In Guteborn

Von A. Klengel, Meißen

(Aufnahmen von J. Ostermaier, Blasewitz)

Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehn,

Es sei wie es wolle, es war doch so schön!

Goethe, Faust II

Ein Brief aus Guteborn wird mir gebracht; Seine Durchlaucht Ulrich Prinz Schönburg lädt mich in herzlicher Weise zu einem Besuche auf seine Besitzung ein. Da er gern Störche in Guteborn ansiedeln möchte, soll ich ihm mit einem guten Rate zu Hilfe kommen.

Abb. 1 Guteborn, Eingang zum Schloßhof

Rasch die Landkarte zur Hand genommen! – Guteborn ist der waldreiche Großgrundbesitz in der preußischen Niederlausitz, dicht an Sachsens Grenze, den etwa die Bahnlinien Ortrand–Ruhland–Hohenbocka–Kamenz umrahmen, also von hier aus leicht und schnell zu erreichen. Und dann noch einen Blick in die Genealogie des Schönburgischen Hauskalenders, der mir als sächsischem Geschichtsforscher zur Hand liegt. Der freundliche Gastgeber ist ein Glied der Fürstlichen Linie Schönburg-Waldenburg und ein Vetter des jüngst verstorbenen Prinzen Ernst, der mit seiner schon früher heimgegangenen Gemahlin Helene auf der prächtigen Besitzung Gauernitz bei Meißen den Natur- und Vogelschutz in vorbildlicher Weise pflegte, so daß ich und die Freunde der Heimat alle Ursache haben, ihm ein dankbares und ehrendes Gedächtnis zu bewahren. Die Liebe zur Natur scheint eine schöne Familieneigentümlichkeit des uralten edlen Fürstengeschlechtes zu sein. Die Reise verspricht also außerordentlich lohnend zu werden und hocherfreut sage ich zu.

Abb. 2 Guteborn, Kirche und Eingang zum Schloß

In der Morgenfrühe eines kalten Oktobertages breche ich denn auf, voll von Erwartungen, und früh nach acht Uhr schon lande ich auf dem Bahnhofe Ruhland. In ein Reich der Arbeit bin ich gekommen, ist doch Ruhland ein Mittelpunkt des Niederlausitzer Kohlenbergbaues und der Preßkohlenherstellung. Der große neuzeitliche Bahnhof, der zugleich ein wichtiger Knotenpunkt ist, legt Zeugnis ab von dem ins Riesenhafte gewachsenen Verkehr; das Städtlein freilich ist klein und unscheinbar geblieben, die Häuser scharen sich verträumt um die Kirche und bieten ein Bild, wie wir es in vielen kleinen Landstädten zu schauen gewöhnt sind.

Lange Zeit bleibt mir nicht zu diesen Betrachtungen, bin ich doch aus ganz anderen Gründen nach Ruhland gekommen und das prinzliche Geschirr wartet vor dem Tore.

