Wolftitz
Von Dr. Ing. Hubert Ermisch, Leipzig
Bilder von J. Mühler, Leipzig
Dort, wo sich im Süden der weiten Leipziger Ebene die ersten Höhenzüge zeigen, liegt freundlich eingebettet die alte Töpferstadt Frohburg.
An einem prächtigen Vorfrühlingstage wanderte ich durch die stillen Straßen des Städtchens. Wer ahnt, daß hier der Sitz einer Kunsttöpferei ist, die – besonders durch die Ausstellungen auf der Leipziger Messe – einen Weltruf hat?
Auf der Höhe hinter der Stadt, wo die alte Chemnitzer Straße die stattlichen Rittergutsbauten und das Schloß hinter sich läßt, bietet sich dem Auge ein überraschend schönes Landschaftsbild. Der Horizont wird gerahmt von den weitgedehnten Waldungen, hinter denen das berühmte Schloß Gnandstein liegt. Links ragen über die Hügel die zwei nadelspitzen Türme der Kirche von Greifenhain. Vor uns an den Wald geschmiegt, zum Teil von drei Seiten vom Wald umgeben, liegen die beiden fast zu einem verschmolzenen Dörfer Streitwald und Wolftitz, zwei als Sommerfrischen und Ausflugsorte allen Leipzigern wohlbekannte Stätten. Weiter nach rechts an der alten Chemnitzer Straße, umgeben von prächtigem alten Baumbestand, liegt das Rittergut Wolftitz. Der erste Anblick erweckt den Eindruck eines alten umwehrten Ritterschlosses. Ein spitzgedeckter Turm ragt zwischen den hohen Giebeln und breitgelagerten Dächern hervor. Die ganze Gruppe der Gebäude und Bäume bildet ein so einheitliches Ganzes, daß es in kunstliebenden Augen nur helle Freude wecken kann. Und noch eine weiter rechts vor dem Walde auf einem vorgelagerten Hügel sichtbare schöne, alte Baumgruppe zieht das Auge unwillkürlich an. Man denkt an alte heidnische Opferstätten oder an die Hünengräber der Lüneburger Heide. Diese Vermutung barg etwas Wahres in sich: Es ist die Totengruft, die Begräbnisstätte der Herren von Einsiedel, die seit 1455 Besitzer von Schloß und Rittergut Wolftitz sind. Ein selten schöner, weihevoller Platz, würdig des alten Herrengeschlechtes.
Ich wandere von der Höhe hinter dem Frohburger Schloß talwärts auf Wolftitz, meinem Ziele zu.
Kunstgeschichtliche Streifzüge soll man nicht unvorbereitet unternehmen. Das hat bei Schloß Wolftitz einige Schwierigkeiten. Die »Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler«, die sich zur Zeit der Bearbeitung dieses Gebietes im Wesentlichen mit kirchlichen Bauten beschäftigt, sagt über das Schloß nur wenig. Die geschichtlichen Nachrichten stammen aus dem bekannten Schumannschen Ortslexikon von Sachsen. Aus diesen beiden Quellen kann man entnehmen, daß der Bau des heutigen Schlosses Wolftitz aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammt und 1625 bis 1626 restauriert wurde. Beides wird bestätigt durch die Architekturreste, die sich am Bau befinden. Die schlichten Fasenfenster, die spitzen Giebel sind noch gotischen Ursprunges, die Balkendecken und die meisten anderen künstlerischen Schmuckteile stammen aus dem zweiten Viertel des siebzehnten Jahrhunderts. Der Bau scheint im dreißigjährigen Kriege, der in dieser Gegend erst in den dreißiger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts wütete, wenig gelitten zu haben.
Abb. 1 Schloß Wolftitz, Blick vom Pächterhof aus
Die Landstraße führt zwischen dem Schloß und der ehemaligen Schmiede hindurch. Neben der Schmiede sieht man ein schönes barockes Tor und seitlich zwei gleichfalls barocke Figuren. Das Tor führt nach dem sogenannten Lustgarten, der jetzt der Obstgarten des Schlosses ist. Der Name in Verbindung mit den Architekturresten weist auf die Zeit, da man an die Herrensitze kleine nach französischer Art zugestutzte Architekturgärten anfügte. Was der prachtliebende August der Starke in und um Dresden in großem Stile ausführte, das fand in etwas bescheidenerem Umfang wohl auch hier Aufnahme.
Gegenüber diesem Portal zum Lustgarten lag der jetzt leider verstümmelte Eingang zum Schloßhof. Wie er gestaltet war, das läßt sich nur mutmaßen aus dem im Torpfeiler vermauerten Schlußstein mit der immer wiederkehrenden Jahreszahl 1625. Der Blick in den Hof ist überaus erfreulich. Breitästig steht ein schöner alter Nußbaum in seiner Mitte. Links, das Wirtschaftsgebäude mit seinen großen Toren barg wohl dereinst Rosse und Wagen, darüber zieht sich eine reizvoll ausgebildete Holzgalerie. Der Hof wird beherrscht von dem Treppenturm, der sich an den einen Flügel des Schlosses – wohl ursprünglich dem eigentlichen Wohnflügel – anlehnt. Nach der äußeren und inneren Gestaltung des Treppenturmes möchte ich auch ihn dem Umbau der Jahre 1625 bis 1626 zuschreiben. Wo dereinst die alte Uhr die Stunden kündete, hat nun ein Wasserbehälter zu Nutz und Frommen der Schloßbewohner seinen Platz gefunden.
