In der Landesgemeinde
Von Albert Ficker
Wieder wandere ich durch das vogtländische Gebirgstal, dessen Schönheit und Weltabgeschiedenheit einen ganz besonderen Reiz auf meine Seele ausübt.
Abb. 1 Erlbach i. Vogtl. Stück am vorderen Teich (Phot. Franz Landgraf, Zwickau i. Sa.)
Nordöstlich vom Luftkurort Erlbach windet sich von der tschechisch-slowakischen Grenze her der erlenbegleitete Schwarzbach durch grünende Wiesen. Bergwände schieben sich ineinander. Lehnan kleben vogtländische Holzhäuschen des Ortsteils Kegel. Am Fensterkreuz fast jeder Wohnung hängt ein halbrunder Vogelkäfig, in dem der blutrotbrüstige Kreuzschnabel turnt. Nicht nur seine Singe- und Kletterkunst, sondern auch der Aberglaube macht den Vogel zum Liebling des Volkes. Auch Julius Mosen, der Dichter des Vogtlandes, hat daher den Kreuzschnabel in seinen Gedichten gern besungen.
Die ebereschengesäumte Straße führt an der Tannmühle vorüber. Ein Leipziger Wohltäter stiftete sie und die schmucken Baracken als Ferienheim für erholungsbedürftige Leipziger Schulkinder. Hier kann sich Lunge und Herz in frischer, reiner Waldluft gesund baden.
Landesgemeinde nennt sich das Tal.
Am vorderen Floßteich steige ich empor und wandere auf halber Höhe durch den Bergwald mit seinen ergreisten Fichten und altersgrauen Buchen.
Drunten im Tale herrschte einst zur Schneeschmelze und im Herbste reges Leben. Holzflößer waren tätig. Sie flößten auf dem Wasser die gefällten Klötzer zur weißen Elster.
Bis vor zwei Jahren war aus jenen Tagen nur der vordere Floßteich übriggeblieben. Von dem mächtigeren hinteren Floßteich jedoch zeugte nur noch ein breiter Damm, über welchen der Weg nach Klingental führt. Über den einstigen Teichgrund teppichte saftiges Wiesengras.
Vielen Bemühungen der vogtländischen Gebirgsvereine und der tatkräftigen Förderung des Herrn Forstmeisters Müller in Erlbach gelang es, den hinteren Floßteich wieder zu schaffen.
Abb. 2 Erlbach i. Vogtl. Floßteich im Landesgemeindetal
(Phot. Franz Landgraf, Zwickau i. Sa.)
Endlich liegt er vor mir in der Tiefe, der kleine Gebirgssee, der wohl weit und breit in seiner landschaftlichen Schönheit seinesgleichen sucht.
Märchenhaft, am Ende des Landesgemeindetales, in einem Bergkessel kräuselt sich im leichten Winde die glänzende Wasserfläche. Ausgedehnte Fichtenwälder schauen neugierig hinein und wachsen im Spiegelbild schier unergründlich in die Tiefe. Kein Menschenlaut, kein Hupenton stört die Gottesweihe, die über den Wipfeln liegt, und aus entschwundenen Tagen tauchen Sagen und Erzählungen empor, deren Gestalten um diesen Bergsee geistern.
Ich träume hinein in die Zeiten, und suche dort die geschäftigen Flößer!
Herbstzeit! Monatelang ist das Wasser gestaut worden. Jetzt gilts! Der Zapfen wird gezogen.
Aus dem Munde des Teiches drängt eine Wassermenge mit ungeheurer Wucht hervor, stößt auf getürmte Holzhaufen und schießt in haushoher Wassersäule empor.
Wie ein wildjauchzender Aufschrei langgebannter Freiheit, die mit ungestümer Macht den Weg zum Lichte gefunden, springt das Wasser empor, zerstäubt und bricht weißschäumend wieder zusammen.
Abb. 3 Erlbach i. Vogtl. Tannenmühle (Phot. Franz Landgraf, Zwickau i. Sa.)
Die gewaltsam nachdrängenden Massen tosen, gurgeln, umtoben die Holzscheite und suchen sich Bahn. In wenigen Minuten gleicht das kleine Rinnsal einem wildreißenden Strome.
Der Holzstoß gerät in Bewegung. Von Minute zu Minute löst sich Scheit um Scheit, und die Flößer weisen mit ihren Floßhaken den Hölzern die rechte Bahn ...
Ein Büchsenschuß aus dem wildreichen Waldrevier reißt mich aus meinem Sinnen. Und ich wandre heimwärts in der Abendkühle. Das rauschende Wasser singt mir die Wandermelodie, und über die Wipfel gleitet sacht ein letztes purpurnes Leuchten.