Der unzufriedene Papierkorb
Von W. Otto Ullmann, Dresden
Man kann es schließlich auch einem Papierkorb nicht übelnehmen, wenn er unzufrieden ist. Die Menschen machen es ja auch nicht anders und haben dabei zuweilen nicht einmal Grund dazu. Aber wenn ein Papierkorb unzufrieden ist, ist das allemal berechtigt. Das liegt an seiner Konstitution. Ein Papierkorb läßt sich viel gefallen, aber wenn er zuviel Schlechtes erfährt, wird seine Verstimmung papierkorbtief.
Der unzufriedene Papierkorb hieß »Marke Tatra.« Gewiß war er sich bewußt, daß auf den Namen viel ankommt, deshalb trug er ihn jedermann zur Ansicht auf einem Blechschild, das an seiner Brust angeheftet war. Marke Tatra war nicht auffällig groß, aber kernfest, hatte Eisenfüße, einen Eisenboden und einen Eisendrahtmantel, wie es sich für jemanden mit dem kernfesten Namen Marke Tatra gehört. Zudem war sein Eisenkörper mit einer grauweißen Ölfarbenhaut überzogen, damit ihm kein Rost irgend etwas antun konnte. Er hatte damit sogar vor dem kernfesten Helden Siegfried etwas voraus, der doch immerhin eine Stelle an sich hatte, wo ihm der böse Feind an Leben und Gesundheit konnte. Nein, wirklich: um solche Dinge brauchte sich Marke Tatra keine Sorge zu machen. Und das war es natürlich auch nicht, was ihn unzufrieden machte.
Als der Papierkorb Marke Tatra eines Tages da war (genau wie die Menschen eines Tages da sind), wurde er auf einen Wagen geladen und stand bald in einem langen dämmrigen Verkaufsraum. Marke Tatra sah sich um und wunderte sich; denn alles was da in seiner Nähe herumstand, waren auch Papierkörbe wie er. Natürlich hießen sie anders, denn sie sahen auch anders aus. Es gab recht schwächliche aus Rohr und kräftigere aus Holz, aber keiner glich an Kernfestigkeit ihm, dem grauweißhäutigen Eisendrahtpapierkorb Marke Tatra.
Wenn es auch dämmrig im Verkaufsraum war, so war es doch ganz unterhaltsam. Sie alle, die Papierkörbe, hatten einen Herrn, der oft Besuch bekam. Und dieser Besuch prüfte, suchte und nahm schließlich einen Papierkorb mit oder ließ sich einen zuschicken in eine dunkle Zukunft. Und bei einer solchen Verhandlung hörte Marke Tatra, daß er ein »Muster« sei. Nun, das war doch selbstverständlich. Darüber dachte er auch kein bißchen mehr nach. Aber die dunkle Zukunft, in die es durch jene Tür hinausging, gab ihm zu denken.
Na, schlimm konnte es ja nicht werden. Da vorn am Schreibpult hatte sein Herr so einen Papierkorbschwächling aus Rohr stehen, mit dem er sich öfter beschäftigte. Alle Morgen, wenn er die Post durchsah, verschwanden Briefhüllen und was sonst überflüssig war, im Leibe dieses Kleinen. Er hatte tatsächlich nichts auszustehen. Und wenn Marke Tatra seinen Herrn die Käufer Herr Doktor, Herr Professor oder gar Herr Rat anreden hörte, wurde er immer sichrer, daß die dunkle Zukunft ganz angenehm sein würde. Marke Tatra träumte sich schon in das Arbeitszimmer eines großen Gelehrten, neben den Schreibtisch eines heimlichen Dichters oder gar in die Redaktionsstube einer großen Zeitung. Es müßte herrlich werden. Marke Tatra sehnte sich nach der dunkeln Zukunft. Da hatte man doch endlich seine Aufgabe, eine Lebensaufgabe von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Wo Marke Tatra stehen würde, sollte es nie liederlich aussehen, alles überflüssige, verbrauchte Papierwerk wollte Marke Tatra mit seinem Eisendrahtmantel festhalten. Ein Erzieher zum Geschmack wollte Marke Tatra werden. Wer ihn besaß, konnte kein überflüssiges Papier umherliegen lassen, das war klar. Marke Tatra träumte wunderschön von seinem hohen, idealen Daseinszweck.
Aber wie hatte sich der gute Marke Tatra geirrt!
Eines schönen Tages hatte sein Herr wieder Besuch. Der Herr Balduin Lehmann, Vorsitzender des Verschönerungsvereins zu Lieblichwaldau war da. Alles, was die beiden redeten, konnte zwar Marke Tatra nicht verstehen, aber als sie nun ganz in seiner Nähe waren, hörte er doch.
»Ich habe nur diesen einen da,« sagte sein Herr, »es ist ein Muster!«
»Ist er haltbar?« fragte Balduin Lehmann.
»Es ist Marke Tatra, ein hervorragendes Erzeugnis, Eisenfüße, Eisenboden, Eisendrahtmantel mit bestem Ölfarbenüberzug. Sie werden mit Marke Tatra zufrieden sein, er ist wirklich kernfest und auf die Dauer!«
Der fremde Herr befühlte und untersuchte Marke Tatra genau. Er nickte mit dem Kopfe. Und Marke Tatra fühlte ganz deutlich, daß die dunkle Zukunft heller wurde. Herr Lehmann kaufte ihn.
