Die kursächsischen Postmeilensäulen

Erster Nachtrag mit vier Aufnahmen des Verfassers von Dr. Kuhfahl, Dresden-A 1

Das Postwesen Augusts des Starken, das ich samt seinen steinernen Überresten vor Jahresfrist zu schildern versuchte (Heft 4 bis 6, 1922), hat in heimatliebenden Kreisen augenscheinlich großes Interesse erregt, so daß mir in vielen Dutzenden von Zuschriften eine Menge von Ergänzungen aus allen Teilen des einstigen kursächsischen Staatsgebiets zugegangen sind.

Bekanntlich liegen die Anfänge eines geordneten Postverkehrs jetzt zweihundert Jahre zurück. Gegenüber andren unklaren geschichtlichen Vorgängen zählt diese Frage also zu den jüngsten, und man kann angesichts ihres geringen Alters wohl gar nicht einmal von einer wirklichen Erforschung der steinernen Postmeilenzeichen sprechen. Obendrein sind wir durch die aktenmäßigen Unterlagen, die uns bis auf wenige Ausnahmen erhalten blieben, über die Absichten und die Maßnahmen Augusts des Starken und seines Landesgeometers Zürner seit 1722 bis in die Einzelheiten genau unterrichtet, so daß sich eine geschichtliche Darstellung des ganzen Unternehmens mit voller Sicherheit und Vollständigkeit geben läßt.

Tatsächlich liegen seit hundert Jahren auch bereits die verschiedensten Schilderungen vor, aber die praktische Seite der Sache ist bis heute lückenhaft geblieben, denn es fehlen bereits aus augusteischer Zeit urkundliche Belege oder andere Anhaltepunkte dafür, inwieweit die kurfürstlichen Befehle im Laufe der Jahre oder Jahrzehnte wirklich in die Tat umgesetzt, d. h. wieviel und an welchen Punkten nun wirklich die verlangten Postmeilenzeichen errichtet worden sind.

Die dreiundachtzig Aktenhefte aus den Jahren 1722 ff., die heute in den Staatsarchiven von Dresden, Berlin und Magdeburg aufbewahrt werden, sind alphabetisch nach Städtenamen und Amtsbezirken geordnet. Einige Dutzend mögen verloren gegangen sein, denn es fehlen nicht allein die ersten drei Buchstaben, sondern auch viele Orte, die sicherlich schon damals mit dem Poststraßennetz in Beziehung gestanden haben oder in Wirklichkeit, wie Altenberg, Aue, Bärenstein, Bischofswerda, Krakau bei Königsbrück, Pegau usw., mit Distanzsäulen versehen worden sind.

Wenn es einerseits also verschiedene Städte mit Postsäulen gibt, deren Entfernungsangaben, Inschriftsentwürfe, Kostenanschläge oder dergleichen urkundlich nicht auf uns gekommen sind, so kann man anderseits freilich aus dem bloßen Vorhandensein eines Aktenfaszikels noch längst nicht mit Sicherheit darauf schließen, daß die städtische Distanzsäule oder die Reihe der Straßenzeichen nun auch tatsächlich in der anbefohlenen Weise errichtet worden sei, denn die kostspieligen Pläne des prunkliebenden Fürsten fanden bei den Untertanen eine ziemlich abfällige Kritik.

Während Zürner ursprünglich die Weisung hatte, in jeder Stadt vor jede Torausfahrt eine große Wegsäule setzen zu lassen, auf der die Entfernungen der auslaufenden Straßen dutzendweise eingemeißelt werden sollten, mußte dieser Plan angesichts der ablehnenden Haltung sämtlicher einzelner Stadtverwaltungen stark eingeschränkt werden. Fast alle Aktenfaszikel enthalten nämlich einen ehrerbietigsten Protest des betreffenden Bürgermeisters, in dem die Leere des Stadtsäckels und die Armut der Bürgerschaft dargestellt und um Befreiung von der neuen Last gebeten wird. Der Bescheid des Kurfürsten geht dann nach Zürners eigenhändigem Entwurfe zumeist dahin, daß gnadenweise statt mehreren Torsäulen nur eine Marktsäule angeschafft oder daß in besonderen Fällen nur zwei bis drei der wichtigeren Tore besetzt werden sollten. Die meisten Aktenhefte schließen mit diesem Bescheid und nur selten finden sich Kostenanschläge, Steinmetz- und Maurerrechnungen, Fuhrlohnquittungen, Gesamtabrechnungen oder ähnliche Papiere, aus denen man auf die wirkliche Aufstellung der Distanzsäulen in der Stadt schließen kann.

