Die Jagd auf den Eisvogel

Von Paul Bernhardt, Dresden

Welch wunderbarer Anblick, wenn der farbenprächtige Eisvogel wie ein gleißender Funken über die vom Schnee umrahmte schwarze Wasserfläche dahinschießt, bald grüne oder blaue Strahlen aussendend! Da packt es den Kamerajäger und alles versucht er, diesen lebenden Edelstein im Bilde festzuhalten. Vielleicht führt die Pirsch zum Ziele. Es gelingt mir, den mürrischen Einzelgänger am Hochsitz zu belauschen. Den Kopf tief eingezogen, sitzt er einem Kobold gleich auf dem überhängenden Ast. Er ist ganz bei der Sache; all sein Sinnen ist aufs Wasser vor ihm gerichtet. Und doch entgeht ihm nichts, ich darf mich nicht bewegen. Plötzlich verschwindet er in den klaren Fluten und erscheint mit einem Fischchen im Schnabel am selben Platze. Nun die drolligen Schlingbewegungen. So einfach ist die Mahlzeit nicht, denn die fingerlange Beute muß ganz verschlungen werden. Er wendet sie hin und her, bis die geeignete Lage gefunden und dann verschwindet das oft noch zappelnde Fischchen mit dem Kopf zuerst im Schnabel des Vogels. Bei dieser anstrengenden Arbeit vergißt der Eisvogel alles um sich her. Ich nütze die Gelegenheit, springe bis auf drei Meter vor, den Apparat schußbereit. – Doch zu täppisch war die Jagd. Der Eisvogel ist schon lange wieder bei Sinnen und fliegt mit lautem »tit tit« ab. Die Pirsch war zwar interessant, aber von vornherein erfolglos. Man versucht aber alles und fällt immer wieder rein. Nicht der Pirschgang, sondern die Jagd am Anstand führt bestimmt zum Ziel und liefert die ersehnte Aufnahme. Doch sie ist nur am Brutplatz möglich und bis jetzt habe ich im Gebiet trotz eifrigem Suchen noch kein Brutpaar feststellen können. Immer waren es nur Durchzügler, die im Herbste fischten. Nur einmal begegnete ich einem Eisvogel während der Brutzeit. Es konnte ein Einzelgänger sein. Und trotzdem behauptet der alte Teichwart von B. steif und fest, er habe dort und dort den »Wasserstar« ganz bestimmt im vorigen Mai die flüggen Jungen füttern sehen. Nur über das Nest sei er sich nicht im klaren. Im Busche oder auf einem Baume könne es nicht sein; vielleicht brüte er aber im Abflußkanal des Teiches, denn dort sei er öfters herausgekommen. Mein alter Freund verstieg sich in seiner Vermutung wenigstens nicht soweit, wie jener Fischer meiner Heimat, der mir erklärte, der Eisvogel müsse unter Wasser brüten. Er habe ihn oft tauchen und nicht wieder herauskommen sehen. Im Interesse des Naturschutzes stimmte ich damals seinen Ausführungen zu. Er hat das Nest jedenfalls nie gefunden. Doch mit meinem lieben Teichwart wollte ich nicht so schnöde handeln, wenn er auch oft mitleidig seinen grauen Kopf über meine ...geduld schüttelte. Ihm war ich dankbar.

Mitte April 1923 durchforsche ich die Gegend von »dort und dort« gründlich nach einer Eisvogelhöhle, krieche unter großen Mühen in den genannten Abflußkanal, lasse keine Erdwand ununtersucht – aber die Nisthöhle bleibt verborgen. Auch läßt nichts auf die Anwesenheit der Vögel schließen. Doch – dort! Der Felsvorsprung am Teichrand ist arg bekalkt – der Ansitz des kleinen Fischers. Nun führt mich mein Weg weiter weg vom Wasser, hinein in den Busch. Was liegt da vor meinen Füßen? Ich halte ein weißes, kugelförmiges Gebilde aus Fischgräten in meiner Hand, das »Gewölle« des Eisvogels. Also bin ich doch an der richtigen Stelle. Dort in der Kieswand einer engen Schlucht, die das Wildwasser gerissen, befinden sich zwei Niströhren. Eine davon, hundertachtzig Zentimeter über dem Erdboden, ist bestimmt befahren, denn feucht fühlt sich der Sand an und ganz deutlich erkennt man zwei Laufrinnen, die der hineinkriechende Vogel hinterläßt. Die vorspringende Baumwurzel und der große Stein sind stark bekalkt. Weitere »Gewölle« liegen umher. All das sagt mir, daß dort drinnen in der Röhre der farbenprächtige Eisvogel sitzt und seinem stillen Brutgeschäfte nachgeht. Groß ist meine Freude über die Entdeckung. Mein alter Freund, der Teichwart, hat doch kein Latein gesprochen; er darf von meinem guten Tabak kosten! Jetzt ist mir auch die Aufnahme sicher.

