Werbekunst in Dorf und Stadt

Der Kampf der Heimatfreunde gegen die Auswüchse des Reklamewesens hat in der Regel seinen tiefsten Anlaß in der geringen künstlerischen Qualität der Reklamemittel, die allein der Zweck, zu wirken, heiligte.

In der schönen Gottesnatur draußen zwar richtet sich die Kampfansage wohl an das Auftreten geschäftsmäßiger Anpreisungen überhaupt: denn in der Stille des Waldes, an grünen Hängen und zwischen blumigen Auen kränkt den Wanderfrohen schon der Versuch, ihn mehr oder minder gewaltsam in seiner reinen Freude an der ewigen Schöpfung durch Hinweise auf Erzeugnisse der Industrie oder auch besonders bemerkenswerte Ereignisse des Geschäftslebens stören zu wollen. In den Straßen der großen und kleinen Städte des Landes, im heimatlichen Dorfbilde aber ist es nicht das Vorhandensein der Reklame schlechthin, was das Auge auf Schritt und Tritt beleidigt, es ist viel mehr noch die mangelnde Fähigkeit, die Anforderungen der Werbekunst mit den Gesetzen der Baukunst, des Städtebaues, in Einklang zu bringen.

Sieh, wie ungeschickt sitzt dort das grasgrüne lackierte Schild am ehrwürdig grauen Giebel des schönen alten Hauses, an dem eine schlichte deutliche Schrift in zurückhaltender Farbgebung dem Fremden dasselbe künden könnte, wie das häßliche Schild, nur in viel edlerer Sprache! Oder wie schrecklich plump hängt das himmelblaue Blechbanner mit den gußeisernen Quasten an der freundlichen Schauseite der behäbig gelagerten Herberge, der ein Wirtshauszeichen, nach alter guter deutscher Art an langer Eisenstange befestigt, der schönste Schmuck sein würde. Und dann die vielen schwarzglänzenden Glasfirmenschilder mit den steifen gelben Buchstaben! Überhaupt – fort mit dem Glas in der Außenreklame, wo es fast stets alsbald in einen unüberbrückbaren Widerspruch zu Holz und Stein des Straßenbildes tritt. Eins der schönsten Städtebilder in sächsischen Landen können wir seit einiger Zeit nicht mehr betrachten, ohne zugleich den Ärger über eine riesige, buntfleckige Glastafel hinunterschlucken zu müssen, auf der eine Unmenge verschiedener Firmen in allen Farben des Regenbogens einander überschreien, um ihre Erzeugnisse anzupreisen. Das wäre nicht nötig gewesen, denn erst kürzlich ist es der umsichtigen Verwaltung einer kleinen Stadt unser engeren Heimat gelungen, sich mit Erfolg der Entstellung des wohlerhaltenen Stadtbildes durch solcherlei Reklame zu widersetzen: Fürwahr ein schöner Beweis praktischen Heimatschutzes, der Nachahmung verdient.

Alles in allem nochmals: Nicht die Tatsache, daß Reklame gemacht wird, ist es, was uns grämt, sondern wie sie gemacht wird, wie häßlich, wie wenig überlegt, wie kunstlos. Und doch ist gegenwärtig gerade die Werbekunst derjenige Zweig der angewandten Kunst, dem Not und ungeheuerliche Teuerung im Gegensatz zu anderen Gebieten noch am wenigsten schwere Fesseln anlegten. Wir sehen ja allenthalben auch recht erfreuliche Anzeichen dafür, daß sich hier eine zielbewußte Fortentwicklung fühlbar macht. »Daß wir die Reklame als Kunst ernst nehmen, ist ein Zeichen unserer Zeit.« Man sucht und findet neue Wege. Mit Wohlgefallen ruht das Auge da und dort auf einer schönen alten Schauseite, die in neuem, kräftig farbigem Gewand erstrahlt, mit einer klaren ruhigen Schrift das verkündend, was noch vor kurzem viele grelle Schilder und Tafeln durcheinanderbrüllten. Trefflich ausgeführte Plakate finden wir allerorten. In der eindrucksvollen Dresdner Werbeschau konnten wir viel finden von dem, was wir suchen und in weitester Verbreitung wünschten: wie, von den besten Künstlern geführt, eine neuartige Werbekunst neue Bahnen sucht und zu schönen Hoffnungen wohl berechtigt. Weite Gebiete stehen dieser Kunstart offen, große Entwicklungsmöglichkeiten liegen auf ihrem Wege: auch in der Gegenwart, denn die Reklame birgt, wenn sie gut ist, schon in sich die Deckung der für sie aufgewendeten Kosten. Umsomehr gilt es jetzt, diejenigen Kreise, die die praktische Ausübung des Reklamewesens betreiben, auf die hohe Bedeutung der ihnen anvertrauten Kulturaufgabe hinzuweisen.

Die Werbekunst im heutigen Sinne ist eine durchaus neuzeitliche Kunstart, die Überlieferung fehlt ihr. Darum ist sie bisher so fremd gewesen im Stadtbild, darum wird es ihr noch immer so schwer, sich mit ihrer Sprache hineinzuleben und hineinzufühlen in die Formensprache der Baukunst. Das wird ihr um so rascher gelingen, je gründlicher und sicherer der junge Nachwuchs der Ausübenden die Grundbegriffe von Formen- und Farbenschönheit, Schriftwirkung, Stil und Materialgerechtheit beherrscht. Daran muß vor allem an Lehr- und Studienanstalten des Kunstgewerbes gearbeitet werden, wenn Handwerk und Industrie das Reklamewesen zu künstlerischer Höhe führen wollen. Trefflich hat kürzlich in Dresden der Reichskunstwart Dr. Redslob den Weg zur Erreichung dieses Zieles vorgezeichnet: »Unser Streben muß dahin gehen, die Kunst aus ihrer vereinzelten Stellung als Fach zu befreien, und wieder alles mit Kunst zu erfüllen, wie es einst selbstverständlich war. Der Wunsch nach Formengebung muß wieder etwas ganz Notwendiges sein. Höchst wichtig ist dabei, die enge Verbindung zwischen Kaufmann und Künstler zu schaffen, ohne die unser ganzes Wirtschaftsleben leiden muß.«

Aber auch du, der du deine Heimatstadt, dein Heimatdorf lieb hast, sollst an dem Ziel, die Reklame zu veredeln, mitarbeiten, kannst mitarbeiten. Denn dein Auge ist mehr, als du denkst, geübt, wohl zu entscheiden, was dem vertrauten Straßenbild, dem schönen alten Marktplatz mit dem Brunnen, den schlichten Bürgerhäusern oder dem guten Gasthof schadet mit zu Vielem und zu Häßlichem an Reklame, was ihnen frommt an schönem guten Beiwerk dieser Art. Betrachte aufmerksam, was da und dort an Trefflichem neu entstand und versuche, das auch in deinem Heimatort heimisch werden zu lassen. Ein gutes Wort, ein wohlmeinender Rat tun schon viel. Und sei gewiß: allmählich wird es gelingen, jene schlichtbescheidene Straßen-Werbekunst zurückzugewinnen, die vordem das Straßenbild schmückte, die nur vorübergehend von einer traditionslosen, überlauten Unkunst verdrängt worden war. Dann aber könnte etwas Unerwartetes geschehen: Reklame und Heimatschutz, bisher zwei leider so oft feindliche Brüder, würden sich verbünden zu gemeinsamem Werke, das dem schönen alten Heimatbilde wieder zu einer würdigen, bescheidenen und dabei doch wirkungsvollen Belebung durch gute Reklame verhilft.

Nicolaus