Auch über den Ausbau der Meilenbezeichnung an den Poststraßen geben die Akten nur vereinzelt sichere Auskunft.

Interessante ausführliche Baurechnungen und Aktengebühren enthält z. B. das Faszikel Frauenstein (XXXI. F 26 35547) über die drei Meilensäulenmodelle an den Straßen nach Dippoldiswalde und nach »Döplitz«. Wir finden da für Viertelmeilsäule Nr. 53 folgende Posten:

5 Th.8 gl.Lohn für ¼ M Säule einschl. Maler und Bildhauer
4 gl.Ladtegeldt beim Aufladen im Steinbruch
2 gl.4 ₰Neubefestigung der Säule
9 gl.3 eiserne Dübel
16 gl.Einmachen der Dübel
1 Th.12 gl.Lohn an Maurermeister für Grund, beim Auf- und
Abladen zugegen zu sein u. s. w.
9 Th.22 gl.4 ₰

In andren Akten werden vom Fiskus auch die Werkzeichnungen und Kupferstiche (vgl. Mitt. Abb. 1, S. 72, 1922) noch mit drei Groschen in Rechnung gesetzt und umfängliche Gebühren für die Aktenführung eingestellt.

Neben andern ausführlichen Abrechnungen liefern uns ferner die Reiseberichte Zürners aus späteren Jahren manchen Beweis über Vorhandensein und Beschaffenheit der Straßenzeichen. 1724 wurde z. B. auf einer Revisionsfahrt Dresden–Dippoldiswalde–Frauenstein festgestellt: »Die Säulen 4 bis 10 wackeln. Schrift schlecht. Schlecht gestrichen.« Der Viertelmeilenstein mit der Zahl neun und dem Jahr 1723 ist heute inmitten Dippoldiswalde selbst aufgestellt und stammt zweifellos von einer Außenstrecke. Ein Ratsbericht vom 27. Juli 1725 erwähnt eine Distanzsäule vor dem Obertor und eine Viertel- und eine Halbmeilensäule auf der Dresdner und Gebirgischen Hauptlandstraße im Weichbild. Mit einer zweiten Distanzsäule vor dem Niedertor wird die Stadt durch Reskript vom 18. September 1725 jedoch nach vielen Verhandlungen verschont.

Ähnliche Berichte über Verfall, Zerstörung, Wiederaufrichtung und Vorhandensein der Straßensäulen finden wir zwar noch in mehreren Aktenstücken; ein Gesamtbild von der planmäßigen Besetzung der Poststraßen läßt sich aber daraus nicht entnehmen, so daß wir auch hier, ähnlich wie bei den Stadtsäulen, über den einstigen Bestand völlig im Unklaren bleiben.

Wenn man also heute nach zweihundert Jahren ein Verzeichnis der übriggebliebenen Postzeichen aus allen Teilen des Landes aufstellen will, so ist man trotz ihres geringen Alters doch genau wie bei einer wirklichen Altertumsforschung darauf angewiesen, allerwärts aufs Geratewohl zu suchen und zu fragen. Neben der Umschau in der Natur können Bilder, Reisebeschreibungen, Pressenotizen und Ansichtskarten vielleicht auf die richtige Spur leiten. So finden wir z. B. auf Aquarellbildern im Oschatzer Museum die beiden verschwundenen Distanzsäulen vor dem Spitaltore und vor der Gottesackerkirche oder auf einem Stadtbild von Nossen einen Halbmeilenstein am rechten Muldenufer abgebildet. Bei manchen persönlichen Mitteilungen ist zumeist Vorsicht geboten; so hatte ich ohne eigne Nachprüfung aus der Literatur zwei Distanzsäulen am Parktor von Schloß Lichtenwalde bei Chemnitz unter Nr. 22 und 23 meines Verzeichnisses von 1922 aufgenommen. Als ich sie nachträglich noch aufsuchen wollte, war nichts von ihnen zu sehen und der Schloßherr versicherte mir, daß auch nie eine solche Säule auf seinem Besitztum gestanden habe. Hier liegt wahrscheinlich eine Verwechslung mit den zwei Säulen am Moritzburger Schlosse vor; jene beiden Nummern sind also zu streichen.

