Das alte Land im jungen Lenz
Eine Osterfahrt in die Bergstädte des westlichen Erzgebirges
Von Gerhard Platz, Weißer Hirsch
Gerade blick’ ich mich ein wenig ratlos um in der Gegend, da springt hinterm Dornbusch ein Handweiser hervor, so ein guter alter weiß und grüner, mit fünf feierlich gespreizten Fingern. »Nach Schneeberg,« sagt er, »eine Wegstunde.«
»Sei mir bedankt, alter Gesell, und laß dir die dürren Knöchel drücken, du kamst mir zupass! – – Ach so, kannst nicht herablangen zu mir und ich nicht hinauf zu dir – nun, meinen Dank nimmst du auch so!« Und damit wandre ich fürbaß, bis auf der Kuppe droben die St. Wolfgangskirche emporragt über sonnenblitzenden Schieferdächern, gelehnt an den bewaldeten Gleesberg.
Wie tut mir die Einsamkeit wohl. Stundenlang im Bahnwagen nichts gehört als Politik – und was für welche! Du lieber Gott, wann wird einmal der Frieden einziehen in die deutschen Herzen? Und dabei ist heute Karfreitag – die Stunde schon da, da der Herr ans Kreuz geschlagen ward. Leid tat mir’s nur um das Knäblein, das der hitzigste von den Politikern bei sich hatte. Immer wieder machte das den Versuch, dem Vater die Enten im Bach, die Narzissen im Garten, das Fohlen auf der Wiese zu zeigen. Nichts half’s ihm! Wie eine trübe Flut quoll der Haß aus dem Manne heraus. – Ängstlich und verständnislos hingen des Kindes Augen an seinen Lippen, bis ich mich des Kleinen erbarmte und mich mit ihm um die Wette freute am jubelnden Lenzmorgen draußen. –
Nun bin ich allein mit Lerche und Bergwind und freue mich dankbar jedes der ersten kleinen Frühlingsboten. Der Zitronenfalter, die Dotterblume, die grünen Grasspitzen dort – jedes einzelne ein Bote der Liebe an unsre haßerfüllte Welt.
Kuppe auf geht’s, Kuppe ab; über die Mulde und dann wieder eine Lehne hinan. Auf der letzten Höhe aber mache ich erst einmal Halt am sonnigen Feldrain. Der Rucksack tut sich auf und gibt die guten Dinge heraus, die daheim ihm anvertraut wurden. Brot, Wurst, die zwei Ostereier, eines rot, gelb das andere, liegen lieblich vereint auf dem Wettermantel, und dann kommt das Weidmesser heraus, das mich getreulich auch auf diese gänzlich unweidmännische Fahrt begleitet, und fährt hinein in all diese Pracht. – Stark und sicher thront vor mir die Stadt Schneeberg auf ihrer Höhe; mit Freude versenkt sich der Blick in das kraftvolle Bild. – Jetzt noch ein Trunk aus dem Bächlein, und vergnügt beschließe ich das Mahl, für das mir das deutsche Gärungsgewerbe freilich keine Anerkennungsurkunde ausstellen wird. Dann stehe ich am Fuße des Schneebergs, dessen Kirche immer riesenhafter herauskommt. Direkt in den weißblauen Himmel hinauf scheint der Turm mit seiner überraschend zierlichen Krönung zu wachsen. Schon beim Betreten der Stadt springen mir allerhand Spuren ihrer bergmännischen Vergangenheit ins Auge, und als ich nun sonnedurchglüht am Rande des weiten Wasserbeckens auf dem Fürstenplatz unterm Kastanienring raste, da macht sich der Geist der Vergangenheit auf, und ich muß ihm nachgehen, denn dann erst spricht die Heimat mit mir von Herzen zu Herz.
Abb. 1 Schneeberg, Gesamtansicht (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Schneeberg – wie weit erscholl einst dein Ruhm hinaus in das deutsche Land! Wie warst du der Augapfel deiner Landesherren, der Stolz des sächsischen Volkes. Wer in deine Geschichte sich versenkt, vor dem steigt es abenteuerlich und wild empor. Ein Bergwall von fast unüberschreitbarer Wildnis; ein Urwald, drin Bär, Wolf und Luchs hausen, drin am vermorschten Eichstumpf der Jungbaum emporsteigt ans Licht, drin faulenden Holzes fahler Schimmer und des Irrlichtes tückisches Lämpchen den Wandrer erschrecken, düstert vor seinem Auge hinan. Mitten aber in dieser Wildnis schießt plötzlich ein Gemeinwesen empor mit einer Wucht und Schnelligkeit, die wir Menschen der Neuzeit nur mit der Entwicklung eines amerikanischen Goldgräberlagers vergleichen können.
Ja, mit »reißender Gewalt« hebt sich der Bergbau im Jahre 1472, seitdem man zwei Jahre vorher fündig geworden. Zwickauer sind die ersten Gewerken, aber auch aus allen anderen Gegenden des Reiches strömen die Bergbaulustigen herbei, mancher Abenteurer darunter. Reich werden um jeden Preis ist die Parole. Genug solche sind auch dabei, denen das gewonnene Silber zwischen den Fingern zerrinnt; ein Prasserleben hebt an im Gefolge der Arbeit. Für Schwächlinge und Muttersöhnchen ist’s freilich nichts, das Leben im Berglager. Wen hier der graue Wächter, die scharfe Seitenwehr, nicht bewacht, um den ist’s übel bestellt. Überfälle auf Schmelzhütten und Zechen sind an der Tagesordnung. Vor jeder Grube stehen Geharnischte auf Posten.
Aber bald beginnt das zuchtlose Toben und Treiben sich zu legen, gelenkt und gebändigt durch Obrigkeit und Bergrecht. Auch im Äußeren zeigt sich nun Ordnung und Norm. Die Zechen werden mit einer Einfriedigung versehen in Form eines hölzernen Schrankens um den ganzen Berg herum. Ist so ein Schutz vor Räubern in menschlicher und tierischer Gestalt geschaffen, so droht doch noch andauernd eine andere furchtbare Gefahr in Gestalt der rasenden Waldbrände. Einmal lodert der böhmische Wald vierzehn Tage lang ohne Aufhören gen Himmel. Aus den Holzschranken wird bald ein fester Wall von der Gestalt, »wie man ein Hertze pfleget zu mahlen«. Sechsundfünfzig Zechen allein liegen anno 1474 innerhalb der Umzäunung; mit denen, die draußen sind, hundertsechsundsiebzig an Zahl! Und all’ diese ungeheure Entfaltung im Laufe von fünf Jahren.
