Löns als Jäger

Von Edmund Scharein

Binnen kurzem wird in der Lüneburger Heide unter voraussichtlich großer Beteiligung zahlreicher Jäger und Naturfreunde das Hermann-Löns-Denkmal, ein schmuckloser, gewaltiger Findling, der das Bildnis des Dichters trägt, enthüllt. Dem Wunsch des Dichters und wackeren deutschen Weidmannes ist damit nicht entsprochen. Denn er bestimmt selbst:

Und geht es zu Ende, so laßt mich allein

Mit mir selber auf einsamer Heide sein;

Will nichts mehr hören, und nichts mehr seh’n,

Will wie ein totes Getier vergeh’n.

Auf meinem Grabe soll stehen kein Stein,

Kein Hügel soll dorten geschüttet sein,

Kein Kranz soll liegen da, wo ich starb,

Keine Träne fallen, wo ich verdarb.

Will nichts mehr hören und nichts mehr seh’n,

Wie ein totes Getier, so will ich vergeh’n;

Und darum kein Kranz und kein Stein,

Spurlos will ich vergangen sein.

Wüßte er aber, daß lediglich die Dankbarkeit deutsche Jäger zwingt, ihn in dieser Weise zu ehren, und könnte er sehen, daß der Stein mitten in der Lüneburger Heide, in der von ihm über alles geliebten Heide, stünde, oben auf dem Wietzer-Berg, in einem Revier, in welchem er so oft weidwerkend geweilt hat, ich glaube, er würde uns verzeihen.

Nicht nur die deutsche Literatur hat durch Löns’ frühen Tod einen unersetzlichen Verlust erlitten, sondern auch die deutsche Jägerwelt. Und gerade diese hätte seiner Anregungen heute mehr bedurft denn je.

Bei der gewaltigen Liebe zur Natur, die den Meister auszeichnete, bei dem großen Interesse, das er den scheinbar nichtigsten Dingen in Feld und Wald entgegenbrachte, ist es kaum zu verwundern, daß er nicht Sportjäger geworden ist. Sportjäger weder im engeren, noch im weiteren Sinne. Es kam Löns nicht auf reichliche Beute und Trophäen an. Er liebte die Jagd nicht, weil sie die Möglichkeit bietet, alle möglichen Kreaturen zu erlegen, sondern er liebte sie, weil er die Natur in Feld und Wald beobachten, das Verhalten des Wildes studieren, weil er allen Geschöpfen, die sich in der freien Gottesnatur aufhalten – vom größten Säugetier bis zum kleinsten Käfer – ihre Geheimnisse ablauschen konnte.

Nur das Stück Wild, dessen Überlistung ihm nach vielen Mühen gelang, machte ihm Freude. Ein Täuber, zu dessen Erlegung er viel Mühe aufwenden mußte, konnte ihn mehr erfreuen, als ein mühelos erbeuteter »Brunfthirsch«.

Löns, der in seiner langen Jägerlaufbahn viel geweidwerkt hat und der sich mit bestem Erfolg den verschiedensten Wildarten gegenüber versucht hat, hatte selbstverständlich große Strecken zu verzeichnen. Diese waren aber lediglich bedingt durch seine hervorragenden jagdlichen Fähigkeiten – in der Handhabung der Waffe wie im Anschleichen war er Meister; in der Kenntnis der Gewohnheiten und Eigentümlichkeiten des Wildes war er nicht zu übertreffen – und die Regelmäßigkeit, mit welcher er der Jagd oblag.

Wie oft wird ihm die Freude vergällt beim Anblick des gestreckten Wildes. Und nicht ohne Wehmut zieht er den grünen Bruch durch den frischen Schweiß und steckt ihn an den verwitterten Jagdhut. So ist denn der Abschluß der erfolgreichen Jagd, der die meisten Jäger befriedigt, weil er sie an das Ziel ihrer Wünsche brachte, für Löns oft eine Qual. Als er auf dem Abendstrich die tote Schnepfe – die erste des Jahres –, welche im dürren Farnlaub vor ihm liegt, aufhebt, ist seine Freude hin, und der Lärm der Kraniche, welche seine Schüsse im Bruch aus dem Schlaf gejagt haben, kommt ihm vor wie eine Klage und – Anklage. Und in Erinnerung an den Abend während der Heimfahrt ist ihm, »als hätte der rohe Schlußreim den Zauber dieses Tages verdorben«. Und oft kommt diese Wehmut zum Ausdruck. Ob er den langersehnten stolzen Auerhahn mitten im Minnegesang gefällt oder den roten Bock mit gutem Blattschuß gestreckt hat, er stiehlt sich davon …

Aber auch anderen Empfindungen begegnen wir bei dem Meister. Wie oft wünscht er sich vor dem toten Bock, vor dem gestreckten Hahn einen ähnlichen Tod! Ob er ahnte, daß ihm ein solcher beschieden sei? Viel ist über diese Frage hin und her gestritten. Von vielen wird sie verneinend beantwortet, während andere, die dem Dichter nahestanden, sie bejahen zu müssen glauben. Wer will das entscheiden …

Während Löns oft zögerte, den Finger krumm zu machen, dem stolzen Wild gegenüber, konnte ihn nichts davon abhalten, die Nachsuche mit der größten Gewissenhaftigkeit durchzuführen, und mochte sie noch so beschwerlich sein. Aus Liebe zum Wild. Wie viel liegt ihm an einem krankgeschossenen Stück. Der kranken Ricke, die den kranken Vorderlauf schonend, sich mühsam vorwärts bewegt, trägt er nicht die Kugel an, sondern stellt den Drilling auf Schrot um: »Sie soll den Knall nicht vernehmen, die Kugel nicht spüren; sie hat genug ausgestanden drei Tage lang«.

Mit diesen hervorragenden jagdlichen Tugenden, mit außerordentlich ausgeprägtem weidmännischen Empfinden, verband Löns Fähigkeiten, wie sie nur einige wenige, die in der Natur und mit ihr leben, aufzuweisen haben. Der Winterkälte trotzte er so gut wie der Sonnenglut; Nässe und Sturm konnten ihm die frohe Jägerlaune nicht nehmen. »Mir ist so, als hörte ich hinter mir im fernen Moore die Nebelhexe lustig kichern, und ich schwenke den schäbigen Hut und rufe ihr zu: Weidmannsdank, altes Mädchen, hoioh!«

(Aus der »Ostpreußischen Zeitung«.)