Die Osterblume am Wachtelberg bei Wurzen

Von Professor Dr. Arno Naumann
Mit Aufnahmen von Dr. med. Hoffmann, Wurzen

Nach einem im Leipziger Zentral-Theater am Karfreitag gehaltenen Vortrag beschloß ich, in Wurzen zu übernachten, um am Ostersonnabend früh ein Naturdenkmal aufzusuchen, das mir als Mensch wie als Botaniker gleich beachtenswert erschien: »die Osterblume am Wachtelberg«.

Als Mensch reizte mich die Schönheit dieser heimischen Pflanze, die mich vordem ein einziges Mal als vereinzelter Herbstblüher am Staffelstein in Franken entzückt hatte, als Botaniker trieb es mich, diesen interessanten sächsischen Standort einer pflanzengeographisch bedeutsamen Pflanze zu besuchen.

Früh schon begab ich mich zu meinem pflanzenkundigen Vereinsbruder, Herrn Konrektor Oberstudienrat Dr. Hoffmann, Wurzen, und wanderte mit ihm bei herrlichstem Frühjahrssonnenschein zu dem eine halbe Stunde südlich von Wurzen gelegenen, Bismarckturm-gekrönten Porphyrhügel des Wachtelberges. Seine vereinzelten Birken zeigten schon den lichtgrünen Schleier sprossenden Laubes, und östlich des Gipfels breitete ein Kiefernwald seine dunklen Kronen ([Abb. 1]). Der Wachtelberg bietet einen erfreuenden Blick auf den Muldenlauf, dessen tote Arme der Landschaft einen besonderen Charakter verleihen. Unsere Blicke schweifen über den Wald des Rehberges, umfassen den Planitzwald und ruhen schließlich auf den fernen Auenwäldern, die sich längs eines diluvialen Flußbettes bis gegen Leipzig ziehen. Aus ihnen hebt sich die Ruine von Machern.

Wir waren zur rechten Zeit gekommen, denn überall am Südhang und an den trockenen Böschungen des Kiefernwaldes erblühte im herrlichsten Blauviolett dieses lenzholde Florenwunder, dem Linné den Namen Anemone Pulsatilla verlieh. Besser erscheint mir hierfür der selbständige Gattungsbegriff Pulsatilla mit vulgaris als Artnamen. Als deutsche Bezeichnung für diese Pflanze findet man in den Floren vielfach den Namen »Küchenschelle«, einen Namen, der in den meisten Pflanzenbüchern gedankenlos nachgedruckt worden ist. Er müßte, da er sich von der Ähnlichkeit der Blüte mit einer Kuhglocke abzuleiten scheint, besser in »Kühchenschelle« abgeändert werden. Deshalb ist der von Hallier in seiner Flora von Deutschland gewählte Name Kuhschelle annehmenswert. Wir aber wollen in unserer Arbeit den um Wurzen gebräuchlichen, so treffenden Namen »Osterblume« beibehalten und uns dieser volkstümlichen Bezeichnung freuen. Die fünf deutsche Arten zählende Gattung Pulsatilla ist besonders blütenschön und wird daher in mehreren Arten auch als lenzverkündender Gartenschmuck gepflegt, selten freilich mit glücklichem Erfolg.

Abb. 1 Der Wachtelberg mit der Osterblume

Zwei weißblühende Arten besitzen wir in der hochgebirgischen Pulsatilla alpina, die auch im Harz und den Sudeten wächst und in der oft rosa überhauchten heidegewohnten Pulsatilla vernalis, die besonders häufig in Westpreußen trockene Hügel im ersten Frühling schmückt, aber auch im sächsischen Heidegebiet vorkommt (Lausa, Pulsnitz, Großenhain).

In der hellvioletten Blütenfarbe gleicht unserer süd- und westeuropäischen Osterblume die osteuropäische Schwester Pulsatilla patens, deren Grundblätter aber nicht eine doppelte Fiederung, sondern eine reizende Fingerung zeigen. Mit Entzücken denke ich noch der herrlichen Ostertage, an denen ich mit meinem lieben Vater in Nordböhmen am Kahleberg bei Kundratitz diese herrliche Pflanze zu Tausenden erblühen sah, die dunklen Basaltrücken in leuchtendes Blau hüllend. Einen ganz anderen Eindruck macht die nickende Pulsatilla pratensis, deren glockig zusammengeneigte Perigonblätter braunrot bis dunkelviolett schimmern. Im nordböhmischen Elbtal ist dieselbe, ebenfalls zur Osterzeit, auf allen trockenen Höhen und rasigen Wegrändern zu finden und führt dort den ansprechenden Namen: »Osterglocke«. In Deutschland besitzt sie besonders nördliche und östliche Verbreitung. In Sachsen besiedelt sie sonnige Stellen des Elbtalgebietes, fand in unseren Heimatschutzheften bereits in meinem Aufsatz über das Ketzerbachtal Erwähnung und ist dort auch nach Aufnahmen »unseres Ostermaier« bildlich dargestellt[1].