Rückschläge bleiben nicht aus. Das Wasser vor allem macht den Bergleuten zu schaffen, denn die Gruben gehen gar bald sehr in die Tiefe. Aber schon 1477 blüht der Bergbau wieder empor. In diesem Jahre gibt der St. Georgschacht 4000 rheinische Gülden als Ausbeute auf einen Kux. Auf dieser Zeche ist’s, wo Albrecht der Beherzte am 23. April gleichen Jahres an einer Erzstufe von 400 Zentnern Gewicht, die fast ganz aus gediegenem Silber besteht, einen Imbiß einnimmt. Dieser Fürst besonders hält alle Hände über den Schneeberg. Woher sollt’ er die Mittel zu seinen zahlreichen Kriegszügen nehmen, wenn nicht aus den Gruben hier oben? Da kommt das Jahr 1490; eine Schreckenszeit für die junge Stadt. Fast alle Zechen müssen Schicht machen wegen des Wassers. Das Elend ist groß. In Scharen wandern die Knappen ab nach dem Schreckenberg, wo man eben fündig geworden ist, und wo St. Annenberg emporblüht. Die zurückbleibenden Häuer werden unzufrieden und schwierig. Gewalttaten gegen Bergmeister und Geschworene fallen vor, und 1496 ist er da, der erste Streik! Noch gelingt es, den friedlich zu schlichten, aber zwei Jahre darauf erfolgt der zweite Ausstand. Sogar die Häupter und die Jungen müssen mit ins verschanzte Lager der Bergleute auf dem Wolfsberg. In Kochstücke will man sie zerhauen, wenn sie nicht mittun.
Aber von neuem bietet der Berg schier unerschöpfliche Schätze dar. Die Unzufriedenheit schwindet, der Häuerlohn berechtigt wieder zu Lebensgenuß und reichlichem Haushalt. »Ausbeut hat man auch geben – Auff St. Jörgen in Schneebergk zwahr – Mehr denn dreißigtausend Gülden – Auff einen Kux fürwahr« rühmt der Bergreihen. Da fängt die Kunst an, sich dem Wohlstand zu verschwistern. Zunächst in unbeholfener Form, in der Gestalt von Volksfesten mit geistlichen Schauspielen, die alle sieben Jahre mit großer Pracht aufgeführt werden. Freiberg, die alte, die reiche, geht schon lange darin mit gutem Beispiel voran. Einmal führen dort die Knappen auf offnem Markt an den drei Pfingsttagen die biblische Urgeschichte auf, den Fall der Engel und die Schöpfung der Welt bis zur Austreibung aus dem Paradies. Gott Vater, Gabriel, Michael, Satan, Adam und Eva, sechs gutgeratene, sechs mißratene Söhne Adams sind die handelnden Personen. Herzog Georg mit seinem ganzen Hofstaat ist andächtiger Zuschauer. – In Zwickau findet ein paar Jahre darauf eine Belustigung statt vor Johann dem Beständigen, deren Verlauf folgender ist:
Abb. 2 Schneeberg, Alte Polizeiwache und Hospitalkirche
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Zunächst wird aufgeführt die Komödie des Terenz »Der Eunuch«. In den Zwischenakten dieses Stückes gibt man zur Erheiterung des Publikums: »Wie sich sieben Weiber um einen Mann zanken und schlagen«; und darauf: »Wie sieben Bauernknechte um eine Magd gefreiet haben.« All das geht zierlich und wohl vonstatten. – Hierauf prellen zweiundzwanzig Fleischhauer einen vermummten Menschen auf einer Kuhhaut. Dann halten vierundzwanzig Knappen den Schwertertanz ab, der von den Hallstädter Salzknappen auch ins Erzgebirge gekommen ist. Als dies vorüber, erscheinen achtzehn Männer, wunderlich gekleidet, »daß sie als Störche anzusehen«, und lesen mit den Schnäbeln Nüsse auf, die ihnen ausgestreut werden. – Glückliche Kinderzeit unsres Volkes!
Abb. 3 Schneeberg, Altes Patrizierhaus am Hopfenmarkt
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Doch weiter schreitet das Sehnen nach etwas, das den Menschen in höherem Sinne freimacht und loslöst von des Alltages Schaffen und Sorgen auch in den Kreisen der Schneeberger. Der Bergsegen drängt die reichen Fundgrübner dazu, etwas wirklich Großes zu schaffen. Glaubensinnigkeit und die dem gefahrvollen Bergmannsberuf eigene Frömmigkeit tun das weitere. Eine Kirche wollen sie bauen zu Ruhm und Ehr der heiligsten Mutter und zum Preise St. Wolfgangs. Im Jahre 1515 wird auf den Grundmauern der ersten abgebrannten Kirche der Bau des neuen Gotteshauses begonnen. Der in Kursachsen hochberühmte Hans von Torgau wird der Meister des Baues, derselbe, der schon an der Albrechtsburg sich die Sporen verdient hat in der Reihe der Gesellen.
Abb. 4 Schneeberg, Fürstenplatz (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Langsam nur schreitet das Werk vorwärts. Erst 1540 kann Fabian Lobwasser den Bau vollenden. Aber was dann zum glücklichen Ende gebracht, das ist etwas, das zu dem wirklich Großen, nicht nur im äußeren Maßstab, gehört.
