Die Schellente im Moritzburger Teichgebiet
Von Paul Bernhardt
Eine schöne Bereicherung hat der unheilvolle Krieg unserer heimischen Vogelwelt gebracht: Die Schellente, dieser Prachtvogel, hat Heimatrecht im Moritzburger Teichgebiet erworben, sie ist hier in den Kriegsjahren zur Brut geschritten. Schon vor dem Kriege stellten sich im Oktober einige Paare als Durchzügler ein und erfreuten bis zum April den Beobachter.
Am sonnigen Herbsttage oder im zeitigen Frühjahr treibt es den Vogelkundler hinaus ins Teichgebiet; hohe Zeiten sind es für ihn, denn reich ist die Fülle der Beobachtungen. Forscherfreude im Herzen steht er vor der blauen Wasserfläche und sucht sich in der schwimmenden, tauchenden, schwirrenden und kreischenden Schar zurechtzufinden. Weit draußen leuchtet im Sonnenschein viel Weiß. Eben ist es verschwunden, schon taucht der weiße Fleck wieder auf. Ein Schellentenerpel im Hochzeitskleide. Das Glas zeigt die ganze Schönheit. Metallisch grün schillert der dunkle, dicke Kopf, geschmückt durch zwei auffällige weiße Flecken dicht an der Schnabelwurzel und durch feuergelb leuchtende Augen. Sonst überall viel Weiß, das noch durch das tiefe Schwarz des Oberrückens und Schwanzes gehoben wird. Immer größer wird der weiße Fleck auf dem Wasser. Der Erpel legt sich putzend zur Seite, und die korallenroten Füße vollenden das herrliche Farbenspiel. Kurze Zeit weidet sich das Auge am Anblick, schon ist die Herrlichkeit wieder unter Wasser. Doch gleich nebenan erscheint einem auftreibenden Korke gleich eine zweite, dritte ja vierte dieser zierlichen Tauchenten. Einige weniger auffallend gefärbte Weibchen beteiligen sich am Treiben. Fleißig taucht die kleine Schar, um bald wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Schwer machen sie es mir, die Stückzahl festzustellen. Trägheit liegt ihnen fern. Sie gehören zu den vorsichtigsten und lebhaftesten Enten. Klirrend saust ein Pärchen reißenden Fluges über den Wasserspiegel hin; hell leuchten die weißen Spiegel im schwarzen Felde auf, und klingendes Getön vernimmt beim Nähern das Ohr. Daher die Bezeichnung Schellente. Fast alle Teiche unseres Gebietes waren im vergangenen Frühjahr mit einigen Schellenten besetzt, so daß gegen dreißig Paare gezählt werden konnten.
Ganz toll wird das Treiben zur Paarungszeit. Die einzelnen Pärchen sondern sich ab und sind von jetzt ab immer an gleicher Stelle in ihrem Brutgebiete anzutreffen. Eine aufgeregte, kampfesreiche Zeit hebt an; Liebe und Eifersucht beherrschen die kommenden Tage. Das muntere Treiben und Tauchen in Gesellschaft ist vorbei. Jetzt gilt es, das Weibchen vor Anremplungen zu schützen. Und der Schellentenerpel ist ein eifersüchtiger Gatte. Mit gesenktem Kopfe wird der sich nähernde Nebenbuhler angenommen, durch Unterwasserangriff an den Ständern gepackt und eine Strecke im Fluge verfolgt. Oft wird der Kampf zur Rauferei. Wütend stürzen die Erpel aufeinander zu, packen sich am Kopfe, ziehen sich balgend unter heftigen Flügelschlägen bald über, bald unter Wasser hin und her; lassen voneinander ab, packen sich wieder und treiben einer den andern im niedrigen Fluge plätschernd über die Wasserfläche hin. Stolz umschwimmt der zurückgekehrte Gatte die Auserwählte, bringt das Gefieder in Ordnung, legt den Hals weit nach hinten auf den Rücken, schnellt ihn plötzlich hervor und läßt bei dieser Bewegung einen eigenartigen hellen Ton hören, der sich mit »knirrr« wiedergeben läßt. Oefters wiederholt sich dieses gleichmäßige Kopfrucken und Vorschnellen und nach langem Werben findet der liebestolle Erpel Erhörung. Der Beschauer am Ufer ist verwundert über das närrische Liebesspiel; für ihn war die Beobachtung Neuland. Denn selbst sein »Naumann« berichtet nichts von der eigenartigen Schellentenbalz. Wir haben hier eine der wunderlichsten Balzgebärden in der Vogelwelt vor uns, die der des Spielhahnes gleichkommt und ganz wenig bekannt ist. Die Balz währt von Februar bis hinein in den Wonnemonat. Aus alledem wird der Leser den Wunsch des Verfassers verstehen, diesen Prachtvogel nicht nur als Durchzügler, sondern als bodenständigen Brutvogel in unserer Heimat zu haben. Die Kriegsjahre brachten für das Moritzburger Teichgebiet die Erfüllung des Wunsches. 