Die Osterblume findet sich am Wachtelberg auf trockner Grastrift mit vorherrschendem Feinrasen des Schafschwingels (Festuca ovina). Das nackte Gestein von Pyroxen-Quarzporphyr wird oft überzogen von den fingerblättrigen Polstern des Frühlingsfingerkrautes (Potentilla verna), welches zur Zeit unseres Besuches seine niedlichen goldgelben Blüten erschloß. Duftende Polster des Quendels (Thymus Serpyllum) schoben sich dazwischen, und der Besenginster hatte an seinen immergrünen Ruten bereits Blütenknospen angesetzt, während dunkle Heidekrautbüsche noch in winterlicher Zerzaustheit wie leblos dazwischenstarrten. Von anderen Pflanzen konnte ich teils aus winterlichen Resten, teils frisch sprießend erkennen: Pechnelke, Hornkraut (Cerastium arvense), Johanniskraut (Hypericum perforatum), Fetthenne (Sedum maximum), Mauerpfeffer (Sedum acre), Färbeginster (Genista tinctoria), Silberfingerkraut (Potentilla argentea), Feldbeifuß (Artemisia campestris), Habichtkraut (Hieracium Pilosella), Rispenflockenblume (Centaurea paniculata) und Golddistel (Carlina vulgaris); alles Pflanzen, welche sich mit dem Verwitterungsgrus von Silikatgesteinen begnügen.

In einem Briefe an den Landesverein Heimatschutz vom Mai 1920 sagt mein Freund, Herr Universitätsoberbibliothekar Dr. R. Schmidt, Leipzig: »Von der sonstigen Flora des Wachtelberges erfreuten mich besonders ein paar in schönster Blüte stehender Holzbirnensträucher (Pirus Achras) mit den charakteristischen Zweigdornen und große Trupps der Teesdalea nudicaulis. Pflanzen, die als Seltenheiten zu bezeichnen wären, habe ich außer Kuhschelle nicht bemerkt.«

Abb. 2 Die Osterblume

Die Seltenheit dieser Blume bewog schon im Jahre 1910 den einsichtigen Stadtrat von Wurzen, sich an die Amtshauptmannschaft Grimma mit der Klage zu wenden, »daß die Gefahr besteht, daß sie, wenn weiterhin das Abpflücken der Osterblume durch Spaziergänger erfolgt, völlig verschwinde«. Die Amtshauptmannschaft riet dem Stadtrat, sich zunächst an den Landesverein »Sächsischer Heimatschutz« zu wenden. Dieser beauftragte den leider so früh heimgegangenen Kustos des Sächsischen Herbariums, Herrn Professor Dr. B. Schorler, mit der Bearbeitung der Angelegenheit. Schorler erkundete, daß für die von der Osterblume besiedelten Triften als Besitzer der Gemeindevorstand Schmidt, Dehnitz, und der dortige Gutsbesitzer Robert Rasch in Frage kämen. Dabei betont Schorler in seinem Gutachten, »daß unsere Pflanze eine west- beziehungsweise südwesteuropäische Art ist, welche im Osten Deutschlands völlig fehlt.« In Mitteldeutschland sind die zwei sächsischen Standorte Bienitz und Wachtelberg die am weitesten nach Osten vorgeschobenen Posten und werden in fast allen Floren von Deutschland erwähnt. Die Osterblume wird am Wachtelberge sicherlich einen weit ausgedehnteren Standort besessen haben, ist aber durch Steinbruchsbetrieb und Feldwirtschaft schon recht eingeschränkt worden. Nimmt man nun hinzu, daß der Bismarckturm als Aussichtspunkt viele Besucher heranzieht, so ist die Gefahr des Verschwindens nahegerückt, zumal sie als erster Frühlingsblüher besonders lockt und in manchem Gartenbesitzer den Wunsch rege macht, dieselbe auszugraben und in seinen Garten zu verpflanzen, um sich im eigenen Heim alljährlich dieser Blütenschönheit zu freuen. Herrlich ist ja auch der in der Sonne weitgeöffnete, violette, sechszählige Blütenstern, aus dessen Mitte sich die zahlreichen goldgelben Staubgefäße wirkungsvoll abheben ([Abb. 2]). Die doppelt gefiederten Grundblätter der Pflanze erscheinen erst später, nur ein dicht unter der Blüte befindliches, gleich dem Stengel weißlich behaartes Hochblatt ist zur Blütezeit erkennbar. Das freiblättrige Perigon, die vielen Staubblätter und zahlreichen Pistille, welche beide auf dem Blütenboden stehen, erweisen die Zugehörigkeit der Pulsatilla zur Familie der Hahnenfußgewächse, die so manches Giftgewächs umfaßt, darunter auch unsere Osterblume, welche früher infolge eines kampferartigen Stoffes als Arzneipflanze geschätzt wurde.

