Es braucht nicht Stein zu sein!

Vorüber sind für Deutschland die Stürme des großen Krieges, und überall sind Bestrebungen im Gange, unseren gefallenen Helden eine letzte, bleibende Ehrung zum Gedächtnis zu bereiten. Zwei Jahre sind seit dem »Frieden« dahingegangen, und wer Gelegenheit hat, viel im Lande herumzukommen, hat auch Gelegenheit hier und dort schon ausgeführte Kriegerehrungen politischer und kirchlicher Gemeinden zu sehen. Daß bei deren Erschaffung guter Wille, Liebe und tiefes Empfinden nicht überall verhindern konnten, daß Unschönes, ja schlimmer Kitsch entstand, ist nicht Schuld der berufenen Wächter in Fragen der Ausdruckskunst. Nur zu oft klammern sich die Stifter an die bequemen Eselsbrücken der Musterbücher »einschlägiger Firmen«, allzugerne will man andern Ortes das »überflüssige« Künstlerhonorar sparen, vertrauend auf den eigenen guten Geschmack und vielfach lokalen, politischen und anderen Rücksichten folgend.

Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, eine monumentale, ins Auge fallende Ehrung zu schaffen, und teuerstes Material, massige Häufung von Stein sind überaus beliebt. Mit Schaudern nur sieht dann der feinfühlige Freund der Heimat solche monstra in nächster Umgebung traulich stiller Landschaftsbilder, in der Nachbarschaft reizvoller kleiner Dorfkirchen und intimer Dorf- und Städtebilder aufragen: »und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah!«

Muß es denn sein, daß wir unsere in fremder Erde ruhenden stillen Helden in möglichst aufdringlicher, marktschreierischer Protzerei ehren, mit Monumenten, die zwar deutlich vom vollen Geldbeutel, aber noch deutlicher von der Gemütskälte ihrer Stifter reden?

Muß es denn immer ein künstlich hergerichteter Findling, eine Marmorpyramide mit überlebensgroßem Stahlhelm, eine Massenanhäufung langweiliger, steinerner Adreßbuchtafeln sein?

Bockendorf, Amtshauptmannschaft Döbeln Ausmalung von Professor Paul Rößler, Dresden
(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)

Es war im Laufe der langen Kriegsjahre zur schönen Sitte in vielen Gemeinden geworden, die toten Krieger durch einen Gedächtniskranz zu ehren, der an den Wänden oder den Emporenbrüstungen der Kirche, in den Andachts- und Schulsälen aufgehängt wurde. Manch sonst kahler Raum fand so auf einmal und ohne besondere Absicht einen stimmungsvollen, neuen Reiz. Doch die Jahre vergehen, die Kränze verstauben und vertrocknen und immer weniger werden es deren im Laufe der Zeit sein, die liebevolles Gedenken erneuert.

Bockendorf, Amtshauptmannschaft Döbeln Ausmalung von Professor Paul Rößler, Dresden
(Aus dem Jahresberichte des Vereins für kirchliche Kunst)

Da lag der Gedanke nahe, das Motiv der kranzgeschmückten Kirche oder Gedächtnishalle künstlerisch zu verwerten und zu bleibender Schmuckform werden zu lassen. Die beistehenden Bilder mögen zeigen, was so mit verhältnismäßig einfachen Mitteln zu erreichen ist, und trefflich hat es der Künstler verstanden, den Traditionen der alten gemalten Dorfkirchen, an denen Sachsen so reich ist, sich anzupassen. Wie viele Kirchen aber gibt es im Lande, deren Wand- und Emporenflächen eine geschmacklose Zeit in langweiliger Monotonie übertünchte, und die in gleicher Weise zu einer Kriegerehrung in Farben in glücklichster Weise Verwendung finden könnten. Freilich ein tüchtiger Künstler nur möchte der Führer sein, der es versteht, sich dem jeweiligen Stil und Stimmungscharakter im Sinne des Ganzen und unaufdringlich anzupassen, damit nicht wertvolles Altes durch schlechtes Neues zerstört werde.

Ein anderer, auffallend selten begangener Weg ist der der Verwendung farbiger Glasfenster für die Kriegerehrung. Im Vitztum-Gymnasium zu Dresden ist neuerdings im Treppenhaus in dieser Form eine solche von prachtvoll eindringlicher Wirkung durch den Dresdner Künstler Professor Roeßler geschaffen worden. Bedenken wegen der guten Erhaltung solcher Anlagen sind gegenstandslos, da böswillige Schäden, vor denen auch kein steinernes Monument sicher ist, hier leicht durch Schutzgitter an der Außenseite abgehalten werden können, andererseits ja auch die große Menge der erhaltenen mittelalterlichen Glasfenster deren lange Lebensdauer und stimmungsvolle Wirkung beweist.

So sind es der Wege viele, die den nach Ausdruck suchenden Stiftern der Kriegerehrungen offen stehen und oft fehlt nur die richtige Führung zum Ziel. Hier helfend einzugreifen ist die Landesberatungsstelle für Kriegerehrungen in Dresden (Schießgasse 24) geschaffen worden, die unentgeltlich allen Ratsuchenden mit Auskunft zur Seite steht.

Dr. Bn.