Gedächtnisrede

Von Pfarrer W. Hoffmann, Chemnitz

Müder Glanz der Sonne,

blasses Himmelsblau,

von verklungner Wonne

träumet still die Au.

Von der letzten Rose

löset lebenssatt

sich das letzte lose

bleiche Blumenblatt.

Der Herbst ist wieder ins Land gekommen. Er ist die Zeit des Sterbens. Aber auch er hat seine Schönheit und seinen besonderen Segen. Denn er ist auch die Zeit der Ernte und der Frucht. Wenn aber ein geliebter Mensch uns durch den Tod entrissen wird, und das bittere Weh des Scheidens und Sterbens über uns kommt, dann soll es uns ein Trost sein, daß wir auch das menschliche Leben als eine Saat und Ernte anschauen dürfen. Ihr, liebe trauernde Freunde, steht jetzt noch ganz unter den dunklen Schatten des Todes. Die letzten Tage und Wochen, die vielen bangen, schweren Stunden bis zum letzten Atemzug Eures Heißgeliebten haben sich Euren Herzen aufs tiefste eingeprägt. Zum letzten Male habt Ihr in sein stilles bleiches Antlitz geschaut und seine erkalteten Hände gefaßt, die sonst so warm in den Euren lagen. Und doch geht es auch durch diese dunklen Tage wie ein stilles Leuchten. Denn welch’ ein reiches, gesegnetes Leben ist hier zum Ziele gekommen! Und wenn wir nun in dieser Stunde in Liebe und Verehrung und in großer Dankbarkeit dieses Mannes gedenken, der so vielen teuer war, so dürfen wir es tun mit dem Wort des Neuen Testaments:

Wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Er war ein gesegneter Mann. Indem wir das aussprechen, geben wir Gott die Ehre und danken ihm für dieses nun vollendete Mannesleben. Gott hatte ihn gesegnet mit reichen Gaben, mit körperlicher Kraft und Rüstigkeit bis ins Alter, und mit den besonderen Geistesgaben, die ihn hinleiteten zu seinem Lebensberuf. Und er hat den Acker seines Lebens nicht brach liegen lassen. Im Segen hat er gesäet, hat sich in seinen Lehrjahren die gründliche Ausbildung und Durchbildung verschafft, die ihn dann befähigte, in seinen Meisterjahren so große Aufgaben zu erfüllen. Das Geheimnis seiner Erfolge beruht vor allem auch darin, daß er auch als Schaffender immer ein Lernender blieb, getreu dem Goethewort:

Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,

ein Werdender wird immer dankbar sein.

Durfte er doch die Wiedergeburt der so tief daniederliegenden deutschen Baukunst mit erleben und mit heraufführen helfen. Im Staatsdienst allmählich zu leitenden Stellungen und zuletzt zur höchsten für ihn erreichbaren Stelle emporsteigend, hat er das Bauwesen in unserm engeren Vaterland entscheidend beeinflußt. Viele öffentlichen Bauwerke geben Zeugnis von seinem Schaffen. Auch die Baukunst ist beseelte Kunst. Sie weckt den harten, toten Stein zu einem neuen Leben. Auch in den Bauten eines Volkes offenbart sich sein Geist und sein Charakter. Denn es ist der Geist, der sich den Körper baut. Unser Entschlafener aber hat als einer der Ersten erkannt, daß wir auch auf diesem Gebiet unsere Stammesart pflegen müssen. Darum ging er bei unsern Vätern in die Schule, nicht um in falscher Altertümelei und Deutschtümelei ihre Weise nachzuahmen, wie man es wohl früher versuchte, sondern um in dieser Schule der Alten das wiederzugewinnen, was wir verloren hatten, den Sinn für unsre deutsche Eigenart, insbesondere den Sinn für Schlichtheit und Klarheit. Daß er sich so als ein immer Lernender in den Geist seiner Kunst versenkte, das war eine Saat, aus der dann, besonders in den letzten Jahren vor dem Kriege, eine reiche Ernte hervorging. So aber gehört auch er zu den Männern, die uns den Weg in die Zukunft gewiesen haben. Denn wenn wir jetzt durch die Not der Zeit zur Einfachheit geradezu gezwungen sind, so hat die Lebensarbeit dieses klarschauenden Mannes schon seit Jahren diesen Weg bahnen helfen.