Abb. 5 Schneeberg, Aus dem Anhang. Turm der St. Wolfgangskirche
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Zu der St. Wolfgangskirche ist jetzt nach der Rast auch mein erster Gang. Im köstlichsten Sonnenschein liegt der gewaltige Bruchsteinbau vor mir. Zur Seite des Turmes, der, noch vom ersten Kirchenbau übernommen, sich unregelmäßig vor das Langhaus legt, blüht ein Kornelkirschbaum in voller Pracht. Ungehindert kann das liebe Sonnenlicht auch in das Innere der Kirche dringen. St. Wolfgang ist eins von den bei uns nicht seltenen Gotteshäusern, die noch in den Formen später Gotik, nicht mehr aber in ihrem Geiste erstanden sind. Ganz auf den Gemeindegottesdienst ist der weite, dreischiffige Bau zugeschnitten. Groß muß die Teilnahme am Werk im ganzen Lande gewesen sein. Man darf namentlich wohl annehmen, daß Luther und Melanchthon um ihren Rat angegangen worden sind, als es galt, das neue Haus mit auserlesenen Werken der Malerei zu schmücken. – Wo hätten die Zeitgenossen wohl besser ihre Blicke hinlenken können, als nach Wittenberg, des frommen Lukas Cranach Heimstätte? Was uns der Meister hier in St. Wolfgang hinterlassen hat in seinem berühmten Altarwerk, das gehört zu dem Schönsten mit, was er je geschaffen. Nicht mehr als ein einheitliches Ganze freilich stellt sich heute das Altarwerk dar. Die Kaiserlichen haben die Tafeln im Jahre 1632 geraubt und nach Prag entführt. Erst siebzehn Jahre später gelang es den unermüdlichen Bemühungen der Bürgerschaft, sie wieder zurückzubekommen. Heute prangt die große Kreuzigungsgruppe in einem Barockaltar für sich allein. Aber sie ist auch nicht das Schönste – bei weitem nicht! Der Ruhm gebührt unstreitig der herrlichen Tafel mit der Darstellung des Abendmahls, der Predella! Lange kann ich den Blick nicht wenden von den herrlichen deutschen Männerköpfen, die der Meister seinen Aposteln verliehen; sicherlich Bildnissen von Schneeberger Bürgern, wohl auch seiner selbst. Zart und morgenländisch fremd hebt sich der Heiland heraus aus der Schar der Tischgenossen. Eben reicht er mit der edelgeformten Hand dem Judas den Bissen. Der sitzt da als ein roter, derber Rüpel, dem Beschauer den Rücken kehrend; schon im Äußern gekennzeichnet als der Erzbösewicht. Befremdlich, und doch auch wieder so verständlich im Wesen der Entstehungszeit des Bildes wirkt der aus der Weinkanne trinkende Jünger am Fuße der Tafel im Gegensatz zur ehrbaren Würde der Mitapostel. Mit seinem starken fleischigen Doppelkinn, in seiner alles vergessenden Hingabe an den Genuß des Tischtrunks fällt er beträchtlich aus ihrem Kreise heraus. Ist’s wohl eine der Klerikergestalten, mit denen Reformation und Kirchenvisitationen damals rasch und gründlich aufräumten? – Im herrlichen Akkord rollt von oben her das Geläut der Glocken durch den Raum, wie ich aus dem Halbdunkel bei den wunderbar schönen Grüften hervortrete und dem Ausgang mich zuwende, um noch ein wenig das Stadtbild auf mich wirken zu lassen.
Abb. 6 Schneeberg, Filzteich (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Von Häusern aus der ältesten Zeit finde ich nichts mehr, dafür aber erfreuen mich viele wunderschöne Bauten aus dem 18. Jahrhundert. Sie vor allem geben der Stadt das Bild der Vornehmheit, der Wohlhabenheit, das sie unstreitig entfaltet. Eine Erinnerung übrigens aus dem genannten Jahrhundert bewahrt Schneeberg in sich, voll wehmutsreich inniger Bedeutung für alle, die mit unseres Volkes geistiger Vergangenheit vertraut sind. Im August des Jahres 1786 standen sich hier zwei Menschen auf Jahre hinaus das letztemal gegenüber, aus deren Herzensbund die reinsten, zartesten Blüten entsprossen sind – Goethe und Charlotte von Stein! Von Karlsbad aus, wo er mit seinem Herzog und Steins zur Kur weilte, hatte Goethe die Freundin, die nach Weimar zurückkehrte, bis Schneeberg geleitet. Nach einigen Tagen des Verweilens in der alten Bergstadt ging der Dichter nach Karlsbad zurück, um am 3. September frühmorgens um 3 Uhr sich von dort »fortzustehlen«, – südwärts, dem Land seiner Sehnsucht entgegen. –
Abb. 7 Rotes Pochwerk, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Was diesem letzten Beisammensein der Freunde den ihm eigenen, wehmütigen Schimmer verleiht, ist das wohl in beider Herzen damals zur Gewißheit gewordene Gefühl, daß Glück und Leid der letzten elf Jahre sich unaufhaltsam ihrem Ende näherten. Müde war die Sehnsucht geworden, die doch nur in völliger Verbindung hätte Erfüllung finden können – und als Goethe 1788 wieder in Weimar eintraf, da war der edlen Rose Zauber verblichen. An seinem Wege aber sah der Dichter das Blümchen stehn – wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön – – Christiane Vulpius trat in sein Leben.
Abb. 8 Siebenschlehner Pochwerk, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Abb. 9 Gesellschaft Fundgrube, Neustädtel (Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
In der dritten Stunde des Nachmittags dann sitze ich auf einsam alter Halde hoch über Neustädtel, der älteren Schwesterstadt Schneebergs und blicke hinaus in das weite Gefilde, das noch von unzähligen Spuren des Bergbaus bedeckt ist. Lautlos liegt die Natur – ein wehmütig Bergglöckchen nur klingt hier und da leise herauf. Groß und finster schiebt sich ein Wolkenschatten über die eben noch lachende Flur – einen fremden, fast krassen Ausdruck zeigt auf einmal das haldenzerrissene Land. Da greift auch mir der furchtbare Ernst der Stunde ans Herz, der letzten, da unser Heiland am Kreuze rang. Schwer atmend liegt das Gefilde zu meinen Füßen. – Ja, es ist finster. Schon ist er verklungen, der furchtbare Schrei der Gottverlassenheit; nun Stille – Stille. Da endlich, gestärkt durch den Essigtrank, die hallende Stimme vom Kreuze: »Es ist vollbracht.« Von St. Wolfgang herüber schlägt’s drei. – – –