Abb. 3 Guteborn, Schloßgarten mit südlichem Pavillon, der das Archiv enthält

Im Trabe gehts zur Stadt hinaus dem Walde zu. Bald zeigt der Grenzgraben an, daß ich mich auf Guteborner Besitz befinde. Der Kutscher hat Auftrag, mich zunächst nach den weiten Waldwiesen und an die baumbestandenen Teichufer zu fahren, damit ich aus der Beschaffenheit des Bodens und der landschaftlichen Lage erkennen soll, ob wohl Guteborn noch dazu geeignet ist, dem Storche eine Heimat zu bieten. Der Versuch, den Storch anzusiedeln, kann immerhin gemacht werden, wenn auch die Gegend nicht gerade als ideale Storchheimat zu bezeichnen ist. Die weiten, zum Teil anmoorigen und sumpfigen, von Gräben durchzogenen Wiesen und die verlandeten Teichufer würden dem langbeinigen Froschliebhaber gewiß Nahrung in Fülle bieten; auch würde er sich des besten Schutzes durch den prinzlichen Gönner erfreuen. Wie ich bald erfuhr, darf in Guteborn nicht einmal auf einen Reiher, geschweige denn auf einen Storch geschossen werden. Freilich sind die für den Storch in Frage kommenden Nahrungsgründe von weiten Wäldern umgeben und diese liebt der Storch nach meinen Erfahrungen nicht allzusehr, wenn er sich auch als ungepaarter Vogel gern an den Waldrändern aufhält. Und hinter den Wäldern wohnt die Industrie mit hohen Schornsteinen, Lärm und Ruß und Rauch. Fast immer hält er eine Gegend, in welcher die Industrie die Oberhand gewinnt, für ungastlich und kehrt ihr darum den Rücken. Als günstig für die Ansiedelung des Storches ist wieder der Umstand anzusprechen, daß der Guteborner Besitz eine außerordentliche Größe hat und dadurch allein schon in seinen Grenzen dem Storche ein friedliches und stilles Wohnen ermöglicht. Mag darum auf einer der alten strohgedeckten Bauernscheunen im Dorfe Guteborn, das mir jetzt zu Gesicht kommt, durch Aufbringen einer Nestunterlage dem Storche die Möglichkeit zur Ansiedelung geboten werden. Der prinzliche Storchfreund hat zwar auf den Nebengebäuden des Schlosses bereits zwei einladende Storchnester herrichten lassen, die von den Störchen wohl beachtet, aber bis jetzt nicht bezogen worden sind. Anscheinend nehmen sie doch Anstoß an dem regen Leben im Schloßhofe und in der Umgebung. Sollte die Ansiedelung auf einer der abseits gelegenen Scheunen gelingen, so ist es vielleicht möglich, den Storch auch an den regeren Verkehr zu gewöhnen und zum Beziehen eines Nestes am Schlosse zu veranlassen.

Die Rappen halten im Hofe des hohen und stattlichen, von vier Ecktürmen flankierten Schlosses Guteborn. Mit seinen zahlreichen schmucken Nebengebäuden, von welchen die Schloßkapelle und der neu erbaute Marstall besonders hervorgehoben sein mögen, bietet es das Bild eines vornehmen Fürstensitzes, wie ihn nur das hohe künstlerische und schöngeistige Empfinden eines uralten Hochadelsgeschlechtes erbauen und pflegen konnte.

Seine Durchlaucht empfängt mich selbst am Wagen, begrüßt mich auf das herzlichste und führt mich zum Frühstück in das Schloß. Wie nicht anders zu erwarten, bieten die Innenräume Bilder des vornehmsten und vollendetsten Geschmacks. Die hohe Schloßhalle birgt zahlreiche Jagdtrophäen, darunter auch einen prächtigen Braunbären, den der Prinz auf dem Besitz seines Vetters in Krain erlegt hat. Oft schon sind mir Jagdtrophäen von glücklichen Weidmännern gezeigt worden, noch nie habe ich aber das Empfinden gehabt, das mich hier in Guteborn beschlich, als mir der hohe Gastgeber Erläuterungen zu seinen weidmännischen Schätzen gab. Ein Bedauern klang aus seinen Worten; mir schien es fast, als hätte es ihm schwere seelische Kämpfe gekostet, ehe er das tödliche Blei auf das Tier sandte, als sei ihm das Tier im Leben unendlich viel lieber gewesen, als jetzt als präparierte Trophäe. Wie himmelweit erhaben erschien mir in diesem Augenblicke die hohe vornehme Gestalt des Prinzen über so manchen anderen Jäger unserer Zeit. Ich hatte das Richtige vermutet. Wie ich später erfuhr, findet der Prinz wenig Gefallen am Weidwerk; er empfindet aber hohen Genuß am Beobachten der freien Tierwelt, die in ihm einen vorbildlichen Schützer und Hüter besitzt.