Gleichfalls nicht zu finden ist die Viertelmeilenplatte Nr. 73 an der Wasserschänke bei Röhrsdorf. Nach Auskunft der Bewohner soll sie überhaupt nicht dort gestanden haben und ist infolgedessen ebenfalls im Verzeichnis zu tilgen.

Mit solchen Fehlern, denen ich später noch andre anzufügen habe, muß man erfahrungsgemäß bei allen Erkundigungen rechnen, die nicht ausschließlich auf eignem Augenschein beruhen, aber trotzdem bleibt solche Umfrage das einzig wirksame Mittel und die Forschung läßt sich – besonders in heutiger Zeit – nur betreiben, wenn es gelingt, eine möglichst große Zahl ortskundiger Helfer für die Sache zu interessieren. Da dies aber nur auf dem Wege durch die Presse möglich ist, so mag es nicht verwunderlich erscheinen, wenn meine erste Veröffentlichung, bei der ich insgesamt neunundsiebzig Distanzsäulen und Meilenzeichen zusammengebracht hatte, nicht nur zu verbessern, sondern auch verschiedentlich zu ergänzen ist.

Neben steinernen Bruchstücken in Museen oder Privatbesitz oder neben Meilenzeichen an entlegenem Orte haben sich drei wohlerhaltene städtische Distanzsäulen gefunden, die zwar an ihrem Platze täglich von allen Einheimischen gesehen werden, in der heimatlichen Literatur aber für den Sammler bisher nicht zu finden waren. Infolgedessen glaube ich auch heute nicht, daß die Sammlung mit diesem ersten Nachtrag völlig erschöpft sein wird, sondern bitte, mit wiederholtem Dank an alle Einsender, auch künftig um Beschreibung weiterer Funde. – Ergänzende Mitteilungen über die Jahreszahlen einiger Distanzsäulen hat mir Eisenbahninspektor Bernhard Meinke gemacht. Demnach ist in Tabelle A a, b, Heft 4/6, 1922 nachzutragen:

Johanngeorgenstadt 1728, Jöhstadt 1730, Königstein 1727, Marienberg 1727, Penig 1733, Guben 1736, Ullersdorf am Queis 1725.

Zur Fortsetzung meiner früheren Listen von Distanzsäulen und Meilenzeichen sei auf die heutige Anlage verwiesen und hierzu noch folgende Bemerkungen angeknüpft.

Für das Städtchen Frankenberg gibt ein kurfürstlicher Erlaß vom 20. November 1773 (Akten XXXI F 25 35547) auf Ansuchen die Genehmigung, daß an Stelle mehrerer Torsäulen nur eine Marktsäule mit sämtlichen Entfernungsangaben zu errichten sei. Die Verhandlungen darüber zogen sich aber dann noch mehrere Jahre hin und die Akten endigen schließlich, ohne ein Ergebnis erkennen zu lassen. In Übereinstimmung mit der mündlichen Überlieferung, die noch heute in der Stadt fortlebt, kann man also annehmen, daß der Obelisk ursprünglich am Marktplatz gestanden hat. Um 1820 ist er bei Errichtung des Marktbrunnens nach der Altenhainer Straße gebracht und vor etwa vierzig Jahren nochmals nach seinem heutigen Platz südlich der Kirche versetzt worden. Ausbesserungen sind 1909 und 1922 mit großem Geschick vorgenommen worden, sodaß die Inschriften bis heute lesbar blieben. Da sie ein besonders interessantes Bild von den Verkehrsbeziehungen und Verkehrsmöglichkeiten eines sächsischen Landstädtchens in damaliger Zeit bieten und nebenbei auch die Schwierigkeiten der brückenlosen Straßen bei den regelmäßigen Überschwemmungen der Gebirgsflüsse kennzeichnen, seien sie hier wiedergegeben:

1. an der Seite nach der Kirche:

Beym Baue nauß
Von Frankenberg nach
SachsenburgSt.5/8
Mittweyda2 St.¾
Rochlitz6 St.¼
1)Leipzig16 St.¼
Merseburg27 St.3/8
9)Langensalza53 St.
7)Halla29 St.1/8
1)Colditz9 St.½
Grimma13 St.
Leißnig7 St.7/8
Wermsdorff11 St.5/8
1)Torgau8 St.
3)Wittenberg28 St.½
Waldheim4 St.
Haynichen3 St.
Döbeln
1)Nossen3/8
2)Meißen0 St.¾
2)Dresden13 St.¾
4)Budissin
1)Moritz