Abb. 10 Hutstube im Huthause zur Gesellschaft Fundgrube bei Neustädtel
(Phot. Emil Maaß, Schneeberg)
Dann ist ein Tönen über das Land um den Schneeberg! Die Glocken alle rollen zusammen im starken, siegreichen Takt. Kindlich lallend fällt in den gewaltigen Baß der Hauptkirche das Glöckchen von Neustädtel, und jetzt ein Lerchenlied! Nicht eins nur; zwei, drei jubelnde Sänger steigen empor. Der Schatten ist vorübergezogen, fröhlich springt auf dem leuchtenden Saatfeld ein Häslein dahin – ist’s nicht, als wollt’ auch die Kreatur jubilieren über den Sieg, der eben geschah? Zu meiner Linken flimmert’s im Grase. Mechanisch greif ich dorthin und hab’ eines jener Steingebilde in der Hand, das eine kleine Welt für sich darstellt, mit Kristalltürmen und Grotten und Tropfsteinhöhlen – ein Stücklein Gestein, wie es der alte Eigenlöhner vor hunderten von Jahren hier auf die Halde gestürzt. Dann greif’ ich zum Stabe und ziehe die Höhe hinan, an Weißer-Hirsch-Fundgrube, an Siebenschlehn und Sauschwart vorbei und wie die alten treuherzigen Bergnamen alle heißen. Ganz oben, dort wo dereinst die Knappschaftskapelle der heiligen Anna gestanden und wo 1830 das edle Denkmal zur Erinnerung an die dritte Wiederkehr der Augsburgischen Konfession errichtet ward im Geiste des Berghauptmanns von Herder, dreh’ ich mich um, und wie ich das prachtvolle Bild von Schneeberg und Neustädtel zu meinen Füßen erblicke, da muß ich im Geiste mit einstimmen in den alten Bergreihen, der so stolz anhebt:
»Den Schneebergk wöllen wir preysen
Über andre Bergkstedt all.«
Abb. 11 Geyer, Laurentius-Kirche mit Wachturm
(Phot. B. Zillessen, Bautzen)
Nur ein paar Schritte ist’s noch von hier aus zum Filzteich. Das ist ein gewaltiger Stausee, der schon 1485 zum Segen des Bergbaus entstand. Eine innig verklärte Abendstunde ist mir hier noch beschieden auf breiter Dammkrone und weiter hinten, wo der Boden unterm Fuße zu federn anhebt, wo niedrige Kiefern und üppiges Preiselbeerkraut wachsen, wo lange hellgrüne Pflanzensträhne übers Wasser sich hinziehen, wo der »Filz« anhebt, das Hochmoor mit seinem regen Vogelleben jetzt zur Entenreihzeit. Noch unterm Halbschlaf im Gasthaus zu Aue hör’ ich die Enten über mich wegklingeln, der purpurnen Abendsonne entgegen. – –
Abb. 12 Der Gebirgskamm von der Wolkensteiner Straße in Geyer aus gesehen
(Phot. Max Nowack, Dresden)
Donnernd poltert die Mulde in Aue unter der Brücke dahin, und weißbereift sind die Wiesen ringsum, wie ich in der Frühe des Ostersonnabends meinen Weg wieder unter die Füße nehme. Viel besser gefällt mir in der fröhlichen Morgensonne die betriebsame Stadt, als am Abend vorher. Freilich, Idyllisches aus alter Zeit bietet sich hier, dem flüchtigen Besucher wenigstens, nicht mehr dar. Und doch wird mir gerade in Aue ein besonders schönes Stündchen der Erquickung. Wie ich am Rathaus vorbeikomme, da fällt es mir ein, daß dort oben ein Freund aus der Jugendzeit als Stadtoberhaupt haust. Trotz der frühen Stunde zieh’ ich die Klingel und lasse mich melden. »Hie mag nit sein ein böser Mut – wo da singen Gesellen gut« geht mir’s durch den Kopf, als ich im Musikzimmer den aufgeschlagenen Flügel und die Laute an der Wand betrachte. Und richtig, er ist der Alte geblieben, der Freund aus fernen Jugendtagen. Trotz Amtesbürde und -würde noch dasselbe begeisterungsfähige, jung gebliebene Herz; und ihm zur Seite die Hausfrau, eine reichbegabte Malerin, deren Kunst sich jetzt zu unsrer Freude von der oberlausitzer Heimatschilderung immer mehr zur Verherrlichung der erzgebirgischen Landschaft wendet. Wunderbar gut tut das Stündchen Gegenwartskultur dem Wandrer auf der Vergangenheit Spuren, der nun hinausschreitet, neuem Erleben entgegen. – Nahe bei der Stadt Aue ward früher die kostbare weiße Erde gegraben, auf der die Güte des Meißner Porzellans beruhte. Veit Hans Schnorr begann 1700 die bergmännische Gewinnung des Stoffes, der bis dahin nicht weiter verwendet ward; der höchstens dem Grundherrn der Gegend, einem von Rechenberg, zum Pudern der Perücke gedient hatte. Erst als Böttger die rote Porzellanerde von Okrilla zur Herstellung seines Steinzeugs verwendete, kam man hinter den Wert der weißen Erde von Aue. Jeder private Porzellanerdeabbau, sowie die Ausfuhr derselben, ward nun bei hoher Geldstrafe, später gar bei Strafe des Stranges, verboten. Noch ein anderes Geschenk des heimischen Bergbaus ist der Landschaft zum Nutzen geraten. Der einst so verachtete Kobalt, der »Silberräuber«, wie ihn die alten Gewerken nannten, wenn sie ihn als wertlos auf die Halden warfen, ist der Vater der seit Jahrhunderten blühenden Blaufarbenindustrie. In alter Zeit betete man in den Kirchen, Gott möge die Bergleute vor Kobalt und bösen Geistern behüten, bis zur Zeit Kurfürst Augusts sein Wert erkannt war. –
Hinauf nach Oberpfannenstiel hebt sich mein Weg. Ein gottesweltweiter Blick tut sich vor mir auf, wie ich den prachtvollen Wald hinter mir habe. Nie hätte ich so Schönes hier zu sehen erwartet. Verschwenderisch wird die Mühe des Kletterns gelohnt. Freilich, dreihundertfünfzig Meter Steigung in einer Stunde etwa, mit der Märzensonne auf der Winterjoppe, wollen verdient sein. Aber nicht lange, und schon überfröstelt es mich bei aller Sonnenglut. Kurz vor Grünhain bin ich nun doch richtig in die Schneeregion eingetreten. Allenthalben liegt der graukörnige alte Feind an den Rändern und in den Hölzern. Von Süden winkt gar der Fichtelberg mit großen weißen Lehnen.
