Vom romantischen zum denkenden Wanderer
Von Dr. Kurt Schumann
Es dürfte eine reizvolle Aufgabe sein, einmal eine Geschichte des Wanderns und des Wanderers zu schreiben, von den Tagen an, da Abraham auf Geheiß des in jenen Zeiten noch sehr menschlich mit seinen Geschöpfen verkehrenden lieben Gottes fortzog »aus seinem Vaterlande, aus seiner Freundschaft und aus seines Vaters Hause« ins Gelobte Land Kanaan bis ins Zeitalter des Wandervogels, der Feriensonderzüge und der Mount-Everest-Besteigung. Was würde da nicht alles an unseren Augen vorüberziehen, selbst wenn man von den großen Massenwanderungen in den Zeiten des Krieges, der religiösen Begeisterung oder des Hungers absähe: der wandernde Prophet, der Minnesänger, der fahrende Schüler und der Handwerksbursche, der Bettelmönch und der Pilger, Goethe und Rousseau, Seume und Scheffel. Jede Zeit hat ihre Wanderer gehabt, Wanderer, die den Weg ebenso schätzten wie das Ziel, die um des Wanderns willen die warme Ofenecke mit der Landstraße vertauschten. Trotzdem kann man wohl behaupten, daß erst das vergangene Jahrhundert den Wanderer als Allgemeinerscheinung hervorgebracht hat. Mit Rousseau, dem ersten Wandervogel, fing es an, dann kamen die Romantiker, die uns die großen Volksliedersammlungen erwanderten, dann der »Spaziergänger nach Syrakus«, dann Eichendorff, dessen Wanderlieder heute noch in jedem Wald erklingen, Wilhelm Müller, der Sänger der durch Schuberts Vertonung überall bekannt gewordenen »Müllerlieder«, und Heinrich Heine, dessen Lieder aus der Harzreise die herrlichen Verse einleiten:
»Auf die Berge will ich steigen,
Wo die frommen Hütten stehen,
Wo die Brust sich frei erschließet,
Wo die freien Lüfte wehen,
Wo die dunklen Tannen ragen,
Bäche rauschen, Vögel singen
Und die stolzen Wolken jagen.«
Im unberührtesten deutschen Waldgebiet aber steht das Denkmal Adalbert Stifters, des Dichters des »Hochwald«, am Blöckensteinsee. – Ein Hinweis auf die »Kulturstudien« Riehls, Rudolf Baumbachs »Lieder eines fahrenden Gesellen« und Fontanes »Wanderungen durch die Mark Brandenburg« möge diesen literarhistorischen Überblick schließen; denn es ist Zeit, auf eine ganz andere Kategorie von Wanderern aufmerksam zu machen, die Wandertrieb und Wanderstil ebenso stark beeinflußt haben, wie unsre wandernden Dichter.
Um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nahm mit den glänzenden Erstersteigungen Whympers der Alpinismus einen verheißungsvollen Aufschwung. Die großen Alpenklubs bildeten sich und in ihrem Gefolge die verschiedenen Mittelgebirgsvereine, auf deren Tätigkeit und das gewaltige Wachsen der Großstädte der außerordentliche Aufschwung des Wanderns im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts zurückzuführen ist. Der Wandertyp dieser und bis zu einem gewissen Grade auch noch unsrer Zeit ist der »Tourist«. Er hat die Fehler und Vorzüge der Periode, die ihn wachsen sah, der Periode des wirtschaftlichen Aufschwungs. Er schafft sich eine praktische Kleidung, baut Wege und Hütten, sorgt für gute Karten, gründet allenthalben Sektionen, die Geld für seine Zwecke in reichem Maße zusammenbringen, macht stramme Touren, die Körper und Geist allerhand zumuten, nur eines tritt bei ihm in den Hintergrund, was die romantische Periode vor ihm in überreichem Maße besaß, die Poesie des Wanderns, das tiefe Erleben und Verstehen der Landschaft. Oder wäre es sonst möglich gewesen, daß dreißig Jahre lang vor den Augen von hunderttausend Touristen unsre Heimat in einer Weise verschandelt wurde, daß die nächsten zehn Generationen es nicht wieder gut machen können?
