Tierschutz
Als ich vor vielen Jahren mal in Ziegenrück übernachtete, lag im Zimmer meines Gasthofes ein altes Schwarzburg-Rudolstädter Gesangbuch von 1856, das ich aufschlug und folgendes schöne Lied darin fand:
Der weise Schöpfer, dessen Ruf
Einst mächtig scholl: Es werde!
Und aller Welt Bewohner schuf,
Bestimmte diese Erde
Nicht für den Menschen nur allein,
Auch Tiere schuf er groß und klein,
Des Lebens sich zu freuen.
Sein Wille war, daß ihre Zahl
Sich allenthalben mehre.
Sie füllen Wälder, Berg und Tal
Und Seen, Flüß’ und Meere,
Beleben hier die hohe Luft
Und dort der Erde tiefste Kluft
Und freuen sich des Lebens.
Nie kann des klügsten Menschen Sinn
Der Arten Anzahl wissen,
Doch sänk auch nur die kleinste hin,
So wär’ das Band zerrissen,
Das auf der weiten Gotteswelt
Die Wesen aneinanderhält
Zu einem großen Ganzen.
Das kleinste Tier betritt die Welt
Mit mir auf gleiche Weise,
Es fühlt sein Dasein und erhält
Sich auch mit Trank und Speise,
Hat ebenso, wie ich ein Herz,
Hat Sinneskraft, fühlt Lust und Schmerz,
Und liebt wie ich, das Leben.
Dem, der für alles Sorge trägt,
Dem Schöpfer aller Dinge,
Ist nichts, was auf der Welt sich regt,
Zu klein und zu geringe.
Er, dessen Huld kein Engel mißt,
Er, der des Menschen Vater ist,
Ist auch des Wurmes Schöpfer.
Und er, der alle Wesen liebt,
Er sollte mir erlauben
Dem Tiere, dem er Leben gibt,
Mutwillig es zu rauben?
Was gäbe mir wohl den Beruf,
Ein Leben, das die Allmacht schuf,
Aus Leichtsinn zu zerstören?
Nein, kein Geschöpf, das mit mir lebt,
Darf ich aus Frevel quälen;
Mag, was mich übers Tier erhebt,
Mag auch Vernunft ihm fehlen.
Sie macht mich zu der Gottheit Bild,
Doch lehrt sie mich auch, göttlich mild,
Glück um mich her verbreiten.
Vernunft, du sollst mich immer mehr
Die wahre Weisheit lehren,
In der Geschöpfe großem Heer
Will ich den Schöpfer ehren.
Wer stolz ein Mitgeschöpf verschmäht,
Das unter Gottes Aufsicht steht,
Entehrt auch seinen Schöpfer.
Wen eines Tieres Qual erfreut,
Der sieht mit kaltem Herzen
Gar bald auch seiner Brüder Leid
Und spottet ihrer Schmerzen.
Wer frech sein Mitgeschöpf betrübt
Und Härt’ und Grausamkeit verübt,
Der kann auch Gott nicht lieben.
Warum ich das alte Lied ganz hersetzte? Weil es eine berechtigte Klage der Tierschützer ist, daß die christliche Kirche sich wenig um die Tiere kümmert. Beweis: Die gähnende Leere der Gesangbücher, soweit der Tierschutz in Frage kommt. Es gab aber eine Zeit, wo es hierin besser war. So z. B. enthielt das alte Magdeburger Gesangbuch von 1837 eben dieses und auch ein anderes gutes Tierschutzlied.
Heimatschutz umfaßt unbedingt auch Tierschutz. Ich glaube, der Satz bedarf keiner besonderen Begründung. Pflanze und Tier beleben erst die an sich tote Rinde. Es ist daher nicht zu verteidigen, wenn selbst zu wissenschaftlichen Zwecken Vögel, die zu Zeiten (nur zu gewissen Zeiten!) schädlich sind, in maßloser Weise in Unzahl abgeschossen werden, um ihren Mageninhalt zu untersuchen. Dadurch muß die Natur notwendig verarmen und kein Geringerer als ein Brehm hat schon auf die bedauerliche Tierarmut Westeuropas hingewiesen. Im allgemeinen vollzieht die Natur selber den notwendigen Ausgleich und tritt einer übermäßigen Vermehrung einer Art entgegen. Wir können also Herrn Prof. Dr. Hoffmann nur recht geben, wenn er Einspruch erhebt gegen den Abschuß zahlloser Elstern, und was noch weit schlimmer ist, von so seltenen Vögeln wie Wasseramseln, die man nur noch an Gebirgswässern trifft, ferner von insektenfressenden Singvögeln. Und beistimmen muß ihm jeder, wenn er sagt, daß der durch die Magenuntersuchung unter der Vogelwelt angerichtete Schaden viel größer ist als der Nutzen, den diese Untersuchungen uns und den überlebenden Artgenossen gebracht haben. Nisi utile est quod agimus, vana est gloria nostra (Hufeland).
Dr. Pause.