2. an der Seite nach der Stadtbrauerei und

3. wiederholt an der Seite nach der Kirchgasse:

Am Gasthoffe nauß
Von Frankenberg nach
1)Freyberg6 St.
2)Dressden13 St.¾
Oederan2 St.7/8
Sayda8 St.
Brix16 St.
Zur Altenh. Gasse nauß
Augustburg3 St.
1)Marienberg8 St.
Grenze11 St.
Commothau14 St.
Prag36 St.
Bey großen Wasser
Flöhbrücke1 St.½
1)Chemnitz4 St.1/8
1725

4. an der Seite nach dem Handelschulgarten:

Durchs Wasser von Frankenberg
nach
1)Chemnitz3 St.1/8
2)Annaberg10 St.5/8
Schlettau11 St.
Wiesenthal15 St.1/8
Grenze11 St.
Carlsbad21 St.6/8
2)Stollberg7 St.1/8
3)J. G. Stadt16 St.1/8
3)Schneeberg11 St.7/8
2)Zwickau10 St.¾
1)Reichenbach15 St.7/8
4)Plauen20 St.¾
Grenze11 St.
5)Hoff26 St.¾
Nürnberg62 St.
1)Poenig6 St.
Zeitz16 St.
3)Naumburg22 St.
2)Mittweida2 St.7/8
1)Leipzig 16 St.

Die zweite Distanzsäule ist für das Städtchen Grünhain nachzutragen. Im Aktenstück Grünhayn (rep XXXI G 45 35553) finden wir die Nachbarorte Schlettau, Zwönitz, Elterlein und Geyer mitbehandelt. Von der Schlettauer Säule, die nach einem Erlaß vom 21. Februar 1727 an Stelle von drei Torsäulen auf den Markt gesetzt werden sollte, habe ich bis jetzt keine Spur entdecken können. Dagegen wurden die drei andern Stadtsäulen bereits früher als vorhanden aufgeführt.

Abb. 1 Erneuerte Distanzsäule in Frankenberg

Das Grünhainer Stück ist aus weißem Granit gefertigt und zeigt die Formen eines Distanzobelisken ohne den plastischen Wappenzierat; es sollte nach einem Befehl vom 20. Dezember 1723 vor dem Amtshaus aufgestellt werden, ist also augenscheinlich später nach dem jetzigen Platz an der Straße versetzt worden. Der Streit um die Kosten, der übrigens auch durch einen umfänglichen Schriftwechsel aktenmäßig bestätigt wird, lebt im Volksmunde, wie man mir mehrfach berichtete, in folgender Gestalt weiter: Der Staat habe die versprochene Beihilfe verweigert. Daraufhin hätten die Grünhainer das Wappenstück mit dem kurfürstlichen und königlich polnischen Schildern zerschlagen, auch habe man die Entfernungen gegen Chemnitz, Lößnitz und Schneeberg nicht einmeißeln lassen und die Säule am Amtshaus weggenommen, um sie auf städtischen Boden zu stellen.

Auf eine dritte wohlgepflegte Distanzsäule stoßen wir schließlich in Pegau an der Elsterbrücke. Ein Aktenheft von Pegau ist nicht vorhanden, doch ergibt sich aus verschiedenen örtlichen Mitteilungen, daß der Obelisk seit 1723 hier am Leipziger Tor gestanden hat, während ein zweiter sich am Obertor befand. Der letztere ist seit 1873 verschwunden, während der andere durch den Verschönerungsverein unter Beihilfe des Stadtsäckels und des Landesamts für Denkmalspflege mehrere Male sorgfältig ergänzt und erneuert worden ist. Dabei hat man im Jahre 1898 zum Regierungsjubiläum des Königs Albert, das verstümmelte Wappenstück durch ein neues aus Nebraer Stein ersetzt und im Jahre 1922 farbig bemalt.

Diese drei städtischen Distanzsäulen sind bezeichnenderweise die einzigen nachgemeldeten Funde von guter Beschaffenheit; alles übrige stellt nur Bruchstücke und verstümmelte Reste dar. Da aber auch diese geeignet sind, das einstige Bild vervollständigen zu helfen, so mögen sie kurz geschildert werden.