Da kam die notwendige Ergänzung von einer Seite, die mit dem Wandern zunächst gar nichts zu tun hatte, die nichts war als eine Protestbewegung gegen die »Alten«, gegen den Materialismus der Zeit, gegen die Unterdrückung einer Altersstufe: die Jugendbewegung, deren erste Verkörperung der Wandervogel war. Er stellte sich nicht etwa in Gegensatz zur Touristik, denn die kannte er kaum. Er entstand und gedieh am besten ja auch da, wo die Touristik nicht zu Hause war, im Flachland und in den aller Großartigkeit und aller Gebirgsvereine baren unbeachteten Mittelgebirgen Hessens und Frankens, an den Seen der Mark und in den Einöden der Heide. Er lief ohne Karte »ins Blaue«, verschmähte Wege und Unterkunftshäuser, kroch zu den Bauern ins Stroh, pfiff auf Bergschuhe, Spirituskocher und Thermosflasche, Lodenmantel und Wanderstock, »tippelte« eine Stunde und lag drei Stunden im Grase, versunken in die Schönheit eines Kiefernwaldes, eines Sonnenunterganges oder eines alten Bauerngehöftes, nährte sich von »Heuschrecken und wildem Honig« und sang dazu Lieder, die so alt waren, daß sie Arnim und Brentano hundert Jahre früher nicht entdeckt hatten. Eher vergaß er den Brotbeutel als die Laute. Das war soviel Romantik auf einmal, daß sie den älteren Zeitgenossen und ihren Vertretern auf dem Gebiete des Wanderns nur ein Lächeln entlockte. Glücklicherweise blieb es nicht dabei, und das ist das Verdienst der Alten, die innerlich jung genug geblieben waren und ähnlich fühlten wie diese Jungen, im Gegensatz zu ihnen aber deren unausgegorenes Gefühl in Willen und Tat umsetzten. Und diese Taten hießen: Dürerbund und Heimatschutz.
Die Rede von Ferdinand Avenarius vor der freideutschen Jugend auf dem Hohen Meißner im Oktober 1913 besiegelte den Bund zwischen dem Heimatgefühl der Jungen und dem Heimatwollen der Alten. Diese große Bewegung konnte nicht ohne Einfluß auf Art und Stil aller Wanderer bleiben, zumal auch die dem Wandervogel verwandten Jugendbünde diesen von ihm übernahmen. Eine der erfreulichsten Erscheinungen unsres sonst bisher so wenig erfreulichen Jahrhunderts ist die Tatsache, daß sich alle diese Bewegungen: Touristik, Jugendbünde und Heimatschutz gegenseitig befruchten und ergänzen. Und eines der angenehmsten Produkte dieser Wechselbeziehungen ist der Wanderer unsrer Tage. Das zeigt sich schon rein äußerlich. Er legt ebensowenig Wert auf die komfortable Korrektheit des Touristen wie auf die Formlosigkeit des Wandervogels. Er wandert barhäuptig und halsfrei, aber wenn die Sonne brennt oder wenn es stundenlang regnet, dann hindert ihn kein Prinzip, den Hut aus dem Rucksacke zu holen oder den Kragen zuzuknöpfen. Seine Unterkunftshäuser sind keine Hotels mit Speisekarte und Himmelbett, aber sie bestehen auch nicht nur aus einem Dach, einem Tisch und einem Heuhaufen. Dagegen legt er großen Wert darauf, daß sie sich in die Landschaft einfügen, in der sie stehen, und daß ihre Ausstattung so beschaffen ist, daß der eben geschilderte Wanderer hineinpaßt. Nichts dokumentiert besser die gekennzeichnete Entwicklung des Wanderers von 1900 bis 1920 als seine Unterkunftshütten. Welchen hervorragenden Anteil der Heimatschutz gerade auf diesem Gebiete hat, brauche ich hier nicht darzulegen.