1916 wurden von dem verstorbenen Ornithologen Mayhoff Dunenjunge der Schellente auf dem Schwanenteich beobachtet. Ich selbst fand die ersten infolge des Kriegsdienstes erst im Jahre 1918. Seit dieser Zeit konnte ich jedes Jahr mehrere Bruten feststellen. In diesem Jahre brüteten wenigstens gegen sechzehn Paare im Gebiete. Schon Mitte Mai traf ich das erste ausgeschlüpfte Gelege auf dem Schwanenteiche. Neun allerliebste Federbällchen sitzen in früher Morgenstunde dicht aneinandergedrängt auf der offenen Stelle des Teiches, seltsamerweise ohne Mutter. Die ersten Sonnenstrahlen bringen Leben in die kleine Schar. Geschickt taucht eins unter die Wasserfläche, ein zweites rennt eilig auf dem Wasser hin, ein Insekt verfolgend, ein drittes wieder schnellt plötzlich in die Höhe, um im Luftsprung eine vorüberfliegende Mücke zu erschnappen. Ein anmutiges Bild! Der Vergleich mit dem Treiben der flinken Wassermäuse drängt sich dem Beobachter auf. Bald ist die kleine Gesellschaft im Schilfe verschwunden, wo die sichernde Mutter ihrer wartet. Die Jungen bleiben lange Zeit beisammen. Noch im August traf ich die festgestellten Gelege auf dem Schloß-, Schwanen-, Frauen- und Großteiche beisammen. Sie sind im Fluge sofort an den weithin leuchtenden weißen Flügelflecken zu erkennen. Das Aussehen der Dunenjungen ist außerordentlich drollig. Die Hauptfarbe ist ein Samtschwarz am Kopfe und auf dem Rücken, während die Unterseite weiß aussieht. Ein keckes Aussehen verleiht ihnen aber der gedrungene kurze Schnabel und der große weiße Fleck vom Kinn bis zum Hinterkopf. Auch die weißen Flügelflecke sind schon angedeutet. Die Angaben im Naumann, der sie mit den Dunenjungen der Märzente vergleicht, stimmen auf keinen Fall.
Besonders schwierig war die Feststellung eines Nestes. Bekanntlich brüten die Schellenten seit neuerer Zeit in Baumhöhlen, ja sogar in den verlassenen Nistplätzen des Schwarzspechtes. Die älteren Ornithologen führen als Brutort nur Schilf- und Rohrbestände an. Am 20. Mai 1920 fand ich die erste Nisthöhle durch Zufall am Schloßteiche. Ein Weibchen flog auf die Kastanie zu, unter der ich lagerte, schwenkte aber bei meinem Anblick im großen Bogen um; kehrte bald zurück, durchflog taubenähnlich das dichte Geäst und verschwand in einer Baumhöhle. Im vergangenen Frühjahre konnte ich drei Nisthöhlen feststellen. Besonders bieten den Schellenten die höhlenreichen Kastanien der beiden Schloßteiche reichlich Nistgelegenheiten. Deshalb ist auch ihr Treiben an diesen Teichen vor allem gut zu beobachten. Doch auch auf den Teichen, deren Ränder fast keine alten Baumbestände aufweisen, dafür aber größere Schilfbestände, sind Bruten aufgekommen. Diese Tatsache läßt vermuten, daß die Schellente nicht nur in Höhlen, sondern vielleicht wie andere Tauchenten im Schilfwalde brütet.
Kastanie am Schloßteiche zu Moritzburg mit Nisthöhle der Schellente
(Aufnahme des Verfassers)
Ganz vereinzelt muß die Schellente schon vor dem Kriege in unserem Gebiete gebrütet haben. Ein Belegstück dafür befindet sich in meinem Besitz: ein 1913 am Schloßteich vom Forstwart Herrn Eckart tot aufgefundenes Dunenjunges.
So sei am Schlusse nochmals der Freude Ausdruck gegeben, daß die herrliche Schellente im Moritzburger Teichgebiet nicht mehr Naturdenkmal ist, sondern sie sich Heimatrecht hier erworben hat und mit zu den häufigen Enten gehört. Möge auch vom Landesverein gegen alles angekämpft werden, was diesem prächtigen Vogel den Aufenthalt so nahe der Großstadt vergrämen könnte. Hierher gehört sinnlose Schießerei, Umfällen alter Bäume und der Eierdiebstahl. Besonders schädlich für unsere Wasservogelwelt ist das frühzeitige Schneiden des Schilfes und Rohres durch die Teichverwaltung, das dieses Jahr schon Anfang Juli erfolgte. Auch das »wilde Baden« an allen Moritzburger Teichen wird von unseren gefiederten Freunden nicht besonders begrüßt.