Die Tharandter Säule ist mit einem sechzig Zentimeter hohen, leidlich erhaltenen Wappenteil erhalten, das am Mühlgraben gegenüber dem Kurhaushotel bei einer kleinen Brücke aufgepflanzt ist.

Von einer der Meißner Torsäulen steht der sechsundachtzig Zentimeter hohe konische Teil mit Wappen und Inschriften jetzt im Privatgarten Liebenecke bei Cossebaude. Angeblich stammt das Stück vom Lommatzscher Tor und aus dem Jahre 1722.

Ein zwei Meter langes Bruchstück der Stadtsäule hat sich in Frauenstein in einem Privatgarten am Treffpunkte von Bahnhof und Freiberger Straße erhalten. Auf Grund eines kurfürstlichen Erlasses vom 7. Oktober 1723 wurde dem kleinen Bergstädtchen nachgelassen, eine einzelne Marktsäule an Stelle von vier Torsäulen anzuschaffen. Dieselbe Genehmigung erhielt nach dem gleichen Aktenheft im Jahre 1727 auch der Nachbarort Sayda; bei beiden Orten fehlt aber der aktenmäßige Anhalt dafür, ob die Befehle ausgeführt worden sind. Während in Sayda sich augenscheinlich nichts von der Distanzsäule erhalten hat, ist in Frauenstein durch privates Interesse des früheren Bürgermeisters das Wappenstück und der anschließende konische Stein mit verwitterten Inschriften aus dem Schutt des großen Stadtbrandes von 1869 gerettet worden.

Das Wappenstück einer Distanzsäule erwähnte ich früher als Nr. 5 des Verzeichnisses im Hausflur des Rathauses von Elstra bei Kamenz. Der Stein zeigt einen seltsamen rhombischen Durchschnitt und weist noch einen eisernen Bolzen auf, mit dem er auf dem unteren Stück des Obelisken eingelassen gewesen ist. Aktenmäßige Unterlagen sind hier ebensowenig vorhanden, wie für das meterhohe Mittelstück einer Distanzsäule, das im Heimatmuseum der benachbarten Stadt Bischofswerda steht (Nr. 60 des Verzeichnisses, Heft 4/6, 1922). Die Inschrift 1724 und viele Entfernungsangaben, z. B. Reichenbach 36 Stunden, Hof 46 Stunden usw., sind gut erhalten und lassen darauf schließen, daß der Stein wirklich aus Bischofswerda stammt.

Einige kümmerliche Bruchstücke des Wappenteiles wurden mir aus Lommatzsch gemeldet. Nach der allgemeinen augusteischen Anweisung sollten auch dort zunächst vier große Distanzsäulen vor den vier Toren aufgestellt werden; auf das Gesuch des Rates vom 1. September 1725 genehmigte der Kurfürst jedoch, daß nur eine Säule am Markt und »tüchtige Armensäulen vor den Toren« gesetzt würden. Die handgroßen Trümmer von Krone und Wappenspiegeln, die seit vierzig oder fünfzig Jahren im Giebel einer Scheune des Apothekengrundstücks an der Promenade eingemauert stecken, stammen also zweifellos von dieser Marktsäule, die man hier, wie an manch anderem Orte, bei den fiskalischen Chausseebauten um die Mitte des vorigen Jahrhunderts beseitigt hat. Da sich aber doch nach den Beispielen von Frauenstein und Lommatzsch auch anderwärts hier und da ein vernünftiger Mensch gefunden haben könnte, der ein altersgraues Kunstwerk vor der Vernichtung bewahrte, so verlohnt es sich vielleicht in mancher kleinen und mittleren Stadt noch weitere Nachsuche nach solchen Teilstücken zu halten.

Man mag dabei besonders auf die konischen Längsteile der Distanz- und Meilensäulen achten, die mehrmals schon als Steinbank oder Türschwelle wiederentdeckt worden sind.

Von den Postmeilenzeichen an der Straße sind gleichfalls noch eine Anzahl unbekannter aber meistenteils unvollständiger Stücke zum Vorschein gekommen.

Der schlanke Obelisk für die ganze Meile steht in Schönfeld an der »hohen Straße« von Großenhain nach Königsbrück, an der übrigens auch noch eine Halbmeilensäule bei Sacka und ein Viertelmeilenstein bei Quersa neu entdeckt wurden. Die Schönfelder Säule trägt gleich den andern beiden den Namenszug und die Zahl 1722. Sie dient als Wegweiser in der Nähe der Kirche und besteht nur noch aus dem konischen Teil, während der Unterbau fehlt.