Doch mitten in seinem Schaffen blieb er ein Mensch mit einem warmen Herzen. Auch von seinem persönlichen Leben dürfen wir es sagen. Wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen. Viele danken ihm heute für seine treue Hilfsbereitschaft und Liebe. Vor allen aber danken es ihm die Seinen. Vierzig Jahre sollten sich in diesem Herbst vollenden, seit er mit der Erwählten seines Herzens den Lebensbund schloß. Und heute bezeugt es ihm die Gattin wieder, daß jener 20. November ein Segenstag gewesen ist. Liebe hat einst das Band geknüpft, und Treue hat es befestigt von Jahr zu Jahr. Liebe und Treue sind die gute Saat gewesen, die Euch einen herrlichen Lebenssommer schenkte und Euch auch den Herbst Eures Lebens vergoldete, selbst noch die letzten Tage, als die sorgende Liebe der Gattin nicht vom Bette des Kranken wich. Wo die echte Liebe in zwei Herzen Wurzel geschlagen hat, da wird ja jeder Tag des gemeinsamen Lebens, auch der Alltag mit seinen Pflichten und Sorgen, ja selbst der Tag der Trübsal und der Schmerzen zu einem goldnen Erntetag. So habt Ihr’s erleben dürfen, und dafür dankt Ihr Gott. Und wie habt Ihr, seine drei Söhne, unter dem besonderen Segen dieses Mannes, Eures Vaters, gestanden. Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser, sagt ein anderes Bibelwort. Er hat so viele Häuser im Lande gebaut. Aber Euch half er bauen am Bau Eures eigenen Lebens, und jedes gute Wort, jeder väterliche Rat, jede Warnung und Ermutigung und sein ganzes Vorbild durften Euch als Bausteine dazu dienen. Und seine Freude war es, daß er selber den Segen seiner Liebe ernten durfte im Blick auf seine Kinder und Schwiegerkinder und im Anblick der jungen Enkelkinder, die er noch ganz besonders in sein Herz geschlossen hatte. Auch er durfte sagen mitten in allen Kämpfen, die ihm in seinem Wirken nicht erspart geblieben sind:

Laß Neider neiden, laß Hasser hassen,

was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen.

Der Friede des Hauses, das Glück der Familie, die Gemeinschaft der innig Verbundenen, das war die Ernte seiner Liebe, die Gott ihm gegeben.

Was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen. Das gilt aber auch von einem besonderen Werke, dem er gedient, ja das er selbst ins Leben gerufen hat. Das Herz wird mir warm, wenn ich nun sprechen darf im Namen vieler Tausende hier an diesem Sarge. Du gesegneter Mann, was bist du uns geworden als ein Vorkämpfer für die deutsche Heimat und für alles, was uns die Heimat lieb und wert macht! Unter deiner Führung haben wir erkannt, daß wir nicht nur im Kriege, sondern auch im Frieden die Heimat schützen müssen, unsre Hände halten müssen über all den Schätzen, die durch Natur und Geschichte, durch Gottes Hand und durch die Hände unsrer Väter dem Heimatlande geschenkt sind. Es sind jene Schätze, die nichts mit der Valuta und mit dem Marktwert zu tun haben, die aber eben darum unsre kostbarsten sind. Es sind die Güter, in denen unsre Gemütswerte ruhen. Diese Werte zu schützen gegenüber den allbeherrschenden materiellen Interessen, und zugleich in dem, was Neues geschaffen wird, den Sinn für das Heimatliche und Bodenständige neu zu wecken, das ist unsrem Freunde und Führer die besondere Aufgabe seines späteren Lebens geworden. Aus den Erfahrungen seines Berufes ist ihm diese neue Aufgabe erwachsen. Und er griff sie auf mit der ganzen Wärme seines Herzens, zugleich aber auch mit der ganzen Tatkraft seines Willens. Weil sich in ihm das Starke und das Milde paarten, das zarte, feine Verständnis für alles Heimatliche und der überlegene Wille, diesem Verständnis neue Geltung in unsrem Volke zu schaffen, darum war er der berufene Mann, unsren Sächsischen Heimatschutz ins Leben zu rufen und ihn zur stärksten derartigen Organisation in Deutschland zu machen. Bald genug freilich mußte er die Wahrheit des Wortes erfahren:

Leicht beieinander wohnen die Gedanken,

Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.

