Eiszeitliche Gletscherschrammen beim Teufelsstein (Pließkowitz-Oberlausitz)
Von Dr. Hans Stübler, Bautzen
Schon früher einmal konnte ich die Leser der Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes zu einem geologischen Naturdenkmal unsrer Lausitz in dieser Gegend führen, zu dem Quarzriff der Zschemelschka bei Doberschütz, die nun durch das Entgegenkommen der beiden Besitzer durch eine Tafel des Heimatschutzes als solches gekennzeichnet und geschützt ist. Ich wandre gern in dieses Gebiet hinaus mit seinen rundlichen Granitbuckeln, die aus der eiszeitlichen Schuttdecke dort herausgucken und meistens noch eine Waldhaube tragen, wie z. B. die bekannten Kreckwitzer Höhen, die auch in den Kämpfen vom Mai 1813 eine Rolle gespielt haben. Manche freilich sind ganz entblößt und der Steinbruchsbetrieb hat sie angenagt. So wird z. B. der »feinkörnige, aber durch große klumpige Mikroklineinsprenglinge porphyrische Schwarzglimmergranit von Doberschütz (Gtφ1)«, wahrscheinlich »ein kleiner stockförmiger Nachschub in der großen Lausitzer Granitmasse«[3] wegen seiner Härte dort gebrochen, ganz in der Nähe des »Lausitzer Pfahls«, von dem die Zschemelschka ein herausgewitterter riffartiger Rest ist.
Auch beim Teufelsstein, östlich davon gegen Preititz zu, sind in einem grobkörnigeren, porphyrischen Lausitzer Granit, (Gtπ) der von zahlreichen Nordwest-Südost streichenden Grünsteinbändern durchschwärmt ist, einige alte Brüche vorhanden. Wir aber gehen heute zuerst nach dem rechts der Verbindungsstraße Pließkowitz–Kleinbautzen gelegenen, auf dem Blatt Baruth–Neudorf der Geologischen Spezialkarte des Freistaates Sachsen mit »Bauers Berg« bezeichneten Rundhöcker des Gtφ1. Dort liegt ein Flankenbruch, an dessen östlichem Rande letzthin ein etwa neun Quadratmeter großes Stück zur Erweiterung des Bruches frisch abgedeckt worden ist. Die dünne Schuttkrume aus Lößlehm, vom Besenstrauch (Sarothamnus scoparius (L.) Wimm.) und zahlreichen Brombeerbüschen durchwuchert, ist zur Seite geworfen worden und darunter sind an den Kanten der Granitbänke sehr deutliche, fingertiefe Schrammen zu sehen, wie sie unsre Abbildung, von Herrn Studienrat Kaubisch in Bautzen trefflich aufgenommen, zeigt. Sie verlaufen hier, an der Nordseite des Granitbuckels, der Stoßseite der Eisströme der Diluvialzeit, gelegen, alle gleisig etwa Nord 15° Ost bis Süd 15° West. Das stimmt sehr gut mit der Richtung der vom verstorbenen Prof. Dr. Beyer, Dresden-Plauen, bei Demitz einst entdeckten Glazialschliffe überein, die mit Nord 18 bis 20° Ost bis Süd 18 bis 20° West bestimmt wurden, nur daß es sich hier nicht um blank geschliffene harte aplitische Adern im Granit, sondern um ziemlich tief von den im Eisstrom mitgeführten, harten nordischen Geschieben in den Granitit des Rundhöckers eingegrabene Schrammen handelt. Durch dieses am zweiten September 1923 auf einer Wanderung von mir aufgefundene Zeugnis des Eisschubs längst vergangener Tage ist die bucklige Landschaft zwischen Kreckwitz–Doberschütz–Pließkowitz–Preititz–Kleinbautzen als eine eiszeitliche Rundhöckerlandschaft von ausgeprägter Eigenart im Vorgelände unsrer Lausitzer Granitberge erwiesen. Sie kann sich mit der von Kamenz im Spittelforst und bei Jesau, die Beyer mit dem Anblick einer skandinavischen Schärenlandschaft verglich, mit der zwischen Jauer und Wendisch-Baselitz, zwischen Schmeckwitz und Krostwitz, bei Maltitz, Loga und Luppa durchaus messen; ja sie hat vor ihnen vieles voraus. Vor allem kann hier nun der Beweis der Bildung durch die darüber hingleitenden Eismassen dem Wandrer vor Augen geführt werden, solange nicht der Steinbruchsbetrieb oder die Wettereinflüsse, denen der bloßgelegte Teil nun ausgesetzt ist, das Schrammenfeld beseitigen.
