Schradenwanderung
Von Edgar Hahnewald
Drei Großenhainer Kasernenjahre lang lag der bewaldete Hügelzug nördlich der flachen Ebene vor meinen Augen. Dahinter lockte das Unbekannte, die Ferne, die Freiheit, das Unerreichbare. Diese blaue Mauer verstärkte das Gefühl des Gebundenseins: darüber hinaus konnte der Blick nicht schweifen. Felddienstritte drangen nie bis dahin vor, denn dicht vor diesen Hügeln lief die Zickzacklinie der Grenze; der blaue Wall schied Sachsen und Preußen.
Die Karte zerlegte den Hügelzug in benannte Gruppen: das Pfeifholz, die Heidelberge, die Finkenberge, den Latschenberg. Aber das waren Namen, die vor der sinnlichen Wahrnehmung nichts besagten – da erhob sich die blaue Mauer, fern und unerreichbar. Dahinter lag eine andere Welt, von der Sehnsucht sich eine Vorstellung bildete, die sich nicht an die Karte band. Der kleine Hügelzug, an sich um nichts bedeutender als tausend andere Hügel in der weiten Welt, bekam eine Bedeutung: er begrenzte drei Jahre lang einen Lebensbereich.
Später, als man die Freiheit genoß, so weit zu wandern wie der Geldbeutel reichte, lockten andere Fernen. Die symbolische Hügelmauer nördlich von Großenhain geriet in Vergessenheit.
Aber eines Tages fand ich in den Kursächsischen Streifzügen von Otto Eduard Schmidt die Schilderung einer Fahrt um die Meißnisch-Lausitzische Nordostgrenze. Und während ich las, trat jener blaue Grenzwall wieder deutlich vor mich hin. Und aus der Begrenztheit dreier Großenhainer Jahre rückte ihn das Buch in den weitgespannten Rahmen der Kulturgeschichte.
Denn: dieser Hügelzug, der aus der Röderniederung südlich von Elsterwerda allmählich ansteigt und in einer ungefähr zwanzig Kilometer langen Schlangenlinie nach Osten streicht, um sich in der Gegend von Ortrand im Lausitzer Wald- und Hügelland fast unauffällig zu verlieren, war in der Zeit der germanischen Eroberung tatsächlich ein Grenzwall, der zwei Welten trennte. Diesseits, südlich der Hügelmauer, lag das von fränkischen und thüringischen Kolonisten durchsetzte meißnische Land, jenseits dämmerten die slawischen Gaue der Niederlausitz.
Es war kein Zufall, daß die Deutschen nur bis zu jenen Hügeln und nicht weiter vordrangen, denn hinter diesem Wall bildete ein unzugänglicher Urwald ein natürliches Hindernis. Im Norden begrenzte ihn ein zweiter Hügelzug. Dazwischen fließen heute die Pulsnitz und die Schwarze Elster in einem sauberen, nahezu gradlinigen Spitzwinkel aufeinander zu, um sich bei Elsterwerda zu vereinigen. Damals aber versumpften sie im Urwald zwischen der nördlichen und südlichen Hügelkette. Berge, Urwald und Sumpf bildeten die natürliche, schützende Grenze, eine viele Stunden lange und mehrere Stunden breite Flächengrenze, wie sie damals die Deutschen liebten. Sie hatte schon die Semnonen und Hermunduren, die Lusizi und Dalaminzier voneinander geschieden. Sie schied nun die Mark Meißen von der slawischen Niederlausitz. Sie scheidet seit der Abtrennung der Provinz Sachsen sächsisches und preußisches Gebiet. Die fränkischen Kolonisten erstiegen gerade noch den Wall und schoben an seinem Nordhange entlang eine Reihe von Siedlungen gegen den Urwald vor, die alle heute noch daliegen: Wainsdorf, Merzdorf, Seiffertsmühl, Groeden, das schon die Dalaminzier als Deckung gegen die Liusitzen angelegt hatten, Hirschfeld, Großthiemig, Frauwalde, Großkmehlen (Kmehlen bedeutet Hopfendorf), Burkersdorf und Ortrand. Vermutlich waren diese Siedlungen durch Verhaue untereinander verbunden; sie bildeten eine Grenzwacht auf vorgeschobenem Posten.
Unter den Dörfern erstreckte sich der düstere, sumpfige Urwald. Und »wenn sich nun im Herbste die weißen Nebelschleier aus dem Sumpfwald hoben und das Brüllen des Elchs und des Auerochsen aus der Tiefe herauftönte, da fürchteten sich nicht nur die Ahnfrau und die Kinder, sondern auch den Männern war es wie eine tröstende Verheißung der Nähe des Christengottes, wenn der Sakristan in der Dämmerstunde das Glöcklein läutete. Sie nannten den unheimlichen Wald, den sie vor sich sahen, den Schraden, das heißt den Wald der bösen Geister (althochdeutsch: scrato = böser Geist, neuhochdeutsch: Schratt.)«
Diese Kunde gab mir Schmidts Buch.
