Die Grabentour

Von A. Klengel

Mit Aufnahmen von Alfred Hermann Nitsche, Dresden und Karl Reymann, Freiberg

»Wir machen die Grabentour!« oder »Wir wandern die Grabentour entlang!« – Das sind in wanderfrohen Kreisen Mittelsachsens oft gehörte Worte. Man wählt dies Reiseziel zur Pfingstzeit, wenn Birke und Buche mit erstem frischen Grün sich schmücken, oder im Herbst, wenn verschwenderische Farbenpracht über die Wälder ausgegossen ist und die Kastanienbäume stolze goldene Kronen tragen; wohl auch im Winter, wenn weicher Schnee auf dem Walde lastet und jede Fichte in einen glitzernden Weihnachtsbaum verzaubert, wenn die Wasser unter dem Eispanzer murmeln und die Meisen leise klingelnd den Wald durchstreifen.

Die Worte des Reiseplanes lassen erkennen, daß man unter der Grabentour sowohl die eigentliche Wanderung, als auch das Stück Heimatland selbst versteht, das es dabei zu durchwandern gilt. Die Landkarten verzeichnen als »Grabentour« nur den Oberreinsberg mit Krummenhennersdorf verbindenden Weg, der den Graben entlang am Hange des Bobritzschtales hinführt. Der wanderfrohe Naturfreund hat den Begriff im Laufe der Jahrzehnte erweitert, ohne ihn jedoch in eine feste Grenze zu zwängen. Im Norden rechnet man wohl das ganze Bobritzschtal bis zur Mündung des Flusses in die Mulde beim Zollhaus Bieberstein dazu und im Süden das Gebiet bis in den Bereich der Halsbrücker Esse. Und in der Tat! Eine schönere Einleitung zur eigentlichen Grabentour läßt sich kaum denken als die Wanderung durch das landschaftlich bevorzugte untere Bobritzschtal und einen würdigen Ausklang findet die Fahrt in dem reiche geschichtliche Erinnerungen bergenden Landstrich, dem der Silberbergbau das Gepräge verleiht, von dessen Höhen unser Blick hinüberschweift zu den Türmen des silberschweren Freiberg. Verdankt doch auch der Graben dem Freiberger Bergbau sein Dasein.

Warum ich die Grabentour im Norden, also geographisch betrachtet, an ihrem Ende beginnen will? – Einmal, weil ich sie stets in dieser Weise unternahm, so oft mich auch der Weg seit über zwei Jahrzehnten dorthin führte und Tausende es in gleicher Weise tun. Zum andern, weil ich meinen Wanderungen stets einen Besuch der Ruinen des Klosters Altenzella vorausgehen ließ. An dieser denkwürdigen Kulturstätte mit ihrer fast tausendjährigen Geschichte habe ich mich immer mit der rechten Stimmung zur Wanderfahrt ausgerüstet. Das Land, das es zu durchwandern gilt, ist entweder uralter ehemaliger Klosterbesitz oder trägt doch wenigstens reiche Erinnerungen an die Zeit, da das mächtige Kloster Altenzella noch in Blüte stand. Und wer sich weiter hinein vertieft in die ältere Geschichte des zu durchwandernden Gebiets – nur flüchtige Andeutungen können hier gemacht werden – wird immer wieder auf den Namen Altenzella stoßen.

