Der betende Berg
Von Edgar Hahnewald
Blickt man von den Dresdner Elbhöhen aus auf das Bergpanorama, das an klaren Tagen über der linkselbeschen Hügelterrasse aufsteigt, so erhebt sich zwischen dem langhingestreckten Schneeberg und dem energisch aufgebauten Geising ein kleinerer, aber auffällig geformter Berg in der Gestalt eines Reitsattels.
Auf der Karte steht er als Spitzberg verzeichnet – diese Benennung stimmt für die Nähe. Allgemein aber trägt er den Namen Sattelberg – und dieser umschreibt sein Bild aus der Ferne.
Er erhebt sich auf tschechoslowakischem Gebiet dicht hinter der sächsischen Grenze, die fast noch seinen Fuß berührt. Seine Höhe verzeichnet die Karte mit 719 Metern. Über das ihn umgebende Bergland ragt er jedoch nur als zackige Kuppe hinaus, sodaß, wenn man vom Städtchen Gottleuba aus zu ihm aufsteigt, er erst aus nächster Nähe wieder sichtbar wird.
Daher mag es geschehen, daß der Berg auch sonst ein wenig aus der Sicht tritt. Er ist Ziel und Gipfel des Tages, aber man weiß: der Weg dahin ist bequem und nicht weit. Und Gottleuba lohnt einen kleinen Aufenthalt, der ohnehin unumgänglich ist, da man sich in diesen Zeiten schärfer gezogener Grenzen im Rathause einen Grenzausweis ausstellen lassen muß.
So verweilt man und frischt Erinnerungen an frühere Besuche auf.
Gottleuba liegt im Tale des gleichnamigen Flüßchens. Die bewaldeten Berge betten das Städtchen tief in schwellende Kissen ein.
Es ruht als Sommeridyll im Grünen. Begeisterte Lokalpatrioten haben das Städtchen verfänglich »Klein-Tirol« getauft. In der Mundart der Gegend aber heißt es Guttlewe – und wenn man das von einem alten Bauernweiblein gemütlich breit aussprechen hört, klingt es wie eine Bestätigung des Eindrucks, daß es zwischen diesen grünen Bergen gut zu leben sein mag.
Über Tal und Dächer hinweg guckt die kleine schmucke Kirche. Sie steht am Berghang inmitten eines alten Friedhöfels. Steinerne Stufen, von einem Torhäuschen überbaut, führen hinauf. Hohe Lärchen beschirmen den Eingang mit hellgrünen Zweigfittichen.
Der schräg an die Giebelecke gestellte viereckige Turm trägt über malerischem Gewinkel ein lustiges Laternendach.
Das Innere des gotischen Kirchleins ist von ländlich anheimelnder Schlichtheit. Aus der Sakristei blickt man durch das helle Fenster auf schräg ansteigenden Rasen, auf gelbe und weiße Blumen, die auf schwanken Stielen vor der zerbrochenen Mauer wehen, auf grüne Waldberge.
Unter der Orgelempore hat man alte Grabsteine aufwändig eingemauert. In den Inschriften betrauern nun selbst längst, längst Gestorbene ihre Toten in rührenden Worten. Ein Pfarrer setzt seiner Hertzgeliebtesten Hausfrawe, der Wol Erbarn Viel Ehren undt Tugendreichen Frawen Anna Marien ein Ehren und Liebes Mal. Und auf den Denkstein seiner eintzigen Tochter ließ er den Steinmetz die Worte meißeln, daß die Weyl. Wohl erbarr an Sitt Ehr und Tugend Edle allhier der frölichen Zukunfft Ihres Jesu erwartet. Ein anderer Stein erzählt von dieses Pfarrers zweiter Frau, die am 4. Dezember 1640 gebohren und den 3ten Tag darauf in das Buch des lebens eingeschrieben wurde, Ao 1662 aber als in den 22 Jahr ihres Alters vereheligt worden an Hrn. Gottfried Schreibern Pfarrern alhier zu Gottleube und Bergkgießhübel, mit welchem Sie nechst Gott gezeuget hat 8 Kinder als 2 Söhne und 6 Töchter.
Immer wieder und allerorten steht der Wanderer vor solchen steingegrabenen Dokumenten und immer wieder liest er sie und spürt den Hauch einer Liebe, die über Gräber und Jahrhunderte hinaus zu Menschen spricht.
Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland. Anfangs steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene talartige Einsenkung, die weiter hinauf immer flacher wird und in den Bergwiesen endet.
Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der Landschaft. Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die Waldberge um Gottleuba zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt ebenso sacht eine ferne, große Landschaft herauf: das ganze Hügelland vor und um Dresden mit seinen Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten ins Gebirge erschließen sich feierlich.
An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel mit Sonne und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues Gewölk über die Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit diesen Wolkenfetzen zu putzen. Die Sonne glänzte metallisch blank. Und verschwand wieder hinter heranjagenden Wolken, die von Zeit zu Zeit minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die Landschaft zerstäubten – rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An allen Gräsern zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen funkelnder Prismen im Grünen.
In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in Farbenjubelchören. Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen schlanker, lichtstrebender, die Farben der Blumen leuchtender. Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben in tieferem, satterem Blau. Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. Die Margariten schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im Klee, und die Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren noch über das hohe Gras hinaus. Und überall prangen die orangenen Ordenssterne der Arnika, mit der die Gebirgler Kräuterschnäpse würzen und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt.
Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden – ganze Wiesen, überblüht von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien. Die buttergelbe Trollblume, die der Volksmund Butterkugel nennt, die Ferkelblume und das Blutauge blühen in diesem farbenfrohen Sommerfest der Blumengöttin Flora – ein reicher botanischer Garten wird dem Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt.
Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines Labkraut, violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner Erdrauch das köstliche Kissen von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das er sein Haupt legen darf. Prunkende stachellose Alantdisteln umstehen sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen ihre Purpurköpfe hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau, duftblau, immer ferner, immer wunderblauer – man kann nicht liegenbleiben, man springt auf, schreitet durch den blumenbesteckten Speerwald der Disteln wieder dem Wege zu und wandert den Bergen entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden Gläsern wallen.
Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem Ludwig-Richter-Kirchlein, schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle Zacke über Wiesen, über umbuschte Gneisraine, über den Anstieg eines Waldes herauf. Und dann mit einem Male steht eine breitgezackte Bergkuppe da – ein dunkler Fichtenmantel hängt um eine nackte Bergschulter – das ist der Sattelberg.
Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein Steintreppchen zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf einer waldumschlossenen Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt sich spitz und energisch ein Basaltgetürm auf.
Diesen Aufbau des Berges begreift man in seiner Merkwürdigkeit richtig erst da: auf dem Gneisplateau des Erzgebirges, über dessen blühende Wiesen man eben noch dahinschritt, setzt sich dieser Berg auf als Rest einer Quadersandsteindecke, die einstmals das östliche Erzgebirge überzog und von der vergangene Jahrtausende es entblößten, nur dieses eine Denkmal zurücklassend. Darüber aber baut der in der Tertiärzeit durch die Quaderdecke durchgebrochene Basalt seine Säulen zur schroffen Spitze auf.
Es sind redende Steine, die den Berg formen.
Und es ist ein betender Berg.
Oben, über den eisenfarbenen Geröllhängen, schließen sich die Basaltsäulen zu einer gipfelstürmenden Gebärde zusammen. Sie drängen empor, schräg hinaufwachsend, einander überdrängend, in der Ekstase des plutonischen Aufbruchs erstarrt.
Als Reinhardt das Sophokles-Drama König Ödipus inszenierte, ballte er in den Massenszenen die Scharen seiner Statisten zu einem Wesen zusammen, zu einem Wesen mit hundert Händen, hundert Hände, gereckt zu einer Pyramide von Händen, zu einer ekstatischen Gebärde.
Daran erinnert dieses Hinanstürmen der basaltenen Säulen.
Nach einem Punkte zu streben sie, nach einem letzten schließenden Gipfel der Pyramide, der nicht da ist. Er liegt über dem Ansturm der Säulen und wird nicht erreicht. Das gibt diesem Aufdrängen die stete, unaufhörliche Bewegung, die trotz der erzenen Starre immerfort von unten auf den Gipfel zu zu drängen, zu streben scheint. Es lebt verborgen ein Wille in diesen Steinen: aufwärts – sich in einem Punkte zusammenfassen.
Über diesem einen, nur denkbaren Punkt erhebt sich ein Kreuz. Ein katholisches Steinkreuz. Ein Christus neigt das Haupt und sieht mit sterbenden Augen auf den Drang der Steine herab.
