Die Birkgutlinde

Von Kurt Nierich, Kötzschenbroda

Von dem großen, gewerbfleißigen Dorfe Oberneukirch in der Lausitz steigt die Landstraße über Ringenhain hinauf nach Steinigtwolmsdorf, von wo aus sie als eine echte Paßstraße sich durch den Ort Hielgersdorf nach Böhmen senkt. Wenn man die ersten Häuser von Steinigtwolmsdorf erreicht hat, liegt an dem Hange, der das Tal gegen den Ostwind schützt, das Birkgut. An dem Bauernhof wäre nun nichts besonderes – es ist ein Haus im echten Lausitzer Stil, das Erdgeschoß aus Holz mit den charakteristischen »Umbindern«, den Bogen, die zur Winterszeit mit dem klar gehackten Holzvorrat vollgesetzt werden und so, teils als Schutzwände gegen die Winterkälte, teils als Holzmagazin das große Zimmer doppelt warm halten.

Abb. 1 Die Birkgutlinde bei Oberneukirch (Phot. K. Nierich)

Der Schmuck des Birkgutes aber ist die alte, mächtige Linde, die davorsteht. Es ist einer der ältesten und gewaltigsten Bäume der ganzen Lausitz, der bei seinem Alter auch die prachtvolle Schönheit als Baumform bewahrt hat, wie man sie in dieser Vollkommenheit wohl selten finden wird. Wie riesige Arme breiten sich die Äste aus, als wollten sie Garten, Wiese und auch die fernen Felder des Birkgutes segnen. Und hoch, gewaltig über den First von Wohnhaus und Scheune erhebt sich der Linde Wipfel in die leuchtende Sonne, zugleich der beste Blitzableiter, wenn die schwarzen Wetterwolken über die Höhe des Valtenberges gewälzt kommen. Treten wir ein in den Schatten des Riesenbaumes! Wie ein Kinderspielzeug steht der große Erntewagen des Birkgutbauern darunter und Kinder, die im Lindenschatten spielten, erscheinen wie Zwerge, die eben erst aus dem Geflecht der mächtigen Wurzeln entstiegen. In den gewaltigen Stamm ist eine uralte Steinbank hineingewachsen, der Baum hält sie fest. Wieviel Liebesworte mögen auf dem Steinsitz unterm Lindenbaum geflüstert worden sein – wie wenig gehalten und erfüllt! Oh, wenn der Baumriese erzählen könnte! Sah er wohl gar Verbrechen unter seinen dichten Zweigen? Sicher aber sah er frohen Tanz, sah jugendfrische Gesichter junger Burschen und Mädels, die noch nichts von der schlechten heißen Luft des Tanzsaals wußten, die Korsett und Stöckelschuhe noch nicht kannten, sondern dort tanzten, wo der Tanz hingehört, hinaus in die Natur auf den Teppich grüner Wiesen oder unter schattige Bäume.

Abb. 2 Die Birkgutlinde bei Oberneukirch (Phot. K. Nierich)

Von der Lindenbank hat man eine weite Aussicht über das ganze Tal bis zu den fernen Feldern der jenseitigen Hänge. Gewiß sah der alte Baum auch den Rat ernster Männer, hier wurde Ting gehalten, Recht gesprochen nach uralten ungeschriebenen Gesetzen, die eben darum den Leuten heiliger und ehrbarer waren. Der Raum, den die Zweige der Linde überschatten in weitem Rund ist so groß, daß sich darunter eine ganze Gemeinde, sie kann schon ziemlich zahlreich sein – versammeln könnte. Wie oft mag wohl unter ihm fahrendes Volk gewohnt, genächtigt haben? So ist das Leben in seinem bunten Wechselspiel in so mannigfacher Gestalt zu Gaste gewesen unter der Birkgutlinde: Liebe und Glück, Recht und Gesetz, Rat und Tat, Armut und Mangel, Not und Unglück, alles sah der mächtige Lindenbaum!

Noch steht er frisch und stark, ein Wahrzeichen des ganzen Tales und in seinen Ästen wohnen lustige Vögel, singen und schwatzen. Möge der Riese noch lange stehen und zur Sommerzeit seine süßen Düfte wie Segen in das Tal hinabsenden. Mir aber fallen Baumbachs Worte ein, die er von einer alten Linde singt:

»Zehn Bären mit ihren Pranken

umspannen die Linde kaum!

Sie stand als Wacht der Marken

schon manches liebe Jahr,

als Asathor, dem Starken,

rauchte der Steinaltar.

Noch ladet tausend Immen

der Baum zum Sonnwendfest,

und süße Vogelstimmen

tönen in seinem Geäst.

Die Erdmännlein, die braunen,

pflegen ihn dienstbereit,

und seine Zweige raunen

Mären aus alter Zeit!«