Das Triebelbachtal

Von Paul Apitzsch, Ölsnitz i. Vogtl.

Unweit der Dreikönigreichsecke, jener politisch bedeutsamen Stelle, da die Grenzen der drei ehemaligen Königreiche Sachsen, Bayern und Böhmen in einem Punkte zusammenstoßen, da jetzt die Gemarkungen der drei Republiken Sachsen, Bayern und Tschechoslowakei sich berühren, ist auch die dreiteilige Wasserscheide zwischen Elster, Saale und Eger. Gegen Süden fließen die Wässer dem Egerlande zu. Nach Westen enteilt die Regnitz dem Waldlande und ergießt sich bei Hof in die Saale. Und nordwärts gehört alles Fließende dem Stromgebiet der Weißen Elster. Der bedeutendste linksseitige Elsterzufluß ist hier der fünfzehn Kilometer lange Triebelbach. Zwischen Eichigt und Ebmath, rechts der Zollstraße Ölsnitz-Roßbach, liegt ein Berg, der den merkwürdigen Namen »Bubenstock« führt. Auf älteren Karten wird er »Pumpenstock« genannt. Trotz seiner absoluten Höhe von 630,8 Meter bietet er nicht die geringste Fernsicht; denn erstlich erhebt er sich nur unbeträchtlich über die durchschnittlich sechshundert Meter hoch gelegene Hochfläche, und überdies ist er bis zur Kuppe mit Fichtenwald bestanden. Die einzige Bedeutung des Bubenstockes in geographischer Beziehung besteht darin, daß an seiner westlichen Abdachung der Triebelbach entspringt. Durch Heidegesträuch, Ginstergebüsch und niedrigen Mischwald eilt das muntere Waldkind rasch abwärts. Es ist, als wolle es der unheimlichen Gegend entfliehen. Führt doch das südwestwärts gegen Tiefenbrunn zu gelegene einsame Waldstück den grausigen Namen: Der gespaltene Schädel. Ob eine geheimnisvolle Untat dieser Benennung zugrunde liegt oder ob eine bloße Wortentstellung anzunehmen ist, ist nicht mehr festzustellen. Der düstre Wald tritt beiderseitig zurück und macht dem ersten Dorfe, Obertriebel, Platz. Da die Bachsohle beim oberen kleinen Dorfteiche genau fünfhundert Meter hoch liegt, so beträgt der Fall von der Quelle bis hierher auf der kaum 2,5 Kilometer langen Strecke bereits einhundertunddreißig Meter. Bei einer kleinen Häusergruppe zwischen Ober- und Untertriebel, den sogenannten Hutherleithenhäusern, empfängt der Triebelbach von links her starke Zuflüsse aus dem waldreichen Platzerberggebiet und von Neubrambach. Erheblich verstärkt kommt der hier außerordentlich krebsreiche Bach nach dem Kirchdorfe Untertriebel. Von lärchenbestandener Höhe klingt Glockenklang hernieder. Droben bringt man sie zu Grabe, die sich freuten in dem Tal. Denn der Kirchhof liegt hier noch, altem schönen Brauche gemäß, rund ums Kirchlein. Das Gotteshaus von Untertriebel gehört zu den wenigen vogtländischen Dorfkirchen, bei deren Anlage an Verteidigungszwecke gedacht worden ist und an deren Umfassungsmauern noch Spuren ehemaliger Befestigung zu erkennen sind. Vor der turmartigen Friedhofspforte ragen zwei mächtige Linden. Links vom Eingange, an der Nordseite der starken Kirchhofsmauer, sind ganz deutlich drei Schießscharten zu sehen. Rechts vom Tore, an der Westseite also, sind weitere sechs Schießscharten, so daß die ganze Mauer noch neun derartige Zeugen ehemaliger Befestigung aufzuweisen hat. Gelegentlich einer Erweiterung des Friedhofes nach Süden zu mußte die südliche und östliche Ummauerung abgetragen werden. Auch diese Teile der ursprünglichen Anlage waren, wie mir der über vierzig Jahre in Untertriebel im Amte befindliche alte Kantor Häntzschel versicherte, mit Schießlöchern versehen. Die Schießscharten sind von annähernd gleicher Größe und Gestalt. Von außen gesehen sind sie schmal, nur zehn Zentimeter breit und fünfzig Zentimeter hoch. Nach innen werden sie weiter, und an der Innenseite der achtzig bis neunzig Zentimeter starken Mauer sind sie beinahe quadratisch mit fünfzig Zentimeter Seitenlänge. Eine Häufung der Schießscharten ist vermieden; in beinahe gleichen Abständen voneinander sind sie in das starke Mauerwerk getrieben. Als im Jahre 1901 bei der Erneuerung des Gotteshauses auch die Friedhofsmauer abgeputzt wurde, hatten übereifrige Handwerker unaufgefordert die Schießscharten teilweise schon zugemauert. Sie waren höchlichst erstaunt, als durch ein Machtwort des Herrn Pfarrers Kramer die »alten Löcher« wieder in den vorherigen Zustand zurückversetzt werden mußten. Vor der Nordseite der Mauer sind grabenartige Vertiefungen, die möglicherweise in Beziehung zu einer ehemaligen Befestigung stehen. Doch ist in der historischen Deutung derartiger Vorkommnisse größte Vorsicht geboten. Übereifer in der Auffassung und Behandlung »alter Löcher« kann nicht nur einen simplen Mauergesellen, sondern auch den hochgelahrtesten Altertumsforscher zu Dummheiten verleiten.