Nach dem Abblühen verlängert sich der Blütenstengel bis zu fast einem halben Meter Höhe und trägt die nunmehr herangereiften, mit Federschwanz versehenen Einzelfrüchte, ganz ähnlich wie die nahe verwandte Clematis. Der fedrige Fruchtschopf erinnert auch an den bekannten »Teufelsbart« ihrer Hochgebirgsschwester Pulsatilla alpina. Es ist ein köstlicher Anblick, wenn die Sonne durch die hochstengeligen Federköpfe scheint und sie wie Silberfiligran aufleuchten läßt. Schmidt, welcher an einem Osterblumenstock des Wachtelberges dreiundvierzig Blüten in verschiedenen Entwicklungsstadien zählte, bemerkt hierzu:

Nicht weniger angenehm wie der Anblick dieser Blütenpracht war mir die große Menge der Fruchtstände mit ihren heranwachsenden Federschweifen; ich schätze sie an die Tausend. Es steht somit fest, daß eine recht stattliche Zahl Blüten pflückenden Händen entronnen ist und Gelegenheit findet, ihre Samenanlagen zu reifen und sich zu verbreiten. Ich konnte beobachten, daß die Pulsatilla von ihrem ursprünglichen Gelände aus mit einigen Stöcken in die Sohle des ehemaligen Steinbruches vorgedrungen war. Dagegen fand ich an den anderen Seiten des Berges, zwischen Bismarckturm und Windmühle, nur ein einziges Exemplar.

Dies letzte beweist augenfällig, wie an den Orten regen Begängnisses dieser Pflanze von den Bergbesuchern nachgestellt wird. Es wäre aber nicht nur eine ästhetische Einbuße, wenn dieser herrliche Frühlingsbote vom Wachtelberg verschwände, sondern auch ein unersetzlicher floristischer Verlust, da uns dieses Vorkommen der Pflanze auf einen von Südwesteuropa zu uns herstrahlenden Wanderweg dieser Pflanzen hinweist, den sie mit so manchem andern Gewächs genommen. Es ist in Wahrheit eine Urkunde, welche eindringlich vom Entstehen unseres heimischen Florenbildes aus nach der Eiszeit zu uns hergewanderten Bürgern entlegener Pflanzengebiete zu uns spricht. Die mit Federanhang versehenen Früchte können, vom Winde entführt, sicherlich eine weite Luftreise unternehmen. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß der Wachtelberg dereinst seinen Osterblumenbestand von dem etwa zwanzig Kilometer westlich gelegenen Bienitz bei Leipzig empfangen hat. Der Bienitz selbst verdankt diesen Schmuck indirekt einem präglazialen Saalelauf, der diesen pflanzenberühmten Hügel mit herangeführtem Muschelkalk versorgt und die an den Saaleufern verbreitete Pflanze darauf angesiedelt hat.

Nach alledem kann es jedermann nur dankbarst begrüßen, daß auf Anregung der Amtshauptmannschaft Grimma schon im Frühjahr 1912 auf dem Wachtelberggelände Verbotstafeln angebracht worden sind mit folgendem Wortlaut:

Heimatschutz!

»Das unbefugte Betreten dieses Grundstücks, sowie das Abpflücken, Abzupfen und Abschneiden von Feld- und Wiesenblumen ist bei Strafe bis zu 30 Mark oder entsprechender Haft

verboten.

§§ 19 und 14 des Forst- und Feldstrafgesetzes.

Grimma, den 27. März 1911.

Die Amtshauptmannschaft.«

»Der Wachtelberg trägt inmitten der fruchtbaren Getreidefelder noch heute seine ursprüngliche Pflanzenwelt und zeigt uns, wie die Flora der sonnigen Hügel östlich von den Leipziger Auenwäldern zusammengesetzt war, bevor der Mensch mit seinen Kulturflächen sie zerstörte. Er ist also als Naturdenkmal anzusehen, das uns wie eine wertvolle Urkunde von alten Zeiten berichtet. Dieses auch für unsere Nachkommen zu erhalten, ist unsere Pflicht. Leider sind die seltenen Pflanzen des Berges durch Abrupfen und Ausgraben schon so vermindert, daß die Gefahr ihrer völligen Vernichtung vorhanden ist. Um dies zu verhindern, hat die Amtshauptmannschaft auf die Bitte des Sächsischen Heimatschutzes das obige Verbot erlassen.«

Diese Art, Pflanzenschutz zu treiben, erscheint mir vorbildlich! Der Wortlaut eines Verbotes, das bei unerzogenen Menschen meist auf Widerstand stößt, muß eben in seiner polizeimäßigen Schärfe gemildert werden durch eine belehrende und fesselnde Angabe der Verbotsursache. Letzteres ist unbedingt angebracht, denn der Einsichtige wird sich dieser Betonung einer unabweisbaren heimatlichen Pflicht nicht verschließen. Ein in solcher Form begründetes Verbot wird selbst in unserer verbotsfeindlichen Zeit wirksam sein. Wo es noch versagt, werden auch alle anderen Mittel, welche zum Schutze von Naturdenkmälern vorgeschlagen und erdacht sind, hinfällig, denn ein gefühlsroher Mensch ist mit Nichts zu packen; er bleibt eben ein Schandfleck auf dem Kulturgewand seines Volkes!