Seiffen und das Bunte Haus

Eine Fahrt ins Weihnachtsland

Von Stadtbaurat Rieß

Aufnahmen von A. Heinicke, Freiberg

Vor dem Hauch des milden Westwindes war der Weihnachtsschnee zwar leider fast zerronnen, aber doch lag es noch wie Weihnachtsstimmung und Nadelduft in der Luft. Der Rucksack war wohlgepackt. Auch er gab weihnachtlichen Duft nach Stollen und anderen guten Dingen. Eine Weihnachtsfahrt sollte es werden in das Land der Kinderträume und lustiger Spielzeugherrlichkeit, wo Nußknacker und Räuchermännlein, Lichterengel und Bergmänner das große Wort führen, wo die Krippen in seliger Einfalt sich aufbauen und die Weihnachtspyramiden ihr buntgeschnitztes Leben zeigen. Im Morgendämmern lag der Garten mit seinen wenigen leuchtenden Schneeflecken. Die schöne grüne Tür mit dem kunstreichen Schloß fiel hinter mir und meinem wanderfrohen Weibe zu, da kam zur verabredeten Minute der Freund, der Maler mit seiner blonden Frau und grüßte mit frohem Glückauf. Am Bahnhof stieß zu uns der Ingenieur mit seiner Braut, der an der Bagdadbahn einst baute und nun nach Krieg und Wunden mit uns das Weihnachtsmärchen suchen wollte. – Nun ging es hinaus in die nebelverhangene Welt mit fauchendem Züglein. Nur an den Nordabhängen der Böschungen lag dort noch der Schnee und die dunklen Halden des alten Bergbaues waren noch weißbetupft. Die Fläche des Berthelsdorfer Hüttenteiches war mit Eis bedeckt und blinkte wie matter Stahl in den ersten schrägen Strahlen der mit dem Gewölk ringenden Sonne. Die Hänge des Muldentales mit ihren dunklen Wäldern und braunen Feldern und den schöngeschwungenen Höhenlinien glitten an uns vorüber. Von Mulda führte uns dann das Nebenbähnchen mit Schnauben und Pusten und gelegentlichem wichtig tuendem Bimbim Bimbim durch das enge malerische Chemnitzbachtal empor nach Sayda. Ein reizvolles Wiesental ist es, in dessen leuchtendem Grün im Sommer das Auge sich satt trinken und Kräfte gewinnen mag, um freudig ins Grau des Alltags zu schauen. Heute war die Fläche zart rehbraun getönt und mit dem schimmernden Silbergrau des Reifes angehaucht. Der Maulwurf war munter gewesen und hatte kräftige schwarze Tupfen durch die zahlreichen frisch aufgeworfenen Haufen in die zarte Farbenstimmung gesetzt. Der Chemnitzbach schlängelt sich mit hurtigem Laufe in vielen Windungen durch das Tal. Auf den Hängen liegen einzelne Höfe. Festgeschlossen wie Burgen schauen sie wie Herren ins Tal, nicht gar trotzig, aber breit und behäbig voll Selbstbewußtsein und einer gewissen Unnahbarkeit. Dort das Rittergut von Dorfchemnitz mit seinen festen Mauern liegt auf der Höhe hinter dem Filigran der entlaubten Wipfel, mit der Kirche zusammen eine Baugruppe von besonderem malerischen Reiz.

Der Rauch unsres Zügleins weht in langer silberweißer wallender Fahne durch das Tal. Duftiges Blau, zartes Sepia, dunkles Grün, Weiß und Silbergrau sind die Töne, welche das liebliche Landschaftsbild beherrschen und alles in unendlicher weicher Harmonie vereinen. Die Fenster im Wagen sind beschlagen. So stehe ich draußen mit dem Maler und male im Geiste die zartesten Aquarelle mit ihm, wo die Farben nur wie ein Duft auf dem leuchtenden Weiß stehen und so unendlich wohltun in ihrer keuschen Reinheit, Zurückhaltung und Vornehmheit. Jeder Ausschnitt wird uns so zum Bilde reiner Winterherrlichkeit, daß unser Herz froh wird und unsre Lungen immer tiefer die klare kalte Luft der Höhen atmen. In Sayda wandern wir dann durchs Städtchen. Dem Wintersport gilt unser erster Gang. Uns lacht das Herz, als wir dort in der Fabrik unter den herrlichen Schneeschuhen jeder Art und Form und Bindung suchen und wählen können, und jeder schließlich ein Paar der langen Hölzer sein eigen nennt. O, daß der Schnee heut so dünn die Wege deckt und nur wie Zuckerstaub über die Felder gestreut ist, wie wollten wir sonst dahingleiten in köstlicher Fahrt! So streicheln wir nur zärtlich die schlanken biegsamen Eschenbretter mit einem auf Wiedersehen zur Heimfahrt und wandern dann hinaus in die sonnige Winterwelt. Da liegt vor dem Städtchen das alte Spittel hinter alten Bäumen. Bunt leuchtet das Wappen der Herren von Schönberg mit Inschrift über der Tür, durch welches das ganze schlichte Haus eine besondere Zierde und Charakter erhält. Grüß Gott du altes Weiblein dort am Fenster in deinem warmen Stüblein, du neidest uns nicht unseren Gang in den Winter hinaus. Der warme Ofen ist dir Erfüllung deiner Wünsche. Uns sollen noch Wind und Wald und Schnee Lieder der Sehnsucht und der Wünsche Gewalt und Erfüllung empfinden lassen.