Eine andere Meilensäule wurde mir aus Frankenhausen an der Pleiße gemeldet. Posthorn und Jahreszahl 1726 sind sichtbar; der Rest der Inschrift dagegen stark verwittert. Von dem leidlich erhaltenen Denkmal ist die Spitze in etwa Meterlänge verschwunden und nur der eiserne Verbindungsdübel noch sichtbar.

Über Halbmeilensäulen außerhalb Sachsens ist mir eine Meldung aus Halle zugegangen, die ich nicht selbst nachprüfen konnte. An der Landsberger Kunststraße, drei Kilometer nördlich Kölsa, soll sie bei P. 109 der Generalstabskarte am nördlichen Straßenrand stehen und der Deckplatte beraubt sein.

Über die Halbmeilensäule im Wermsdorfer Staatsforstrevier (Nr. 77 des Verzeichnisses von 1922) sei bemerkt, daß ich bei einem Besuch im Herbst 1922 die Deckplatte am Boden liegend fand, so daß auch dies einzige vollständige Stück nun nachträglich Schaden erlitten hat.

Abb. 2 Rest einer Meilensäule in Schönfeld bei Großenhain

Eine andere Halbmeilensäule, die beim Kunststraßenbau ausnahmsweise nicht zu Schotter gehackt worden ist, findet sich an der »Hohen Straße« Großenhain–Königsbrück, und zwar wenige Schritte westlich des Wegkreuzes Sacka–Glauschnitz, Tauscha–Röhrsdorf. Der Stein steht ohne den üblichen Unterbau und ohne Deckplatte am Grabenrand und trägt die Inschrift 1722.

Ein völlig modellgerechtes Stück, das am Fuß und Kopf ergänzt worden ist, trifft man seit Herbst 1922 an der Kunststraße Freiberg–Oederan bei Kilometer 6,4, gegenüber dem Oederaner Schützenhaus. Es verdankt dem Architekten Reinhard Kempe in Oederan seine Auferstehung. Das Mittelstück hatte dort seit undenklichen Zeiten als Bank gedient und fiel dem Entdecker durch seine konische Form auf. Beim Umwenden kam die nach unten liegende Inschrift »AR. Oederan ½ St., Chemnitz 5¼ St.

1722« zutage und ließ den Ursprung erkennen. Der Erzgebirgsverein Oederan und das Landesamt für Denkmalpflege stellten die Geldmittel für die Ergänzung und Wiederaufstellung zur Verfügung und so ist durch gemeinsame Bemühungen dort an der großen erzgebirgischen Querstraße, inmitten einer schönen Baumgruppe wenigstens ein vollständiges Beispiel für die Nachwelt erhalten worden.

Abb. 3 Ergänzte und wieder aufgestellte Halbmeilensäule am Schützenhaus von Oederan

Noch größer als die Zahl der Halbmeilensäulen, ist die der wiederentdeckten Viertelmeilensteine.

Außerhalb Sachsens wurde mir – in Verbindung mit einer Halbmeilensäule – eine Viertelmeilenplatte am Westrande der Kunststraße Halle–Landsberg bei Gerbisdorf, und zwar hundert Meter nördlich vom Südwestende des Dorfes gemeldet. Sie soll dem einstigen Modell in Umriß, Profilierung und Größenverhältnissen durchaus ähnlich sein. Die Sockelplatte liegt daneben im Grase und die Inschriften erscheinen kaum noch leserlich.

Ein anderes Viertelmeilenzeichen mit der Zahl 1722 steht an der schon mehrmals erwähnten »Hohen Straße« auf Flur Quersa am Wegkreuz Schönfeld–Quersa, Lampertswalde–Mühlbach. Es ist stark verwittert und ohne Unterbau und Oberteil einfach am Feldrand aufgerichtet.

Ein guterhaltener Viertelmeilenstein vom Jahre 1724, dem jedoch die dreieckige Oberplatte fehlt, findet sich bei Schwarzenberg am Wegkreuz Antonstal–Unterrittersgrün, Crandorf und Breitenbrunn. Er hält die richtige Entfernung zu dem Meilenobelisk von Crandorf ein und dürfte zu einem alten Gebirgsübergang gehört haben. Vielleicht lohnt es sich, gerade dort in den einsameren Gebirgswäldern, die vom Kunststraßenbau verschont blieben, noch eine Suche nach weiteren Steinen in südlicher Richtung vorzunehmen.