Grünhain, zwischen weiten sanften Matten, tut sich jetzt vor mir auf; ein paar Wasserspiegel beleben das Bild. Von der ehemaligen reichen Zisterzienserabtei ist zwar nicht viel mehr vorhanden an Baulichkeiten, aber einen Rastort voll herrlichen Friedens umschließt die weite Klostermauer – das Wäldchen, drin noch die Spuren der Klosterkirche zu sehen. Das Gotteshaus ist dahingesunken, aber ein ebenbürtiger Dom von ragenden Buchen, Erlen und Tannen baut sich jetzt in den Himmel hinauf. Keine Axt läßt der Herr Forstmeister, dem die Verwaltung hier obliegt, an diesen Hain legen; nur was morsch ist und krank wird genutzt. Eine Vogelwelt von seltener Reichhaltigkeit ist hier zu Hause; von allen Zweigen singt es und klingt’s. Und noch eine Schar kleiner Geschöpfe, die auch nicht säen noch ernten, hat hier ein schützendes Obdach gefunden vor den rauhen Winden dort draußen: schwachsinnige Kinder sind in den Wirtschaftsgebäuden untergebracht. Allenthalben sitzen sie im warmen Sonnenschein – auf der Mauer ein Mädel, in dessen Schoß ein gleichaltriger Knabe den Kopf gebettet hat; selig und tief schläft er hier im süßesten Frieden. Der freundliche Oberpfleger, nach seinen Schützlingen befragt, schmunzelt behaglich. »Nicht wahr, Karle,« meint er zu einem gut genährt aussehenden Burschen von etwa fünfzehn Jahren, »ganz brav sind wir alleweil, bloß die Finger, o weh, die Finger; die sind immer gleich gar zu lang.« Übers ganze Gesicht lachend bestätigt der Zögling dies Zeugnis.
Das Kloster gehörte dereinst zu den reichsten im Lande. Eisen- und Kohlengruben, die letzteren schon um 1450 ausgebeutet, waren sein eigen. Einen großen Tag erlebte das Stift am 9. Juli 1455. Da waren die Sturmglocken über die Berge gerauscht, denn auf dem Schloß zu Altenburg war eine unerhörte Tat geschehen. Die beiden jungen Herren, Ernst und Albert, waren geraubt worden vom verwegenen Ritter Kunz von Kauffungen. »Lieben getrewen, uns ist Cuntz und syne Helffers in unser Schloß Altenburgk gestiegen und haben unsere beyden Söne, das Gott geklaget sey, wegbracht.« Dieser Notruf des geängsteten Vaters fand im treuen Volk allenthalben teilnahmsvollen Widerhall. Nach dem Gebirge hatten sich die Räuber gewandt – und schon am Tage nach der Tat hatte man den von Kauffungen fest. Noch steht im Klostergarten der Turm, darin er in des Abtes von Grünhain Gewahrsam eine kurze Zeit gesessen haben soll. Am 14. Juli aber stand er bereits vor den Geschworenen von Freiberg, wohin der Hochverratsfall gehörte, seit im Jahre 1294 Friedrich der Gebissene den dortigen Schöffen zugesichert hatte, daß sie gewaltig sein sollten, sein Recht zu rügen und zu setzen. »Was blast dich Cuntz für Unlust an, Daß du in’s Schloß nein steigest« sangen bald drauf die Bergleute rundum. – Von 1536 ab stand das Kloster verlassen. Die Mönche wanderten mit Urkunden und Schätzen ab nach Kaaden. Ein herrliches Stück aber ist von dem ehemaligen Reichtum noch auf uns gekommen; der wundervolle Taufstein, der 1536 nach Annaberg kam und dort in der großen Kirche aufgestellt ward (siehe O. E. Schmidt »Annaberg«, Band IX, Heft 1–3 dieser Zeitschrift). –
Abb. 13 Kirche in Ehrenfriedersdorf
(Phot. Max Nowack, Dresden)
Und nun geht es wieder hinaus auf die Landstraße und das geheimnisvolle, frohe Harren hebt wieder an, was einem die nächste Wegbiegung, was einem die nächste Höhe bescheren wird. Daß ich’s gleich sage, die stille Freude an schönen alten Gehöften, an stattlichen Gasthäusern aus guter alter Fuhrmannszeit, wie sie im östlichen Erzgebirge und besonders am Fuße des Bergwalls noch zahlreich vorhanden sind, ist dem Wandrer hier oben nicht mehr häufig beschieden. Zu sehr hat die Industrie am Bilde der uralten Siedlungen genagt. Aber die Natur macht alles wieder gut; sie ist so stark und groß gerade in diesem Teil des Gebirges, daß sie sich einfach nicht tot machen läßt. Immer wieder versöhnt den Wandrer der unsagbare Zauber des Fernblicks, das stille Raunen der Wälder, das Murmeln der Bäche. Wie ein Silberband springt hier gerade der Oswaldbach unter meiner Straße hindurch in ein Wiesental von seliger Schönheit. Und was alle die Gasthäuser heut morgen nicht vermocht haben, er läßt mich nicht vorbei, ich muß einkehren bei diesem Wirte wundermild! – Hab’ Dank, heiliger Oswald, für den Trunk, damit du den Pilger auch heut’ noch erquickst. –
Gleich gibt es wieder etwas zur Freude. Da stehen im Moose verstreut in gemessenen Zwischenräumen die Grenzsteine der Forstverwaltung. Aber hier sind sie nicht nüchtern aus weißgekalktem Stein mit Ziffer und Krone gefertigt – vom Alter grün gewordene Glimmerschieferplatten mit schön geschwungenen, rot nachgezogenen Kurschwertern und altertümlichen Jahreszahlen aus dem achtzehnten Jahrhundert stecken hier wie aus dem Waldboden selber entsprossen im Gras. Auf der Höhe kommen jetzt die drei vulkanischen Tafelberge, der Pöhlberg, der Bärenstein, der Scheibenberg mit seinem zerklüfteten Rande heraus; alle noch mit silberverbrämtem Mantel über den Schultern.
In Elterlein, wo ich am Wirtstisch mein Brot mit der Wurst würfle, kann ich mich nicht enthalten, einem Mitgast mein Befremden über das ziemlich nüchterne Bild des Marktes auszudrücken. »Ja, das is nu immer schon so gewesen,« entgegnete der Wackre, was mich aber doch zu der Bemerkung veranlaßt, ich könne nicht glauben, daß man zur Zeit, da sich die alten Nürnberger Elterleins hier des Bergsegens erfreuten, schon derartig gebaut habe. Er gibt das denn schließlich auch zu.