Abb. 2 Wolftitz, Schloßhof
Leider stört in der schönen Harmonie des Schloßhofes das neben dem Hofeingang gelegene Försterhaus, dessen Architektur sich so gar nicht den anderen Bauten – besonders durch das recht flache Dach – anschmiegt. Wie leicht hätte man mit nahezu gleichen Mitteln diesen Mißton vermeiden können.
Abb. 3 Schloß Wolftitz, Tor zum Lustgarten
Das Schloß, das sich mir gastlich öffnete, betrat ich zunächst in dem dem Hoftor gegenüberliegenden Flügel, den ein Spätrenaissancedachaufbau über dem Portal ziert. Vermutlich war dies der Saalbau. Die neuerdings erfreulicher Weise freigelegten alten gekehlten Balkendecken gehen durch die ganze Geschoßtiefe hindurch, das Erdgeschoß ist überwölbt. Eine für die Zeit der Erbauung immerhin breite gradläufige Treppe führt zu diesem großräumigen Obergeschoß hinauf. Heute ist das ganze Geschoß durch eine Anzahl eingefügter Trennwände und durch eine liebevolle Behandlung der Wände, Decken und vor allem der Fensternischen zu einer sehr behaglichen und sonnigen Wohnung umgewandelt worden. Die freigelegten Balkendecken fügen sich trefflich ein. Jede Zeit hat dem Schlosse ihre Spuren hinterlassen und ich glaube, daß dieser Ausbau der ehemaligen Festsäle des Schlosses ein Musterbeispiel genannt werden kann für unsere Zeit. Wir sind arm geworden in der großen Welt. Unsere Heimat, unser deutsches Heim wird aber die Quelle werden für einen neuen Reichtum.
Im Gegensatz zu diesem ausgebauten Saalbau trägt der an den Turm sich anschließende Flügel noch ganz den Charakter des alten Herrenschlosses. Über dem architektonisch ausgeschmückten Rundbogentor sind die Wappen derer von Einsiedel und von Haugwitz angebracht. Eine weite überwölbte Halle empfängt uns. Die Schlußsteine dieser Gewölbe zeigen übereinstimmend das Wappen der Einsiedel. Von der Halle aus ist die sogenannte Kapelle zugänglich, ein rechteckiges geräumiges Zimmer mit einer schönen gegliederten Holzdecke, die die Inventarisation auf die Jahre um 1530 datiert. Hier haben nach alten Verträgen die Pfarrer von Frohburg aller vierzehn Tagen zu predigen. Schumann erzählt, daß das Rittergut nach Eschefeld eingepfarrt sei, während eigentümlicher Weise das Dorf zu Greifenhain gehöre. Die Kapelle enthält ein schönes Taufbecken, Nürnberger Arbeit aus der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, auf dem der Sündenfall dargestellt ist. Außerdem sind eine Anzahl Bilder beachtlich, unter denen zwei echte Chranachsche Gemälde: Georg den Bärtigen und eine Judith darstellend, sowie die beiden von Luther und Melanchthon aus der Chranachschen Schule wohl die bedeutendsten sind. Die Farbstimmung des ganzen Raumes ist überaus wohltuend. Möchte doch die beabsichtigte Neubemalung – wenn sie wirklich nicht zu umgehen ist – nur einem Künstler ersten Ranges übertragen werden. Denn bei der nahezu gänzlichen Architekturlosigkeit des Raumes bedeutet die Farbstimmung alles.
Die eigentlichen Wohnräume des Schlosses liegen im Obergeschoß. Sie gruppieren sich um den schönen bildergeschmückten Vorsaal. Auch hier oben scheinen noch unter den Putzflächen der Decken, an denen vereinzelt Stuckverzierungen zu sehen sind, die alten Balken der Renaissance der Wiedererweckung zu harren. Schöne eingebaute Schränke, der Schmuck der noch alten Renaissancetüren und vor allem auch eine Anzahl Öfen aus der Zeit um 1800 lenken den Blick auf sich.
Sehenswert sind auch die Holzkonstruktionen der riesenhaften Dächer. Da ist noch nichts zu spüren von Holzmangel. Die Holzstärken wirken wie ein Spott auf unsere »Normen«.
An das Herrenhaus schließt sich der große Pachthof an. Besonders die Blicke von dort auf die hochgiebligen Flügel des Schlosses sind malerisch.
Prächtig schön ist der Wald, der zu dem Rittergut gehört. Der verstorbene Förster August Schmidt und der jetzige Förster Böttrich, der nunmehr dreißig Jahre diesen Wald und seinen guten Wildbestand behütet, haben sich damit ein lebendiges Denkmal gesetzt. Möchte jeder, der dort Stunden der Erholung genießt, wie vor allem allsommerlich die vielen Sommerfrischler von Wolftitz und Streitwald mithelfen die Schönheit dieses Waldes zu behüten.
Dort wo die Dorfstraße auf die Hauptstraße stößt, steht der von den Schloßherren gestiftete Kriegergedächtnisstein von Wolftitz. Schlicht und ernst, ein Zeichen der schweren Zeit, aber auch ein Zeichen dafür, daß man heute wie dereinst vor dreihundert Jahren Sinn für edle schöne Kunst in Wolftitz hat.