Kriegerehrungen aus Porzellan

von der Staatlichen Porzellanmanufaktur, Meißen

Ein neuer Kunstwillen hat sich in alle Zweigströme der schaffenden Künste ergossen, ist über mannigfache Klippen dahingebraust und oft auf Untiefen geraten und hat doch immer und unaufhaltsam die Schaffenden zu neuem Ausdruck mit fortgerissen. Es ist wohl ratsam, von Zeit zu Zeit im bunten Wirbel der neuen Erscheinungen Ausblick zu halten und bei solchen Erzeugnissen der werdenden Kunst, die ernster Kritik standhalten, prüfend haltzumachen.

Noch vor Kriegsende und besonders nach der Niederlegung der Waffen empfand man es als sittliche Pflicht, dem Gedenken der Opfer des verlorenen Krieges würdige Erinnerungszeichen zu setzen und ging mit opferwilligen Händen und viel Liebe an diese Aufgabe heran. Wenn auch einer stattlichen Reihe dieser Denkmäler ein guter künstlerischer Erfolg beschieden war, so wurden doch andernorts diese gutgemeinten Ehrungen gar zu oft katalogmäßige Ware oder gar kunstwidrige Greuel schlimmster Art. Da ist es uns eine rechte Freude, an dieser Stelle von einer Reihe guter Leistungen auf einem Sondergebiet plastischen Schaffens berichten zu können, nämlich von den in der Staatlichen Porzellanmanufaktur Meißen entstandenen Kriegergedenktafeln. Man wird fragen, eignet sich Porzellan denn zu monumentalem Ausdruck, ist es denn nicht zu zart und zu flüssig für den Ausdruck des Herben, den man doch bei solchen Toten geweihten Denkzeichen fordern muß? Man sehe sich aber darauf die hier abgebildeten Erzeugnisse unserer Meißner Manufaktur an, und man wird zugeben müssen, daß ihnen durchaus jene ernste Würde innewohnt, zu der uns der Anblick oder die Erinnerung an liebe Tote zwingt. Und doch ist das nicht die einzige Empfindung, die uns bei Versenkung in die Tafeln beherrscht, ich finde bei aller Getragenheit spiegeln diese mannigfachen Gebilde sämtlich auch eine Erhobenheit wider: sie sind frei von Mutlosigkeit und wirken in dieser für unser Volk so entsetzlich hoffnungslosen Zeit wie ein feiner Sonnenstrahl, der sich zwischen schwarzen Winterwolken durchstiehlt, als wolle er sagen, es muß doch endlich Frühling werden.

Abb. 1 Gedenkplatte in der Großdobritzer Kirche

Gehen wir zunächst von den Kleinsten der hier vorgeführten, sämtlich vom Bildhauer Paul Börner stammenden Keramiken aus. Sie wurden für malerische Dorfkirchen geschaffen und in deren Innern an sorgfältig ausgewählter Stelle in die Architektur der Kirchenwände eingefügt. Während die für einen Gefallenen des Siebziger Krieges gewählte Tafel in der Großdobritzer Kirche ([Abb. 1]) wegen ihres strengen und trotz der geringen Größe monumentalen Ausdruckes hervorgehoben werden muß, erinnert das in der Liebschützer Kirche aufgehängte Ehrenzeichen ([Abb. 2]) mit seinen trauernden Engelköpfen an ältere Vorbilder volkstümlicher Kunst. Es ist ein rührender Zug schlichter Liebe in dieser Weihetafel; das ist eben das Beste an diesen Schöpfungen, daß sie weit entfernt vom Reindekorativen und der Ausdruck eines inneren Erlebnisses sind.

Nicht ganz auf gleicher Höhe steht die in der Porzellanmanufaktur selbst aufgehängte Gedenktafel für die Gefallenen des Werkes. Inschrifttafel und ihre Umrahmung sind nicht in so innige Verbindung gebracht worden, als man hätte wünschen müssen, auch ist das Figürliche ohne genügenden inneren Zusammenhang. Aber im ganzen zeigt auch diese Arbeit, was aus dem Porzellan herausgeholt werden kann.

Abb. 2 Gedenkplatte in der Liebschützer Kirche

Nun aber zu der im ehrwürdigen Meißner Rathaus an bedeutungsvoller Stelle des Treppenhauses angebrachten Gedächtnistafel ([Abb. 3]) für die städtischen Beamten und Angestellten. Eine Schriftfläche von schöner Umrißlinie fügt sich formvollendet zwischen die Konturen der sie tragenden trauernden Frauengestalten. Ausdruck von Gesicht und Haltung, Faltenwurf und plastische Abtönung, alles klingt in prächtiger Harmonie zusammen. Trotz starker stilistischer Sonderart ist das Übertriebene, das wir oft an neueren Kunstwerken bedauern, vermieden. Komposition und Ausdruck, Ideeliches und Stoffliches halten sich die Wage.

Ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß uns solche Leistungen ein gut Stück weiter vorwärts bringen und vielleicht tragen unsere Abbildungen dazu bei, festeingewurzelte Vorurteile gegen das neue Kunstwollen zu mildern und zu beheben.

Aber auch im braunen Böttcherporzellan, dessen Wiederbelebung die Porzellanmanufaktur tatkräftig und mit schönem Erfolg fördert, wurden verschiedene Versuche angestellt. So wurde den im Kriege gebliebenen Arbeitern und Angestellten der Meißner Jutespinnerei eine derartige Tafel geschaffen. Etwas nüchtern und vielleicht etwas fabrikmäßig wird manchem die hierfür gewählte, streng geometrische Zusammenreihung von Namenstafeln erscheinen, aber das erfordert eben gerade der Organismus eines großen Industriewerkes, wo das Gefühlsmäßige zurückgedrängt, intimere Bildungen ausgeschlossen werden.

Abb. 3 Gedächtnistafel im Rathaus zu Meißen

Welche reichen Entwickelungsmöglichkeiten sich darbieten, zeigen die beiden Schlußabbildungen ([Abb. 4]). Die obere, für die Kirche in Röhrsdorf bestimmte Platte beweist, verglichen mit der Großdobritzer Platte, auf wie einfachem Wege der kleinere Entwurf für eine größere Zahl von Gefallenen nutzbar gemacht werden kann, die untere Zeichnung, für eine studentische Verbindung berechnet, aber lehrt uns, wie durch Zusammenreihung kleiner Namenstafeln derartige Gedächtnisplatten je nach der Eigenart der Wandflächen und je nach der Gefallenenzahl entstehen und reizvoll gestaltet werden können.

Abb. 4 Denkplatten für die Röhrsdorfer Kirche (oben) und für eine studentische Verbindung (unten)

Es ist hier nicht möglich, auf die in Ausführung begriffene Umwandlung der mittelalterlichen Nikolaikirche in Meißen zu einer Kriegergedächtniskirche einzugehen. Auch dieses großzügige Unternehmen wurde der Staatlichen Porzellanmanufaktur anvertraut. Der Lösung dieser Aufgabe sehen wir mit Spannung entgegen, die nicht ganz frei von Sorge ist, daß der Eingriff in das mittelalterliche Gepräge des Kircheninneren zu stark werden könne, aber der Vorwurf, daß wir bei solchen Aufgaben die Gegenwart und ihre künstlerischen Tendenzen nicht zu Worte kommen lassen, soll nicht erhoben werden können, auch war die Erhaltung dieses vom Verfall bedrohten unbenützten Bauwerkes nur dadurch möglich, daß man ihm einen neuen Zweck gab.

Dr. Paul Goldhardt.