Und ihr Schläfer hinter der schlichten Mauer unter den weißen Hügeln dort drüben, eure Herzen gingen zur Ruh, aber was ihr gedacht und gelebt, es lebt und wirket in ungeahnten Kräften. Vielleicht ist es im Wind lebendig, der dort vom Walde herüberweht, den ihr vielleicht gepflanzt habt, vielleicht klingt es aus dem Jauchzen der Kinder, die dort mit Schneeballen werfen, Kinder eures Blutes, vielleicht liegt es keimend im Acker, an dessen Rand wir dahinschreiten und dessen Frucht vielleicht dem Fleiß der nimmermüden Hände vieler Geschlechter, eurer Geschlechter, die dort ruhen, zu danken ist, vielleicht sind die Gedanken und Stimmungen die uns hier überkommen, Spuren unsichtbaren Lebens, das hier daheim ist, Spuren eines Lebens, das ihr ganz an eure Heimat gewendet habt, – und das uns nun eure Heimat lebendig und beseelt macht. –

Sinnend schreiten wir in den Weihnachtswald, in dem die Schneeflecke aus dem dunklen Grün leuchten. Rechts schimmert die vereiste Fahrstraße durch die Stämme und der breite Streifen eines Kahlschlages. Was geht es sich so weich in dem harzduftigen Walde, als schritten wir in den Sonntag hinein, wo es so kirchenstill ist, als hätte eine heilige Feierstunde begonnen, in der alles fernen, fernen leisen Klängen lauscht, dem Harfen des Windes in den Wipfeln oder dem Rieseln und Sickern des schmelzenden Schnees im Waldboden.

Ein dünner blauer Rauch steigt aus der Schneise empor und füllt die Luft mit starkem Harzgeruch. Wie Weihrauch und stilles Opfer zu geheimnisvoller Weihe zerfließt er über den Wipfeln. Der Wald duftet stärker als zuvor. –

Wir treten auf eine weite Lichtung hinaus. Wie ein schimmernder Saal mit silbernem Teppich liegt sie da, rings vom schweigenden Walde wie von dunklen Wänden umschlossen. Dicht am Walde liegt das kleine Vorwerk mit weißem Schneepelz auf dem Dache. Alles ist still und fügt sich einfach und schlicht in die große heilige Ruhe. Ein mächtiger Baum in der Nähe, herrlich nach allen Seiten gleichmäßig entwickelt, steht da wie der stille Wächter dieser Einsamkeit. Die leere schneefeuchte Bank an seinem Stamm unter den schirmenden Zweigen ist heute ein starkes Sinnbild der Verlassenheit oder Vergessenheit. Wie mag im Sommer unter seinem grünen Dach das Leben eine Stätte haben. Dort rastet der einsame Wanderer, dort ruht der Schnitter und genießt sein einfaches Mahl, dort lacht und spielt fröhliche Jugend und die wandernde Horde lustiger Vögel, dort sitzt im sinkenden Tagesschein das Liebespaar und lauscht dem Flöten der Singdrossel hoch oben im Gezweig. Ein Baum, um den alle Poesie von Wald und Wiese und stillen Wegen wirkt und webt.

Der Wald nimmt uns wieder auf und nach kurzer Wanderung zwischen seinen schneebehangenen Zweigen öffnet sich eine neue Lichtung, der Mörtelgrund. Wie ein breites silbernes Band liegt er zwischen den dunklen Fichten, quer den Wald durchschneidend und einen weiten Blick aufwärts und abwärts gewährend. Oberhalb zieht sich die Staatsstraße, mit einem Brückenbogen den Bach überspringend. Nach unten schweift der Blick in die Ferne. An der Straße hier liegt aber ein stiller Teich, auf dessen Damm gewaltige Fichten wie stolze Türme sich erheben. Weit breiten sich die untersten Zweige fast dicht über den Boden hin. Ebenmäßig bauen sich die Prachtgestalten auf und ein Flüstern geht durch ihre dichten Nadeln, als raunten sie Geheimnisse aus alter kühner Heldenzeit, als wüßten sie Kunde von seltsamen Abenteuern und Märchen des Waldes oder von der schönen verwunschenen Fei im kühlen Wasser, dort unter dem grünlichen Eis, verwunschen und verzaubert im gläsernen Sarge. An den Nadelspitzen hängen tausende funkelnder Tropfen wie Perlen, als hätte ein Weihnachtswunder den köstlichen Schmuck gezaubert. Da regen sich sachte die Zweige und wie schimmernde Tränen fallen die Tropfen nieder mit leisem feinen Klingen.

Die Wasserfei lauscht, denn es klang an der gläsernen Decke, als pochte schon der Frühling an, um den Zauberbann zu lösen, der sie verschlossen hält. – Ach lausche nur, der Frühling ist noch weit und ferne die Zeit, dich auf der duftigen Wiese im Mondschein im Tanze zu wiegen und Blumenkränze in deine fliegenden Locken zu flechten. – –

Durch Wald geht es weiter, und dann treten wir auf freie Höhe hinaus. Entzückt schweifen die Blicke über die reinen edlen Linien der Berge, welche sich in langen Zügen in den Himmel schwingen, zarter und zarter, bis sie in weiter Ferne verblauen. Dicht vor uns ist der Schwartenberg mit breitem Rücken. Rehbraun und weiß ist das Gewand gescheckt, das er über seine breiten Schultern gelegt hat, und in unendlich feinem Tone mischt sich ein zartes Veil und Blau hinein. Ja, du trägst nicht Sorge um moderne Farbenstellung deines Kleides und was die kleine Welt dort unten zu deinem Gesicht und deinem Wesen und Kleid sagt. Ob Sonnenstrahlen um dein Haupt klingen und singen, ob der Sturm dir seine wilden Weisen schnaubt und heult, du lächelst im fröhlichen Gewand dem Frühling, du schaust im rechten Feierkleide dem Winter ernst und versonnen ins grimme Gesicht. – Wie still und weit wird doch das Herz, wenn es fern vom lauten Troß und Trieb der Niederung so in die schweigende Bergwelt des Winters schaut. Wie fühlt man so tief, daß echte Werte nicht im Lärm, sondern nur in der großen Stille sein können. Schweigen ist Kraft, Schweigen ist Tiefe. In dieser heiligen Stille fällt alles Äußere ab und der Kern, Wesenheit und Wert der Dinge wird offenbar. Wohl dir, wenn du ohne Lüge bestehst, der Stille ins tiefe Auge sehen kannst, wenn die Stille dir noch etwas sein und geben kann. – – –

Der Weg senkt sich allmählich. Aus dem Talgrunde steigen Türme und Mauern in malerischer Gruppe auf: Schloß Purschenstein und zu seinen Füßen die Dächer und Giebel von Neuhausen. Der Weg ist stark vereist und nicht ohne manches Ausgleiten und heiteren Fall führt er uns ins Dorf hinab.