Der Prinz führte mich dann in den Park, der sich in einer Größe von etwa zweihundert Morgen an das Schloß anschließt. Ich war erstaunt, auf dem Sandboden der Herrschaft Guteborn einen derartigen prächtigen und frohwüchsigen Naturpark mit gewaltigen Baumriesen zu finden; er dürfte schwerlich seinesgleichen haben. Mit Recht ist er denn auch der Stolz des Besitzers; mit Liebe wird er geschützt und gehegt und mit größter Sorgfalt gepflegt, doch immer in einer Weise, daß Spuren menschlicher Tätigkeit nicht zu bemerken sind. Der Park läßt nichts erkennen von der zwingenden Hand des Menschen, vom Werkzeug des Gärtners oder Forstmannes. Hier ist der Gedanke, daß die Natur durch Menschenhand wohl gepflegt, aber nicht verschönert und verbessert werden kann, auf das trefflichste durchgeführt. Als ein prächtiges Stück unberührter Natur erscheint der Guteborner Parkwald, urwüchsig und herrlich wie am ersten Tag. Wie kläglich nimmt sich doch dagegen ein im französischen Geschmack gestutzter Park mit seinen gemarterten und geschundenen Bäumen aus, den wir sonst meist neben den Schlössern zu schauen gewöhnt sind.

Abb. 4 Guteborn, Eingang zum Schloßhof, rechts die alte Mühle

Dieses Prunkstück heimischer Naturschönheit ist des Prinzen ureigenstes Reich. Wohl schwerlich gibt es wieder einen Schloßherrn, der mit den Bäumen seines Parkes so vertraut ist, wie der Herr auf Guteborn. Auf die Bäume, welche sich durch besondere Größe, prächtigen oder eigenartigen Wuchs auszeichnen, macht er mich aufmerksam, auf besonders schöne Baumgruppen, auf herrliche Durchblicke weist er mich hin, von den Vögeln erzählt er mir, die in den Baumkronen wohnen und von dem Hochwilde, das in seltener Vertrautheit durch den Park wechselt. Es macht ihm Freude, wenn sich andere, für die Schönheit der Natur empfängliche Menschen mitfreuen an seinem prächtigen Besitz, den er nicht ängstlich abschließt gegen die Außenwelt, sondern für Spaziergänger und Naturfreunde offen hält. – Ein bunter Mischwald ist der Park; Fichten, Kiefern, Weymutskiefern und Lärchen wechselten ab mit Eichen, Linden und anderen Laubhölzern. Einige besonders prächtige Stücke mögen herausgegriffen sein. Der Prinz maß mit mir den Umfang mehrerer Bäume, die sich sowohl durch prächtigen gesunden Wuchs als auch durch stattliche Größe auszeichneten. Wir fanden Fichten von 325 und 375 Zentimeter Umfang bei einem schätzungsweise gewonnenen Höhenmaße von 45 bis 50 Meter und eine Kiefer von 272 Zentimeter Umfang. Unter Berücksichtigung des mageren Sandbodens, worauf der Baum steht, schätze ich das Alter der stärksten Fichte auf weit über dreihundert Jahre; sie stand also jedenfalls damals schon, als die Herrschaft vor drei Jahrhunderten in das Eigentum der Familie des jetzigen Besitzers kam.

Bald kommen wir an eine weitere Sehenswürdigkeit. Inmitten einer Gruppe alter Fichten und von Rhododendronbüschen umgeben liegt nahe einer Waldwiese ein kleiner stiller Weiher, der von einem unsichtbaren Quell gebildet wird. Die Wasserzuführung ist so stark, daß ein stattlicher Bach aus dem Weiher abfließen kann, der verschiedene Teiche in der Umgebung des Schlosses speist. Große grüne und braune Algen wachsen im Becken des Weihers; ein Sonnenstrahl, der durch die Bäume bricht, läßt sie aufleuchten im herrlichsten Samtgrün. Ein Böcklinsches Gemälde, ein Heiligtum liegt vor unsern Augen. »Guteborn« hat der Prinz den Weiher mit seiner verborgenen Quelle genannt.

Abb. 5 Guteborn, Wirtschaftshof

Im Schloßparke wird natürlich nie ein Kahlhieb geführt, auch in den übrigen, zweitausend Morgen großen Waldungen der Herrschaft Guteborn wird mit Vorliebe zum Plänterbetrieb gegriffen. Die Eigenart der Waldlandschaft bleibt dadurch erhalten, dabei sind niemals größere Ungezieferschäden beobachtet worden.