Auch die Wahl der Wandergebiete zeigt den neuen Menschen. Er zieht nicht nur in Heide und Moor, aber er schätzt ihre feineren Reize neben den großartigen der Alpen und des Schwarzwaldes, durchwandert Gebirge, die bisher die Touristik nicht gewürdigt hatte und findet in Vogelsberg und Rhön, Jura und Erzgebirge, Weserbergland und Eifel Schönheiten, von denen die Touristenweisheit sich nichts hatte träumen lassen. Er würdigt von Kulturstätten im Gegensatz zum Wandervogel nicht nur Burgruinen und mittelalterliche Nester; der Hafen von Emden und die Parks der Barockschlösser, der Leipziger Hauptbahnhof und die Münchner Galerien haben ihm nicht weniger zu sagen als die malerischen Gäßchen von Rothenburg und Kronach oder die zerfallenen Mauern von Hanstein und Hirsau. Wichtiger noch als der Gegenstand ist die Art seiner Betrachtung. Hier handelt es sich nicht nur um Mischung von Touristen- und Wandervogeleigenschaften, wenngleich ihm auch die mehr beobachtende Einstellung des einen ebenso vertraut ist, wie die mehr gefühlsmäßige des anderen. Hier setzt eine ganz neue Betrachtungs- und Erfassungsweise ein, die ich kurz bezeichnen möchte als das denkende Erleben der Landschaft. Man muß schon bis auf Goethe zurückgehen, um einen Wanderer zu finden, wie er sich jetzt als Gattung auszubilden beginnt. Es ist unmöglich, an dieser Stelle alle die Wurzeln, die zu dieser Entwicklung führen, aufzudecken (Ratzels Deutschland; die amerikanischen Einflüsse in der geographischen Wissenschaft; die Wanderfreude der jungen Geographengeneration; die Erweiterung des erdkundlichen Unterrichts auf der Mittelschule; die zentrale Stellung der Heimatkunde im Gesamtunterricht der Grundschule usw.). Nur auf eine Institution muß ich hinweisen, die diese Entwicklung unter den alten Wanderern mächtig gefördert hat, die Volkshochschule mit ihren verschiedenen Ausstrahlungen. Schließlich möchte ich noch versuchen, diesen neuesten Wanderertyp, den ich den denkenden nennen will, mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Hauptzug seines Wesens ist, daß er Zusammenhänge sucht und findet, wo seine Vorgänger nur Einzeltatsachen sahen. Für ihn ist ein Dorf nicht eben ein Dorf, ein Berg ein Berg, ein Tal ein Tal, ein Wald ein Wald. Die Rundlinge der Elbaue und des Niederlands haben für ihn ein anderes Gesicht als die Waldhufendörfer des mittleren Erzgebirges und die Streusiedelungen auf dem Kamme, denn er kennt ihre Geschichte und den Zusammenhang mit der Landschaft, in der sie liegen. Wenn er in den Tharandter Wald geht, genießt er vier Wälder, wo der Normaltourist nur einen sieht; denn einen ganz anderen Charakter hat der Buchenwald auf dem Basalt des Landberges als der Fichtenwald auf den weiten Porphyrdecken um Grillenburg, der Kiefernforst auf den Sandsteinhöhen des Markgrafensteins als der Mischwald an den Gneishängen des Weißeritztales. Jedes Tal, in dem junge und greisenhafte Formen wechseln, in dem auf die vom Sturzbach durcheilte Schlucht die weiche Mulde folgt, in der derselbe Bach in großen Windungen in selbstgeschaffener Aue müde dahinschleicht, läßt vor seinem Auge nicht nur die Geschichte des Tales, sondern diejenige der ganzen Landschaft aufsteigen, in die es eingebettet ist.