Heute wollen wir hier nicht rasten, so lockend auch die Bäume des Parkes und das Schloß und das behäbige Gasthaus winken. Auf steilem Wege geht es weiter und an der Flanke des Schwartenberges empor. Hei, das war ein Klettern auf dem blanken Eis, wo oft nur der feste Wanderstab vor jähem Sturz und Abgleiten bewahrte und manchesmal nur ein rascher Griff in das Gestrüpp oder nach einen Baumstamm die unfreiwillige rasche Talfahrt ohne Schlitten auf den eigenen gewachsenen Kufen verhütete. Wir erreichen einige einsame Höfe und gehen dann über eine Schneefläche auf ebenerem Höhenweg dahin. Wie liegt die Welt so fern und klein unter uns. In weiter Ferne der Kirchturm von Sayda. Davor der Wald, den wir durchschritten. Im Tale einige Dächer und Häuser wie vergessen und verloren. Die Dinge der Niederung sind klein geworden, das Große, Erhabene zieht den Blick an. Die Augen schweifen in die Runde und können sich nicht satt trinken an all der keuschen Herrlichkeit der Berglinien und dem Dufte der Farben vom leuchtenden Weiß zum tiefen Blau und Grün, vom zartesten Braun bis zum satten Veil dort in den tiefen Gründen der Täler und Wälder.

Höhenluft! – Wie atmen wir darin auf, wie atmen wir so tief und frei und unsre Seele atmet mit, denn um uns und in uns ist das große stille Leuchten, das man erlebt, wenn man Höhenwege wandert hoch über dem Alltag.

Oben über uns reckt sich eine Felsengruppe in die Luft, als wäre sie der Stuhl eines Gewaltigen, der von hier aus sein weites Reich überschaut, dem die Wälder Teppiche und die Berge und Täler Stufen seiner Herrlichkeit sind.

Unter einer alten knorrigen Buche am Wege stehen wir. Sie ist vom Sturm zerzaust und die Äste recken sich trotzig wie feste Arme mit starken Muskeln und Gelenken dem Wetter entgegen, als wollten sie mit dem ungestümen Gesellen raufen. Der Schnee liegt in weißen Wuchten im struppigen Gezweig und es fällt ab und an ein nasser Klumpen hernieder. Wir aber stehen und schauen in das große stille Leuchten hinaus.

»Kein ird’scher Laut mehr reichte durch die Lüfte,

Mir war’s, als stände ich mit Gott alleine,

So einsam, weit und helle war’s da oben.«

Abb. 1 Seiffen, Buntes Haus

Durch tiefen Schnee ging es dann weiter und schließlich abwärts ins Seiffener Tal, zuletzt auf steilem Fußwege hinunter. Tiefe Schneewehen boten hier willkommenen Halt auf dem vereisten steilen Pfad gegen den Absturz. Watend und springend, rutschend und fest den Wanderstab einsetzend gelangten wir glücklich zu den ersten Häusern am Hange, wo der Weg ebener und sicherer wurde und uns bald an winzigen Erzgebirgshäuseln vorbei auf die Talstraße führte.

Nur wenige Schritte noch und unser Ziel ist erreicht, das Erbgericht, das Bunte Haus! Helle leuchten uns seine blanken Mauern und Fenster entgegen. Ein Querhaus und zwei Flügel umschließen einen offenen Hof, als breiteten sich uns offene Arme entgegen: »Seid willkommen, hier ist gut sein, hier magst du rasten und weilen und mag es dir wohl werden.« Dort über den Fenstern grüßt gar vertraut Alt-Freibergs Bergparade vom langen gemalten bunten Holzschild. Ja, wahrlich, es ist recht, hier der alten Berghauptstadt des Landes und ihrer Bergherrlichkeit zu gedenken in so sinniger und sinnfälliger Weise, denn von ihr ging die Kultur des Landes aus, ward die Wildnis des Miriquidi gerodet und besiedelt, wurden die Erzgruben des Gebirges erschlossen. Der Name Erzgebirge wurde erst im sechzehnten Jahrhundert üblich, als an vielen Stellen Erz entdeckt und Bergstädte wie Annaberg, Marienberg, Jöhstadt usw. gegründet wurden.

Vorher hieß es nach den Worten eines alten Dichters:

»Sehr wild und felsicht war’s in diesen Waldesöden,

Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind.

Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten,

Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«

Auch Seiffen dankt ja seinen Namen und Entstehung dem Bergbau, der zwar längst zur Rüste gegangen ist, aber überall seine unverwischbaren Spuren hinterlassen hat. Der Bergmann ist ja auch immer ein Basteler gewesen. So ist es kein Wunder, daß oft aus dem Zeitvertreib ein Beruf wurde, und als der Bergbau seinen Mann nicht mehr nährte, statt Schlägel und Eisen das Schnitzmesser den Lebensunterhalt verdienen mußte. Seiffen wurde allmählich der Mittelpunkt und Hauptort der Spielwarenindustrie. Es wurde aus einem alten Bergmannsdorf der Typus des erzgebirgischen Schnitzer- und Industriedorfes, wo eigenartige Gegensätze sich berühren. Und hier das »Bunte Haus« ist so recht das Heim und der Ausdruck dieser erzgebirgischen Volkskunst und Volksindustrie geworden, einer Weihnachtskunst, bei der man fröhlich und ein Kind wird wie zu Weihnachten, in der man sich heimisch und wohl fühlt, als erzählte Großmutter ein Märchen aus der Zeit »Es war einmal«.