Abb. 1 Eingang zur Grabentour bei Krummenhennersdorf

Beim Zollhaus Bieberstein an der Bobritzschmündung soll die Wanderung beginnen! Kulturgeschichtlich denkwürdiger Boden ist es, den wir betreten. Die alte Heerstraße Freiberg–Meißen führt vorüber und die Herrschaft des Rittergutes Bieberstein erhob einst hier einen Brückenzoll. Reger Fuhrverkehr bevölkerte in alten Tagen die wichtige Straße und aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird von wilden Kriegsvölkern berichtet, die hier vorüberzogen. Es ist anders geworden im Lande, längst hat die Eisenbahn den Verkehr an sich gezogen, die Straße, die über die Alt-Väterbrücke bei Freiberg führt, ist vereinsamt, unbekannt geworden und zum Teil verfallen. Hochauf steigt die Landzunge, die Mulde und Bobritzsch umschließen. Von bewaldeter Höhe herab grüßt das Schloß Bieberstein, ein wuchtiger Bau mit hohem Ziegeldach, arm an baukünstlerischem Schmuck. Um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts ist das Schloß entstanden auf und neben der in den Stürmen des Dreißigjährigen Krieges unwohnlich gewordenen alten Doppelburg Bieberstein. Die schwere Not der Zeit, die damals auf dem Lande lastete, mag auf schlichte, ja nüchterne Bauweise gedrungen haben. Unbewußt erfüllte der alte Baumeister dadurch eine Forderung des Heimatschutzes: Hier wo die schlichten Naturschönheiten eines anmutigen, stillen Tales sprechen, ist kein Raum für einen Prunkbau, für ein Bauwerk, dessen wechselnde Linien ein schönes Heimatbild zerstören, Naturschönheiten erdrücken würden. So ist jeder Mißklang ferngeblieben und mit Wohlgefallen ruht das Auge des Heimatfreundes auf dem Schloß Bieberstein, das verwachsen scheint mit den ehrwürdigen Baumriesen des Schloßparks, der Berghöhe und Talhang in seinen grünen Mantel hüllt.

Abb. 2 Mundloch einer Grabenrösche

Fast so alt wie die Geschichte des Landes ist die Geschichte der alten Burg Bieberstein, von der freilich nur Reste der Feinde Wut und dem Zahn der Zeit standgehalten haben. Von Moos und Efeu umgrünte Turmgebäude mit tiefen, gewölbten, schaurigen Gängen, durch die die Sage raunt, erzählen von dem mächtigen Geschlecht der Herren von biuverstein, dem die Burg im zwölften Jahrhundert den Namen gab. Sie berichten auch von späteren Besitzern, den fehdelustigen Herren von Marschalk, die ihren Geschlechtsnamen nach der Burg in Marschall von Bieberstein ergänzten und mit dem Kloster Altenzella blutige Fehden um die Gerichtsbarkeit führten. Nach Teilung der Herrschaft und mehrfachem Besitzwechsel kam Bieberstein im Jahre 1630 an die Herren von Schönberg auf Reinsberg und bildete nunmehr einen Teil des sogenannten Schönberger Ländchens. Gotthelf Friedrich von Schönberg erbaute das jetzige Schloß an die Stelle der alten oberen Burg. Im Jahre 1807 ging der Besitz durch Heirat an die Familie von Schröter über. Das Schloß birgt reiche Kunstschätze und mannigfache Erinnerungen aus alter Zeit. Als wertvollste Kleinodien erscheinen mir jedoch die herrlichen Ausblicke vom Altan und aus den Schloßgemächern hinab ins Bobritzschtal und hinaus in die Gefilde der Heimat.

Abb. 3 Grabentour (Waldwiese an der Bobritzsch)

Eine prächtige Lindenallee führt vom Schloß Bieberstein hinab ins Tal der Bobritzsch. Gleichen Ursprung haben die Namen Bieberstein und Bobritzsch; sie erinnern an den Biber, den heute leider fast ausgestorbenen Nager, der einst am Flusse seine Burgen baute. In großer Zahl mag er hier vorgekommen sein, man würde sonst kaum den Fluß und die Burg nach ihm benannt haben. Spärlich nur fließen freilich die Quellen, die von seinem Dasein in alter Zeit berichten, wahrscheinlich hatte starke Nachstellung ihn schon frühzeitig zu einem seltenen Naturdenkmal gemacht.

Nur eine kurze Strecke, an der Mühle mit dem Schönbergschen Wappen vorüber, führt der Weg talaufwärts und schon lädt eine Allee aus Linden und Ahorn zum Besuch des Schlosses und des einstigen »Städtleins« Reinsberg ein. Trotzig schaut das teilweise in den Felsen gesprengte alte Schloß, dessen Burgcharakter trefflich gewahrt ist, hinaus in das Land. Im Dunkel des Mittelalters liegt seine Gründungszeit, werden doch schon im Jahre 1197 Herren von Reyensberg in Altenzellaer Urkunden als Schiedsrichter und in andern hochangesehenen Ämtern genannt. Im Jahre 1377 ging der Besitz an die Herren von Schönberg über, die ihn heute noch ihr eigen nennen. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts erfolgte eine Teilung der Herrschaft innerhalb der Familie in Ober- und Niederreinsberg. Die beiden Besitzer bewohnten bis 1816 die Burg gemeinsam, doch räumlich getrennt und durch besondere Brücken über den Burggraben mit der Außenwelt verbunden.

