Luftbild und Heimatschutz

Von Oberleutnant Tschoeltsch, Dresden

Die Betrachtung unsrer Heimat vom Flugzeug aus ist trotz der wundervollen Entwicklung der Luftfahrt den meisten Menschen noch nicht möglich. Die Kosten für einen Flug sind unerschwinglich hoch und viele müssen sich aus diesem Grunde den größten Genuß, den es gibt, nämlich das Fliegen, versagen. Die Entwicklung der Photographie aus der Luft, die durch den Krieg nur gefördert worden ist, gestattet uns aber, heute brauchbare Luftbilder von unsrer Heimat herzustellen, die geeignet sind, einen Flug zu ersetzen. Und wenn man vollends versteht, aus den Luftbildern das herauszulesen, was das Luftbild erzählt, dann hat man beim Betrachten von Luftbildern mindestens den gleichen Gewinn wie beim Betrachten von künstlerischen Erdaufnahmen. Die Erdaufnahme zeigt uns aus einem großen Ganzen die Einzelheiten, das Luftbild dagegen zeigt uns das große Ganze selbst.

Meine kleine Arbeit soll einige besonders charakteristische Luftbilder zeigen, die, leicht erkennbar, da aus niedrigen Höhen aufgenommen, auch dem im Lesen von Luftbildern noch Ungeübten genügend zu erzählen haben.

Bild 1 zeigt uns das alte Bischofsschloß von Merseburg mit seinen Türmen, Giebeln und Höfen. Wir sehen, wie der Wehrgedanke es war, der den Bau dieses Schlosses beeinflußt hat. Hochgelegen am Ufer der Saale beherrscht es die Saalebrücke, man konnte also vom Schloß aus den Verkehr über die Brücke kontrollieren und gegebenenfalls verhindern. Die Erfindung des Schießpulvers machte diesen Bau militärisch wertlos, gegen Kanonenkugeln gaben auch diese imposanten Mauern keine Sicherheit mehr. Die Bedeutung dieses Schlosses schwand dahin – heute sind die Regierungsbehörden des Regierungsbezirkes Merseburg in diesem Schloß untergebracht.

Abb. 1 Schloß Merseburg

Auf Bild 2 sehen wir Zwickau, die alte Schwanenstadt mit dem Schwanenteich vor uns. Wundervoll hebt sich aus dem Gewirr der Häuser die alte Stadtsiedlung heraus: die breite Grabenpromenade, die an Stelle der alten Wälle und Gräben angelegt ist, umgibt sie. Und in dieser alten Stadt erkennen wir als Mittelpunkt den Hauptmarkt, der an der Stelle liegt, wo die von Nord nach Süd und die von Ost nach West führenden Hauptverkehrsstraßen sich schneiden. Unmittelbar neben dem Hauptmarkt liegt als Nebenmarkt der Kornmarkt, der dazu diente, den Hauptmarkt zu entlasten. Zwei Brücken führen über die Zwickauer Mulde, zwischen beiden, am Graben gelegen, erblicken wir die gewaltige Anlage des Schlosses Osterstein (heute Gefangenenanstalt).

Abb. 2 Zwickau

An die alte (innere) Stadt ist dann das »moderne« Zwickau angebaut. Die Baufläche ist schematisch in Längs- und Querstraßen aufgeteilt, die ohne Rücksicht darauf, ob sie verkehrsreich sind oder nicht, in gleichmäßiger Breite angelegt wurden – das typische einer modernen Großstadt, die keine stillen Gäßchen, keine lauschigen Winkel kennt, die nur mit dem Lineal des Technikers, ohne die Liebe eines Städtebaukünstlers, konstruiert ist.

Abb. 3 Plauen (Vogtland)

Noch deutlicher tritt diese schematische Raumaufteilung bei Bild 3 in Erscheinung: Plauen im Vogtland. Trostlos wirkt, von oben gesehen, eine derartige, an amerikanische Städte erinnernde Bauweise. Die Höfe der Häuserblöcke sind verbaut mit Hinterhäusern und Fabrikgebäuden, es kommt durch dieses Verbauen der Höfe nicht genügend Licht, Luft und Sonne in die Wohnungen, die in diesen Häusern sich befinden. Die Grundbedingungen also, die Gesundheit gewährleisten, bleiben unerfüllt. Die Bewohner derartiger Mietskasernen (die übrigens noch direkt harmlos gegen die Berliner Mietskasernen sind, bei denen vier bis sechs Höfe und Hinterhäuser hinter einem Vorderhaus liegen) müssen den Zusammenhang mit dem Grund und Boden, mit der Heimaterde verlieren – die verhängnisvollen Folgen der seit 1870 betriebenen Spekulation mit Grund und Boden (Bodenwucher), die zwingt, hoch und eng zu bauen, treten auf diesem Bild deutlich zutage. Wer aber den Zusammenhang mit der Heimaterde verloren hat, wer in seiner »Wohnung« nur noch den Abstellraum für seine Möbel erblicken kann, der kann auch keine Heimatliebe mehr empfinden, weil er sich als ein Ausbeutungsobjekt andrer betrachten muß. Wir haben wirklich keine Veranlassung, verächtlich auf die Bauweise unsrer Vorfahren herabzublicken, die es viel besser verstanden haben zu bauen als wir.