Aber in den Kämpfen um die Verwirklichung des Heimatschutzgedankens hat er es immer wieder wahr gemacht: Was Gott mir gibt, das müssen sie mir lassen. So hat er sich als ein wahrer Freund seines Volkes bewährt. Er hat mitgekämpft für das große Ziel, jedem Deutschen ein wirkliches Heim und ein Stück Heimaterde zu verschaffen. Und sind wir auch von diesem Ziele noch weit entfernt, so ist es ihm doch beschieden gewesen, auch hier aus seiner Saat schon eine reiche Ernte hervorgehen zu sehen. Der Gedanke des Heimatschutzes marschiert. Er kann nicht mehr aufgehalten werden. Die Idee hat sich stärker erwiesen, als die ihr entgegenstehenden Mächte. Sie ist schon eine Macht und ein Segen geworden. Wer da säet im Segen, der wird auch ernten im Segen.

Wo aber Ideen lebendig sind, die das System der bloßen Nützlichkeit und des nackten persönlichen Vorteils durchbrechen, wo der Sinn für das Ganze und die Liebe zum Volke erwacht, da ist Gott. Wir danken Gott, daß er uns diesen Mann schenkte und vielen zum Segen werden ließ. Und dem allmächtigen, gnädigen Gott dürfen wir ihn getrost befehlen. Sein Heimgang lenke unsre Blicke in die ewige Heimat, und die hoffenden Herzen sprechen: Die Heimat der Seele ist droben im Licht. Amen.

Unter den Klängen des Liedes »Stille Nacht, heilige Nacht«, des Lieblingsliedes des Verewigten, senkten wir am 10. Oktober auf dem Inneren Neustädter Friedhof in Dresden die sterblichen Überreste unseres unvergeßlichen Gründers und Führers in die Erde.

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden.

Soeben erschienen:

Edgar Hahnewald

Sächsische Landschaften

Band III der Heimatbücherei

des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz

Großoktav 250 Seiten ✤ hart gebunden

Vorzugspreis für Mitglieder des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz M. 950.–

Bestellkarte in diesem Heft

Gerhard Platz »Vom Wandern und Weilen im Heimatland«, der erste Band unsrer Heimatbücherei ist vergriffen und wird Ostern 1923 neu erscheinen. Der zweite Band: Max Zeibig »Bunte Gassen, helle Straßen« ist noch vorrätig und kostet jetzt M. 400.–. Nun reiht sich diesen beiden köstlichen Büchern Edgar Hahnewalds »Sächsische Landschaften« an. Stadtbaurat Rieß gab ihm auf Seite 253 dieses Heftes einige warmherzige Einführungsworte. Und so hoffen wir, daß auch das dritte Buch unsrer Heimatbücherei seinen Weg nehmen, die Sachsen Daheim und in der Fremde erfreuen und unserm Heimatlande zum Segen gereichen möge. Es entstand mit einem Kostenaufwand von mehreren Millionen Mark in einer der wirtschaftlich schwersten Zeit Deutschlands, in einer Zeit, wo viele verzagten.

Weihnachts-Verkaufs-Ausstellung

sächsischer Volks- und Kleinkunst

Spielwaren, Töpfereien, Holzarbeiten, Trachtenpuppen, erzgebirgische Klöppelarbeiten, Spankorbwaren usw.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz

Dresden-A., Schießgasse 24

gegenüber dem Polizeipräsidium

Besichtigung ohne Kaufzwang gern gestattet

Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

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