Abb. 1 Der Teufelsstein bei Pließkowitz (Oberlausitz) Aufnahme von Berta Zillessen, Bautzen
Ein zweites aber ist die reizvolle Umgebung dieses geologischen Naturdenkmals. Wir wandern nun hinüber zum Teufelsstein. Mitten aus den im Mai-Juni schwefelgelbleuchtenden Besenstrauchbüschen ragt er wie ein riesiges Hünenbett auf. Sein Name deutet schon darauf hin, daß die sonderbare Felsbildung wohl schon in vorwendischer Zeit kultischen Zwecken gedient haben mag; denn als das Christentum seinen Einzug in diese Gegend hielt, verkehrte es die alten Götternamen der »Heidenzeit« hier wie anderswo regelmäßig mit folgerichtigem Abscheu in den des Teufels. Und erklettern wir die großen, gewaltigen Blöcke, so erkennen wir, daß hier auch gewaltsame Zerstörung das alte »Heidenmal« vernichten wollte. Die große Deckplatte ist mit Hebeln offenbar zur Seite gedrückt und gewaltsam zerbrochen worden, aber es ist nicht gelungen, die beiden ovalen, bestimmt künstlich hergestellten, etwa waschschüsselgroßen Becken im Granit ganz zu beseitigen, wie sie uns z. B. von den Deckplatten der Gräber aus der Steinzeit, den »Dösen« von Bohuslän in Westergötland, beschrieben werden. Vielleicht deuten auch einige eingemeißelte kleine Kreuze auf der Oberfläche darauf hin, daß hier einem alten »Heidenteufel« sein Heiligtum gründlich verekelt werden sollte, daß er dem neuen gewaltigen Christengott für immer weichen mußte.
Nord
Süd
Eiszeitliche Gletscherschrammen auf dem Granit (Gtφ1) eines Rundhöckers beim Teufelsstein (Pließkowitz, Oberlausitz)
Aufnahme von Studienrat Oskar Kaubisch, Bautzen
Das Volk erzählt sich freilich, daß der Teufel jene mächtigen Granitblöcke vom Czorneboh her, der im Süden herüberblaut und an dessen Flanken ja wirklich ein gewaltiges granitisches Blockmeer lagert, hierhin geschleudert habe. Er wollte, voller Wut über den Bau des freundlichen Kirchleins von Malschwitz, das von Norden mit seinem weißen Turm aus der seenreiche Aue der Spree herübergrüßt, das ihm unbequeme neue Heiligtum zertrümmern! Aber seine Kraft reichte nicht mehr aus, die Riesengeschosse blieben vor dem Ziele liegen – und bilden nun den Teufelsstein bei Pließkowitz.
Wir aber halten – ohne Furcht vor dem gehörnten Gottseibeiuns – dort oben friedliche Rundschau, steigen dann herab, gehen vorsichtig durch die Besenstrauchwildnis; denn Hunderte von wilden Kaninchen haben den Lößlehm hier durchwühlt und Fallöcher für unsern Fuß gebaut, wie an all den andern »Rundhöckern« ringsum. »Kröck, kröck« – warnt ein Fasan aus dem Brombeergeheck, als wir in südwestlicher Richtung, zum Teil auf Rainen, durch die Rundhöckerlandschaft mit ihren kleinen Wäldchen Bautzen wieder zustreben – und Rehe treten aus und äsen auf den Feldern.
Bei Doberschütz erreichen wir die Straße. Hinter den letzten Häusern zweigt ein Feldweg ab, der uns in eine Reihe von Kiesgruben führt. Dort ist der nordische Moränenschutt der Eisströme noch sehr gut erhalten und erschlossen, der jene Schrammen am Teufelsstein mitschaffen half. Außer ziemlich großen Brocken unsers Lausitzer Granites und der am Nordsaume des Granitmassivs noch heute restweise erhaltenen Kieselschiefer, Quarzite und Konglomerate des alten Deckgebirges stoßen wir auf große Blöcke rötlicher schwedischer Granite und Gneisgranite, Porphyre, Quarzite, vor allem aber auf Feuersteine, in denen oft Kieselschwämme und Seeigel (Cidaris) eingeschlossen sind.