Karl Schmidt †

Am 7. Oktober ist in Dresden, in seinem Heim an der Dresdner Heide, der Begründer und der erste Vorsitzende des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, unser Geheimer Baurat Dr. ing. e. h. Karl Schmidt in die ewige Heimat gegangen. Während des Druckes dieses Heftes erreichte uns die Trauerbotschaft. Mit nie ermüdetem Schaffen hat er unsern Verein geleitet und betreut, hat ihn mit seinen zweiundzwanzigtausend Mitgliedern zu dem stärksten und einflußreichsten in unserm deutschen Vaterlande gestaltet, und erst der Tod konnte seinem rastlosen Mühen ein Ende bereiten. In schweren Zeiten führte er den »Heimatschutz« zu der Höhe, die er jetzt einnimmt, unserm Volke zum Segen. Wohl ist er von uns geschieden, sein Werk wird aber so lange leben, als Heimatliebe lebt.

Karl Schmidt wurde am 16. November 1853 in Erfurt geboren. Er studierte an der Berliner Bauakademie und am Dresdner Polytechnikum. Er war 1878 bis 1882 beim Rate zu Dresden als Hilfsarchitekt tätig, um dann in den Staatsdienst einzutreten. Hier wurde er 1885 Landbau-Assistent, 1888 Regierungsbaumeister und 1891 Landbauinspektor. In dieser Zeit war er den Bauämtern Dresden und Zwickau und der Zentralstelle der Hochbauverwaltung in Dresden zuerteilt. Als Landbaumeister, welchen Titel er 1898 erhielt, hatte er die technische Leitung des Ständehausneubaues in Dresden, dessen künstlerische Gestaltung Meister Wallot schuf. Die Leitung des Landbauamtes Meißen vertauschte er im Jahre 1900 mit der des Amtes Dresden I. Im Jahre 1900 wurde er zum Baurat, 1902 zum Finanz- und Baurat und zum Vorstand des hochbautechnischen Bureaus und damit zum Stellvertreter der hochbautechnischen Räte und zum Mitglied des Technischen Oberprüfungsamtes ernannt. Zugleich trat er in die Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler ein. In vielseitigen Ämtern wirkte er, der inzwischen Oberbaurat und Geheimer Baurat geworden war, bis zum Jahre 1913, wo er in das Ministerium als Vortragender Rat berufen wurde. Am 1. Juli 1919 trat er in den Ruhestand. Die Technische Hochschule zu Hannover zeichnete ihn aus, indem sie ihn zu ihrem Ehrendoktor erwählte.

Geh. Baurat Dr. ing. e. h. Karl Schmidt, Gründer und Führer des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz bis zu seinem Tode. † 7. Oktober 1922

In seinen Stellungen, die ihn zur Gestaltung zahlreicher staatlicher Bauten beriefen, hat er mit allen Kräften zur Gesundung unsres Bauwesens gewirkt. Er hat es verstanden, hinsichtlich der sächsischen staatlichen Hochbauverwaltung die frühere künstlerische Unterwertigkeit der »amtlichen« Baukunst zu beseitigen. Ganz besonders aber hat er sich um den Kleinwohnungsbau verdient gemacht. Wenn ihm dies in geradezu vorbildlicher Weise gelungen ist, so verdankt er das zumal der überzeugenden Art, wie er die Behörden und jedermann für seine Ideen zu gewinnen wußte. Was Karl Schmidt wollte, kann man mit kurzen Worten als bodenständige Bauweise, Rückkehr zur Einfachheit und Selbstverständlichkeit im Bauwesen bezeichnen. Noch ist es allen, die sich mit diesen wichtigen Fragen beschäftigt haben, in der Erinnerung, wie nüchtern und schematisch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die staatlichen Bauten auf dem Lande gestaltet waren, wie immer mehr und mehr die Nachahmung städtischer Formen die ländliche Bauweise in Dorfkirchen, Pfarr- und Schulhäusern und Wohngebäuden verdrängt hatte, wie die Vorstädte der Großstädte nach charakterlosen Bauplänen emporwuchsen.

Da besann man sich allmählich auf die alten trefflichen Grundsätze unserer Vorfahren. Der Gedanke des Heimatschutzes brach sich Bahn. Und unser Schmidt stellte sich mit Gleichgesinnten begeistert an die Spitze der neuen Bewegung.

Bereits im Jahre 1896 bei der Ausstellung des sächsischen Handwerkes und Kunstgewerbes in Dresden, der eine Alte Stadt, eine Dorfanlage sowie zwei Museen ländlicher Kunst angegliedert waren, bei der weiter das große Volkstrachtenfest veranstaltet ward, trat Karl Schmidt mit seinen Freunden tatkräftig für den neuen Gedanken ein.

Im Verfolg dieser Bestrebungen, die dem Volkstum und der Wiederbelebung der bodenständigen Bauweise gewidmet waren, wurde 1897 der Verein für Sächsische Volkskunde (und Volkskunst) gegründet, aus dem dann der Landesverein zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise emporwuchs, der später den Namen Landesverein Sächsischer Heimatschutz annahm. Die Gründung des letzteren ist Schmidts eigenstes Werk.

Schmidt hat, um seine Gedanken in die weitesten Kreise zu tragen, eine große Anzahl wertvoller Veröffentlichungen geschaffen. Dadurch konnte er auch seine überraschenden Erfolge verzeichnen.