Vom hübsch geschmiedeten Arm an der Hausecke grüßt uns der Spruch:

»Erst die Erde, dann die Sterne,

Erst die Heimat, dann die Ferne.«

Jawohl, viele suchen die Heimat und können doch nie heimfinden, viele haben die Heimat und halten sie nicht. Heimat ist kein leerer Ortsbegriff, Heimat ist eine Herzenssache. Wer kein Herz hat, wie will der die Heimat finden oder halten?

Möge die Kunst der Heimat der Heimat eine Seele geben, welche jene vielen wieder zu rechten Heimatfreunden, Heimatkindern, mit Herzen voll heimwehen Heimatstolzes macht. –

Hier im Bunten Hause ist der wohlgelungene Versuch gemacht, durch die Heimatkunst des Ortes ein echt erzgebirgisches Heimathaus zu machen, in welchem man das Herz der Heimat pochen fühlt und hört. Was der Hausspruch sagt und wünscht, das mag wohl sicher in Erfüllung gehen:

»Die Vorzeit grüßt Euch, daß Ihr wißt,

wie schön sie einst gewesen ist.

Gott gebe, daß die Nachwelt spat

an uns dieselbe Freude hat.«

Doch nein, nicht nur für die Nachwelt, nein für das bunte freudige Leben des Tages und seiner Gäste ist das Haus geschaffen.

Ein frohes Behagen umfängt uns, treten wir unter sein Dach. Der Hauptschmuck des geräumigen Hausflures ist die Gestalt eines Freiberger Bergmannes, der auf einer Konsole kniet bei der Arbeit vor Ort mit Schlägel und Eisen. Der Bergmann ist – oder leider vielmehr war – ja die Charaktergestalt des Erzgebirges. Bergleute sind Wappenhalter bei erzgebirgischen Städtewappen. Bergleute sind die Träger erzgebirgischer Kanzeln, Bergleute sind in den alten Bergstädten Schmuckfiguren an Bürgerhaus und Portalen, in Kirchen und an Geräten. Der bergmännische Gruß »Glückauf« klingt dir oft noch treuherzig entgegen. Bergleute sind das Spielzeug großer und kleiner erzgebirgischer Kinder. So mag auch hier, wie nirgends, der Bergmann an seinem Platze sein.

Abb. 2 Seiffen, Buntes Haus

Wir treten in die Gaststube ein und fühlen uns wie zu Hause in warmer Behaglichkeit. Die Wände sind dunkelbraun getäfelt und rings von den Simsen klingt es uns wie Kinderlachen und Weihnachtsjubel aus frohen Kinderherzen entgegen. Da ist sie aufmarschiert, die ganze bunte lustige Gesellschaft, ohne die Weihnachten im Erzgebirge nicht denkbar ist: die Bergleute und Weihnachtsengel mit ihren Lichtern, die Nußknacker im buntesten Wechsel, die Räuchermännlein in allerlei abenteuerlichen Gestalten. Pferdchen, Kühe und Schafe und der getreue Spitz dürfen nicht fehlen. Über den bunt mit Blumen bemalten Türen, wie wir sie von den alten Bauernschränken kennen, ist hier der Frachtwagen auf der Wand gemalt mit seinen vier starken Pferden, wie er einst auf den Straßen des Gebirges verkehrte, dort der Postschlitten in voller Fahrt. Kein Plakat, wie sonst in Gaststuben, stört mit aufdringlicher Reklame die Harmonie des Raumes. Einfach gerahmte Bilder aus der erzgebirgischen Heimat von Künstlerhand schmücken die Wände, deren oberen Abschluß ein starkes farbiges Friesband – Ähren mit bunten Feldblumen – bildet. Durch die Fenster strömt das volle Licht herein, denn sie sind frei von unnützen Gardinen und Stoffgehängen. Dafür schmückt ein starker farbiger Fries von Blumen die tiefen Fensterlaibungen und vor den Scheiben hängen gute Glasbilder in farbiger Bleiverglasung mit Darstellungen eines drolligen Musikantenvolkes voll köstlichen Humors. Eine wohltuende, satte, tiefe, harmonische Farbigkeit erfüllt den Raum wie ein voller echter Klang, der von allen Sinnen aufgenommen wird und warm zum Herzen dringt. Die kräftigen gut geformten Holzstühle und Tische laden ein zu behaglicher Rast und helfen das Gefühl des Daheimseins steigern, weil sie sich ganz in die Raumstimmung fügen. Die Teller, von denen du speist, die Tassen, aus denen du trinkst, sind buntbemaltes Bauerngeschirr, wie wir es aus der Verkaufsstelle des Heimatschutzes kennen und lieben. Welche Freude ist es, hier im täglichen Gebrauch einer Gastwirtschaft dieses reizvolle Geschirr in passender Umgebung zu sehen und die Lust an seiner echt volkstümlichen Art zu empfinden. Durch dieses Hineinstellen der Ergebnisse liebevoller heimatlicher künstlerischer Arbeit, Forschung und Begeisterung mitten in den Gebrauch des praktischen Lebens ist eine Tat getan, durch welche die hohen Gedanken des Heimatschutzes und volkstümlicher Kunstpflege, Kunstschaffens und Kunstfreude mächtig gefördert werden, um so mehr, als es an einem Orte geschieht, in dem die Erziehung zum guten Geschmack sich unmittelbar in der täglichen Arbeit auszuwirken vermag.

Abb. 3 Seiffen, Buntes Haus

Mit wie einfachen Mitteln auch schwierigere Fragen gelöst werden können, das zeigt die elektrische Beleuchtung. Sie hätte leicht die Raumstimmung stören können, wenn die Birnen mit den Glasschalen im Raume pendelten oder irgendeine Dutzendware als Beleuchtungskörper diente. Wie half sich der Künstler, der die ganze Einrichtung durchdacht, angegeben und durchgeführt hat, der Kunstgewerbler Gerhard Dreßler aus Chemnitz? Er bemalte den Glasschirm der Pendellampe in kräftiger Stilisierung mit bunten Bauernblumen. Auf den Glasschirm legte er einen bemalten Holzreifen, wie man sie in Seiffen dreht, und ließ von ihm bunte Bänder herabhängen. Auf dem Holzreifen aber ist allerlei Seiffener Spielzeug lebendig. Da sitzen allerlei Vögelchen und schauen mit drolliger Kopfbewegung keck herunter. Da jagt der Hirsch durch den Wald, verfolgt vom Jäger mit seinem Hund. Kein Beleuchtungskörper ist wie der andere und doch alle einheitlich und ein Schmuck des Raumes von echt volkstümlicher Seiffener Heimatart. Der Hauptschmuck ist ein großer Kronleuchter, nach Art von Kristallkronleuchtern gestaltet, jedoch aus weißen Holzperlen zusammengesetzt mit sparsamer Vergoldung, ein mühsames eigenartiges Stück Seiffener Kunsthandarbeit.

