Kurt Arnold Findeisen

Von Otto Eduard Schmidt

Am nächsten 15. Oktober vollenden sich vierzig Jahre, seit Kurt Arnold Findeisen im sächsischen Zwickau geboren wurde. So liegt die Jugendzeit hinter ihm, das männliche Alter beginnt und damit ist der rechte Zeitpunkt gegeben, einen Rückblick auf das Schaffen des Dichters anzustellen und – soweit es ein Menschenauge vermag – einen Ausblick auf seine Zukunft zu wagen. Aus einer Familie stammend, die Juristen, Schulleute, Forstbeamte hervorgebracht hat, trat er als Sohn eines Kohlenschachtbuchhalters ins Leben, seine Mutter war eine ehemalige Kleinkinderlehrerin. An ihr hing der Knabe mit zärtlicher Liebe; ihr Bild taucht wie ein sorgsam gehütetes Kleinod in Findeisens Gedichten immer wieder auf. Seine Schulbildung erhielt er in Dresden, Zwickau und Schneeberg. Er wurde Lehrer in Mylau, dann in Plauen im Vogtlande. Durch Teilnahme an Ferienkursen der Universität Jena erweiterte und vertiefte er sein Wissen und seine Weltauffassung. Findeisen selbst sagt, daß er erst nach seinen Bildungsjahren zu seiner eigentlichen Bestimmung erwachte. Das mag wohl sein, aber jedenfalls ist schon lange, bevor er die ersten Früchte seiner Muse pflückte, tüchtig an ihm gearbeitet worden und noch mehr wohl hat es in ihm gearbeitet. Oder wer hat wohl das sinnige Wesen, das ihm von Kind auf eigen war, die tiefgewurzelte Hinneigung zur Natur und vor allem den stärksten Antrieb seines ganzen Schaffens, die Sehnsucht, in ihn gepflanzt, wenn nicht die frühverklärte Mutter? Sehnsucht nach etwas anderem, als dem gemeinen Alltag trug er schon als Knabe im Herzen, wenn er am »roten Brückenberg« in Zwickau »im Zittergras stundenlang« träumte, mit der Sehnsucht in der Seele durchwanderte er in Plauen seine Umwelt und verliebte sich in die wenigen stillen Gründe und Gartenwinkel, die der Industrialismus dort übriggelassen hatte, die Sehnsucht begleitete ihn hinaus auf die vogtländischen Wiesen und erlenumsäumten Bachtäler, über denen noch der Nachhall der Heimatlieder Julius Mosens schwebte, die Sehnsucht führte ihn früh zu der Hinterlassenschaft seines Landsmannes Robert Schumann und zu Wilhelm Raabe, mit dem er noch eine persönliche Beziehung knüpfen durfte. Und zu der Sehnsucht kam die Parzivalstimmung »durch Mitleid wissend«, die Heimat und Welt umspannende Menschenliebe, der zweite Brennpunkt seines Wesens. Das reiche Innenleben drängte nach außen: er fand eine doppelte künstlerische Ausdrucksmöglichkeit für alles, was in ihm lebte, die dichterische und die musikalische. Die dichterische betätigte er zuerst in weichen Klängen inniger Heimatliebe, in Liedern und Balladen, die er in Zeitschriften veröffentlichte. Er selbst gab seit 1912 mit Paul Miller und Emil Rösler die Monatsschrift »Das Vogtland und seine Nachbargebiete« heraus, die von Anbeginn an durch die auf den Grundsätzen der Romantik beruhende innere Verknüpfung der Künste hoch über den meisten Unternehmungen dieser Art stand. Dann riß ihn der Weltkrieg als Krankenpfleger mitten hinein in die äußere und innere Not unseres schwer ringenden Volkes. Mitten im Brausen des Kriegssturmes entstand seine erste Gedichtsammlung »Mutterland« in den zwei Unterabteilungen »Vogtland« und »Erzgebirge«, die Findeisen später (1922) bei Oskar Laube in erweiterter Gestalt unter dem Titel »Sachsen, zwei Bücher Landschaftsgedichte und Balladen« (1. Mutterland, 2. Ahnenland) herausgab. Niemand kann Findeisen verstehen, der nicht in diesen von inniger Heimatliebe getragenen, aber zugleich auch die tiefsten und letzten Fragen des menschlichen Lebens berührenden und lösenden Dichtungen gründlich zu Hause ist. Ich gestehe, daß ich in diesen Gedichten seiner ersten Periode das Schönste finde, was Findeisen in Vers und Reim geleistet hat, und ich möchte wünschen, daß er sich nie von dieser ihm ureigenen Art zu künstlicheren, vielleicht auch einmal verkünstelten Gedichten, wie sie sich neben vielem urkräftig Schönen hie und da unter seinen späteren Gedichten finden (»Aus der Armutei«, E. Focke, Chemnitz 1919), entfernen möge. Im »Vogtlandslied« und im »Erzgebirgslied« klingen so herzbewegende Töne, wie sie seit Julius Mosen kein Obersachse mehr anzuschlagen verstand, aber weit größer und eindrucksvoller als bei dem älteren Dichter ist bei Findeisen der musikalische Wohllaut der Sprache:

O ihr Berge meiner Väter,

Träumerisch und tannengrün,

Dran die braunen Hütten kleben

Und die Abendlichter blühn!