Abb. 4 Grabentour (an der Bobritzsch)

Reinsberg hat eine reiche Geschichte. Im Jahre 1632 wurde die Burg von den Österreichern mit stürmender Hand genommen, wobei fünf Söhne des Besitzers den Heldentod fanden und der Besitzer, Lorenz von Schönberg, selbst in der Nähe der Bobritzsch, wie heute noch ein Denkstein kündet, einer feindlichen Kugel zum Opfer fiel. Den bunten Wechsel der Zeiten trotzten die bis fünf Stock hohen Gebäude, die altertümlichen Türme und Erker, der Rittersaal mit der Ahnengalerie. Trefflich erhalten sind auch das efeuumsponnene, wappengeschmückte Burgtor und der tiefe Burggraben. Nesselgestrüpp und bunte Blumen bedecken heute den Grabengrund; Bienengesumme klingt herauf. Nur der Kuckucksruf aus dem nahen Wald unterbricht das große ernste Schweigen, das über dem wohlerhaltenen Zeugen einer andern Zeit ausgebreitet ist; Reinsbergs Bedeutung liegt Jahrhunderte zurück im Schoße der Vergangenheit.

Der Vergessenheit gehört auch die einstige Bedeutung der Reinsberger Kirche als Wallfahrtsziel an. Die Kalandbrüderschaft unterhielt hier in alter Zeit einen Altar als Gnadenort, an dem frommen Wallfahrern reicher Ablaß gewährt wurde. Gewaltig war der Zuzug, bis die Reformation mit den Wallfahrten aufräumte. Unbewußt hält jedoch die Volksseele noch heute an der alten Wallfahrtsfeier fest; das weitbekannte und stets stark besuchte »Reinsberger Vogelschießen« ist daraus entstanden.

Der Reinsberger Friedhof mit der Gruft der Herren von Schönberg, mit zahlreichen wohlerhaltenen, in vergangene Jahrhunderte zurückreichenden Grabmälern und Eisenkreuzen bietet reiche Anregung zu sinnigen Betrachtungen und ernster Forscherarbeit.

In der Mitte des Dorfes, dicht am Bahnhofe, steht ein Schachtgebäude! Des Haldenglöckleins heller Klang schallt vom Türmchen. Ein Stollen läßt Wasser auf ein Radwerk fließen. Wir stehen am vierten Lichtloche des Rothschönberger Stollens und zugleich am Ausflusse, also am Ende des Grabens, der der Grabentour den Namen gab. Wie ich aus Erfahrung weiß, kennen die meisten Grabentourwanderer den Zusammenhang zwischen Rothschönberger Stollen und Graben nicht, meist wird beides miteinander verwechselt. Auch Wanderbücher und Reisebeschreibungen lassen uns meist im Unklaren, obwohl die Erbauung des Stollens und die Anlegung des Grabens erst vor wenigen Jahrzehnten erfolgten. Der Heimatfreund wird es deshalb gewiß begrüßen, wenn er an dieser Stelle Ausführlicheres darüber erfährt.

Mit dem in den Jahren 1844 bis 1877 erbauten Rothschönberger Erbstollen wurde ein gewaltiges Kulturwerk geschaffen, dessen Nutzen freilich hinter den Erwartungen zurückblieb, die man beim Baubeginn gehabt hatte. Obwohl mit der Einstellung des Freiberger Bergwerks der Stollen so gut wie bedeutungslos geworden ist, bleibt er doch für alle Zeiten ein gewaltiges Kulturdenkmal, dem so leicht nichts Ähnliches zur Seite gestellt werden kann. Daß sich die Anlage des Stollens nicht lohnte, ist ja auch durchaus nicht die Folge falscher Berechnung oder eines andern technischen Fehlers; lediglich die unter dem Drucke damaliger Edelmetallentwertung notwendig gewordene Einstellung des Freiberger Silberbergbaues nahm dem Rothschönberger Stollen seine Bedeutung, ehe sie recht zur Geltung gekommen war. Als man ans Werk ging, stand das Wertverhältnis von Gold zu Silber wie 1 : 15. Schon vor der Vollendung begann unter dem Einflusse der gewaltigen Silbergewinnung Nordamerikas der Preissturz des Silbers, der das Wertverhältnis um die Wende des Jahrhunderts auf 1 : 40 herabdrückte. Unter so veränderten Umständen vermochte auch die kunstvollste Technik und die umsichtigste Sparsamkeit aller Bergbau- und Verhüttungsverfahren die Freiberger Silbergewinnung nicht mehr lohnend zu gestalten. Sie starb dahin. Die unterirdische Leitung der durch den Stollen bemeisterten Gruben- und Aufschlagwässer ist eins der Denkmäler, das den Freiberger Bergbau überlebt.