In einem Glasschranke sind allerlei Musterstücke der Seiffener Kunst ausgestellt, um die Kauflust anzuregen und damit dem Orte zu dienen. Der Schrank wirkt freilich in seiner Form mit den geschwungenen Linien und krausen Schnitzerei und Spitzchen des oberen Abschlusses hier etwas fremdartig, als habe er sich hierher verlaufen und verirrt aus einer anderen Welt. Das hat der Künstler wohl empfunden und hat ihm, ohne helfen zu können, ein paar Bauernblumen auf die Stirn und unten an den Schubkasten gemalt. So wirkt er in der echten einheitlichen Raumstimmung gekünstelt und falsch, wie der Salontiroler in der Dorfschenke. Auch das Klavier dort an der Wand wird dadurch, daß auf die schwarze Politur ein paar kecke Bauernblumen gemalt werden, nicht »echt«, wird nicht aus einem Salonwesen zu einem erzgebirgischen Bauernkind. – Gerade auf diesem Gebiete liegen noch viele ungelöste Aufgaben, würdig der Mühe tüchtiger Künstlerhände. Die Gewohnheit läßt oft Mängel auf diesem Gebiete übersehen, die in einer neuen fein abgestimmten echten Umgebung plötzlich auffallen und die Sehnsucht nach Neubildung und neuem Leben und Schaffen hervorrufen. Im neuen Lichte sieht man alte Formen, und klarer sieht man, was not tut; den falschen Ton einer Saite hört man schärfer, wenn alle andern Saiten und Instrumente gut gestimmt sind, wie hier. Doch diese kleinen Unstimmigkeiten sollen uns die herzliche Freude und das Behagen an dem stimmungsvollen echt erzgebirgischen Raum nicht stören. Die herzliche Freundlichkeit der Besitzer und Bewahrer dieses Seiffener Schatzkästleins, des Herrn Richard Meyer nebst Gattin, die frohmutig das Ganze liebevoll erdacht und geschaffen haben, die Güte der Bewirtung und die Fröhlichkeit der Gäste lassen bald jene Stimmung aufkommen, in der der Alltag weit hinter uns liegt. Nicht in Lärm und jagendem Witz und Scherz, nein, in jener tiefen freudigen Stimmung sind wir beieinander, in der einer den anderen versteht, und freudig aus seinem Innern gibt, weil er fühlt, nur so kann eine gute Stunde ihren Wert als wahrhaft frohe Stunde bringen. –

Abb. 4 Seiffen, Buntes Haus

Wir betrachten dann den Nebenraum, der im Gegensatz zu der echt volkstümlichen Seiffener Stimmung der Gaststube mehr auf hohe Kunst und »Herrenstube« gestimmt ist. Er wird beherrscht von den Gemälden mehrerer Künstler, welche hier das hohe Lied der Schönheit heimatlicher Landschaft singen. E. Buchwald, Zinnwald, Alfred Hofmann, Stollberg, Alfred Kunze, Chemnitz, Professor Seifert, Seiffen, der Neubeleber und Anreger der Seiffener Kunst, und Gerhard Dreßler, der Künstler, dem die stimmungsvolle Einrichtung des Hauses hier zu danken ist, sie alle reden dort mit stummer eindringlicher Sprache von der Heimat, wie sie ihnen dort durch die Seele gegangen ist, und ihre Bilder beseelen den Raum. Ein Gasthauszimmer, ein Kneipenraum, und doch geweiht und frohmachend durch die Kunst.

Wie muß man dem mutigen Unternehmer danken, diese Lösung der Frage »Kunst und Kunsterziehung« für das Volk, so fest angepackt und durchgeführt zu haben hier oben im erzgebirgischen Dorfe, während in den Großstädten auch in den besten Gaststätten meist nur Plakate oder minderwertige Kunst oder Kitsch zu finden ist. Wenn nur in jeder besseren Gaststätte im Lande nur ein oder zwei Originalkunstwerke hingen, angeschafft für das Geld, das anderweitig für die Augen- oder Ohrenmarter der Gäste hinausgeworfen wird und besser erspart bliebe, so wäre unserer notleidenden Kunst geholfen und durch die Erziehung und Freude, welche jedes echte Kunstwerk gibt, würde reicher Segen geschaffen. Könnten nicht die vornehmeren Gaststätten zugleich stimmungsvolle Ausstellungsräume sein für Kunstwerke, die sich hier dem Käufer in jeder Beleuchtung zur ruhigen Betrachtung darbieten und für sich und den Künstler unaufdringlich werben können in Räumen, die der heimischen Wohnung ähnlich sind? Alle Teile, der Wirt, der Gast, die Kunst und der Künstler hätten ihren Vorteil dabei.

Solche Betrachtungen und Lehren regt die Herrenstube hier im Seiffener Erbgericht an, während die Sonne durch die bunten Scheiben blinkt und leuchtende Farbenflecken auf die blankgescheuerten Tische wirft. In den Fenstern sind buntfarbige Wappen und Tierbilder: wie Elster, Eichhörnchen, Fuchs, Hase angebracht, und oben im Laubwerk und Nadelgezweig des breiten Wandfrieses tummelt sich fröhlich allerlei Getier des deutschen Waldes frisch und keck ohne ängstliche Schablone hingemalt, wie es der Phantasie des Künstlers entsprang. So regt es auch wieder die Phantasie an und macht die Gedanken fröhlich.