Das nun kommende Wegstück zählt zu den eigenartigsten des ganzen Tagmarsches. Die Landschaft schreit es nicht aus, was sie erlebt hat in der Jahrhunderte Lauf. Starker, wohlgepflegter Fichtenwald geht stundenlang neben der Straße her; aber hier und da gleitet der Blick über eine freie Fläche von so ausgesprochenem Hochmoorcharakter, daß es dem aufmerksamen Beschauer klar werden muß, welch ein Riesenwerk die Urbarmachung des Miriquidi darstellt. Sumpf und Urwald – das war das Gebirge, ehe der Bergknappe hierher kam mit Axt und Eisen, und in seinem Gefolge der Köhler mit Feuer und Schürbaum. »Es grüne die Tanne, es wachse das Erz«, schon in dem alten Spruch ist die Untrennbarkeit beider Berufe bescheinigt.
Nicht eine Seele begegnet mir jetzt, nur der Specht kichert über mich hin, und die Krähe ruft mir den rauhen Gruß zu. O Gottesgnade, wandern zu können, stark und allein. Denn nur das ist die richtige Freude. Willst du so recht im Buche der Natur lesen, dann ist leicht auch der vertraute Gefährte schon zu viel. Im tiefsten Innern bleibt der Mensch allein; aber aus diesem tiefsten Innern kommen dann auch die Stimmen, die nach dem Ewigen rufen in sehnender Stille.
Auch Geyer, das mit seiner zerklüfteten Binge nun vor mir auftaucht, kann auf bald ein halbes Jahrtausend Bergmannsdasein zurückblicken. Silber, Kupfer und Zinn ward früh hier gefördert; aber 1476 wanderten viele der Knappen nach dem Schneeberg ab und nach St. Annenberg. Geyersche Häuer sollen die ersten Häuser von Annaberg gebaut haben.
Abb. 14 Greifensteine (Phot. Heinrich Wagner, Ehrenfriedersdorf)
Die Stadt ist mir wert der Erinnerung halber an einen Mann, den ich um seines Werks willen liebe; den jeder lieben muß, der sich nur einmal mit Verständnis in das herrliche alte Leipziger Rathaus versenkt hat. Hieronymus Lotter, der große Baumeister der sächsischen Renaissance, erwarb den Edelhof Geyersberg im Jahre 1560. Sechs Jahre später errichtete er das neue Herrenhaus, den einzigen nachweisbaren Privatbau von seiner Hand. Damals war der ruhmgekrönte Schöpfer der Pleißenburg ein begüterter Mann. Als Hauptgewerke des Geyerschen Zinnwerkes hielt er dreihundert Knappen in Lohn und Brot. 1567 schrieb er an die Kurfürstin Anna, er habe ein ansehnlich Wohnhaus auf dem Geyersberg, und lud die Herrschaft ein, das Jagdlager allhier zu halten. Offenbar kam der Kurfürst von da an öfters zu seinem vertrauten Berater in baulichen Kunstfragen. Als 1568 die Pest übers Gebirge zog, verlangte er vom Rate zu Geyer, man solle den Gottesacker aus der Nähe des Lotterhofes verlegen, da er dort zur Herberge sein werde. – Mit dem Gefühl der Ehrfurcht, die einen an der Stätte ergreift, da ein großer und guter Mensch einst gehaust hat, schau ich mich um in dem alten Hause, das mir willig aufgetan wird. Reich und behaglich mag es gewesen sein zur Zeit, da sein Erbauer hier weilte. Die schön kassettierte Decke im Erdgeschoß gibt davon noch Zeugnis. Hier im kleinen Schreibstüblein war es, wo die Kurfürstin den Meister zur Übernahme der Bauleitung auf dem Schellenberg überredete. Es ist bekannt, daß der Bau der Augustusburg dem neunundsechzigjährigen Mann kein Glück brachte. Kummer und Sorge erwuchs ihm aus dem neuen Amt. Er starb, nicht mehr im frühern Wohlstand lebend, im Jahre 1581. In der St. Lorenzkirche zu Geyer vor dem Altar ward er begraben. – Diese ehemalige Kirchenfestung, die noch heute ein Stück ihrer starken Schutzmauer und den gewaltigen Wachturm als Erinnerung an drangvoll fährliche Zeiten aufweisen kann, enthält in der Vorhalle ein herrliches Werk aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert, eine Ölberggruppe mit Christus und den schlafenden Jüngern von ergreifendem Kunstwert.
So viele Bauwerke von Menschenhand habe ich nun auf meiner Reise gesehen, daß ich mir’s nicht versagen kann, zum guten Ende noch nach einem Gemäuer zu wandern, das nicht von Sterblichen erschaffen ward, das mit unwiderstehlicher Urkraft aus dem Glimmerschiefer herausbrach in sieben gewaltigen Granitpfeilern. Wie eine Zyklopenmauer leuchten die Greifensteine bei Ehrenfriedersdorf im späten Nachmittagsschein in das Land hinaus. Tausende und aber tausende von Jahren saust schon der Bergwind um die mächtigen Türme. Immer noch stehen sie trotzig erhaben; was ist die lächerliche Spanne eines Menschenlebens für diese Zeugen der Urzeit!
Abb. 15 Greifensteine (Phot. Heinrich Wagner, Ehrenfriedersdorf)
Ein wenig ängstlich sehe ich nun doch nach der Uhr. In Thum unten wartet meiner die Eisenbahn; den letzten Zug möcht’ ich nicht gern verpassen. Aber sieh da, es bleibt mir nach hastigem Abstieg noch hinreichend Zeit, das freundliche Städtchen ein wenig kennen zu lernen, bei dem am 15. Januar 1648 das letzte Treffen im Dreißigjährigen Krieg auf sächsischem Boden vorfiel. Ein paar Monate später, als endlich die Friedensboten aus Osnabrück ins verwüstete deutsche Land hinaustrabten, hielt ein Thumer Stadtkind den hochfeierlichen Dankgottesdienst im schwedischen Lager. Tobias Clausnitzer war es, eines Kärrners Sohn, der als Feldprediger im Heer Gustav Wrangels ritt und der uns eines der meistgesungenen Lieder in unserm Landesgesangbuch geschenkt hat: »Wir glauben all an einen Gott.«
Im stillen Frieden des Ostersamstags liegen die Täler, als ich im Bahnzug der Welt wieder zueile. Die Vöglein schweigen im Walde – aber wartet nur, ihr kleinen Sänger, morgen am hochheiligen Ostertage, sehr frühe ehe die Sonne aufgeht, da werdet ihr geweckt werden vom jubelnden Tönen der Glocken auf allen Türmen rundum, die die frohe Botschaft hinaustragen in alle Lande: »Christ ist erstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.«
Abb. 16 Edelhof Alberode bei Aue
(Nach einer Zeichnung von Frau Gertrud Hofmann, Aue)
Dorfkirchen in Groß-Storkwitz, Hirschfeld und Lausen
Wehrkirchen im Leipziger Land[1]
Von Dr.-Ing. Hubert Ermisch, Leipzig
[1] Vgl. hierzu auch: Dr. Paul Zinck, Dorfkirchen im Leipziger Land im Kalender f. d. Erzgebirge u. d. übrige Sachsen. 1919. – O. Gruner, Die Dorfkirche im Königreich Sachsen und Beschr. Darstell. v. ält. Bau- und Kunstwerken i. Kgrch. Sa. Heft 16. Leipzig-Land. 1894.