Eine Porphyrplatte mit Posthorn, Namenszug und 1722 steht jetzt im Rittergutsgarten zu Kötteritzsch bei Großbothen. Der Rittergutsbesitzer Dr. Becker hat das Teilstück vor etwa fünfundzwanzig Jahren im Straßengraben des Weges Kötteritzsch–Großbothen in halbversunkenem Zustand aufgefunden und auf sein Grundstück gerettet. Das Viertelmeilenzeichen mag, ebenso wie die Meilensäule von Ballendorf (am Weg Lausigk–Colditz), zu einer Verbindung von Leipzig über Grimma nach Colditz gehört haben.

Ein andres rechteckiges Hauptstück mit Posthorn, Namenszug und 1727 ist in die Stützmauer an der Straße von Bahnhof Wolkenstein nach Drehbach in etwa fünfhundert Meter Entfernung vom Bahnhof eingebaut. Mehrere andere Funde sind noch aus dem Verzeichnis, Anlage b, zu entnehmen.

Neben all diesen neuentdeckten Postmeilenzeichen, von deren Vorhandensein ich mich entweder zumeist persönlich oder durch vorgelegte Photographien überzeugt habe, sind mir noch eine Anzahl weiterer Stücke gemeldet worden, deren Zusammenhang mit der augusteischen Poststraßenbezeichnung fraglich erscheint und noch der Prüfung bedarf. So sah ich bei meinem nachträglichen Besuch im Wermsdorfer Staatsforst, daß die vermeintliche Viertelmeilenplatte auf Forstabteilung 25 (Nr. 78 des Verzeichnisses von 1922) dem vorigen Jahrhundert und seinen Chausseebauten entstammt und nichts mit August dem Starken zu tun hat. Auch sonst werden diese Meilensteine von 1830, die im Gegensatz zum originalgetreuen Viertelmeilenzeichen keine Spitze sondern einen walzenförmigen Abschluß und zwei gußeiserne Kronen an den Seitenflächen tragen, sehr häufig mit der kurfürstlichen Poststraßenbezeichnung verwechselt, so daß ich manches der mir mitgeteilten Fundstücke nicht aufnehmen konnte. –

Abb. 4 Rest eines Viertelmeilensteins bei Quersa

Neuere Drucksachen über die Postzeichenfrage im allgemeinen sind mir nicht zu Gesicht gekommen, sehr groß dagegen ist die Zahl älterer Kupferstiche, Holzschnitte und Gemälde, auf denen verschwundene oder vorhandene Meilensteine als Schmuckstück des Landschafts- und Städtebildes erscheinen. Ich muß es aber – schon aus Sparsamkeitsrücksichten – unterlassen, das frühere unter B b begonnene Literaturverzeichnis fortzuführen, zumal die Aufzählung all dieser schwer erreichbaren Bücher oder Einzelblätter wohl wenig praktischen Wert hätte. Besondere Entdeckungen wären damit heutzutage ebensowenig in der Landschaft zu machen, wie mit Hilfe der Standorte, die aus einigen Akten hervorgehen; habe ich doch sogar auf vielen Fußwanderungen, Rad- und Autofahrten bereits vergeblich nach denjenigen lückenhaften Reihen von Meilenzeichen gesucht, die der Oberreitsche Landesatlas zu Anfang des vorigen Jahrhunderts – also hundert Jahre nach ihrer Errichtung – noch als vorhanden nachweist. Wenn es also auch sehr interessant sein mag zum Beispiel auf den Dresdner Stadtplänen Heßlers von 1833 noch die Distanzsäulen am Pirnaischen Schlag, am Bautzener Platz und Leipziger Tor durch M. S. bezeichnet zu finden, oder in einer Chemnitzer Stadtbeschreibung von E. Weinhold die Obelisken an der Annaberger Straße und Zwickauer Straße abgebildet zu sehen, so steht bekanntermaßen dort nirgends ein Stein mehr.

Weiteres planmäßiges Forschen auf Grund bildlicher und literarischer Unterlagen hat also keinen Zweck, dagegen mögen die bekanntgewordenen und die noch ans Licht kommenden Stücke aller Art und Größe in Zukunft um so sorgfältiger erhalten bleiben.

Anlage I