Noch heute heißt jenes Gebiet zwischen den beiden Hügelketten der Schraden, und der Volksmund spricht von den Schradendörfern. Der Schradenwald ist längst verschwunden, das Oberbuschhäuser Forstrevier, das einen kleinen Teil der Ebene bedeckt, hat mit seinen schnurgeraden Gestellen gar keine Ähnlichkeit mit einem Urwald. Wo einst Elch und Auerochs durch unwirtliche Wildnis brachen, breiten sich heute künstlich entwässerte Wiesen und Felder. Aber immer noch hebt sich der Schraden schon auf der Karte als eine andere Welt von seiner Umgebung ab. Neben der dichter besiedelten Großenhainer Pflege und von ihr durch das dunkle Gestrichel der Hügel getrennt, liegt er als große leere Fläche ohne Dörfer, durchsetzt von dem feinen Raster, der auf der Karte sumpfige Wiesen kennzeichnet, durchzogen von geradlinigen Straßen und Wassergräben und den beiden feingezackten Bändern der Pulsnitz und der Schwarzen Elster. Vor allem diese beiden Flußkanäle geben dem Schraden das besondere Gepräge.
Und man beschließt: da liegt eine andre Welt und da mußt du einmal hin.
Das stand als Vorhaben lange fest. Und nun, auf einer Osterwanderung von Radeburg nach Großenhain am Zickzacklauf der Röder entlang kam wieder dieser blaue Hügelwall in Sicht und lockte.
Am nächsten Morgen fuhr ich in den Schraden.
In der Nacht setzte starker Regen ein, und am Morgen regnete es noch. Es regnete während der Bahnfahrt nach Ortrand, es regnete auf die samtbraunen Äcker, auf die malachitgrünen Saaten, auf fröstelnde Dörfer in der Ebene. Es regnete in Ortrand. Ein herbstlich kühler Wind trieb graue Wolken über die kleine Stadt, deren gefällige Bescheidenheit selbst noch bei solchem Wetter anheimelt. Man geht nur einige Minuten und steht schon am jenseitigen Rande des Städtchens. Die hohen Bäume einer sauberen Allee rahmen hübsche Kleinstadtbilder ein: halb übersponnen von sprossendem Gezweig gucken braune Dächer über die Obstgärtchen weg, eine alte Kirche ragt, umringt von Dächern, Narzissen betupfen regengrüne Graspläne, über andere Dächer weg spitzt ein keckes Kapellentürmchen, ein Wasserstrahl gulkert in einen Steintrog, eine Frau in verwaschenem blauem Rock und blauer Hausjacke kommt und setzt ihren Eimer unter den Strahl und macht sich gar nichts aus dem Regen, draußen liegen grüne Wiesen mit Baumreihen an Wassergräben. Das alles, vom Regen bespritzelt, von grauem Gewölk überflogen, sah recht hübsch aus. Dabei gab es keine großen Geschichten mit Lichteffekten. Dach, Wiese, Acker, Garten gaben sich dem Regen so naiv grün, braun, rotbraun hin, wie sie eben von Haus aus sind.
Und als die Frist bis zum Abgange des Zuges nach Großenhain zurück bald verstrichen war, hörte der Regen auf. Fünf Minuten später lag Ortrand hinter uns und Kmehlen vor uns zu beiden Seiten der Allee mit den hohen Bäumen. Links stieg ein bewaldeter Hügelzug aus Feldern auf. Das war die blaue Mauer, und jetzt marschierten wir hinter ihr entlang.