Wanderfahrten durch das Leipziger Land haben ihre eigenen Reize. Dem sehenden Auge wird aus dem »öden Einerlei«, wie man es zu nennen pflegt, bald eine charakteristische Landschaft. Überall offenbaren sich Naturschönheiten. Allerdings Naturschönheiten anderer Art als wir sie im Gebirge finden oder an den schönen Hängen der Elbe. Man darf keine Vergleiche aufstellen und muß die Naturschönheiten der Ebene vielfach erst recht würdigen lernen. Daß wir auf welthistorischem Boden stehen, daß wir auf Schritt und Tritt erinnert werden an die Stätten der Völkerkämpfe vieler Jahrhunderte, das erhöht noch die Bedeutung der Leipziger Ebene. Wir stehen und wandern auf dem Schlachtfelde Mitteleuropas.
Man wird meinen, auf einem Schlachtfelde sind bauliche Altertümer wenig zu finden. Um so überraschter ist man über die Tatsache, daß in der Leipziger Ebene eine reiche Fülle von baulich hochinteressanten Dorfkirchen zu finden ist.
Wie kommt es, daß der zerstörende Fuß des Krieges an diesen Bauten vorüberging ohne sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Einmal verdanken wir das der massiven Bauart der Kirchen. Sie sind aus Feldsteinen oder aus verputzten Ziegeln gebaut. Dann haben aber auch die Kriege der Vergangenheit Halt gemacht vor der Heiligkeit der Kirche im Gegensatz zu den modernen Kriegen. Die Kirchtürme wurden nicht als wichtige Beobachtungspunkte in die Luft gesprengt. So hat die alte ehrwürdige Dorfkirche wohl oft ihr Dorf in Flammen aufgehen sehen, sie selbst blieb aber erhalten. Ich möchte die Buschnaukirche bei Rackwitz erwähnen. Sie liegt einsam auf ihrer Höhe zwischen den Kornfeldern. Das Dorf, das zur Kirche gehörte, verschwand vom Erdboden, das Kirchlein überdauerte die Jahrhunderte bis heute. Die Buschnaukirche ist allerdings eine Ausnahme, im allgemeinen wurden die Dörfer wieder aufgebaut, wenn sich die Kirche erhielt. Oft brannten die Kirchen aus, aber das Gehäuse erhielt sich. So sehen wir im Gegensatz zu andern deutschen Landschaften nur wenige Kirchen mit barockem Äußeren, aber viele, die in ihrem Inneren barocken Ausbau erhielten. Der äußere Bau ist meist noch der alte, schlichte, romanische, der in der gotischen Stilepoche vielfach ausgebaut oder durch Anbauten erweitert wurde.
Abb. 1 Kirche in Thekla (Phot. Rob. Liep, Leipzig)
Die meisten Dorfkirchen im Leipziger Land liegen auf einem Hügel, an seinem Hange das Dorf. Kirche und Dorf werden in verschiedenartigste Beziehung zueinander gebracht. Bald beherrscht die Kirche den Dorfeingang wie in Althen, bald überragt sie inmitten der Gehöfte liegend, das Dorf, wie in Panitzsch. Die Lage der Kirche auf einem Hügel erklärt sich dadurch, daß die ersten Kirchen gleichzeitig mit den ersten Kolonistendörfern in der von Slawen bewohnten Ebene entstanden. Man war in Feindesland. Die Kirche mit ihrem von Mauern umfriedeten Kirchhof war eine dörfliche Burg, der letzte Zufluchtsort der Ansiedler im Kampfe um ihr Dorf, und der Turm der Ausguck in unruhigen Zeiten. Die Kirchenglocke wurde zur Sturmglocke, wenn Gefahr im Verzuge, so wie noch heute die Glocke bei Feuersnot ihren Ruf erschallen läßt. Wir haben es also mit Wehrkirchen zu tun, aber anders geformten als die bekannten von Großrückerswalde und Lauterbach. Ich möchte sagen, daß die Wehrkirchen im Leipziger Land noch ausgesprocheneren Defensivcharakter haben, als die genannten beiden. Wie bei der Burg der Burgfried, so ragt hier der Kirchturm gedrungen, trotzig und fest über Kirche und Friedhof. Betrachtet man die Türme, so sieht man, daß die Öffnungen auf das allernotwendigste beschränkt wurden. Mauerschlitze, durch die die Armbrust ihre Geschosse senden konnte. Spätere Toreinbauten, zum Teil erst aus dem neunzehnten Jahrhundert, haben leider dieses burgartige des Kirchturmes vielfach zerstört. Zumeist liegt der Turm an der Westseite der Kirche, seltener an der Ostseite über dem alten romanischen Chor. Man wird sich die Entwickelung dieser Kirchen wohl vielfach so zu denken haben, daß zunächst eine Kapelle erbaut war und getrennt davon ein Glockenturm. Zwischen beide schob sich dann das Langhaus als Laienhaus. Aus dieser Entstehungsart wäre auch die eigenartige Tatsache zu erklären, daß so manche der Kirchen schiefwinklig ist, die Längsaxe zeigt einen Knick. Da der Chor stets nach Osten gerichtet ist, so ergibt sich, daß die beiden Langseiten nach Süd und Nord zu liegen. Sie wurden nicht einheitlich mit Öffnungen durchbrochen. Der praktische Sinn unserer Altvordern ordnete an, daß die kalte, dem Wetter ausgesetzte Nordseite nur kleine Fensteröffnungen bekam, während man nach der Südseite durch hohe Fenster und das Eingangstor der wärmenden Sonne möglichst viel Einblick gewährte. Denn eine andere Heizung als die Sonne gibt es meist heute noch nicht in der Dorfkirche. Die modernen Kirchenneubauten nehmen natürlich hierauf keine Rücksicht, die Zentralheizung ersetzt ja, so meint man, die Sonnenheizung. Ja hätte man geahnt, daß die Zeiten einmal so schwer werden könnten, daß man für die Heizung der Kirchen so gar keine Kohle zur Verfügung hat! Heute hält man es für eine architektonische Notwendigkeit, das Hauptportal gegenüber dem Chor zu setzen.