Abb. 1 Untertriebel
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)

Es gibt im Vogtlande nur noch zwei Dorfkirchen, die Spuren einstiger Befestigung tragen: Thierbach bei Pausa und Schwand. Bei Überfällen und Plünderungen durch rohe mittelalterliche Landsknechte war gewöhnlich der das Dorf beherrschende Rittersitz die Zufluchtsstätte der Dorfbewohner. Dieser Rittersitz war entweder ausgezeichnet durch hohe Lage, oder durch Ringwallanlagen und Teichinseln geschützt. Professor Johnson, Plauen, weist schon im Jahre 1900 darauf hin, daß sowohl Thierbach, als auch Schwand und Untertriebel im Mittelalter keine Rittersitze besaßen – das Rittergut Schwand ist später entstanden –, so daß die schutzlosen Dorfbewohner auf den Gedanken kamen, Kirche und Friedhof zu einem Verteidigungsplatze zu gestalten. Diese Erwägungen mögen wohl auch das altvogtländische Adelsgeschlecht der Säcke auf Geilsdorf bestimmt haben, die Kirche zu Untertriebel auf einem das Dorf überragenden Höhenrücken erbauen zu lassen, und zwar schwankt das Erbauungsjahr nach urkundlich sicheren Angaben zwischen 1342 und 1380. Das Gotteshaus in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem Jahre 1535, so daß der ältere Bau nur etwa zwei Jahrhunderte stand.

Für Freunde der Vergangenheit bietet auch das Innere der Untertriebler Dorfkirche mancherlei Bemerkenswertes. Bei der obenerwähnten Erneuerung des Gotteshauses fand man auf dem Kirchboden zwei verstaubte und stark beschädigte Holzschnitzereien: einen Kruzifixus und einen Taufengel. Beide Gegenstände wurden der »Kommission zur Erhaltung von Kunstdenkmälern« zur Begutachtung vorgelegt. Über den Kruzifixus kam von Dresden folgendes Gutachten: »Ist eine Holzschnitzerei aus dem fünfzehnten Jahrhundert; es fehlen beide Arme und sämtliche Zehen; an der Nase, Operlippe und am Lendenschurz starke Beschädigungen. Das Holz selbst ist gesund; auch die Bemalung braucht nur gereinigt und an den neuen Stücken ergänzt zu werden. Eine Wiederherstellung ist unbedingt zu empfehlen. Professor Spieler ist bereit, die Erneuerung vorzunehmen.« Der Taufengel ist ein kräftiges, eigenartiges Barockwerk etwa von 1730. Auf dem Deckel des von dem Engel gehaltenen Taufbeckens sind Christus und Johannes der Täufer in kleinen Figuren angebracht. Die Wiederherstellung des beschädigten Taufengels übernahm Holzbildhauer Wünschmann in Dresden. Seit 1902 bilden die auf diese Weise geretteten altertümlichen Holzschnitzereien einen wertvollen Schmuck des Altarplatzes der Untertriebler Kirche. Künstlerisch bewertet sind die beiden Schnitzereien sehr verschieden. Ich halte den Taufengel für die Arbeit eines Handwerkers, den Kruzifixus für das Werk eines Künstlers. Der schablonenhaft steife Faltenwurf des hemdartigen Kleidungsstückes, sowie die wenig ausdrucksvollen Gesichtszüge des Taufengels deuten auf eine nur mittelmäßige Befähigung des Holzschnitzers, während die Darstellung des schmerzverzerrten Antlitzes, sowie die Ausarbeitung der Rippen an dem abgezehrten Oberkörper des gekreuzigten Heilandes auf eine genauere Kenntnis des anatomischen Baues eines Menschenleibes, sowie auf eine technisch weit höher zu bewertende Beherrschung des Schnitzmessers schließen lassen.