Was führte nun zur Anlegung des Rothschönberger Stollens? – Nach jahrhundertelanger Ausbeute der Freiberger Silbergruben war das erzhaltige Gebirge in seinen oberen Schichten in der Hauptsache abgebaut; es galt tiefer zu gehen. Diesem Vorhaben bereitete aber das Grundwasser, der Hauptfeind des Bergbaues, immer größere Hindernisse, je weiter man in das Berginnere eindrang. Die Bewältigung der Grubengewässer war in der Hauptsache auf von Wasserkräften betriebene maschinelle Anlagen angewiesen, die aber zur Wasserhebung aus immer bedeutender werdenden Tiefen nicht mehr ausreichten. Die Anwendung der Dampfkraft erschien zu kostspielig. Infolge dieser Hindernisse waren bereits verschiedene wichtige Grubenbetriebe zum Erliegen gekommen und anderen drohte ein langsames Dahinsiechen.

Abb. 5 Schloß und Kirche Reinsberg

Den einzigen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten sah man in der Anlegung eines tiefen Revierstollens, durch den das Wasser ohne Hebung aus den tiefsten Stellen des Bergreviers nach einem Fluß in der Umgebung abgeführt werden konnte. Durch eine solche Anlage konnte zugleich das Aufschlagwasser für die in tieferen Stellen der Gruben erbauten Kraftanlagen mit beseitigt werden. Die Erbauung derartiger Wasserabführungsstollen war nicht neu. Wie andre Grubenreviere, so besaß auch Freiberg bereits eine größere Anzahl, doch reichten sie wegen ihrer geringen Tiefe zur Wasserbewältigung nicht aus.

Im Jahre 1838 trat nun Oberberghauptmann von Herder mit einem ebenso gewaltigen wie genialen Plan an die Öffentlichkeit. Er schlug den sogenannten »Meißner Stollen« vor, der das Wasser durch einen dreiundzwanzig Kilometer langen und ungefähr hundertdreiundachtzig Meter unter dem tiefsten Freiberger Bergwerk zu liegen kommenden Abfluß nach der Elbe bei Meißen leiten sollte. Der Plan ist zwar unausgeführt geblieben, doch fußte auf ihm das Projekt des später vom Bergmeister von Weißenbach entworfenen Rothschönberger Stollens, der 1844 begonnen und 1877 vollendet wurde. Der Hauptstollen mündet bei Rothschönberg in das Triebischtal und wurde in dreizehntausendneunhundert Meter Länge bis an den Halsbrücker Spatgang, vierundneunzig Meter unter den tiefsten dortigen Stollen, den Anna-Stollen, geführt. Nach Anschluß aller Flügelstollen erhielt das gewaltige unterirdische Wasserwerk später eine Gesamtlänge von einundachtzigtausend Metern. Der Hauptstollen wurde von acht Lichtlöchern aus erbaut, die je nach der Höhenlage des durchbrochenen Gebirges eine Tiefe von dreiundfünfzig bis hundertfünfundfünfzig Metern besitzen. Zwischen dem Mundloch bei Rothschönberg und dem siebenten Lichtloch bei Halsbrücke hat der Stollen bei drei Meter Höhe eine Breite von zwei Meter fünfzig Zentimeter und weiter aufwärts bei gleicher Höhe eine Breite von einem Meter fünfzig Zentimeter. Letzteres Maß haben auch die Stollenhauptflügel im Innern des Freiberger Reviers. Der gewaltige Stollen kann demnach bequem mit einem Kahne durchfahren werden. Wir stehen hier in Reinsberg am vierten Lichtloch, unter dem in vierundachtzig Meter Tiefe der Rothschönberger Stollen die Freiberger Grubenwässer zur Triebisch führt, die sie wieder bei Meißen in die Elbe leitet.