Für ihn bekommen die Namen der Berge, Straßen, Siedlungen, die unsre Vorfahren ihnen mit feinem Gefühl gaben, weil sie ihr Vaterland kannten und nicht nur im Munde führten, neues Leben. Die groteske Welt des Elbsandsteins klingt ihm entgegen aus den mit Stein, Horn, Hörnel, Turm, Tor, Wand, Schlucht, Schlüchtel, Klamm und Gründel zusammengesetzten Namen. Nur eine bedeutende Erhebung in der Sächsischen Schweiz führt den Namen: Berg, und diese besteht nicht aus Sandstein, sondern aus Basalt: der Winterberg. Er trägt auch nicht wie alle andern den dürren Kiefernwald auf seinem Rücken, sondern Buchenwald. Ähnliche Gegensätze spiegeln sich in Namen wie: Sandschlucht – Steingrund, Verlorenes Wasser – Nasse Aue. Die Geologie des Vaterlandes wird lebendig, wenn sie uns entgegentritt in Namen wie: Grauberg (Gneis), Blauberg (Schiefer), Roter Berg, Rotes Vorwerk, Purpurberg (Porphyr, roter Quarz), Rotes Wasser (Zinnwäschen), Weißenstein, Weißenfels, Weißwasser (Kalk, Quarz, Granit), Eisenborn und Kupferberg. – Eschenhau, Eschdorf, Eichwald, Eichberg, Eichleite, Buchholz, Buchberg, Erlenschlucht, Lindhardt, Lindigt, Tanndorf, Tännigt, Kiefernhöhe, Fichtelberg und unzählige ähnliche Namen spiegeln den ursprünglichen Baumbestand wider, der leider bis auf die Flecke, wo der Untergrund es verbot, der nivellierenden Forstwirtschaft zum Opfer gefallen ist oder vom Kulturlande verdrängt wurde. Von den fränkischen und thüringischen Auswanderern, die in unsre Gebirge mit Axt und Pflug eindrangen, oder den Agenten (Locatores), die sie dahin führten und dann als Schulzen (Erbgerichte) betreuten, künden uns folgende Dorfnamen: Ullersdorf (Ullrich), Cunnersdorf (Konrad), Dittersdorf (Dietrich), Hartmannsdorf, Waltersdorf, Rathmannsdorf, Ottendorf, Leupoldishain, Nikolsdorf, Erkmannsdorf, Nenntmannsdorf, Hennersbach und Reinholdshain. Fürstennamen tragen einerseits die neben deren Schlössern gebildeten Ortschaften: Moritzburg, Augustusburg, Karlsruhe, Ludwigsburg, anderseits die Exulantensiedelungen, die unter ihrem Schutz entstanden: Georgenfeld (Gottgetreu), Johanngeorgenstadt, Carlshafen. Endlich noch ein paar Namen, die Leben und Wirtschaft unsrer Vorfahren widerspiegeln: Hammergut, Schäferei, Butterstraße, Salzstraße, Kirchweg, Mühlweg, Leichenweg, Rabenhügel und Galgenberg.
Ich glaube, diese Namenübersicht, die selbstverständlich zu einem dicken, höchst interessanten Buch ausgebaut werden könnte, zeigt schon, wie weit und wie tief das Gebiet des »denkenden« Wanderers ist. Sie zeigt aber auch, daß man nicht von heute auf morgen in diese Wandererkategorie übergehen kann. Schule, Volkshochschule, Heimatschutzvorträge und eine reiche Literatur bieten aber dem Wollenden und Ausdauernden die Mittel, um diese Ziele zu erreichen. Vielleicht ist ein andermal Gelegenheit, die sämtlichen Hilfswerke des denkenden Wanderers wohlgeordnet aufmarschieren zu lassen; an dieser Stelle will ich nur auf die Bücher hinweisen, die ausgearbeitete Touren bieten. Es sind dies in erster Linie die Dresdner, Chemnitzer, Lausitzer[2] und Leipziger[3] Wanderbücher, herausgegeben von Erdkundelehrern der betreffenden Orte. Dem vorwiegend historisch eingestellten Wanderer werden Schmidts Kursächsische Streifzüge, dem geologisch interessierten die Führer von Beck, Nessig (Dresdens Umgebung), Krenkel (Nordwestsachsen), Beger (Lausitz) und Credner (Granulitgebirge) reiche Anregung geben[4].
Der unselige Krieg hat uns siebzigtausend Quadratkilometer deutschen Landes geraubt. Wie viele von uns haben sie gekannt? Wer kennt von den uns verbleibenden vierhundertsiebzigtausend Quadratkilometern nur den hundertsten Teil so, wie es eines Volkes der Denker und Dichter, Goethes und Humboldts, würdig ist? – Schöne Anfänge auf diesem Gebiete lassen schöneren Fortgang erhoffen. Die Volkshochschulkurse, die sich dieser Aufgabe widmen, sind überlaufen, und die geographischen Wanderbücher, die ebenfalls denkende Wanderer erziehen wollen, »gehen« beinahe wie Courts-Mahlersche Romane. Erfreulicherweise zeigt sich dabei auch wieder die Wahrheit des Karl Brögerschen Kriegsliederrefrains: »daß Deutschlands ärmster Sohn auch sein getreuester war.« Möchten diese Pioniere auf dem behandelten Gebiete recht bald viele Kameraden aus allen Schichten finden, die mit ihnen ein neues gemeinsames Glück sich erkämpfen in der schauenden, fühlenden und denkenden Eroberung der Heimat.