Der Prinz stellte mir auch des Parkes treuen Hüter und fleißigen Pfleger vor, einen Mann mit grauem Haar. Gar eigen wurde mir ums Herz, als ich seine Geschichte hörte. In der Nähe geboren, war er später jahrzehntelang Schutzmann in der Reichshauptstadt; dann zog’s ihn wieder zurück nach der Heimat; Berlin hat nicht vermocht, die Heimatliebe im Herzen dieses schlichten Mannes zu ertöten. Er fühlt sich glücklich unter den Bäumen des ihm anvertrauten Parkes, er hat nun erst gefunden, was ihm das Leben bisher versagte. Gäbe es doch noch viele Menschenkinder, die auch in der Fremde die Fühlung mit der Heimat nicht verlieren, die auch im Trubel der Großstadt nicht wurzellocker werden in der Heimaterde. Es würde besser um uns stehen.

Abb. 6 Quellteich der »Guteborn«

Mehrere Stunden noch brachte ich in Guteborn zu; es gab noch Vieles und Schönes zu schauen; denn überall zeigt sich der Schönheitssinn und die Naturliebe des Prinzen. Ich bin durch die Wälder gestreift und habe mich darüber gefreut, daß hier trotz aller forstmännischen Sorgfalt der Schönheitsgedanke noch Raum zur Betätigung gefunden hat. Auch die Felder werden in dieser Weise gepflegt. Dafür nur ein Beispiel. Um eine einförmige junge Obstbaumpflanzung zwischen den Feldern stimmungsvoll zu beleben, ist sie durch eine Ginsterhecke verbunden; die Hecke dient nicht nur zur Hebung der landschaftlichen Schönheit, sondern bietet auch den Vögeln Unterschlupf und Nistgelegenheit.

Im Dorf Guteborn wird man Zeichen vom Schönheitssinn und den Wohlfahrtsbestrebungen nicht vergeblich suchen, davon sprechen die schmucken Häuser der herrschaftlichen Beamten und der prinzliche Gasthof, dessen Innenausstattung eine Fundgrube für den Freund der Volkskunde darstellt. Die Einwohner schätzen ihren Prinzen außerordentlich hoch, hat er doch ein fühlendes Herz für ihre Nöte und Sorgen. Das ist wohl selbstverständlich; wie könnte auch ein derartiger Natur- und Tierfreund, ein so vorbildlicher Schützer der stummen Kreatur gefühllos gegen seine Mitmenschen sein!

Den Höhepunkt meines Besuches bildete die prinzliche Familientafel, zu der mich Seine Durchlaucht geladen hatte und eine Stunde anregendster Unterhaltung, die sich daran anschloß. Ich erfuhr dabei auch, daß der Prinz den Natur- und Heimatschutz nicht nur selbst in vorbildlicher Weise pflegt, sondern auch die Natur- und Heimatschutzvereine unterstützt und ihre Bestrebungen fördert.

Die Dämmerung brach herein als mich das prinzliche Geschirr wieder hinaus fuhr in das geschäftige Leben und Treiben des Alltages. Vom Waldrande warf ich noch einen Blick zurück auf das Naturparadies Guteborn und das stolze Schloß, in dem der Mann wohnt, der im Gespräch von sich sagte:

»Ich bin nur der Hüter, der oberste Beamte meiner Güter; ich habe nur zu hüten, zu pflegen und zu erhalten für kommende Geschlechter!« –

Und wäre man noch so demokratisch gesinnt in heutiger Zeit, der einen Wahrheit kann sich der ehrliche Mensch nicht verschließen: der hohe und edle Sinn und das Verständnis für die Schönheiten der Heimat, für den Schutz der heimischen Natur und der sie belebenden Geschöpfe haben an unseren deutschen Fürstenhöfen immer die beste Pflegstätte gefunden. Die meisten Glieder unserer deutschen Fürstengeschlechter fühlten sich von jeher als berufene Hüter und Pfleger der Heimat- und Naturschönheiten; sie haben gezeigt und zeigen es heute noch, daß sie den Sinn des Wortes »Besitz verpflichtet« recht zu deuten verstehen!