Abb. 4 Bautzen

Den Beweis für diese Behauptung bringt das Bild 4. Wir erkennen auf den ersten Blick die Form der alten Stadt Bautzen. Genügend breite Märkte sind vorhanden. Bei der Straßenaufteilung ist zwischen Wohn- und Verkehrsstraßen unterschieden, das heißt es gibt schmale Straßen, die nur den Zweck haben, den Weg zu den Anliegern zu vermitteln, und breite Straßen, durch die der Verkehr geleitet wird. Wenn wir von oben aus luftiger Höhe in die verschiedenen Häuserblocks hineinschauen, dann finden wir, daß es manchen stillen, heimlichen Winkel gibt, der im Frühjahr und Sommer blüht und grünt, manchen Winkel, in dem man sich ungestört von den Lasten und Mühen des Berufs erholen kann, ohne daß an einem der Verkehr vorbeibraust, wie es auf den Schmuckplätzen der modernen Großstädte üblich ist, die außer staubigen Bänken nur einen Zeitungskiosk und eine Bedürfnisanstalt aufzuweisen haben.

Der Unterschied zwischen alter und neuer Bauerei ist auch auf diesem Bild deutlich zu erkennen: Die alte Stadt paßt sich natürlich dem Lauf der Spree an, ihre Form wird unter geschickter Ausnutzung des Geländes zwar uneinheitlich, aber ansprechend – im Gegensatz zur neuen Stadt, die (rechts oben im Bild deutlich erkennbar) genau so lieblos mit dem Lineal konstruiert ist, wie wir es bei Zwickau gesehen haben.

Abb. 5 Leipzig (Hauptbahnhof)

Daß aber auch in der modernen Zeit schön gebaut werden kann, daß auch die moderne Zeit den Anforderungen gewachsen ist, die die Entwicklung des Verkehrs stellt, ist aus dem nächsten Bild (Bild 5) erkennbar. Wir sehen vor uns den Hauptbahnhof von Leipzig – den größten Bahnhof Europas. Sechs große Bahnhofshallen nehmen den aus allen Himmelsrichtungen zu diesem Zentralpunkt zusammengeleiteten Verkehr auf, eine mächtige Querhalle verbindet diese sechs Hallen, von dieser Querhalle aus wird dann der auf sechsundzwanzig Bahngleisen in die Großstadt hereinbrausende Nah- und Fernverkehr aufgesogen und verteilt. Ein Blick auf die wohlgeordnete – den Laien auf den ersten Blick vielleicht verwirrende – Gleisanlage zeigt die gesamten eisenbahntechnischen Anlagen deutlicher und übersichtlicher als man das alles übersehen kann, wenn man im Zuge schnell an alledem vorüberflitzt. Auch vor dem Bahnhof herrscht lebhafter Verkehr – wir erkennen das an den zahlreichen Straßenbahnen, Autos, Droschken und – sogar einzelnen Menschen.

Abb. 6 Chemnitz (Kohlenbahnhof)

Und schließlich noch ein modernes Bild: der Kohlenbahnhof und die Eisenbahnwerkstätten von Chemnitz. Diese Anlage stellt einen Höhepunkt unsrer technischen Entwicklung dar – allerdings ist der Rückgang, der sich auf allen Gebieten nach dem verlorenen Krieg und dem Friedensvertrag von Versailles zeigt, auch hier zu spüren: in frühren Zeiten war auf diesem Bahnhof wesentlich mehr rollendes Material abgestellt als heute. Das Ganze macht einen wohldurchdachten Eindruck, vom Standpunkt des Technikers kann man die ganze Anlage schön und formvollendet nennen. Wir merken in unserm Flugzeug nichts von Staub und Rauch, der unten auf der Erde die Menschen belästigt, wir urteilen also frei und unbefangen und schließen uns der Ansicht des Technikers an. Die Bahnhöfe unsrer Heimat haben auch ihre guten Seiten, wenn es auch nicht immer gleich auf den ersten Blick zu spüren ist!

Der mir zur Verfügung stehende geringe Raum zwingt mich, meine Arbeit mit dieser Auswahl von sechs Luftbildern abzubrechen. Ich hoffe, mit diesen Bildern einige Anregungen gegeben zu haben, die gelegentlich einmal ergänzt werden können. Gerade weil uns diese Luftbilder eine Fülle von Gedanken zu geben vermögen, sind sie als Unterrichtsmittel für alle Bestrebungen zu verwenden, die sich damit befassen, die Liebe zu unsrer Heimat zu erwecken und zu pflegen.

(Das benutzte Bildmaterial stammt aus dem ehemaligen Fliegerhorst Großenhain)

Für die Schriftleitung des Textes verantwortlich: Werner Schmidt – Druck: Lehmannsche Buchdruckerei
Klischees von Römmler & Jonas, sämtlich in Dresden

Lose erhältlich

in Chemnitz bei Zigarrenhaus Richard Meye, Johannispl. 12

in Leipzig bei Verkehrsverein, Naschmarkt / Dürerhaus Volkskunst Fr. Bosse, Weststraße 34 / Verkehrsbüro des Meßamtes, Markt / Bauunternehmung Rud. Wolle, Gottschedstraße 17

in Dresden bei Heimatschutz, Dresden-A., Schießgasse 24

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Lehmannsche Buchdruckerei, Dresden-A.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

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