O ihr Hänge meiner Heimat!

Tief in Holz und Heidekraut

Hat bei euch sich meine Seele

Ach, ein kleines Nest gebaut.

Für die Krone der älteren Dichtungen Findeisens halte ich die von ihm ganz frei aus der innerlichsten Anschauung des großen Altars der Schneeberger Wolfgangskirche und aus dem Erleben der Schneeberger Weihnachtswoche und der Christmetten ersonnene und gestaltete Ballade »Der kleine Melchior und das Weihnachtskind«. Aus der gesamten deutschen poetischen Literatur über das Weihnachtsfest weiß ich dieser geradezu klassischen Verherrlichung des Christnachtszaubers wegen der »Fülle der Gesichte« und der brunnengleich quellenden Sprache nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen. Der dem Dichter wesensverwandte Maler Alfred Hofmann-Stollberg, hat die Anschaulichkeit der Gedichte Findeisens durch wundersam beseelte Zeichnungen noch erhöht.

Um dieselbe Zeit erschien auch die erste Geschichtensammlung Findeisens unter dem Titel »Heimwege« (Konstanz 1918, Verlag von Reuß & Itta), vier Perlen einer schlichten, aber tief ergreifenden Erzählungskunst. Am erschütterndsten sind wohl »Der Schulmeister von Dröda«, jene »sonnenlose Geschichte«, die er dem ehemaligen Lehrer von Papstleithen, seinem Schwiegervater, künstlerisch gestaltend nacherzählte, und »Der Wunderbaum«, das in samtweicher Sprache dahintönende, schmerzensreiche »Hohelied« vom vogtländischen Heimweh, durch das er die Heimwehstimmungen seines stärksten Vorgängers auf diesem Gebiete, Julius Mosens, weit übertraf. Sie sind, um vier kleinere Erzählungen vermehrt, in einer zweiten Auflage unter dem Titel »Der Tod und das Tödlein« 1921 in Dresden erschienen.

