Sächsische »Schweiz«?

Von Dr. Kurt Schumann

Gelegentlich der Ausstellung der Gilde vom Berge: Das sächsische Felsengebirge in Literatur, Bild und Kartographie im Japanischen Palais in Dresden ist wieder einmal der Streit um den Namen des bekanntesten sächsischen Gebirges entbrannt. Dr. Kuhfahl, der bekannte Bergsteiger, Photograph und Steinkreuzforscher schreibt im Dresdner Anzeiger im Anschluß an eine Besprechung der genannten Ausstellung: »Mit der richtigen Würdigung dieses Gebirgscharakters taucht aber in denkenden Köpfen gleichzeitig eine Art Beschämung darüber auf, daß der Name für diese heimatliche Felsenwildnis in denkbar läppischster Weise aus hochalpinen Verhältnissen herbeigezogen worden ist, mit denen er auch nicht die allergeringsten Vergleichspunkte besitzt. Das Wort »Sächsische Schweiz«, das jedem Alpenkenner als eine Herabwürdigung der Heimat erscheinen muß, hat sich seit 1780 gedankenlos fortgepflanzt und selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden. Der Ausdruck Elbsandsteingebirge besitzt keine Volkstümlichkeit, und wenn die Gilde vom Berge heute ihre Ausstellung Sächsisches Felsengebirge betitelt, so ist sie sich gleichfalls bewußt, daß dies noch nicht die erwünschte Lösung der Namenfrage bedeutet.« Deshalb regt Dr. Kuhfahl an, man möge sich, wie schon vor Jahren gelegentlich eines von einer Zeitschrift ausgeschriebenen Wettbewerbs, mit dieser Frage befassen und nach einem treffenden, knappen und klangvollen Namen suchen.

Zunächst eine kleine Richtigstellung, die für unsre weiteren Darlegungen nicht ohne Bedeutung ist: Der Name »Sächsische Schweiz« hat nicht selbst in wissenschaftlichen Werken hier und da Eingang gefunden, sondern wird seit Jahrzehnten beinahe ausnahmslos von allen Wissenschaftlern und vor allem von den Geographen gebraucht. Als Beleg nur die Verfassernamen der mir gerade zugänglichen Werke, in denen er an hervorragender Stelle gebraucht wird: Beck, Freiberg; Beyer, Dresden; Hettner, Heidelberg; Ruge, Dresden; Stübler, Bautzen; Berg, Göttingen; Machatschek, Prag; Weicker, Dresden; Meiche, Dresden; Schmaler, Dresden; Philippson, Bonn; Partsch, Leipzig; Koßmat, Leipzig; Pietzsch, Leipzig usw. Besonders stutzig muß uns die Tatsache machen, daß es ein geborener Dresdner, der jetzige Ordinarius für Geographie in Heidelberg, A. Hettner, war, der mit seinem klassischen Werk über den Gebirgsbau und die Oberflächengestaltung der Sächsischen Schweiz das Wort in die wissenschaftliche Literatur einführte. Man kann wohl kaum annehmen, daß bei ihm wie bei all den genannten Geographen, Geologen, Historikern und Heimatforschern, denen man das Attribut denkende Köpfe kaum verweigern dürfte, reine Gedankenlosigkeit die Ursache zu diesem Brauche war. Schmaler schreibt in seiner trefflichen Landeskunde von Sachsen: »Der Geologe wird die Bezeichnung Elbsandsteingebirge lieber anwenden als den Begriff Sächsische Schweiz. Jedoch hat sich dieser so allgemein eingebürgert, daß ihn heute auch die wissenschaftliche Geographie braucht. Es ist darum zwecklos, über seine Berechtigung zu streiten. Interessant ist es, daß er in der Zeit der Aufschließung des Gebirges für den Reiseverkehr auch von den bekannten Schweizer Malern Adrian Zingg und Anton Graff angewendet worden ist.«

