Die Haustreiberei, eine aussterbende Heimarbeit in der südlichen Oberlausitz
Von Alfred Eichhorn, Glashütte
Am Treiberade sitzt die alte Lausitzerin und treibt Pfeifen, mit der Rechten die Kurbel fassend, mit der Linken den Wollefaden haltend. Die Winde, mit Wollezaspeln bespannt, läuft im Windestock. Auf der Spille, die in die Seitenteile des Pfeifenkastens eingestemmt ist, steckt die Pfeife. Sie wird mit Welle betrieben. Auf der Spille steckt auch der Wirtel mit mehreren Einschnitten für die »Bieste« (Treibschnur).
Am Vormittage hat sich die alte Haustreiberin beim Fabrikanten drei Gebündel Wolle geholt. »Se gitt gutt,« meint sie beim Treiben der ersten Pfeife am Nachmittag, denn die Wolle »reßt ne und is o ne verhost.« Da können nach einer Stunde schon vier betriebene Pfeifen unterm Windestock liegen. Damit ist sie recht zufrieden. Für eine betriebene Pfeife bekommt sie zehn Pfennige, ergibt einen Stundenlohn von vierzig Pfennig. Du liest noch einmal den Stundenlohn? Ja, wahrhaftig! In dieser Tatsache offenbart sich wieder das Hauptkennzeichen unserer Zeit – Gegensätzlichkeit; denn der Maschinentreiber in der Fabrik nennt dir sechs Mark als Stundenlohn. Und welche Leute sind Haustreiber? Kränkelnde alte Männer und Frauen, deren Rentenpfennige kaum zum Kauf eines Brotes reichen, die Menschen, denen in ihrer Jugend die Ärmlichkeit der Lausitzer Hausweber Weggenosse war. So greifen sie denn an ihrem Lebensabende noch einmal zum wohlvertrauten Treiberade, weil die Not wieder dazu zwingt. Der Krieg ließ die Haustreiberei wieder etwas aufleben, da die wenigen Aufträge und der Wollemangel den Betrieb großer Maschinen nicht lohnte. Wer kann’s den alten Haustreibern verdenken, wenn in mancher Stunde Verbitterung ihr Herz erfüllt? Die Jugend schwelgt, das Alter darbt.
Alte Lausitzerin am Treiberade
Was erfahren wir aus der Kinder- und Jugendzeit der alten Haustreiber? Wenn die Spannweite der Arme kaum ausreichte, um das Rad zu drehen und den Faden zu halten, begann die erste Unterweisung im Treiben. Ein volles Jahr fehlte mitunter noch bis zum ersten Schulgange. Gar bald wurden die kleinen Finger mit dem schneidenden Faden bekannt. Daumen und Zeigefinger, auch der Mittelfinger der linken Hand hatten tiefe Einschnitte bekommen. Dann mußte der Faden zwischen den Fingern nahe der Handfläche gleiten. Mit zunehmendem Alter war täglich eine größere Anzahl Pfeifen zu treiben. Da wurde die freie Zeit gar knapp, und wenn »de Wulle schlajchte ging,« dann gab’s nur Stubenluft zu atmen, denn die vom Vater festgesetzte Pfeifenzahl mußte fertig werden. Wie mühsam war das Treiben an trüben und kurzen Wintertagen, wenn schwarze Wolle zu treiben war, der Faden oft riß und sein verschwundenes Ende minutenlanges Suchen erforderte! Wie flackerte das kleine Rüböllämpchen am Pfeifenkasten vom Winde des Treiberades! Kalt wurde es in der Stube, da ja die Geschwister auch trieben oder für Vaters Webstuhl spulten. So saßen die Familienglieder in Pelzen und dicken Jacken bei spärlichstem Lichte am Treiberad, Spulrad und Webstuhl. Und wie wurde damals ihre Arbeit bezahlt? Beim »Heimtragen« erhielt die Mutter für eine betriebene Pfeife einen Pfennig, machte vier Pfennig Stundenlohn, auch für jene Zeiten ein Hungerlohn! Vierzehn bis sechzehn Stunden drehte sich täglich Treiberad, Spille und Winde. Von vierzehn Jahren an war diese Arbeitszeit Selbstverständlichkeit. Mehr Stunden wurde auch getrieben.
So sind die Haustreiber vom Lebensmorgen bis zum Lebensabend nur auf steinichtem Wege gewandert. Da wurden sie wortkarg und verschlossen.