Abb. 1 Eisvogel mit Beute im Schnabel (Phot. Paul Bernhardt, Dresden)

Vorsichtig nähere ich mich in den nächsten Tagen dem Nistplatz und lenke Holzfrauen, Kinder, Naturbummler und sonstige Eindringlinge durch allerhand Manöver von meinem Kleinod ab. Ausgerechnet am 1. Mai höre ich zum ersten Male das grillenähnliche Gezirpe der Jungen in der Niströhre. Nun ist aller Zweifel ausgeschlossen. Jetzt müssen sich auch die Alten beim Füttern zeigen, und die Aufnahme kann vorbereitet werden. Der »bekalkte« Stein ist günstig für mein Unternehmen; ihn nimmt der Vogel an, ehe er zur Röhre fliegt. Er wird deshalb in eine passende Lage gerückt. Ich gehe in Deckung und beobachte mit dem Glase. Ein lautes Pfeifen ertönt, etwas Blauschimmerndes saust durch die Schlucht und der schönste Eisvogel sitzt mit Beute im Schnabel auf dem Stein. Von hier aus fliegt er zur Nisthöhle. Mein Versuch ist gelungen. Morgen werden die weiteren Vorbereitungen fortgesetzt. Hacke und Spaten werfen in der Kieswand eine Höhle aus, so groß, daß meine Kamera und ich, allerdings nur in Hockstellung, gerade Platz darin finden. Achtzig Zentimeter davon liegt der erwähnte Stein im hellsten Sonnenlichte. Ich muß mich bei meiner Arbeit beeilen, denn schon melden sich die Alten. Auf keinen Fall darf mein Eingriff sie vergrämen. Doch übelnehmisch ist der Eisvogel nicht, ich kenne ihn von früher. Schnell wird die Höhle mit Reisig zugedeckt. Ein großer Buchenzweig muß noch zur Seite gebunden werden, denn sein Schatten fällt auf den Stein. Mit Freude stelle ich aus weiter Entfernung fest, daß der Vogel füttert. Er hat sich nicht stören lassen. Heute wird die Aufnahme noch nicht gemacht. Ich lasse mir Zeit. Überstürzung schadet der Sache.

Abb. 2 Junge Eisvögel (Phot. Paul Bernhardt, Dresden)

An einem schönen, sonnigen Maienmorgen ziehe ich voller Hoffnung hinaus ins Jagdgebiet. Die Kamera und den bewährten Lodenhut im Rucksack. Wird mir Weidmannsheil beschieden sein? Der befreundete Forstmann begleitet mich; auch er hat Sinn für diese unblutige Jagd. Am Brutplatz ist alles noch in schönster Ordnung. Die Jungen rufen nach Futter. Der Apparat wird schußfertig gemacht. Schnell bin ich mit der Kamera in der gegrabenen Höhle »verstaut«. Der Förster gibt sich die größte Mühe, mit Reisig alles gut zu verblenden. Das kennt er ja von der Birkhahnbalz. Bald verschwindet er und wünscht mir »Hals- und Beinbruch!«

Ich sitze in meinem Loch und warte der Dinge, die da kommen sollen, den Blick immer auf den Stein vor mir gerichtet. Zehn Minuten vergehen, zwanzig Minuten – noch meldet sich kein Eisvogel, wohl aber mein linkes Bein, das gern in eine andere Lage möchte. Ich tue ihm den Gefallen, doch da löst sich durch den Gegendruck eine Sandschicht an der Decke. Wenn auch mein Lodenhut den größten Teil abhält, so kann er doch nicht vermeiden, daß ziemlich viel Sand meinen Rücken herunterrieselt. Die Sache fängt an ungemütlich zu werden. Auch den jungen Eisvögeln scheint das längere Ausbleiben der Alten nicht zu behagen; ihr Gezirpe wird laut und deutlich. Ich stelle trotz meiner nicht gerade glücklichen Lage fest, daß einer mit sehr tiefer Stimme darunter ist. »Tit – tit«! Das war der Alte. Jetzt größte Ruhe. Ausgerechnet gerade da machen sich einige Mücken bemerkbar, die der Förster vergessen hat herauszujagen. Doch alle Mißhelligkeiten sind vergessen. Ganz dicht vor mir sitzt der in allen Farben schimmernde Eisvogel! Fast kann ich ihn greifen. Dieses wunderbare Saphirblau – die zinnoberroten Füße, der silberglänzende Fisch im Schnabel. Ich weiß nicht, ob mir der Leser dieses innere Erleben nachfühlen kann. Mutter Natur spricht wieder einmal unmittelbar zu mir. Ganz ergriffen sitze ich und staune und vergesse ganz den Zweck meines Hierseins. Die Kamera erinnert mich daran. Der Vogel sitzt noch fest, bewegt aber den Kopf hin und her. Ich schnalze mit der Zunge. Er horcht und spannt. Der Verschluß wird gelöst, und die Platte ist belichtet. Mit lautem Pfiff fliegt der Eisvogel ab. Ich verlasse rasch meine Marterhöhle und den Brutplatz, um die Vögel nicht länger zu stören. Am Himmel türmt sich ein Gewitter auf; schnell führt mich mein Rad der Großstadt zu. Voller Erwartung entwickle ich die Platte. Bald zeigt es sich: die Aufnahme ist gelungen! (Siehe Bild 1.)

Noch öfter war ich draußen, sah dem Treiben dieser prächtigen Vögel zu, überraschte die Kleinen beim Ausflug (Bild 2), besah mir ihre Kinderstube aufs genaueste und staunte nicht schlecht, als nach vierzehn Tagen die Alten sich anschickten, in der zweiten Nisthöhle wiederum fünf bis sechs jungen Eisvögeln das Leben zu geben. Im Juni rufen auch dort hungrige Kinder nach Nahrung. Ein »Brummer« ist aber nicht wieder unter ihnen.

Sollte es wirklich Menschen geben, die da sagen, der Eisvogel sei zu verfolgen, weil er der Fischerei schadet? Diesen Krämerseelen zur Beruhigung: Keine Schleie, keinen Karpfen, keine Forelle brachte mein Eisvogelpaar, immer waren es wertlose Fischchen. Dafür bürge ich. Gönnt ihm diese und beraubt nicht den Waldbach seines schönsten Schmuckes!