Abb. 2 Inneres der Kirche zu Thekla
(Phot. Ernst Hugo Schulze, Leipzig)
Abb. 3 Kirche in Panitzsch (Phot. Rob. Liep, Leipzig)
Abb. 4 Kirche in Großgörschen
(Phot. Hofrat Drechsler, Leipzig)
Abb. 5 Kirche in Beucha (Phot. A. Wiese, Dresden)
Die Grundrißformen sind sehr verschiedenartig, von der alten Rundkirche, wie in Knautnaundorf zu sehen – allerdings nur in Resten – bis zur langgestreckten gotischen Hallenkirche. Das Übliche ist ein romanischer Kern. Der Chor vielfach mit Koncha davor, ein rechteckiges Langhaus und Westturm, wie wir ihn schon in seiner Entwicklung beschrieben haben. Dieser Kern wurde in der Zeit der Gotik meist verändert. An den rechteckigen Chor baute man einen im halben Achteck oder Sechseck geschlossenen wesentlich tieferen, der mit reichem Netzgewölbe auf Rippen überdeckt wurde. Der im Spitzbogen geformte Triumphbogen trennt den neuen Chor vom alten romanischen Langhaus. Der romanische quadratische Chor wurde dann gleichfalls mit in das neue Gewölbe einbezogen. In andern Fällen, wo, wie in Großpösna, über dem quadratischen Chor, an den sich die Koncha anschließt, der Wehrturm sich erhob, fügte man in den Turmteil ein Netzgewölbe ein und erhöhte so die Wirkung des Chores. Im allgemeinen ist das Langhaus flach gedeckt. Die Decke war mit reichbemaltem Holzwerk und Felderteilungen, mit Bildern und bunten Kanten ausgebildet, meist in Formen aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege uns überliefert. Dieser Zeit gehören auch die oft noch erhaltenen ein- oder auch zweifachen Emporen an. Leider hat eine Zeit, in der man es für Pflicht hielt, alle Stilwidrigkeiten aus den Kirchen zu verbannen, diese schönen echt bäuerlichen Malereien zerstört und an ihre Stelle die glatte Putzdecke oder einen farbenarmen Ölanstrich gesetzt. Man bedachte nicht, daß meist die Farbe allein die Stimmung in diesen einfachen Kirchen ausmacht. Heute sind uns die wenigen Dorfkirchen, in denen sich die alten Malereien erhielten, weil die Gemeinde kein Geld zu einem »stilreinen« Umbau hatte, die schönsten Farbenbeispiele für die moderne Ausmalung einer Dorfkirche. Und die Dorfkirche war von jeher auf Farbigkeit gestimmt. Das beweisen am besten die vielen erhaltenen Reste der bunten geschnitzten Altarschreine, die in der Hauptsache aus der Zeit um 1500 stammen. Daß uns so viele noch erhalten sind, verdanken wir der Denkmalpflegetätigkeit des Sächsischen Altertumsvereins, in dessen Museum in Dresden (Palais im Großen Garten) die besten Stücke verwahrt werden. Wieviel mag wohl an den Kunsthandel verkauft und in alle Welt verstreut worden sein, ehe die Denkmalpflege eingriff? Die Kirchgemeinde wird erst dann die Tätigkeit des Altertumsvereins recht würdigen lernen, wenn einmal die Zeit kommt, wo die Kirche im Sinne der modernen Denkmalpflege erneuert wird und dann in den neu hergestellten Raum der alte Altar in aller seiner Schönheit an seinem Ursprungsplatz zur vollen Geltung gebracht wird. Damit soll aber nicht gesagt werden, daß man die reizvollen barocken Altaraufbauten verschwinden lassen soll, daß man die typische Anordnung der Kanzel über dem Altar, ein Charakteristikum der Dorfkirchen im Leipziger Land, aufgebe. Das wäre zweifellos falsch. Aber dort, wo ein Altaraufbau des neunzehnten Jahrhunderts in mehr oder weniger mißverstandener Gotik sich erhebt, soll man ihn zugunsten der alten Altarschreine beseitigen, wenn eine Erneuerung des Kircheninnern vorgenommen wird. Der Altarschrein oder seine Trümmer, denn solche sind es ja leider vielfach nur noch, werden sich oft auch als vorzüglicher Schmuck der Wände im Chor oder Schiff verwenden lassen. Auch Betpulte und Taufbeckenhalter in Gestalt von barockgeformten Engeln oder Adlern wird man oft auf den Kirchböden finden und mit Erfolg im erneuten Inneren wieder verwenden können. Alles wird dazu beitragen in unsere durch die Stilreinigungswut des neunzehnten Jahrhunderts verödeten Kirchenräume wieder Leben und Farbe zu bringen. Wie die Altarschreine auf den Kirchböden, so sind die alten romanischen Taufsteine auf den Friedhöfen oder in Pfarrgärten in der Verbannung. Schwere, wuchtige, granitne Becken, denen man ansieht, daß sie viel erlebten. Erlöst sie aus ihrer Verbannung. Wie vielen von unsern Altvordern mögen sie das Taufwasser gespendet haben! Hat man bessere, künstlerisch wertvollere Taufbecken an ihre Stelle gesetzt? Geht hin und urteilt selbst!
Abb. 6 Kirche in Wahren
(Phot. Hofrat Drechsler, Leipzig)
Die beigefügten Skizzen und Bilder sollen nur kleine Proben aus der Fülle der schönen alten Dorfkirchen des Leipziger Landes geben. Die Mehrzahl der Türme hatte wohl während der Gotik noch Aufbauten erhalten, die aber in den Stürmen der Kriege wieder verloren gingen. Erhalten haben sie sich vor allem an der Podelwitzer Kirche, auf die ich ganz besonders aufmerksam machen möchte. Ihre Formenwelt entstammt der Gotik. Sie ist deshalb zu einem Kleinod unter den Dorfkirchen der Leipziger Ebene geworden, weil kein Restaurator des neunzehnten Jahrhunderts ihr zu nahe kam.
Dorfkirchen in Seehausen, Wiederitzsch und Großpösna