Die Balken der Decke sind sichtbar mit grünem Anstrich, und ringsherum läuft ein Fries in Breite des Balkenfeldes mit lustigen Blumenkränzen in Grün, Weiß und Hellblau auf schwarzem Grunde. Eine besondere Zierde des Raumes sind neben dem Holzleuchter an der Decke mit einem Bergmann in der Mitte noch die geschnitzten dreiarmigen Holzleuchter auf den Tischen, welche in ihrer leuchtenden Farbigkeit und mit ihren fröhlichen Motiven das Auge anziehen. Als Mittelstück zwischen den drei Armen sprengt dort z. B. ein Reiter im leuchtend roten Rock mit einem Jagdhorn auf einem Apfelschimmel über ein Fichtenbäumchen hinweg, dort ist es ein stolzer springender Hirsch, dort wieder der Kopf des Hubertushirsches mit dem Kreuz zwischen den mächtigen Stangen. Das ist Volkskunst, welche erzählt, welche Seele und Gedanken hinausführt aus dem grauen Alltag in Wald und Heide und das Herz fröhlich macht. – –

So geht es dir im ganzen Hause! Soll ich jeden Raum dir schildern? Nein, komm und sieh und freue dich, daß ein solches Werk in einem Gusse ganz aus dem Geiste der Volkskunst, der Heimatfreude und des Heimatschutzes heraus geschaffen ist. Schaust du in die Gastzimmer, so findest du keine Hotelschablone. Nein, Bett und Leuchter, Tür, Stuhl und Spiegel sind dem Geiste des Ganzen angepaßt. Kleine Originalgemälde schmücken die Wand, die du, wenn sie dir besonders gefallen, sogar für mäßigen Preis erwerben kannst. Manch launiger Vers grüßt dich. An der Kammer der Magd steht warnend der Vers:

»Die Wirtin thut aufwecken

die faule, faule Magd,

sie thut sich erst recht strecken

und schlaft dann bis es tagt.«

Auf dem Treppenplatz im Dachgeschoß füllt die Ecke gewichtig ein bunter alter Bauernschrank aus dem Jahre 1704 und eine eigenartige buntgemalte Wiege steht daneben, welche auf dem Kasten den bedeutsamen Spruch trägt:

Salomo der Weise spricht

Weib erfülle deine Pflicht. – –

In einem Zimmer des Obergeschosses ist eine erzgebirgische Bauernstube eingerichtet mit allerlei echtem Geräte bis ins Kleinste liebevoll und mit großem Verständnis ausgestattet. Dieser für die Volkskunde belangreiche Raum ist so recht ein Zeugnis für den Sammeleifer und die liebevolle Art, mit der die großen und die vielen kleinen, doch oft so wichtigen Dinge des täglichen Lebens und untergehender Sitten und Gebräuche erfaßt und bewahrt werden. Es ist zugleich auch ein Zeugnis für den Geist, der durch das Bunte Haus geht, der alles aus Liebe zur Sache mit großen Opfern geschaffen und nicht der Reklame und des bloßen Gewinnes wegen, obschon auch hier die alte Wahrheit sich wieder erweist, daß das Echte und Schöne und Gute seinen Lohn sich selbst bereitet.

Das Haus dient dem Orte und der erzgebirgischen Volkskunst und Industrie in unaufdringlicher vornehmer Weise dadurch, daß es durch die lebendige Anschauung zwanglos bei jedem Gaste Freude daran erweckt und die Lust am Besitze solcher lustigen Dinge.

Abb. 5 Seiffen, Buntes Haus

Dieser Absicht dient auch die Spielwarenausstellung im Erdgeschoß des Seitenflügels, wo man an der Fülle alter und neuer Stücke der Seiffener Industrie und Kunstfertigkeit seine Freude hat und nach Herzenslust wählen darf, was man sich oder anderen zur Freude erwerben mag. – – –

Doch draußen lacht die Sonne! Es hält uns nicht mehr im Zimmer. Wir steigen zur Kirche aufwärts, welche als achteckiger Zentralbau charaktervoll von der Höhe herniederschaut. Wir stehen dann am Grabe des Pfarrers Härtel, der ein rechter Pfarrer für seine Gemeinde war, ein treuer Berater für die Seele seiner Gemeinde, Helfer und Anreger auch in allen Dingen, die zur Blüte seiner Gemeinde in wirtschaftlicher, heimatkundlicher und kunstgewerblicher Hinsicht beitragen konnten, ein Freund der Heimat, festgewurzelt im Boden seiner geliebten Gemeinde.

Draußen im Walde hatte er sein Lieblingsplätzchen, wo er von moosiger, gewachsener Felsbank ins Tal schaute. Dieser Stein aus heimischem Grund sollte sein Grabstein werden, hatte er einst gewünscht.

Als ein rascher Tod ihn seiner Gemeinde entriß, da dachte man seiner Worte. Er konnte nicht mehr zum Stein im Walde draußen gehen. So kam der Stein aus dem Walde zu ihm und deckt nun als mächtige rauhe Platte sein Grab und schützt es wie der Deckstein das Grab eines germanischen Edelings. Eine schlichte Inschrift nennt seinen Namen. Ein grüner Kranz aus ernsten Fichtenzweigen ist sein Schmuck.

Eine weihevolle ernste Stimmung liegt über dem Grabe. »Der ist in tiefster Seele treu, der die Heimat liebt wie du!«

Wir schreiten weiter unter der Traueresche hindurch, welche wie ein mächtiger Torbogen die Straße überwölbt, und als ein eigenartiges Naturdenkmal von besonderem Reiz zu hegen ist. –

Abb. 6 Seiffen

Die Binge ist unser Ziel. Zwei Kessel sind es, aus denen einst das Erz gebrochen wurde. Eine Halde und steiler Felsgrat liegt zwischen ihnen und trennt sie. In die kleinere kann man hineingehen. Sie wirkt wie ein ungeheurer Steinbruch mit steilen Wänden, auf deren Vorsprüngen und Kanten heute der leuchtende Schnee liegt und die Farben des Gesteines besonders hervorhebt. Oben von der Höhe zwischen den Bingen haben wir einen weiten Blick ins Land und auf den Ort zu unseren Füßen.