Die Kosten des Stollens in Höhe von siebenmillionen­hundertsechsundachtzigtausend­sechshundertsiebenundneunzig Mark dreiundvierzig Pfennige überschritten den Anschlag um neunundsiebzig Prozent, was bei der Länge der Bauzeit und bei den mannigfachen und großen Schwierigkeiten, die sich der Vollendung entgegenstellten, durchaus nicht verwunderlich ist. Die Geschichte des Stollenbaues bietet ein Bild deutscher Gründlichkeit, zähester Ausdauer und hoher technischer Leistungsfähigkeit. Wer je an Deutschlands Schaffenskraft zweifeln wollte, dem sei ein Studium der Baugeschichte des Rothschönberger Stollens empfohlen; er wird sicher eines besseren belehrt werden.

Aus der Bauzeit des Rothschönberger Stollens stammt auch der Graben, die Wasserkunst, welche der Grabentour den Namen gegeben hat. An den einzelnen Lichtlöchern wurden die Förderarbeiten durch Dampfkunstgezeuge und Dampfgöpel ausgeführt. Nur am vierten Lichtloch in Reinsberg nahm man ein Radkunstgezeug und einen Kehrradgöpel und am fünften Lichtloch im Bobritzschtale zwei vertikale (Schwamkrug’sche) Turbinen zum Betriebe der Wasserhebungs-, Wetter- und Fördermaschinen zu Hilfe. Das nötige Aufschlagwasser wurde unterhalb Krummenhennersdorf aus der Bobritzsch entnommen und den Betriebsstellen durch eine dreitausend­fünfhundertsiebenundfünfzig Meter lange Leitung, den Graben an der Grabentour, zugeführt. Die Wasserführung ist auf eintausend­sechshundertzweiundfünfzig Meter als offener Graben und auf eintausendneunhundertundfünf Meter als unterirdische Rösche angelegt. Mit dem eigentlichen Rothschönberger Stollen hat also der Graben heute nichts mehr zu tun, wiewohl dies vielfach angenommen wird. Er war lediglich ein Hilfsmittel bei seiner Erbauung und ist heute ein Denkmal großzügigen Bergbauunternehmens.

Abb. 6 Schloß Reinsberg

Das Dorf Reinsberg verlassend, führt uns der Weg an der alten kursächsischen Postmeilensäule vorüber dem Walde und der Grabentour im engeren Sinne zu. Aus Inschriften ist zu ersehen, daß wir uns auf Oberreinsberger Forstrevier befinden und daß der Graben der Betriebsdirektion der staatlichen Grube Himmelfahrt zu Freiberg untersteht.

Wir kennen mancherlei ausgedehnte Wasserkunstanlagen, Floßgräben usw. im lieben Sachsenlande. Jede Anlage hat ihre Eigentümlichkeiten, ihre besonderen Reize für den Wandrer, der an ihrem Ufer streift. Unser Graben ist dadurch merkwürdig und besonders anziehend, daß er nur zum Teil im offenen Bett dahinfließt. Fünfmal wird das Wasser vom Felsen verschlungen und durch Tunnel geleitet. Dazu kommt seine herrliche Waldumgebung und die malerische Lage hoch am Hange des Bobritzschtals. Der Weg am Graben hin bietet dem Wandrer Bilder einzigartiger Naturschönheit; anmutige friedliche Waldblicke wechseln ab mit Bildern voll wildromantischer Wucht. Unberührte Natur und Menschenwerk einen sich harmonisch.

Bald nach dem Eintritt in den Wald kommen wir an die erste offene Grabenstelle. Etwa dreihundert Meter weit plätschert das klare Wasser, um im ersten Tunnel zu verschwinden und durch den Berg dem Reinsberger Lichtloch zuzufließen. Ein schroffer Felsvorsprung schiebt sich nun ins Tal, vom zweiten Grabentunnel durchzogen. Wohl dreißig Meter tief im Grunde braust die Bobritzsch hin, von gewaltigen Fichten beschattet. Ein neues schöneres Bild tut sich hinter dem Felsen auf; wir kommen wieder an den offenen Graben. Ein Felsriegel ist durchschnitten für das Grabenbett. So geht es weiter im bunten Wechsel. Über eine alte Berghalde führt der Weg, Sedum begrünt den Schutt und im Schatten von Linden und Eschen laden Bänke zu kurzer Rast ein. Auch hier ein herrlicher Blick hinab ins Bobritzschtal, hinüber in den schönen Wald. Die Halde und ein Wehr am Graben erinnern an den Bau des fünften Lichtloches des Rothschönberger Stollens, das einst hier in die Tiefe führte. Es ist heute zugewölbt und verschüttet. Der Fußweg senkt sich hinab zur Bobritzsch, auf schmalem Pfade geht die Wanderung weiter, oben am Berge fließt der Graben. Dort, wo er zum viertenmal in den Felsen verschwindet, ist sein Geburtszeugnis eingemeißelt:

Ausgeführt 18 L 44/C 46
durch
Ob. Ef. E. v. W.
Ostg. A. J.
Mstg. G. B.

