Auf der Schwelle des Erzgebirges

Von Dr. Kurt Schumann

Mit Bildern nach Aufnahmen von J. Ostermaier, Dresden-Blasewitz

So oft ich, gequält durch den Lärm von fünf äußerst betriebsreichen Straßenbahnlinien und das melodische Gewimmer eines Luftschaukelleierkastens, gegen das ich seit Jahren einen ebenso zähen wie erfolglosen Kampf führe, mich mit dem Gedanken trage, meinen Striesener Wigwam zu verlassen und mich auf die mit meiner Arbeitsstätte durch die billige Reichsbahn verbundene Lausitzer Hochfläche zurückzuziehen, brauche ich nur einen Blick zum Fenster hinauszutun, um mich in meinem Entschluß wieder wankend werden zu lassen. Denn bis zu den Gipfeln des östlichen Erzgebirges, zum Geising und Sattelberg, wandert der Blick selbst vom Schreibtisch aus, und auch bei neunzehnhundert­zweiundzwanziger Wetter sind wenigstens seine Vorhöhen gut zu überschauen. Und dieser Blick wiegt schon eine ordentliche Portion Straßen- und Karussellärm auf. Die letzten Cunnersdorfer Schächte begrenzen den Horizont im Westen; dann folgt die Goldene Höhe, und zwischen ihr und dem Plateau der Babisnauer Pappel guckt der Walfischrücken der Quohrener Kipse durch, was besonders schön in die Erscheinung tritt, wenn der hintere Höhenzug im Schimmer frischgefallenen Schnees glänzt, während den vorderen niederen schon der grüne Schein lenzesfroher Saaten schmückt. Beherrscht aber wird das ganze Bild von dem einzigen wirklichen Gipfel dieser Höhenzüge, dem nahezu fünfhundert Meter hohen Wilisch. Im Osten schließt die flache Kuppe des Finkenfangs das besonders im Morgen- und Abendlicht ganz wundersame Bild ab. Da sich außerdem mit dem überblickten Gebiet Erinnerungen an meine ersten Wandertaten verknüpfen, ist es kein Wunder, daß ich mit ihm noch vertrauter bin als mit manchem anderen Dresdner Ausflugsgebiet, und mir die redlichste Mühe gebe, ihm immer neue Verehrer zu gewinnen. »Warum sucht ich den Weg so sehnsuchtsvoll, wenn ich ihn nicht den Brüdern zeigen soll?«