Kmehlen, das alte Hopfendorf, hat zwei Sehenswürdigkeiten: einen reichgeschnitzten, reichvergoldeten niederländischen Flügelaltar des Brüsseler Bildschnitzers Jan Bormann, ein Werk, von dem die Kunsthistoriker heute noch nicht wissen, wie es in das weltferne Schradendorf geriet, und ein Wasserschloß. Schmucklos und dunkel steigen die Mauern aus dem tiefen Wassergraben auf, der das burgartige Schloß umzieht. Schwere, runde Ecktürme verstärken den Eindruck der Wehrhaftigkeit. Spätere Zeiten haben Blumen, gefällige Holzbrücken, verschnittene Hecken hinzugefügt, und wohl auch die Renaissancegiebel sind später hinzugekommen, die die Schwere des dunklen Daches auflockern und gleichsam das Schloß leichter gegen den Himmel aufstreben lassen. Aber man kann sich das Schloß wohl gut in die graue Schradenvergangenheit zurückdenken, wenn in Novembernächten die Nordstürme in den alten Kastanien zausen, wenn der Regen auf das Dach rauscht und um das feuchte Dunkel der Gräben Schatten aus Nordlands-Balladen ziehn: »Der Sturmwind brauste im Kamin, die Hunde heulten laut am Tor …«
Freundlicher, gleichsam sommerlich auch unter Aprilwolken liegt das Wasserschloß Lindenau in der Pulsnitzaue. Von Kmehlen geht man auf lichten Wegen nur ein halbes Stündchen bis dahin, aber Schloß und Dorf Lindenau zählen schon zur Lausitz, weil sie jenseits des Flusses liegen. Diese Landschaft hat einen eigenartigen, frohstimmenden Reiz. Unter lichten Birken und breitästigen Eichen fließt die Pulsnitz heran. Zwischen hochbogigen Bäumen sieht man hinaus auf den weiten Schraden, auf die Vorpostenkette der Dörfer am Hügelhang. Linker Hand liegt ein lockerer Auwald. Muskulöse Eichen, riesenstarke Erlen, weißstämmige Birken mit dem feinsten Zweigregen um sich, tausend weiße Anemonen blühen zu ihren Füßen, Linden mit der feinen Kuppelarchitektur ihrer noch kahlen, eben erst sprossenden Äste, saftige Wiesen darunter, und Wasserläufe von allen Seiten – wie ein alter englischer Park liegt das da. Und dann wird es wirklich ein Park. Rhododendronbüsche breiten sich unter Bäumen aus, Edelkoniferen treten zu schönen Gruppierungen zusammen. Es ist kein Zaun da, der den Schloßpark abschließt – ein Graben mit samtbraunem Wasser ersetzt ihn. Und dann steht ein heiteres Schloß mitten drin, ein Schloß mit Renaissancegiebeln rechts und links und einem schlanken Turm in der Mitte. Gegenüber, in der Reihe der Wirtschaftsgebäude, steht ein Torhaus mit einem Türmchen. Und geht man durch das weitgewölbte Tor, so steht dahinter eine weiße, ländliche Kirche, und an einer geraden Straße mit hohen Bäumen reiht sich das Dorf auf. Parkweg und Wassergraben zwischen Schloß und Torhaus überspreiten uralte Linden mit ihrem Gezweig. Kastanien sprossen da und dort, Lärchen streben auf, von den grünen Funken der aufbrechenden Knospen umschwärmt, und hinter Gezweig und Gezweig steht das Schloß, der schlanke Turm vor der Baumfülle des Parks, von stillen Wässern umzogen, vom Bogen des Tores eingerahmt. Man ahnt, wie sonnig und schattig, wie licht und kühl an blühenden Junitagen das alles sein wird.
Das ist Lindenau, Linden-Au an der Pulsnitz.
Und dann die Pulsnitz selber.
Es regnete wieder. Während wir im Dorfgasthaus einen Kaffee tranken (die Wirtin plättete in der Gaststube und draußen bauschte der Wind eine Karussellplane) hatte es begonnen. Vor uns lagen einige Stunden Weg durch den Schraden, ohne Haus, ohne Dach – noch konnten wir umkehren, nach Ortrand zurückgehen.
Aber vor uns zog die Pulsnitz hinaus in die Weite, ein schmales Silberband zwischen glatten Grasdämmen, in der nebligen Ferne verschwindend. Das lockte uns hinaus.
Und nun lag der Schraden vor uns, um uns.
Man tritt in diese Landschaft, wie man einen Raum betritt – mit einem Schritt. Da liegt die Parkaue mit ihren Bäumen, mit dem Schloß, mit dem Reiz einer gewissen Verfeinerung – und da breitet sich der Schraden, die einsame Ebene im Regengrau, mit Wasserspiegeln und Sümpfen und Torfstichen, mit Birkenalleen und verstreuten Bäumen im Grenzenlosen.
Grenzenlos – so lag der Schraden vor uns. Der Horizont verschwand im Grau. Alle Formen lösten sich auf und wurden weich im Gesprühe, das uns der Wind entgegentrieb. Es regnete nicht entschieden, es war mehr ein nässendes Wehen, als ob fortwährend die Kohlensäurebläschen eines Selterwassers ins Gesicht spritzelten. Und nach einer halben Stunde war man naß. Dabei sickerte durch die übereinander hintreibenden Wolkenschleier ein milchiger Lichtschimmer, der das Grau ringsum durchscheinend machte und keine Trostlosigkeit aufkommen ließ. Die Landschaft überließ sich einer Melancholie, die ihr selber wohltat.