Unterdessen hatte der Dichter, seit 1913 mit Wanda Hildegard Gebauer verheiratet und Vater eines 1915 geborenen Sohnes, Plauen, die rührige Hauptstadt des Vogtlandes, mit der sächsischen Landeshauptstadt Dresden vertauscht. Hier spricht die Kunst im weitesten Sinne des Wortes und eine lange, spuren- und werkreiche Geschichte des geistigen und künstlerischen Lebens der Obersachsen noch weit eindringlicher zu seiner empfänglichen Seele, hier hat er unter dem Einflusse der unabsehbaren Folgen des Weltkrieges und der Staatsumwälzung neue Gärungen durchgemacht, die seine Wesensbildung rasch steigerten und hoffentlich ohne Schädigung seiner natürlichen Eigenart vollenden werden. Die wichtigste Frucht dieser inneren Kämpfe und Wandlungen ist die immer stärkere Hinneigung zu der Dichtungsart, durch die gegenwärtig die kräftigste Einwirkung auf die Stimmung und Gesinnung des Volkes erzielt wird: zum Roman. Sehr bezeichnend für Findeisen ist die Wahl der Stoffe. Für ihn gab es kein Schweifen in die Ferne, sondern, wie er mit allen Fasern seines Wesens in Volk und Heimat verankert ist, packten ihn mit zwingender Notwendigkeit fast gleichzeitig zwei obersächsische Stoffe von sehr verschiedener Art und noch verschiedenerem Ausmaß: Robert Schumann und – Karl Stülpner. Dem Schumann-Roman gingen zwei Bücher voraus, die die besondere Befähigung des Verfassers für die Auslegung musikalischer Werte und musikgeschichtlicher Verhältnisse an den Tag legten: die bei Dürr in Leipzig verlegten »Klaviergeschichten, Einführungen in ein volkstümliches Verständnis der Musik« und die schon in zweiter Auflage gedruckten »Robert Schumanns Kinderszenen auf heimatlichen Grund gelegt«. Von dem Schumann-Roman, der den Titel trägt »Der Davidsbündler« ist Weihnachten 1921 der erste Teil »Herzen und Masken« erschienen, der die Entwicklung Robert Schumanns in Leipzig, das Leipziger Musikleben jener Zeit und Schumanns dornenvolles Liebeswerben um Klara Wieck bis zur endlichen Vereinigung mit der Geliebten schildert. Vieles ist in dem Roman aus den Kompositionen und dem Briefwechsel der beteiligten Personen und aus dem eindringendsten Studium der Orts- und Zeitverhältnisse mit feinem Nachempfinden und sicherem Sicheinfühlen gestaltet, anderes, was der Dichter zur Ergänzung der trümmerhaften Überlieferung brauchte, ist mit genialem Seherblick und kraftvoller Phantasie frei erfunden. Man wird aber mit einem Urteil über das Ganze billigerweise zurückhalten müssen, bis der Dichter auch den zweiten Teil »Den Weg in den Aschermittwoch«, den Niedergang und das Erlöschen des leuchtenden Gestirns, das ihm Robert Schumann bedeutet, dargestellt haben wird. Der Stülpner-Roman erschien zuerst in einzelnen Stücken in der »Sächsischen Heimat«, der von Findeisen herausgegebenen »Zeitschrift für volkstümliche Kunst und Wissenschaft in den obersächsischen Landen«, dann aber, durch einige wichtige Kapitel abgerundet, in Buchform bei Grethlein & Co., Leipzig und Zürich, zu Weihnachten 1922 unter dem Titel »Der Sohn der Wälder«. Die Geschichte vom Raubschützen Karl Stülpner, dessen Bild noch heute in mancher Holzhütte des oberen Gebirges hängt, von dem ein selten gewordenes Buch mit bunten Kupfern erzählt, das ich in meiner Knabenzeit voll Begeisterung las, der noch immer als das beste Kassenstück des sächsischen Puppentheaters gilt, ist der kräftigste und ergiebigste Stoff, den die erzgebirgische Vergangenheit für den kommenden Dichter aufbewahrt hat, und Findeisen, in dem die erzgebirgische Heimat lebt und atmet, der am liebsten selbst in den Tiefen des Waldes die Schwere und die Unrast der Zeit vergessen möchte, war der rechte Mann, diesen köstlichen Schatz zu heben und künstlerisch zu verklären. In Findeisens Stülpnerbuch waltet ein dem Geist der Romantiker verwandter mystischer Naturalismus, wie wenn Goethe in der Szene »Wald und Höhle« den Faust zum Erdgeist sagen läßt:

Du führst die Reihe der Lebendigen

Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder

Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Sein Stülpner lebt mit Wald und Fels, mit Tier und Blume in innigster Gemeinschaft, er erscheint selbst als eine Art Erzeugnis der Waldesnatur und sinkt zuletzt in geheimnisvoller Weise in das Reich zurück, aus dem er gekommen ist. Man genießt diesen Roman im ersten Lesesturm wie einen erfrischenden Hauch aus der Zeit unseres Gebirges, in der es noch in unverfälschter Ursprünglichkeit zum Menschen redete. Erst beim zweiten und dritten Durchlesen wird man sich der feinen Kunst bewußt, mit der der Dichter diese Wirkung erzielt. Wie der Tau eines Frühlingsmorgens liegt Reinheit und Keuschheit über dem Ganzen. Die Frauenliebe tritt gegen die Mutterliebe zurück, und wo sie einmal im Vordergrund steht, da spart der Dichter die sinnlichen Ausmalungen. Dagegen ist der gebirgischen Derbheit reichlich Raum gegeben, namentlich in der wohlgelungenen Zeichnung des Amtsfrons Wohllebe und der Genossen Stülpners, der Wildschützen Dotzinger und Hertzog. Ich stehe nicht an, Findeisens Stülpner-Roman als die echteste und volkstümlichste Schöpfung zu bezeichnen, die die Dichtung des Erzgebirges bis jetzt hervorgebracht hat. Damit ist nun auch der Platz besetzt, den wir mit Bedauern so lange leer gesehen haben. Findeisen hat, wie schon früher in seiner Lyrik und seiner Ballade, so nunmehr auch im Roman die Bedeutung erlangt, daß wir in ihm einen der führenden Dichter des obersächsischen Stammes erkennen dürfen. Möge es dem Dichter, dessen wir uns als eines teuern Kleinods erfreuen wollen, vergönnt sein, von Stufe zu Stufe in seiner naturgemäßen Entwicklung fortzuschreiten und das Ehrenkränzlein obersächsischer Dichtung mit neuen, immer schöneren Blüten zu schmücken.