Wie notwendig solche Führungen sind, konnte ich wieder einmal erkennen, als ich mit einer sonst wirklich nicht auf den Kopf gefallenen Jugendgruppe die letzte diesjährige Volkshochschulwanderung unternahm. War doch z. B. keiner von den etwa dreißig Teilnehmern bisher mit der Windbergbahn gefahren, obgleich eine Fahrt auf dieser Strecke unzweifelhaft zu den schönsten und billigsten Genüssen gehört, die sich der Dresdner leisten kann. – Am Bahnhof Plauen blickt man zunächst einmal der Gegend in die Eingeweide. Über dem Syenit des Ratssteinbruchs lagern, schräg nach dem Elbtal zu einfallend, Plänerschichten, Erinnerungen an die Zeit, da über diesem Gebiet die Fluten des Kreidemeers wogten. Bei dem mächtigen Getreidesilo am Fuße der Heideschanze verläßt der Zug die Enge des Plauenschen Grundes und tritt in das weite Döhlener Becken ein, das die Weißeritz durch Abtransport der diese ganze Gegend bedeckenden Geröllmassen, die im Zeitalter des Rotliegenden hier abgelagert worden waren, geschaffen hat. Der das Becken beherrschende Windberg zeigt an, bis zu welcher Höhe diese Konglomerate einst lagen. An den weichen Lehnen klettert unser Zug empor, wobei sich die herrlichsten Blicke über das Freitaler Industriegebiet, das Elbtal und die Lößnitzhänge eröffnen. Auf der Höhe angelangt, können wir die Blicke weit nach Norden und Osten schweifen lassen. Wir wissen nicht, welcher von den drei überschauten Landschaften wir den Preis der Schönheit zuerkennen sollen, den sanftgewellten Höhen des Lausitzer Berglandes, der weiten von Siedlungen erfüllten Elbaue mit den Loschwitzer Hängen und dem Eckpfeiler des Borsbergs im Hintergrund oder der zierlichen Tafelberggesellschaft des Elbsandsteins, die fremd und eigenartig im Süden auftaucht. Die Nähe aber ist nicht minder interessant. Mächtige Wälder von Baumfarnen und anderen tropischen Gewächsen, deren Schönheit uns heutzutage nur noch die Gewächshäuser (Pillnitz) offenbaren, wurden von den Schottermassen der Rotliegendzeit einst zugedeckt. Im Laufe verschiedener Jahrmillionen wurden die Baumleichen in Kohle verwandelt, die der Niederhäslicher und Burgker Bergmann nun unter schwerer Mühe und Lebensgefahr, von der auch das Denkmal auf dem Segen-Gottes-Schacht erzählt, ans Licht bringt. Denjenigen, die sich für unsern heimischen Bergbau näher interessieren, kann ich gar nicht warm genug die Ausstellung im Heimatkundlichen Schulmuseum des Dresdner Lehrervereins auf der Sedanstraße empfehlen, wo sich nicht nur Zeichnungen und Modelle von Bergwerken, die Werkzeuge des Bergmanns, geologische Karten und Profile und geschichtliche Erinnerungsblätter finden, sondern man auch in bequemer und übersichtlicher Weise einen Einblick in die Bedeutung, Verbreitung und Arbeitsweise der verschiedenen auf dem Kohlenreichtum des Gebiets sich aufbauenden Industriezweige erhält. Eine treffliche Ergänzung dazu bildet die Schilderung, die H. Beier im ersten Band des Dresdner Wanderbuchs vom »Industriegebiet des Döhlener Beckens« gibt. Unser Züglein führt uns in der Nähe verschiedener Schächte und ganz dicht am Marienschacht vorüber, so daß wir bei der beängstigenden Geschwindigkeit unseres Vehikels genügend Gelegenheit haben, neiderfüllte Blicke nach den mit den schönsten Steinkohlen beladenen Hunden und Eisenbahnwagen zu werfen.

Abb. 1 Im Plauenschen Grund bei Coßmannsdorf

Am Bahnhof Bannewitz wendet sich die Bahn südwärts, und wir gewinnen einen prächtigen Blick auf das nach dem Döhlener Becken hinabziehende Poisental, das den in den unfruchtbaren Sandsteinen des Rotliegenden wurzelnden Poisenwald umschlingt. Auch dieser den Dresdnern noch verhältnismäßig wenig bekannte Wald hat seine besonderen Reize. Wenn im Frühjahr und Herbst die Birkenreihen wie Fackelzüge durch den dunklen Kiefern- und Fichtenwald sich durchschlängeln, kann er wohl mit seinen bevorzugten Brüdern in Wettbewerb treten. Nachdem uns die Halde neben der Haltestelle Goldene Höhe daran erinnert hat, daß sich früher der Bergbau bis nach Rippien hinüberzog, fahren wir an der schönen Pappelallee nach Possendorf hinab. Tief unter uns liegt Wilmsdorf im oberen Poisental. Nur wenigen dürfte bekannt sein, daß dort der Freiheitskämpfer Schill 1776 geboren wurde.