In den flachen Wässern spiegelte sich der geronnene Himmel. Durch das Wasser sproßte spitzes Gras. Regenperlen bedeckten das junge Grün mit einem ganz zarten Silberreif. Sumpfdotterblumen tupften die Wiesen mit ihrem selbstzufriedenen Gelb. Es war ein Vergnügen, die fetten, fleischig knapsenden Stengel zu brechen und den leuchtenden Strauß wie einen Klumpen Sonne durch den silbergrauen Tag zu tragen.
Geradefort, kilometerweit, wie mit dem Lineal gezogen, durchschneidet die Pulsnitz den Schraden. Der Moorgrund schimmert durch die Flut – klarflüssiges, samtbraunes Glas scheint zwischen grünen Uferrändern dahinzufließen. Im Dialekt der Gegend heißt das Flüßchen »die Pulse« – das Wort gibt das gleichmäßig ruhige Wallen dieses Wassers lautmalerisch wieder. Blickt man aber geradeaus, so liegt die Pulsnitz als gestrecktes Silberband in die grüne Ebene eingelassen. Hohe Dämme, ebenso geradlinig gezogen wie der Fluß selbst, fassen die Ufer ein. Manchmal steht ein Baum dicht dabei, ein Gebüsch wächst halb auf den Damm herauf, eine helle Birkenallee kommt von weither, steigt über die Dämme und zieht weiter, eine Brücke spiegelt sich im Fluß, vereinzelte Bäume stehen nah und fern in den Sumpfwiesen, und weit drüben, halb verloren im Grau, dämmert der Hügelzug mit den Schradendörfern.
Stundenlang schritten wir auf dem »Pulsdamm« dahin. Weit und breit war kein Mensch. Einmal ging ein Bauernwagen über eine ferne Brücke – Karren, Pferdchen, Brücke und ein Baum dabei trafen sich für ein Weilchen als feingeschnittenes Schattenbild grau in grau über dem Silberfluß, dann verschwand das lautlose Gefährt hinter flockigem Gebüsch und wir waren wieder allein in der weiten Landschaft, unter dem verschleierten Himmel, der als graue Riesenwand von der flachen Erde aufstieg und unter dem Fluß und Damm, Baum und Wiese groß und einsam ihre stillen Reize ausbreiteten.
Über den naßgrünen Wiesen flatterten schwarzweiße Kiebitze im Taumelflug. Unaufhörlich erfüllten sie die Luft mit ihren besorgten Rufen. Manchmal klingt es schnalzend: knuiuiui knuii, manchmal erregt, durch die Luft fallend: kiwitt – kiwitt. Kiebitzrufe im Nebel – in der Erinnerung steigt die Einsamkeit russischer Landschaften auf. Sand und Sumpf und Nebel im Frühlingslicht und Kiebitzschreie im litauischen Moor: kiwitt – kie-witt …
Das Sprühen hatte aufgehört – man empfand es kaum noch, so gut stimmte es zu dieser Landschaft. Die grauen Wolken flogen höher. Von den Hügeln in der Ferne hoben sich die Schleier. Die Dörfer grüßten.
Und nun standen wir an einem Kreuzweg. Geradeaus blinkte die Pulse. Und quer zu ihrem Lauf zog eine Straße durch das weite Land, eine vom Regen reinlich gewaschene Straße, von weißstämmigen Birken gesäumt. Das zarte Gezweig flutete wie gelöstes Frauenhaar über der hohen Wölbung zusammen. Unter den Birken hin liefen Gräben mit klarem Wasser, in dem grüne Gewächse wie von Glas umschlossen sproßten.
Die Pulsnitz lockte und die Straße lockte. Wir schlugen die Straße ein und marschierten unter den Birken hin. Draußen hinter der Säulenreihe der weißen Stämme lag die weite Ebene. Fichtenwald mit schnurgeraden Schneisen. Verträumte Kanäle. Und wieder die Ebene.
Und wieder ein samtbrauner Fluß zwischen hohen Dämmen: die Schwarze Elster. Der Fluß ist breiter und die Dämme sind höher, aber reizvoller ist die Landschaft an der Pulsnitz.
Wir gingen von Plessa nach Elsterwerda immer auf dem Elsterdamme hin. Rechts begrenzten Hügel die kargere Landschaft: der nördliche Grenzwall des Schradens. Links, leicht verschleiert im kühlen Grau weitete sich die eigentliche Schradenlandschaft mit Gräben und Wässern und Dämmen und Sümpfen und dem lockeren Geflock der Bäume in der Wiesenaue und mit dem graublauen Hügelsaum in der Ferne. Als dunklerer Streifen und ganz allmählich an den Elsterlauf heranbiegend zog drüben der Pulsnitzdamm durch die Ebene, an den man an der Elster zurückdenkt und den man noch einmal gehen wird, im Hochsommer, wenn die Mittagsglut über dem duftenden Heu der Schradenwiesen zittert.