Abb. 2 Untertriebel
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)

Einige andre Altertümer der Kirche zu Untertriebel sind auf Veranlassung des Professors Steche ins Sächsische Altertumsmuseum nach Dresden gewandert. Auch sie lagen verlassen und vergessen in einem Winkel des Kirchbodens. Das kostbarste Stück ist eine aus Holz geschnitzte Truhe, die zur Aufbewahrung von kirchlichen Geräten oder Meßgewändern verwendet wurde. Diese Truhe ist in dem von Schmidt und Sponsel herausgegebenen »Bilderatlas zur Sächsischen Geschichte« in der Abteilung für bäuerliche Kunst beschrieben und bildlich dargestellt.

Doch nun genug der Namen und Zahlen. Wir treten heraus und steigen hinunter ins Dorf. Der prächtige Lärchenhang des Kirchberges war im März 1919 stark gefährdet. Ein Teil der Mitglieder des Gemeinderates, verbittert durch die überaus hohen Anforderungen der Erwerbslosenunterstützung an die Gemeindekasse, hatte tatsächlich die Absicht, die großen Lärchen des Kirchpöhls fällen zu lassen. Ich hatte alle Mühe, das drohende Verhängnis abzuwenden. Ich verhandelte schriftlich und mündlich mit Pfarrer und Gemeindevorstand und disputierte mit den Bauern im Wirtshause. Den Ausschlag gab schließlich ein äußerst geschickt abgefaßtes und warmherzig gehaltenes Schreiben des »Landesvereins Sächsischer Heimatschutz«, das auf meine Anregung hin der Gemeinde zuging. Der Baumbestand des Kirchpöhls war gerettet. Der Naturschutzabteilung des Landesvereins ist es zu danken, daß das Kirchlein zu Untertriebel noch heute im Schmucke eines selten schönen Lärchenbestandes herab ins Tal grüßt. –

Abb. 3 Fuchsmühle
(Phot. Albert Roth, Ölsnitz i. V.)

In breitem Wiesentale schlängelt der Triebelbach weiter. Und nun ein Glanzstück: die idyllisch gelegene Fuchsmühle. Aus dichtem Grün leuchtet der schlohweiße Giebel mit seinem dunklen Fachwerk freundlich hervor. Hier bei der Fuchsmühle lag eine der vorzüglichsten Kupferzechen des Vogtlandes: »Hoff auf Gott«. Von 1705 bis 1721 wurden 1980 Zentner Kupfer im Werte von 47 993 Taler 16 Groschen 2¼ Pfennige und außerdem 2853/8 Zentner Kupfervitriol im Werte von 2570 Taler 18 Groschen 0 Pfennige zutage gefördert. Der Reingewinn betrug nach den jetzt noch vorhandenen Grubenrechnungen 28 172 Taler 10 Groschen 2¼ Pfennige. Der Bergsegen ließ indes bald nach. Dazu kam, daß infolge der Weichheit des Gesteins die Stollen mit Holz verzimmert werden mußten und daß man fortwährend mit dem Grundwasser des nahen Triebelbaches zu kämpfen hatte. 1735 kam die Grube zum Erliegen. Unweit der Mühle stand ein Pochwerk. Interessant ist, daß dieses Pochwerk die Ursache einer Beschwerde des staatlich konzessionierten Perlenfischers wurde. Am 3. Juli 1710 erstattet der Ölsnitzer Perlenfischer Johann Gottfried Schmirler im Amt Voigtsberg folgende Anzeige: »Er wäre vorige Woche in dem Tribler Bach gewesen und hätte Perlen suchen wollen. Da habe er gefunden, wie solcher Bach gänzlich aussterbe. Sonsten hätten die Muscheln wie ein Pflaster darinnen gestanden. Vorjetzo fände er fast gar keine. Die ursach dieses Aussterbens schreibe er dem an solchem Bach gebauten Pochwerke zu. Er hätte dahero unterschiedlichmahlen bey denen Bergbeamten Erinnerung gethan, man hätte es aber nicht attentiret; itzo könnte man nun den Schaden spühren. Man solle Teiche machen, worinnen der Schlamm und die materie, welche denen Muscheln schädlich, vielleicht sitzen bliebe. Er müsse gestehen, daß er in dieser Refier jederzeit die hellsten und klahrsten Perlen gefunden.« (Dr. J. G. Jahn, Die Perlenfischerei im Voigtlande, Ölsnitz 1854.)