Abb. 2 Die Possendorfer Windmühle

Uns verheißt die goldne Herbstsonne, die uns beim Aussteigen in Possendorf begrüßt, ein schöneres Los als ihm, und so wandern wir wohlgemut durch das behäbige Dorf, das als Mittelpunkt der ganzen Pflege einen sehr stattlichen Gasthof, eine ebensolche Kirche und ein mit schönen Renaissancegiebeln versehenes Rittergut besitzt. Einen halben Kilometer jenseits des Dorfes, wo die prächtige Kastanienallee in einem schön geschwungenen Bogen die Wendischkarsdorfer Höhe nimmt, geht ein schmaler Fußsteig rechts feldein. Wir folgen ihm und beobachten dabei, daß die Felder eine auffällig rote Farbe tragen. Wir befinden uns also immer noch im Gebiet des Rotliegenden. Einige aufgelesene Steine belehren uns, daß wir es mit einer Ansammlung erzgebirgischer Gneise zu tun haben. Wenn nun diese Gneise schon in ihrem Ursprungsgebiet einen leidlichen Ackerboden abgeben, so ist dies naturgemäß hier, wo sie im bereits zerschlagenen Zustande der Verwitterung viel leichter anheimfallen, noch mehr der Fall. Deshalb macht auch das Quellreihendorf Börnchen, das nach fünf Minuten vor uns in der Tiefe auftaucht, einen ziemlich wohlgenährten Eindruck. Den Bewohnern der Umgegend ist es unter den Namen Käsebörnchen bekannt, weil die Börnchener sich nicht nur des Ackerbaues sondern auch der Käserei befleißigen. Noch heute kaufen wirtschaftsgeographisch geschulte Dresdner Hausfrauen ihren Käsebedarf unmittelbar von den Börnchner Käsewagen und -weibern in der Ausspannung in der Wilsdruffer Vorstadt. Sobald man die Quellmulde, in der Börnchen liegt, verlassen hat, liegt ein Turmgasthaus vor uns, das den »Gipfel« des Lerchenbergs krönt. Mit seinen vierhundertfünfundzwanzig Metern ist der Lerchenberg noch achtzig Meter höher als die wegen ihrer Aussicht berühmte Goldene Höhe; kein Wunder, daß seine Aussicht mindestens vom geographischen Standpunkt als die vielseitigste der näheren Dresdner Umgebung bezeichnet werden muß. Das vulkanische böhmische Mittelgebirge ist mit seinen schönsten Repräsentanten ebenso vertreten wie die Sächsische Schweiz mit ihren sämtlichen »Steinen«, die Lausitz mit ihren Granitkuppen (Keulenberg, Butterberg, Valtenberg, Triebenberg) und das Erzgebirge mit den der einförmigen Rumpffläche aufgesetzten Basaltbergen (Sattelberg, Geising, Luchberg, Wilisch) und den wegen ihrer Härte herauspräparierten Porphyrhöhen (Kahleberg, Tellkoppe, Frauenstein). Das uns umgebende Rotliegendengebiet zeichnet sich durch seine sanftgewölbten Formen aus (gutes Skigelände!), mit denen nur die Basaltspitze des Wilisch und die Sandsteintafel an der Babisnauer Pappel kontrastiert. Ein anderes Sandsteingebiet liegt südlich von unserm Standpunkt. Es tritt deutlich aus der Landschaft hervor, weil es statt der Felder, die sich auf Gneis und Rotliegendem ausbreiten, große Waldflächen trägt. Daß sich der Sandstein dort gehalten hat, beruht auf ähnlichen Ursachen wie die Existenz der Sandsteinscholle, aus der die Sächsische Schweiz herausmodelliert wurde. Auch hier ist der Sandstein durch eine sogenannte Verwerfung in ein tieferes Niveau gebracht und dadurch vor der Abtragung bewahrt worden. Diesem Sandsteingebiet streben wir nunmehr zu. Groß-Ölsa, das wir zunächst berühren, ist heute ein Hauptsitz der Möbelindustrie, die überhaupt zu den charakteristischen Erwerbszweigen des östlichen Erzgebirges gehört. Nur die Strohindustrie, die sich vom Kamm bis nach Dresden hineinzieht, kann sich mit ihr messen. Auch bei diesen beiden Erwerbszweigen können wir dieselbe Entwicklung verfolgen wie bei den meisten andern Industrien, sowohl im Erzgebirge als auch in andern deutschen Mittelgebirgen. Ursprünglich bauten sie sich auf den Rohstoffen auf, die das Gebirge lieferte (Holz, Erz, Stroh) und siedelten sich da an, wo das Wasser eine billige Betriebskraft lieferte. Jetzt reichen weder die heimischen Rohstoffe noch die Kraft der heimischen Gewässer zum Betrieb der Unternehmungen. Trotzdem bleiben sie mit Rücksicht auf die dadurch entstandene Bevölkerungsverteilung an den Ursprungsorten, und so kommt es, daß wir heute an Orten Industrie finden, wo Rohstoffe und Betriebsmittel von auswärts bezogen werden müssen. Die Entstehung der Überlandzentralen hat diese Entwicklung noch begünstigt. Im Interesse der Volksgesundheit ist dies nur zu begrüßen; denn der Arbeiter, der von seiner Werkbank ins Freie blickt auf grüne Wiesen, wogende Felder und freundliche Gehöfte, und nach beendeter Arbeit sich in einem Heim findet, das von lauter Natur umgeben ist, möchte wahrscheinlich nicht mit seinem Kollegen in der Oppellvorstadt tauschen, der seinen Augen und Lungen während der Woche nichts Besseres vorsetzen kann als finstre, dunstige Höfe und sterbenslangweilige luft- und liebeleere Straßen. Selbstverständlich tragen diese Fabrikbauten auf den Dörfern nicht gerade zur Verschönerung der Landschaft bei; aber auch auf diesem Gebiet sind wir über das Gröbste hinweg. Wie die Schulen auf dem Lande nicht mehr im Kasernengewande in die Landschaft hineinragen, sondern sich dem dörflichen Bilde einpassen, so gehören auch die mit knallroter Schauseite jedes Dorfidyll erschlagenden Fabriken, von denen man besonders in den Lausitzer Weberdörfern wahre Prachtexemplare findet, hoffentlich der Vergangenheit an.