Die Namen des Bauleiters Oberbergrat von Warnsdorff, des Obersteigers Jobst und des Maschinensteigers sind hier verewigt. In nur drei Jahre fällt also die Bauzeit des Grabens; wahrlich eine beachtliche Leistung!

Noch manches herrliche Bild landschaftlicher Schönheit zieht vor unserm Auge vorüber. Dort gähnt eine dunkle Felshöhle, hier liegt am Ufer der Bobritzsch eine kleine blumenübersäte Wiese, umrahmt von hohen Fichten. Jungwald zieht sich zum Gipfel des Berghanges empor und dort, wo die Sonne ungehindert durch Bäume in den Graben scheint, spielen Scharen kleiner Fische im blanken Wasser.

Viel zu früh für den wanderfrohen Heimatfreund tritt der Wald zurück und bald tauchen die ersten Häuser von Krummenhennersdorf auf. Wir sind am Ende der Grabenwanderung angelangt! Oberhalb des »Gasthauses zur Grabentour« liegt das Wehr, welches das Bobritzschwasser in den Graben leitet. Wir verlassen die Bobritzsch auf hoher Brücke und biegen in das Seitental ein, in dem der eigentliche alte Ort Krummenhennersdorf liegt.

Krummenhennersdorf – heute kaum genannt, oder höchstens bekannt als Ausgangs- oder Endpunkt der Grabentour, und doch hat Klio den Namen mehrfach eingezeichnet in die Annalen der sächsischen Geschichte. Zu der Zeit, als man Freiberg erbaute, mag auch Krummenhennersdorf mit andern Bergbaudörfern der Umgebung entstanden sein. Ursprünglich nach seinem Gründer Hinrichsdorf, also Heinrichsdorf genannt, erhielt der Ort später wegen seiner Lage am gebogenen, krummen Laufe des ihn durchfließenden Baches und zum Unterschiede vom nahen Langhennersdorf seinen heutigen, etwas merkwürdig anmutenden Namen. Vor über siebenhundert Jahren wird Krummenhennersdorf erstmals in der sächsischen Landesgeschichte erwähnt, in den Tagen, da deutsche Fürsten harte Fehden unter einander und gegen den Kaiser ausfochten. Im Juni 1195 endete hier das kampfesfrohe Leben des ritterlichen Meißner Markgrafen Albrecht des Stolzen. Er wurde, wie wenige Tage später auch seine Gemahlin, die schöne Sophie von Böhmen, nach der Inschrift in der Grufthalle zu Altenzella »veneno sublati«, durch Gift hinweggenommen. Völlig geklärt ist das trübe Geschehnis nicht; die Chronisten berichten, Kaiser Heinrich VI. sei der Anstifter zu diesem Morde gewesen, da ihm daran gelegen war, den kampfeslustigen und ihn selbst wiederholt befehdenden Fürsten zu beseitigen. Vielleicht fand der Kaiser willige Helfer in Altenzella, lud doch Markgraf Albrecht den Haß des Klosters auf sich, als er einen Teil der Schätze einzog, mit denen sein Vater Otto der Reiche das junge, von ihm begründete Kloster in verschwenderischer Weise ausgestattet hatte. Es wird überliefert, eine gedungene Kreatur des Kaisers habe dem Fürsten in Freiberg den Todestrunk gereicht; auf der Reise nach Meißen erkrankte Albrecht und in der Mühle zu Krummenhennersdorf hauchte er sein Leben aus. Irgendwelche sichtbare Zeichen, die das Gedächtnis an dieses Drama in der Mark Meißen alten Tagen wachhalten, sind nicht zu finden und wohl auch kaum vorhanden gewesen. Im Jahre 1910 ist die wahrscheinlich im Laufe der Jahrhunderte schon mehrmals erneuerte Mühle niedergebrannt; ein stattlicher Neubau in schmucker heimatlicher Bauweise ist dafür erstanden. Der eben aus der Bobritzsch abgeleitete Graben liefert der Mühle die Wasserkraft.