Abb. 4 Bösenbrunner Kirche
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)

Außer Kupfer wurde in der Nähe der Fuchsmühle auch Zinn (Zinnzeche St. Johannes) und Eisen (Ludwig-Fundgrube) bergmännisch gewonnen. Zahlreiche Halden, Pingen, Berglöcher, Stollenausgänge und Reste alter Grubengebäude zeugen noch heute von dem Bergbau vergangener Zeiten.

Wir wandern weiter mit den wandernden Wellen und erreichen das dritte und letzte Dorf des Tales: Bösenbrunn. Auf allen Höhen rings herum lugt aus dem Dunkelgrün des Fichten- und Föhrenwaldes weißschaftig die Birke, deren Besonderheit darin besteht, daß sie zu jeder Jahreszeit andre Farbenstimmung aufweist; im Vorfrühlinge zartduftiges Hellviolett, im Spätlenz Smaragdgrün, im Sommer kraftvolles Allerweltsgrün, im Herbst strahlendes Gelb und vor Beginn des Winters wieder jenes eigenartige tote, stumpfe Violett, welches kein Pinsel wiederzugeben vermag. Am linken Talhange das winzige Dorfkirchlein, erbaut in demselben Jahre, da der Dreißigjährige Krieg begann. Droben Gotteshaus und Gottesacker, drunten das Rittergut, drüben die Mühle und draußen gegen den Talausgang, an den rechtsseitigen Waldhängen, zwei einsame Einschichten: das Streithaus und das Otterhaus. Zwischen Rittergut und Mühle liegen am Wege die Überreste alter »Griebensteine«. Es sind dies viereckige, mit einer gerundeten Aushöhlung versehene Granitbottiche, in denen zur Zeit der Pechsieder die Abfallprodukte des Peches nochmals geröstet wurden. Man gewann aus diesen »Griefen« oder Grieben eine Art minderwertiges Pech, nützte also das Naturprodukt wirtschaftlich aus. Das gewonnene Abfallpech floß durch ein an der tiefsten Stelle angebrachtes rundes Loch ab. Die Granitpfannen müssen also ehedem auf einer Unterlage gestanden haben. Jetzt liegen sie im Erdreich eingedrückt und im Grase vergraben schon seit Jahrzehnten ungenützt. Solche alte Pechpfannen gibt es auch anderswo im Vogtlande, so bei Brotenfeld, bei Planschwitz und bei Raun.

Abb. 5 Mühle in Bösenbrunn
(Phot. Albert Roth, Ölsnitz i. V.)

Das Triebelbachtal wird nun eng und tiefeingerissen. Die Abhänge sind von der Talsohle bis zur Höhe bewaldet. Einige große Kahlschläge flammen in buntester Blütenpracht. Ein Meer purpurner Weidenröschen (Epilobium angustifolium). Dazwischen gelbe Fingerhüte (Digitalis ambigua), stachelige blaue Natterköpfe (Echium vulgare), stolze Königskerzen (Verbascum), großblumige enzianblaue Pfirsichglockenblumen (Campanula persicifolia), lohende Pechnelken und leuchtende Margeriten. Und inmitten all dieser Farbenfülle wandert der Erlen- und Perlenbach geruhsam seines Weges, der Weißen Elster entgegen. Bei Pirk, zwischen Ölsnitz und Plauen, mündet er in den Hauptflußlauf des Vogtlandes.

Fernab allem Weltgetriebe, ein stilles, einsames Waldland, urkräftig und unberührt, lieblich im Birkenschmucke des Lenzes, farbenfreudig im Glast und Glanz des Hochsommers, versonnen und verträumt im Sterbekleid des Herbstes, erstarrt und erstorben im Rauhreifgeschmeide des Winters – so lieb ich dich, du mein märchenschönes Vogtlandtal.

Abb. 6 Weg nach Neubrambach
(Phot. Curt Sippel, Plauen i. V.)