Wie auf einer gewaltigen Kanzel stehen wir hoch über der Geschäftigkeit des Tages, die verworren zu uns heraufklingt. Dann steigen wir zur großen Binge herab auf vereistem Wege, der glatt und nicht ungefährlich uns dicht am Rande dieses ungeheuren wildromantischen Kraters entlang führt. Ein Wasser stürzt jenseits rauschend in die Tiefe und Eiszapfen hängen von dem Gestein wie schimmernder Spitzenbehang. Aus dem Grunde ragen Bäume auf und drüben am Rande stehen echt erzgebirgische niedrige Bergmannshäuser. Längst ist der Bergbau hier erloschen, aber sein unverwischbares Gepräge hat er dem Orte gegeben. – –

Doch jetzt wollen wir noch Seiffen bei der Arbeit und bei der Kunst suchen und erleben.

Unser Weg und unsere Wißbegierde führt uns in die Fachschule, die unter Professor Seiferts Leitung ein Jungbrunnen für die Seiffener Industrie zu werden bestimmt ist. Eine reiche Sammlung von Seiffener Spielzeug von ältester Zeit her zeigt, wie die Entwicklung von einstiger Höhe zur Tiefe abwärts und in der neueren Zeit wieder zur Höhe aufwärts ging. Neben den alten guten Sachen fesseln uns vor allen die Dinge der Gegenwart und Zukunft, die Dinge der Hoffnung, neuzeitliche Arbeiten, die in echt erzgebirgischer Art die fröhliche Farbenbuntheit mit immer wieder neuen Formgedanken in materialgerechter Bildung und Herstellung verbinden. Über vielen Arbeiten liegt ein frischer Humor, der uns unwillkürlich lächeln läßt, wie bei jener Familie bunter Vögel, die mit ihren drehbaren Köpfchen sich um ihren gravitätischen Vogelkönig mit dem großen Schnabel und goldenem Krönchen scharen und mit aufgehobenen Schwänzchen bald keck, bald dummdreist, bald fröhlich in die Welt gucken. Kindeseinfalt, Märchensinn und Schelmerei sind mit scharfer künstlerischer Naturbeobachtung verbunden, um in einfachster Form und Technik echte Vogelcharaktere zu geben und echtes kinderseliges Spielzeug zu schaffen. Und doch ist es so schwer, wie man uns sagt, diesen köstlichen Dingen Eingang ins Volk zu schaffen! Zur Anfertigung z. B. dieser Vögel hatte sich nur eine Fabrik seinerzeit bereit gefunden, welche inzwischen den Betrieb eingestellt hat. Diese Dinge werden aus dem Handel völlig verschwinden, wenn nicht ein anderer Betrieb sie wieder aufnimmt und für den Vertrieb sorgt. Wir sehen in der Ausstellung z. B. auch das köstliche Gespann eines Ochsen und Pferdes vor einem Wagen mit Holzstämmen von einer verblüffenden Naturwahrheit und Echtheit in der Bewegung bei aller packenden Einfachheit der Form und Technik, daß man seine helle Freude daran hat. Auch dieses prächtige Werk echt deutschen Kindersinnes wird in deutschen Spielzeughandlungen wenig gekannt, geführt und gekauft. England und Amerika sind die Abnehmer. Und doch sind gerade diese Dinge, welche die künstlerische Leitung der Fachschule schafft und mustergültig durcharbeitet, die Hoffnungen für einen neuen Aufschwung im künstlerischen und wirtschaftlichen Sinne für die Seiffener Industrie. Sie sind die gesunden Keime einer kräftigen zukunftssicheren Entwicklung und einer reichen kommenden Ernte.

Wenn die erstarrten und veralteten zum Teil unnatürlichen und unschönen oder gekünstelten Formen, welche noch vielfach den Spielzeugmarkt und die Musterläger beherrschen, diesen schönen Dingen weichen würden und den reichen Anregungen der Fachschule mehr nachgegangen würde, so wäre eine neue Blüte erzgebirgischer Kunstindustrie zu erhoffen. Das Schöne muß Massenartikel werden.

Da hängen z. B. in der Ausstellung eine Fülle von reizvollen bunten Leuchtern aus Holz in einfacheren und reicheren Formen und Ausgestaltungen nach Motiven der alten erzgebirgischen sogenannten Bergspinnen gefertigt und belebt mit allerlei lustigen Figuren. Wer kennt diese köstlichen Dinge? Sprudelndes Leben, volkstümliche Kraft und bunte Farbenfreude spricht aus jedem Stück. Wie geschaffen sind sie, um im Kinderzimmer, im Herrenzimmer, auf der Diele, oder in traulichen Gaststuben einen frohen Klang erzgebirgischer Heimatkunst, Heimatlust und Freude zu tragen. Sie haben sprühende, lebendige Ursprünglichkeit und farbenreiche Musik in allen Gliedern, wie ein Volkslied, das durch alle Stimmungen reißt, innig empfunden und frisch aus dem Herzen gesungen.

