Forstrevierverwaltung erließen strenge Verbote des Sammelns der Schneeheide und das Forstpersonal hielt scharf Wacht. Insbesondere nahm sich Oberförster Engelhardt in Rohrbach bei Brambach energisch der bedrohten Pflanze an und so ist wohl mit Sicherheit zu hoffen, daß die Gefahr einer Ausrottung beseitigt ist. Nicht unerwähnt möchte ich aber lassen, daß bei der jetzt forstwirtschaftlich bevorzugten Anpflanzung der Fichte insofern eine Gefahr für das Zurückgehen der Schneeheide besteht, als sie Kiefernwälder lieber bewohnt und reine Fichtenbestände meidet.
Abb. 5 Schneeheide – Erica carnea
Wird die blühende Schneeheide vorsichtig, am besten mit einer Schere, abgeschnitten, was deswegen geschehen muß, weil die Wurzeln nicht fest in dem losen Granitboden haften, so blüht sie im nächsten Jahre sehr schön und reichlich, schöner fast, als wenn man sie ausblühen läßt. Ausgeblühte Stöcke zeigen im nächsten Jahre oft ein struppiges, dürftiges Bild. Das von Kindern beliebte Abreißen der blühenden Heide ist zu verwerfen, da hierbei mancher Stock mit herausgerissen wird.
Abb. 6 Polygala Chamaebuxus, buxbaumartige Kreuzblume
im Volksmunde »Ramsel« genannt
Garcke gibt bei ihrem Vorkommen noch an: »Nicht selten als Zierstrauch.« Ich habe sie nirgends als solchen gesehen, möchte mich auch der hier allgemeinen Ansicht anschließen, daß die Schneeheide ein Verpflanzen nicht verträgt. Bei ihrer ausgesprochenen Bodenständigkeit auf Granitboden würde es mich auch wundern, wenn sie anderen Boden willig annähme. Ich habe selbst Anpflanzungsversuche vorgenommen, die stets erfolglos waren; die gleichen Erfahrungen haben Bekannte von mir gemacht. Auch die wiederholten Versuche seitens der Gärtnerei der Badedirektion, sie in den schönen Anlagen des Kurortes einzubürgern, sind immer wieder fehlgeschlagen. Wie mir Handelsgärtner versicherten, wird unter dem Namen Erica carnea eine Zierheide aus Holland angeboten, die sich anpflanzen läßt, jedenfalls aber mit der wilden Erica carnea nicht identisch ist. Nach früheren Versuchen, die ich vor vielen Jahren angestellt habe, läßt sich übrigens auch Calluna vulgaris L. als echtes Kind der Heide weder im Topfe noch im Garten kultivieren, so wenig wie die anscheinend noch mehr bodenständige E. carnea.
Besucht wird die blühende Schneeheide im Vorfrühling hauptsächlich von Hummeln. Andere Insekten sind kaum zu bemerken, allenfalls noch an warmen Tagen Bienen. Es sieht drollig genug aus, wenn die dicken Hummeln, auf dem Rücken liegend, die Glöckchen der Reihe nach aussaugen; sie ziehen durch ihr Körpergewicht sehr oft die dünnen Zweige bis auf den Boden nieder und bleiben dann mit der umklammerten Blütenähre gemütlich liegen, bis es nichts mehr zu saugen gibt.
Hoffen wir, daß unsre südvogtländische botanische Seltenheit, unsre liebe Schneeheide auch weiterhin gedeiht und in ihren Beständen erhalten bleibt! Es wäre ewig schade, wenn unsre materialistische Zeitströmung, die alle Naturseltenheiten in Geld umwerten möchte, ihrem Vorkommen hier ein Ende bereitete. Sie muß für alle Zeiten unter Schutz stehen und sei deshalb der Fürsorge des Sächsischen Heimatschutzes angelegentlichst empfohlen!