Ich glaube, wir kommen nicht um die Notwendigkeit herum, dem was Schmaler sagt, zuzustimmen. Es ist auch bei den Verfechtern dieses Namens kein Zweifel darüber, daß es wenige Gebirge gibt, die in Gesteinsaufbau und Oberflächenform weniger Ähnlichkeit mit den Schweizer Alpen haben, als die Sächsische Schweiz. Die Kardinalfrage bei der ganzen Erörterung ist deshalb: Wollten diejenigen, die zuerst diesen Namen brauchten, und wollen alle die, die ihn heute in Schrift und Wort anwenden, überhaupt einen Vergleich zwischen den Alpen und unserm »Salongebirge«, wie es Ruge scherzhaft, wenn auch nicht für alle Teile zutreffend genannt hat, ziehen? Diese Frage aber muß unbedingt verneint werden. Wer heute Sonntags »in die Schweiz fährt«, um zu wandern oder zu klettern, um zu botanisieren oder Leitfossilien zu sammeln, um die Spuren alter Raubnester zu suchen oder sich im Schatten der Kiefern im Angesicht einer erhabenen Landschaft philosophischen Spekulationen oder dichterischen Träumen hinzugeben, denkt nicht im entferntesten an das für die meisten nicht erst seit dem Kriege unerreichbare Gebiet der Berner oder Walliser Alpen, und wäre er gleich am Vorabend erst im Tell oder einer Filmvorführung gewesen, die ihm die ganze Herrlichkeit dieser Landschaften vor Auge und Seele stellte. Ebensowenig wie sich der Schüler, der morgens ins Gymnasium geht, des Gegensatzes bewußt ist, der zwischen der Anstalt, die also bezeichnet wird und ihrem Vorbild besteht, denkt der Schweizfahrer an das Land, das – man ist versucht zu sagen »zufällig« – denselben Namen trägt wie sein geliebtes Felsengebirge. Es verbinden sich einfach mit dem Wortklang nicht nur für den Dresdner, sondern für jeden, der die besondere Schönheit dieses Gebirges genossen hat, so starke Gefühlswerte, daß er den Namen ebensowenig missen möchte, wie den der Frauenkirche, des Zwingers oder der im Volksmund auch in der Zeit des albernsten Byzantinismus nie ausgestorbenen Augustusbrücke. Als mir neulich eine Kollegin erzählte, sie sei am Sonntag im Elbsandsteingebirge gewesen, lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter, und mit dem Sächsischen Felsengebirge geht es mir nicht viel besser. Am wärmsten klingt noch Meißner Hochland, aber auch nur dem, der unter der Schwelle des Bewußtseins die ganze sächsische Geschichte liegen hat. Die weiteren Folgen einer Namensänderung will ich hier nicht ausmalen. Nur die bescheidene Frage: Wem wäre es nicht komisch zu Mute, wenn er von Ostern ab statt mit dem Schweizzuge mit dem Felsengebirgs- oder Elbgebirgszuge nach Schöna fahren und anschließend eine Meißner Hochlandstour unternehmen sollte?

Und wer doch beim Klange des Wortes Schweiz es nicht lassen kann, nach den Gletschern des Engadin und den Firnspitzen von Zermatt einen ängstlichen Blick zu werfen, den werden vielleicht die folgenden Worte beruhigen, die ich in einem Wegweiser durch die Gegend um Dresden im Jahre 1804, als man sich auch schon einmal nach neuen Namen den Kopf zerbrach, fand, und mit denen ich meine Verteidigung der »Sächsischen Schweiz«, deren ragende Steine schon mein Söhnlein vom Landgraben aus mit dem Jubelruf grüßt: »Water, die Weiz! die Weiz!!«, schließen: »Doch das Gebirge heiße, wie es wolle, es ist unendlich malerisch. Alle Kontraste des Großen und Gefälligen, des Wunderbaren und Schönen, des Kühnen und Leichten, des Grausenden und Sanften sind mit romantischer Mannigfaltigkeit an den triumphierenden Lauf des Elbstroms gefesselt, und Schweizer, die hier weder ein Haslital noch die Spitzen der Jungfrau und des Finsteraarhorns fanden, die hier keinen Kuhreigen hörten und keinem Gemsenjäger begegneten, wurden dem allen ungeachtet von dem wunderbaren Charakter der Landschaft ergriffen und mit magischer Gewalt in die ferne Welt ihrer geliebten Heimat versetzt.«