Sie sind wahre Volkskunst eigener echter Prägung und Art, durch welche das Erzgebirge seinen Ruf in ungeahnte Fernen zu tragen vermag, denn nicht die Schablone, nicht die Allerweltsartikel, nicht die Billigkeit begründet den Ruf und Erfolg, sondern die Eigenkunst, die Eigenkraft, der Eigenwert, die volkstümliche Eigenart, welche lebendig aus dem tiefsten Empfinden der Volksseele herausgewachsen ist. Möge sich mit dieser volkstümlichen Eigenkunst der echte Unternehmergeist verbinden, der im Betrieb und Vertrieb auch die wirtschaftlichen Erfolge für die erzgebirgische Heimkunst herbeizuführen weiß. – Trotz vieler köstlicher Dinge, die aus der Fachschule noch zu berichten wären, z. B. Christmetten in Seiffen in wunderbarer Lebendigkeit figurenreich hingestellt, müssen wir scheiden. Wir gehen noch durch mancherlei Häuser und Fabriken, um einerseits die Heimarbeit, andererseits die Reifendreherei und die bis ins Äußerste getriebene Arbeitsteilung der Seiffener Industrie kennen zu lernen, wo mancherlei bemerkenswerte Beobachtungen, Bilder und Gespräche uns lohnten. Geht nur mit offenen Augen und Herzen in die Arbeitsstätten und ihr werdet stets reicher daraus wiederkehren! Hier will ich jedoch nur noch von einem Besuche berichten, bei Auguste Müller, einem Mütterchen von über 70 Jahren, welches als letzte noch die urtümliche Herstellung einzelner Originalstücke nach eigener Erfindung in mühevoller Handarbeit vom rohen Holze bis zum letzten Pinselstrich übt.

Mit gebeugtem Rücken, die Brille vor den Augen, sitzt sie im engen Stübchen, das Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitsraum zugleich ist, wo die Katze schnurrend umherstreicht. In malerischer Unordnung liegen auf dem Tisch Arbeitsgeräte, gekochte Kartoffeln, Nähzeug, Kaffeetopf und allerlei Dinge verschiedenster Bestimmung. Eifrig holt sie einen Kasten herbei mit einzelnen fertigen Arbeiten, und erzählt von ihren Plänen. Für einen feinen Herrn hat sie die Figuren der Söhne geschnitzt in Matrosenanzügen, und ein feines Fräulein mit Täschchen und Federhut. Im Walde lebt der »Nusser« (Häher) und diesen packt der Habicht. Da verliert er seine kleinen blauen Federn. Diese sammelt sie sich und schmückt damit den Federhut des feinen Fräuleins. Für Kleid und Tasche sucht sie in der Modenzeitung ihre Muster in Schnitt und Farbe.

Für das Dienstmädchen wählt sie ein flottes Dirndlkleid. Frisch ist der Typus der feinen Dame und des drallen Dienstmädchens getroffen. Dort hat sie eine ganze Tiroler Sängergesellschaft humorvoll zusammengestellt. Jetzt wolle sie einen Tempel bauen mit einer Krone oben, um den die Engel schweben. So geht ihre Phantasie und ihr Plaudern mit einer erstaunlichen Lebendigkeit. Was sie sich zusammensinniert mit ihrer kindlichen Phantasie, das führt sie mit großer Sicherheit durch, wofür viele eigenartige und reizvolle Stücke in der Sammlung der Fachschule und im Bunten Hause Zeugnis ablegen. Unter manche dieser Stücke klebt sie einen Zettel, auf dem irgendeine Schnurre oder scherzhafter Einfall notiert ist, der ihr vielleicht gerade Anlaß zu dieser Arbeit und ihrem Humor gegeben hat. So läßt sie ihre kleinen Personen reden und macht sie sich selbst lebendig. Sie lebt mit ihnen, sie sind kindlicher Ausdruck ihrer Stimmung. Auch ihr Name darf nicht fehlen. Ein stark abgeschliffenes Schnitzmesser ist ihr Handwerkszeug bei der Schnitzarbeit.

Das ist echte Volkskunst in ihrer ganzen Kindlichkeit, die noch in diesem alten Mütterchen lebt und webt, sie ausfüllt und geistig lebendig, zufrieden und rüstig erhält trotz aller Kärglichkeit und Sorge, welche der mühsame Erwerb bereitet; Volkskunst, wo in jedem einzelnen Stück die ganze Liebe und Freude des Herstellers an der Arbeit steckt und es wertvoll macht als Originalwerk, das aus der Seele des Volkes geboren ist. Volkskunst freilich auch, die nicht für den Massenexport und Lebensberuf geeignet ist. –

Wir scheiden von der Alten mit dem Wunsche, daß sie noch lange ihr Schnitzmesser führen möge als letzte Schnitzerin echt volkstümlicher Seiffener Kleinkunst. Ihre kleinen Arbeiten werden wohl bald in Sammlungen solcher Dinge gesucht sein.


Unsere Abschiedsstunde von Seiffen hat geschlagen. Wir setzen den Stab heimwärts aus dem Lande der Kinderträume, Weihnachtsseligkeit und Spielzeugherrlichkeit, in dem uns wohl war wie am Heiligen Abend. Wir scheiden vom Erbgericht und Buntem Haus mit Dank für die Behaglichkeit, Freude und Anregung, die wir so reich erfahren haben. Möge der Geist erzgebirgischer Volkskunst einer echten Weihnachtskunst, wie er hier seinen lebendigen Ausdruck gefunden hat, stärker werden, wachsen und überall in unseren Dörfern und Städten ein Daheim finden, möge er sie zur Pflanz- und Pflegestätte einer echten bodenständigen volkstümlichen Kunst und Kultur machen.

Nur die Pflege der Eigenart kann uns stark machen, abheben, herausheben von dem Gleichgültigen, aus der Masse, aus tödlicher Schablone. Wie unsere Berge ihren Charakter tragen, der auch in den Kindern der Berge sich ausprägt, so muß die Kunst des Gebirges zu immer größerer Echtheit und Eigenart sich durchringen und emporsteigen. Der innere Gehalt und äußere Wert können und werden durch die künstlerische Eigenart und Besonderheit wachsen und durch sie eine neue Blüte der alten erzgebirgischen Volkskunst gewinnen. Hebt euch, ihr Künstlerhände, zum Werke und zur Tat, wache auf, Phantasie mit Kindesaugen und Kindesherzen und schaffe neues Kinderglück, raffe dich auf, Unternehmergeist, zu frischem Wagen und neuer Unternehmung für alte und neue Kinderkunst. Und ihr alle, die ihr der Heimat Gaststätten bietet, denkt daran, auch der Heimatkunst gastliche Stätte zu bereiten. Glückauf allen wackeren Männern, die daran arbeiten, um so der Heimat neue Freude, Licht und Glück durch die Kunst zu schaffen. Glückauf!