Menschenhände, vielleicht schlicht-ländliche Katholiken aus dem Dorfe im Tale haben das Kreuz da errichtet – was sie taten, war eine künstlerische Tat, ohne daß sie es wußten. An diesem Punkte muß das Kreuz stehen – oder ein andres Symbol menschlicher Sehnsucht – im katholischen Böhmen ist es ein Christuskreuz. Da steht es.
Und zu ihm empor drängen, streben die Steinsäulen in leidenschaftlicher Gebärde, in pathetischer Eindringlichkeit der Bewegung.
Der Berg betet – betet nach Menschenwillen empor zu diesem Kreuz.
Man tritt hinauf – die Bruchflächen der Säulen geben Stufen her für den Fuß. Und dann steht man über dieser aufdrängenden Pyramide, die nun dem freisausenden Sturme entgegenwächst, steht, an das Steinkreuz gelehnt und blickt hinaus – in das rundum gelagerte Land, auf auf- und absteigende Wiesen, schimmernd wie grüner Seidensamt, auf schwarzgrüne Wälder, die schwer, üppig von Bergen herab in tiefe Täler hängen und aus Tälern bergauf steigen als geballtes, tiefgrünes Gewölk. Grasige Hänge herab gleiten andere Wälder, breiten, schiebenden Gletschern ähnlich, stemmen sich mit tausend Stammfüßen gegen den fallenden grünen Grund und werfen ihre Schatten schräg über abgleitende Triften.
Über Berg und Tal gebreitet, in Wiesen und Wälder und Felder eingestrickt, liegt das hellschimmernde Maschenwerk der Straßen und Wege, in Dörfern verknotet, von Hecken gesäumt, von Baumpilgerzügen still begangen.
Darüber hinaus lagern, ragen, schweben immer fernere Berge. Berge mit runden, blauen Waldkuppen, Berge mit besonnten Steilwänden, Berge noch in weitester Ferne, gläserne Gebilde – nein, Glas ist noch zu körperlich, es gibt keinen Vergleich für dieses duftige Schweben, dieses der Erde Entrücktsein fernster Gebirge in zarten grünen, blauen, violetten, rauchfarbenen Schimmerfarben.
Und drüberhin schwenken jagende Wolken ihre Schattenfahnen, lassen Berge schieferblau ins Irdische zurücksinken und wieder in märchenhafte Lichtgefilde aufschweben. Wiesen, wallende, graugrün wogende Junifelder ermatten unter ihren Schattenflügen und leuchten wieder goldgrün auf.
Man blickt hinaus und da, plötzlich in einer Sekunde des Schauens scheint der Wolkenflug stillzustehen und die grüne, blaue, leuchtende Erde saust darunter hin durch Licht, durch Schatten, durch Licht, durch Schatten – eine stummjauchzende Fahrt mit allem, mit dir, dem Berg, dem Steinkreuz, das sich im Sturmdrange dieses Fluges zu neigen scheint.
Vom Himmel herab rollen wehende, über die Berge schleifende Regengardinen. Sie rauschen heran, lösen sich auf in Myriaden sprühender Tropfen, ziehen weiter, hüllen andere Fernen ein und lassen eine glitzernde Welt zurück.
Manchmal scheint die Sonne durch die nassen Schauer. Dann ist es, als sprühe das Licht in blitzenden Tropfen regenbogenfarben zur Erde nieder.
Und du stehst, an das Kreuz gelehnt, vom Sturme herb umdrängt, und weißt: jetzt faßt sich in dir das anbetende Empordrängen des erzenen Berges zusammen. Deine Lust, deine Freude, dein Lebensgefühl dieser Stunde ist Zusammenschluß und Vollendung der Geste, in der der Berg sich gipfeln will, zu der er in steter Bewegung anhebt. Und du fühlst dich, den Menschen, fühlst den Drang des Blutes in deinen Adern, den Atem in deiner Brust – unter deinen Füßen betet der stumme Berg und du weißt die Worte, die dem erzenen Stein nicht gegeben sind, und sprichst sie nicht aus. Du blickst schweigend hinaus in die strahlende Sommerwelt – in deine Welt, die für dich mit dir versinkt, die für dich ist, so lange du bist.
Eine Stunde lang saßen wir auf der zackigen Kuppe des betenden Berges.
Der Himmel schwenkte seine Fahnen über uns.