Abb. 3 Die Barbarakapelle in der Dippoldiswalder Heide

Unter solchen erbaulichen Sonntagsmorgenbetrachtungen sind wir in die Seifersdorfer Straße eingebogen. Auf dem ersten links abgehenden Feldwege verlassen wir sie wieder und gelangen bald in den Wald, die Dippoldiswalder Heide. Sie zeigt hier noch wenig ihren wahren Charakter, denn überall sinkt der Fuß in moorigen Boden ein, aus dem hier und da sogar bescheidene Bächlein entspringen. Die Sandsteindecke ist hier noch sehr dünn, so daß sich das durchsickernde Wasser auf der Gneisunterlage sammelt und abläuft. Nach wenigen Minuten sehen wir links vom Wege die Ruinen der Barbarakapelle. O. E. Schmidt bringt sie mit dem Bergbau in Beziehung (die heilige Barbara ist die Schutzheilige der Bergleute), während Schiffner in seinem ausführlichen Handbuch des Königreichs Sachsen von 1840 den Namen Barbarakapelle überhaupt nicht kennt. Er schreibt über die Ruine: »Südlich von Ölsa, tausend Schritt entfernt, steht im Walde die Claus- oder Clausenkirche, d. h. die Ruine der Nicolaikapelle, welche dem Kloster Zella gehörte, und deren Altar man noch in Seifersdorf sieht; dicht dabei quillt eine überaus starke Quelle (sie wird heute für die Wasserversorgung von Rabenau ausgenützt, wie der Steinborn bei Obermalter der Stadt Dippoldiswalde täglich bis über zweihundert Kubikmeter zu liefern vermag), und das Ganze war wohl eine Station für die nach Zella Wallfahrenden.« Schäfer fügt in seinem Führer durch Dresdens Umgebung noch hinzu, daß sie von Johann VIII. von Maltitz, dem dreiundvierzigsten Bischof von Meißen, gestorben 1649, zerstört wurde, weil ihr Geistlicher reformatorisch aufgetreten war. Irgendwelche künstlerische Bedeutung hat die Ruine nicht und jede Anwandlung feierlicher Stimmung, die sich in solchen Waldruinen bei empfindsamen Seelen einzustellen pflegt, wird jäh vernichtet durch die trotz der freundlichen Warnungen des Gebirgsvereins hier angesammelten Papierhaufen, die von der Beliebtheit dieses Platzes beim naturliebenden Publikum zeugen. Ich bin nur gespannt, bis zu welchen phantastischen Preisen das Papier noch steigen muß, ehe diesem Unfug ein Ende gemacht wird. Ein wunderschöner trockner Frühstücksplatz zwischen Heidekraut und Birken entschädigt uns für die an der Barbarakapelle nicht zustande gekommene Gefühlswallung. So landen wir wohl oder übel wieder im seichten Materialismus und lassen uns den Inhalt unserer Rucksäcke so gut schmecken, als es der üppige Belag zuläßt.