Noch eine andre geschichtliche Erinnerung birgt Krummenhennersdorf. In der Ortsmitte, hoch auf dem Berge liegt neben der neuen Kirche das uralte Rittergut, einst ein Besitztum Altenzellas. Hierher übersiedelte im Jahre 1545 der letzte, der einundvierzigste Abt des Klosters, Andreas Schmiedewalt, als die Macht des reichen und in seinem Besitz einem kleinen Fürstentum gleichenden Klosters Altenzella in den Stürmen der Reformation zusammenbrach. Aus dem Klostergewaltigen war ein schlichter Pächter geworden, der mit seinem Schicksal ausgesöhnt hier hochbetagt im Jahre 1586 starb. Er war friedliebend und glich nicht im entferntesten seinem Vorgänger, dem kampfeslustigen und wortgewandten Abte Martin, der unter dem Schutze des Landesherrn Georg des Bärtigen den Siegeslauf der Lehre Luthers aufzuhalten suchte. Manch kräftig Wörtlein wurde gewechselt von hüben und drüben. Am bekanntesten geworden ist davon wohl des Abtes Flugschrift aus dem stillen Altenzella: »Wider das wildgeyfernde Eberschwein, Marten Luthern, so mit seinem Riesel umzustossen sucht die Canonisation S. Bennonis, Bischofs zu Meißen.«

Abb. 7 Schloß Bieberstein

Das Andenken an Andreas wurde etwas getrübt, als sich später herausstellte, daß er einen Teil der Klosterschätze und goldenen Kleinodien beiseite geschafft und der Sequestierung entzogen hatte. Freilich ist nie aufgeklärt worden, ob der sonst so gewissenhafte Abt sich damit einen Notpfennig für sein Alter sichern wollte, oder ob er in der Hoffnung lebte, das Land werde wieder katholisch werden und sein Kloster in neuem Glanze erstehen. Sagen von vergrabenen Schätzen, die sich gern um verfallenes Klostergemäuer ranken, wurde damit auf recht realistische Weise der Nährboden geraubt.

Abb. 8 Kirche zu Bieberstein

Frühlingssonnenglanz lag auf der Landschaft, als ich die Höhe erstiegen hatte, und nun, an blühenden Kastanien vorüber, durch die gewölbte Toreinfahrt eintrat in den weiten, von Linden beschatteten Hof des alten Klosterguts Krummenhennersdorf. Ein Bild des Friedens bot sich meinem Auge, Schwalben umzwitscherten die von wildem Wein umrankten Gebäude, die von Efeu dicht übersponnenen altersgrauen Mauern und aus dem malerischen Taubenhaus in der Mitte des Hofes klang vielstimmiges Gurren. Kein andrer Laut störte die klösterliche Stille. So mag’s auch einst gewesen sein, als Abt Andreas hier seine Tage verlebte. An den Gutshof grenzt der sehr große und heute noch wohlgepflegte Park. Eine hohe Mauer umgibt ihn, ein Anklang an die gewaltige Mauer, welche das Kloster Altenzella von der Außenwelt abschloß.

Nach kurzer Wanderung erreichen wir die hohe Esse und blicken hinab auf die rußgeschwärzte Halsbrücker Hütte. Noch einmal taucht die Erinnerung auf an den Rothschönberger Stollen; dicht bei der Esse steht ein kleines Schachtgebäude, unter dem das siebente Lichtloch hundertdreiundzwanzig Meter tief auf die Stollensohle führt. Und nun geht unsre Fahrt weiter auf Freiberg zu; wir schlagen den Fußweg über »Herders Ruhe« ein und besuchen die denkwürdige Stätte, wo unter einer Berghalde »der Knappen treuester Freund«, der Oberberghauptmann von Herder seine letzte Schicht verfährt. Auch uns war er heute ein Freund und eine herrliche Wanderfahrt hat er uns beschieden. Herders genialer Geist hat den Plan zu der gewaltigen Grubenwasserabführung erdacht, aus dem der Rothschönberger Stollen und der Graben an der Grabentour hervorgegangen sind.