Marke Tatra reiste mit der Eisenbahn nach Lieblichwaldau. Dort erwartete man ihn mit einem Handwagen und fuhr ihn fort. Es ging durch ein nettes Städtchen, bergan in den Wald. Auf sauberen Wegen immer durch Grün und Grün ging es. Es war eine lustige Fahrt. So schön hatte sich Marke Tatra den Wald gar nicht gedacht. Endlich hielten sie auf einem wundervollen Plätzchen an. Da stand ein riesiger alter Steintisch und am Rande schon unter den Zweigen wieder eine alte Steinbank und da noch eine. Herr Lehmann setzte sich dahin. »Wunderschön zum Ausruhn!« dachte Marke Tatra. »Wie die Vögel singen! Ich freue mich sehr über diese Reise durch den Wald. Man erlebt doch etwas!«
Die beiden jungen Menschen, die den Wagen gezogen hatten, störten ihn, nachdem sie sich kurz verschnauft hatten.
»Also hierher, Herr Lehmann!« sagten sie, hoben Marke Tatra vom Wagen, setzten ihn auf zwei Steine, die in den Boden eingelassen waren und nieteten ihn mit Eisenbändern an diesen Steinen fest. Das dauerte gar nicht lange; denn alles war schon bestens vorbereitet.
Und als Marke Tatra festgenietet war, stand Herr Lehmann auf, versuchte, ob Marke Tatra auch feststand, sagte: »Gut so!« und verschwand mit den beiden Schlossergesellen und dem Wagen.
Da stand nun Marke Tatra allein im Walde. Er war wie vor den Kopf geschlagen. Endlich konnte er wieder einen gescheiten Gedanken fassen:
»Die Vögel singen,« sagte er, »und der Wald duftet. Es ist wunderbar hier! Aber ich? Was soll ich im Walde? Bin ich denn kein Papierkorb? Hierher gehört doch kein Papierkorb! Ein Papierkorb gehört doch dahin, wo viel Papier überflüssig wird, gehört doch in ein Arbeitszimmer. Ja, ich lasse mir auch noch einen Kinderspielplatz gefallen! Aber hier im Walde? Das ist doch geschmacklos! Ich passe doch gar nicht hierher!«
Und weil es gerade anfing zu regnen, weinte Marke Tatra lange Tränen an seinen ölfarbeüberzogenen Eisenbeinen hinunter.
Es sollte noch besser werden. Am nächsten Tage kamen zwei Männer, rammten hinter Marke Tatra einen Pfahl in die Erde. Und dieser Pfahl trug eine Tafel. Wenn nun jemand bei Marke Tatra vorbeigehen wollte, hielt er an und las:
»O Mensch, der du hier spazierst
und Butterbrote mit dir führst,
wirf das umhüllende Papier,
das fettgetränkte, nicht von dir.
Wirf’s in den Korb, du hast ja Zeit,
nichts geht doch über Reinlichkeit!«
Dann suchte er pflichtschuldigst in allen seinen Taschen nach Straßenbahnfahrscheinen und allen möglichen Papierresten und ließ sie in Marke Tatras Drahtleib fallen. Marke Tatra war unglücklich:
»Ich verstehe zwar nicht viel von Literatur,« dachte er. »Aber so ein Vers gehört in den Papierkorb. Ich schäme mich, daß ich hier stehe. Eigentlich sollten sich die Menschen schämen, daß auf dem Ruheplatz im Wald ein Papierkorb nötig ist. Sie haben doch einen Papierkorb zu Hause! Und wenn sie wirklich hier ihr Frühstück auspacken. So ein bißchen Papier ist doch keine Last, daß man es nicht nach Hause tragen könnte! Hier müßte ich doch tatsächlich überflüssig sein. Wenn die Menschen so vernünftig wären, wie sie immer tun, müßten sie das doch einsehen. Ich stehe hier – ein Papierkorb im Walde – als eine Geschmacklosigkeit. Und sie sind schuld daran, weil ihresgleichen so geschmacklos ist, Papier liegen zu lassen hier im Walde, wo es nun auch gar nicht hingehört.«
Und nun brüllt das Schild noch dazu: »Ich weiß, daß Ihr keinen Sinn habt für die Reinheit des Waldes. Ich sehe es Euch an, Ihr wollt Papier wegwerfen, legt es wenigstens in den Papierkorb.«
Marke Tatra erging sich immer wieder in Erwägungen über seine verfehlte Lebensaufgabe. Er war überzeugt, daß er nicht am rechten Platze war, er mußte hier überflüssig sein. Wie gern wollte er im dunkelsten Büro, in der Ecke im Schulhofe stehen, aber hier im Walde? Es war wirklich zu viel verlangt.
Marke Tatra regte sich wahnsinnig auf. Seine Ölfarbenhaut zerriß. Er fing an zu rosten.
»Ich will gern sterben,« sagte er, »aber wenn ich zusammenbreche, muß auch der schreckliche Vers im Papierkorb enden. Wenn er noch stünde und ich wär nicht mehr da, wäre das Unheil nicht abzusehen!«
Das Schicksal tat ihm seinen Willen. Ein Sturmwind kam. Die Holztafel mit dem Verse stürzte in Marke Tatras angerosteten Eisendrahtleib und riß ihn mitten durch. »Ratsch,« sagte Marke Tatra und war tot …
Das ist nun dreißig Jahre her. Gott sei Dank, heute kann so etwas nicht mehr passieren. Die Menschen sind eben doch vernünftiger geworden und geschmackvoller. Heute denkt auch gar niemand mehr daran, im Walde Papier wegzuwerfen. Alle Menschen achten die Reinheit des Waldes. Und da braucht sich auch kein armer Papierkorb mehr zu Tode zu quälen. Es wäre aber auch noch schöner.
Ja, wenn alles wahr wäre! …