Zu den bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten der Dippoldiswalder Heide gehören die Wolfssäule und der Einsiedlerstein. Darum mußten auch wir ihnen unbedingt einen Besuch abstatten. Beide liegen an der schönen Straße, die Malter mit Wendischkarsdorf verbindet. Die Wolfssäule erinnert an eine Jagd im Jahre 1802, bei der »ein Wolf, der seit fünf Jahren aus- und eingetrabt ist und hundertunddrei Pfund wog, geschossen« wurde. Der glückliche Schütze war der kurpfalz-baiersche Gesandte und Minister Herr von Lerchenfeld. Bei dieser Gelegenheit sei mit hingewiesen auf den außerordentlichen Wildreichtum, der sich noch vor dreihundert Jahren in unsern Wäldern fand. Johann Georg I. (1611–1656) schoß während seiner Regierung fünfzehntausend­zweihundertachtundzwanzig Hirsche, neunundzwanzigtausend­einhundertsechsundzwanzig Wildschweine, zweihundertvier Bären, eintausend­fünfhundertdreiundvierzig Wölfe, zweihundert Luchse, elftausendachthundertelf Hasen, achtzehntausend­neunhundertsiebenundfünfzig Füchse und dreitausend­fünfhundertvierundzwanzig Wildkatzen. Wenn man auch versteht, daß mit der stärkeren Besiedlung und Kultivierung des Landes diese Fülle schwinden mußte, so kann doch der Naturfreund nur aufs tiefste die Verarmung beklagen, die unsrer heimischen Tierwelt dadurch widerfahren ist.

Abb. 4 Der Einsiedlerstein bei Dippoldiswalde

Auf der vorhin genannten Waldstraße, die infolge des durchlässigen Sandsteinuntergrundes auch nach den stärksten Regengüssen trocken ist, und deshalb den Stöckelschuh-Schleierstrumpftouristen aufs wärmste empfohlen werden kann, gelangen wir zum Einsiedlerstein. Es ist tatsächlich ein kleines Stück Sächsische Schweiz, das sich hier vor uns aufbaut. Alle die typischen Erscheinungen der Sandsteinklüftung, Verwitterung und Pflanzenwelt sind hier zu beobachten. Nur die jedem Teilnehmer an wissenschaftlichen Sächsische Schweiz-Exkursionen bekannte Hauptattraktion fehlt: wenigstens haben wir alle Wände vergebens abgeleckt und kein Alaun gefunden.

Abb. 5 Blick auf den Wilisch von Hermsdorfer Seite

Auf dem Weiterwege können wir feststellen, was für ein herrlicher Baum die sonst ihren benadelten Schwestern nachstehende Kiefer werden kann, wenn sie auf günstigem Boden steht. Die wundervollen Exemplare links von unserm Wege künden die Behausung des Pflegers dieses Waldgebiets, die Oberförsterei Wendischkarsdorf an. Sie liegt im flachen Wiesental des Ölsenbachs und hat als Nachbarin die schöne Wendischkarsdorfer Heidemühle, die sich in wundervoller Weise der Landschaft einpaßt. Seit die allgemein mit Freude begrüßte Badeepidemie unser Volk ergriffen hat, ist es in dieser Gegend etwas lebendiger geworden; denn zehn Minuten oberhalb der Heidemühle liegt ein schöner Teich. Der Oktoberfrost hat der Sommerlust ein Ende gemacht, und abgesehen von den Verbotstafeln, erinnert nichts mehr daran, daß sonst die Fülle des Volks die Ufer säumte. Um so ungestörter können wir das stimmungsvolle Herbstbild genießen. Dann verfolgen wir ein Bächlein, das sich in den Teich ergießt, von der Mündung, vor der ein großer Schuttkegel liegt, bis zur Quelle, die sich wieder da findet, wo Sandstein und Gneis aneinanderstoßen. Nun schlagen wir uns durch nach der verlängerten »Prager Straße«, haben das seltene Glück, von keinem Automobil gerädert zu werden und gewinnen durch das Zscheckwitzer Holz den Zugang zur Quohrener Kipse. Wir begnügen uns heute mit einem Besuch der in ihren Südhang eingelassenen Grube, die uns ausgezeichnet erkennen läßt, woraus sich dieser markante Höhenzug zusammensetzt. Es ist »Gneisgeröll« aus dem unmittelbar anstoßenden Erzgebirge. Viele dieser Ablagerungen zeigen eine feine Fältelung und andere Stauchungserscheinungen, wie sie bei den Gneisen des Weißeritztales gewöhnlich sind, ein Beweis dafür, daß schon zur Zeit des Rotliegenden bedeutende Faltungen im Erzgebirge vollzogen waren und die Gneise schon denselben petrographischen Charakter besaßen wie heute[1]. Die Straße nach dem Wilisch führt immer an der Grenze von Gneis und Rotliegendem hin. Deshalb haben wir hier wieder einen Quellhorizont, wie die zahlreichen Brunnen bei Hermsdorf beweisen. Name und Form des Dorfes zeigen uns, daß wir es hier mit einer deutschen Siedlung zu tun haben, und wir auch in dieser Beziehung an der Schwelle des Erzgebirges, das in wundervoller Klarheit immer vor uns liegt, stehen. Alle Dörfer nördlich der Hermsdorfer Höhen und auch das an der Paßstraße liegende Wendischkarsdorf haben zum mindesten einen slawischen Kern.