Im Anfang blieben ihm Anfechtungen nicht erspart. Der Vorwurf, der Heimatschutz gehe auf Nachahmung überlebter Formen im Bauwesen aus, die nicht mehr zeitgemäß seien, traf aber in keiner Weise den Kern des Heimatschutzgedankens. Nur der Geist, nur die Gesinnung der alten Bauweise sollten wieder aufleben, die harmonischen Bilder in der Stadt und auf dem Lande wollte Karl Schmidt gewahrt wissen, nichts Fremdartiges sollte in unsre Städte und Dörfer, in unsere Forsten hineingetragen werden. Den neuen Errungenschaften aber sollte Rechnung getragen werden. Durchschlagend und überzeugend war auch der vielfach von Schmidt geführte Nachweis, daß die Bauten in bodenständiger Bauweise wirtschaftlicher und sparsamer sind, als die bekämpften. Ausschlaggebend wirkten hier zumal die wiederholten Ausstellungen von Beispielen und Gegenbeispielen, in denen häßliche und mustergültige Industriebauten, harmonische Stadtbilder und Dorfansichten mit solchen, die durch gefühllose Neubauten gestört waren, gute Bauernhäuser mit städtisch empfundenen Neubauten zusammengestellt waren. Daß bei den empfohlenen Beispielen stets auch in erster Linie die wirtschaftlichen Bedürfnisse berücksichtigt waren, hat nicht an letzter Stelle den neuen Gedanken, die Schmidt verfocht, zum Siege verholfen.

Kein geringes Verdienst Schmidts war es, daß er immer die richtigen Männer zur Ausführung seiner Pläne zu finden wußte, daß sich wieder Baukünstler fanden, die es nicht verschmähten, ihre Kräfte den einfachen Aufgaben zu widmen, die ihnen der Heimatschutz entgegenbrachte, die wieder schlichte Häuser und Wohnungen in künstlerischem Sinne durchzugestalten lernten, anstatt nur in hoher Architektur zu machen. Und seine Gründung, der Landesverein Sächsischer Heimatschutz, seine Mitarbeiter und gleichgesinnte Männer waren bei all seinen Bestrebungen getreue Helfer. Die Worte, die der zweite Vorsitzende unsres Vereins, der langjährige Freund des Entschlafenen, Hofrat Professor O. Seyffert, am Sarge des Verewigten sprach, seien hier angeführt:

Wer älter wird, muß oft, sehr oft von lieben Freunden Abschied nehmen, deren Leben und Schaffen ein Teil des eigenen Lebens und Schaffens war.

Heute stehen Alte und Junge, Männer und Frauen an der Bahre des Mannes, der ihr Freund, ihr Führer gewesen ist. Heute trauern Tausende des sächsischen Volkes um Einen, der unendlich viel gegeben hat und dessen reiches Geschenk in unserer harten, schweren Zeit immer bedeutsamer, immer kostbarer wird. Er hat der Heimat gedient in jenen Zeiten, wo wir Alten jung waren, er hat uns dereinst zur Mitarbeit aufgerufen, er hat uns unser Leben wünschenswert gemacht, da er mit uns uns und anderen die Heimat eroberte, nicht in Kampf und Streit, sondern in friedvoller Arbeit. Und Segen krönte sein Werk.

Wandern wir heute durch unser sächsisches Vaterland, so werden wir überall an unsern Karl Schmidt gemahnt, überall werden wir die Spuren seines Heimatschutzes antreffen. Da rauscht es aus den Bächen, da tönt es aus den Gipfeln alter Bäume, da jubelt es im Sange der Vögel, da klingt es aus den Volksliedern wanderfroher Gesellen, da leuchtet es von den schlichten Dorfkirchen, Friedhöfen und traulichen Forsthäusern und anderen Menschenwerken: Heimatschutz.

Wer seine Heimat liebt, liebt auch sein Volk.

Und wir wollen sagen: Wer seine Heimat liebt, den liebt auch das Volk.

Und so erntete er, der reichen Segen spendete, reichen Dank.

Als der Weltkrieg beendet war, als es galt, die Heimat vor dem Materialismus, der sein widerwärtiges Haupt erhob, zu schützen, wo unser Vaterland mehr Liebe als je gebrauchte, weil es krank und siech war, wo so manches zusammenbrach, was wir dereinst hoffnungsfroh errichtet, war es wieder unser Führer, der rastlos uns zu neuer Arbeit rief.

Und er war tätig bis in die letzte Zeit, wo seine Kräfte anfingen, nachzulassen, wo er Anrecht hatte, vom Schaffen auszuruhen. Er tat es nicht, der Nimmermüde, da er selbst seine Aufgabe nicht erfüllt sah. Nun hat ihn der Tod in die ewige Heimat gerufen und seiner Arbeit ein Ende gesetzt.

Aber eins wissen wir. Uns ist er nicht gestorben, uns lebt er weiter. Und wir wissen noch mehr. Wenn wir Alten ihm folgen werden, treten die Jungen, die mit uns schon jetzt am gemeinsamen Werk arbeiteten, in unsere vordersten Reihen, denn unsre heilige Sache ist nicht an Personen gebunden. Sie wird uns stark machen, das Lebenswerk des Heimgegangenen zwar nicht zu vollenden, aber weiterzuführen: denn vollenden kann es ja niemand in der sich ewig neugestaltenden Welt, die nicht alt wird wie wir Menschen, sondern jung bleibt. Aber die Liebe wird nimmer aufhören, die dem Menschen mit seiner Heimat verbindet.

Und das ist unser Trost und unser Glaube. Nun gilt es Abschied nehmen von unsrem Freunde. Noch einmal sagen wir unseren Dank. Wir geloben, wir Alten und wir Jungen, weiter zu wirken und zu schaffen im Dienste seines Heimatschutzes. Und dies Gelöbnis, lieber Karl Schmidt, ist unser Dank, und so wirst du in uns und in späteren Geschlechtern weiterleben.