Abb. 6 Die »Malermühle« bei Goppeln

Die schmucke Wilischbaude verführt uns, trotz des herrlichen Nachmittags unsre Mittag-Vesperpause im Innern dieses gemütlichen Berggasthauses zu verbringen. Selbst die sonst prinzipienfeste Jugend, der ich ein paar herrliche Lagerplätze in der Nähe des Hauses wärmstens empfohlen hatte, beging einen Sündenfall und frönte dem Kaffeegenuß und anderen Lastern (Ansichtskarten!). Nachdem zum Nachtisch noch die unvermeidlichen Volkstänze im Steinbruch getanzt worden waren, konnten wir den wissenschaftlichen Problemen des Berges zu Leibe rücken. Der Wilisch besteht wie so viele andere bemerkenswerte Gipfel der weiteren Dresdner Umgebung (Winterberg, Stolpener Schloßberg, Landberg, Ascherhübel, Luchberg, Geising, Sattelberg) aus Basalt. Dieses Eruptivgestein ist in der Braunkohlenzeit durch die Ablagerungen des Rotliegenden und der Kreide durchgebrochen. Wie man aus der Richtung der Säulen feststellen kann, befinden wir uns auf dem Wilisch im Schlot des einstigen Vulkans. Die Grenzfläche zwischen Basalt und den Gneiskonglomeraten des Rotliegenden ist am Eingang zum Steinbruch ausgezeichnet zu sehen. Die Aussicht vom Gipfel, den seit vorigem Jahr statt der alten Landesvermessungssäule ein Kriegsgedenkstein krönt, wird durch den Baumbestand etwas beeinträchtigt. Ich bitte, die schönen Buchen aber trotzdem stehenzulassen, zumal der Charakter des Berges schon durch Kahlschläge in unmittelbarer Nähe des Gipfels aufs empfindlichste geschädigt worden ist. Ich habe damals, als ich mit wachsendem Grimm von meinem Fenster aus die Verschandelung des geliebten Berges bemerkte, sofort den Heimatschutz alarmiert, aber er konnte leider auch nichts mehr ausrichten.

In reichlich zwei Stunden gelangt man vom Wilisch über Kreischa, Kautzsch, Bärenklause, Gaustritz, Goppeln nach Dresden. Wenn man die Babisnauer Pappel (Gewissensfrage: Wieviele Dresdner sind noch nicht dort gewesen?), vor der ein neues Aussichtsgerüst steht, noch mitnimmt und über Golberode mit seinen schönen Gütern nach Goppeln wandert, dauerts eine halbe Stunde länger. Jedenfalls liegt dieses herrliche Wandergebiet so nahe vor den Toren der Stadt, daß jeder, der noch nicht von der Schwelle des Erzgebirges ins weite Land geschaut hat, es recht bald einmal tun sollte. Und wenn uns der Winter wieder eine Schneedecke beschert, wie wir sie letztes Jahr hatten, dann säume keiner, dem vor den letzten Markstürzen ein freundliches Geschick noch ein paar Brettel bescherte, statt der nur mit Lebensgefahr (Umsteigen in Hainsberg!) zu erreichenden Kipsdorfer und Geisinger Gefilde die Höhen zwischen Malter und Wilisch, Kipse und Schmiedeberg aufzusuchen. Wie oft ist nicht der Blick ins gelobte Land schöner als das gelobte Land selbst!