Eine sächsische Afrika-Expedition vor zweihundert Jahren
Von Dr. Martin Große, Dresden
Heimatboden und Heimatgeschichte gehören unauflöslich zusammen, und so ist es recht und billig und dankenswert, daß der Landesverein Sächsischer Heimatschutz nicht nur die heimatliche Landschaft »allen Gewalten zum Trotz« zu erhalten sich bestrebt, sondern daß er auch die Förderung heimatlicher Geschichte sich angelegen sein läßt und seine »Mitteilungen« bereitwilligst der Erörterung kulturgeschichtlicher Fragen öffnet. Dadurch lernt der außerhalb der grün-weißen Grenzpfähle so gern bespöttelte Sachse sein Land und Volkstum lieben und stolz sein auf das, was vergangene Jahrhunderte an wertvollem und erhaltenswertem Kulturgut geschaffen haben.
Schon von diesem allgemeinen Gesichtspunkt aus gesehen, ist es sehr verdienstlich, daß Dr. Koepert die Geschichte des Jägerhofes zu Dresden bearbeitet hat. Der in Heft 10/12 (Bd. XI) veröffentlichte Aufsatz, der die Baugeschichte, die kurfürstliche Menagerie, das Jagdwesen usw. behandelt, führt aber auch aus der sächsischen Heimat hinaus in den dunkeln Erdteil Afrika, indem er sich ziemlich ausführlich mit der Hebenstreitschen Expedition nach Nordafrika (1731/33) befaßt. Der Verfasser stützt sich dabei ausschließlich auf den im Jahre 1865 von dem damaligen Archivdirektor K. von Weber im Archiv für sächsische Geschichte (Bd. III) veröffentlichten Bericht, während ihm eine im Jahre 1902 erschienene Arbeit[5], die ausschließlich jene Reise zum Gegenstande hat, unbekannt geblieben zu sein scheint.
Von den Hebenstreitschen Reisebriefen an den Kurfürsten August den Starken erschien die eine Hälfte gedruckt 1783, die andere, wichtigere gar erst 1865 in dem erwähnten Weberschen Auszuge. Einer von Hebenstreits Reisebegleitern war Christian Gottlieb Ludwig, damals stud. med. in Leipzig. 1709 in Brieg (Schlesien) geboren und aus dürftigsten Verhältnissen stammend, verlebte er eine sorgenschwere Kindheit und Studienzeit. Nach der afrikanischen Reise vollendete er seine Studien und starb 1773 in Leipzig als Professor der Medizin, Dekan und Mitglied vieler gelehrter Gesellschaften. Die literarischen Fähigkeiten des jungen Ludwig erfreuten sich der wohlwollenden Förderung Gottscheds. 1765/66 war der junge Goethe regelmäßig Tischgast des Ludwigschen Hauses und hat dort vor allem in naturwissenschaftlicher Beziehung mancherlei Anregung erhalten.
Erst zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts führte ein glücklicher Zufall zur Entdeckung des von Ludwig verfaßten, wertvollen handschriftlichen Reiseberichts in der Universitätsbibliothek zu Leipzig (»Observationes miscellaneae Durante Itinere Africano Scriptae, 1731/33«). Dieses Reisetagebuch von vierhundert engbeschriebenen Quartseiten Umfang als Hauptquelle und andere neuaufgefundene Akten und Handschriften lassen die sächsische Afrikaexpedition von 1731/33 in einem ganz anderen Licht erscheinen als früher. Die von einem sächsischen Fürsten ausgesandte, aus sechs wissenschaftlich gebildeten Mitgliedern bestehende, in einem großen Stil angelegte und nur zu wissenschaftlichen Zwecken bestimmte Expedition eröffnet das Zeitalter der wissenschaftlichen Forschungsreisen.
Es kann nicht Zweck dieses Aufsatzes sein, auf die Reise selbst einzugehen, so wichtig ihre Stellung in der Geschichte der Entdeckungen ist, wohl aber dürfte manchen unsrer engeren Landsleute die Vor- und Nachgeschichte jener einzig dastehenden sächsischen Afrika-Expedition interessieren.
Das Archiv der Generaldirektion der Staatssammlungen enthält ein bisher unveröffentlichtes Aktenstück, das sich auf die Hebenstreitsche Afrikareise bezieht. Es umfaßt u. a. eine Zusammenstellung Hebenstreits über seine und seiner Reisebegleiter Pflichten, eine »Beylage derer Sachen, welche insonderheit anzuschaffen mich äußerst bemühen werde« (Quadrupedia, Volabilia, Insecta, Pisces, Partes animalium, Vegetabilien, Marinische Gewächse, Mineralien). Der in demselben Aktenstück befindliche ausführliche Reiseplan, den Hebenstreit dem König überreichte, läßt uns einen Begriff gewinnen, welche vielseitigen Aufgaben die Reisegesellschaft zu erledigen sich vorgenommen hatte. Da dieser Reiseplan für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Forschungsreisen gleich wichtig ist, sei er hier in seiner ganzen Ausdehnung wiedergegeben, und das um so mehr, als er bisher noch niemals veröffentlicht worden, also gänzlich unbekannt geblieben ist. Er hat folgenden Wortlaut:
»Nachdem ich auf allerhöchsten Königl. Befehl die Reiße nach Africa übernommen und zu gewißenhafter Verwaltung meines Ampts bereits den Eyd der Treue abgelegt, habe ich zu Ausfertigung meiner Instruktion nach Vorschrifft theils derer von Ihro Königl. Majesté erhaltenen Befehle, theils derer von dem Herrn Hoffrath und Leib Medico von Heucher gegebene Nachrichten folgende puncte entworffen:
Ich soll zwar in allen Reichen der Natur das seltsamste und der attention eines Königs würdigste aufnehmen, vornehmlich aber ist Ihro Kgl. Maj. allerhöchster Wille, lebendige Tiere von allen möglichst zu erhaltenden Arten zu übersenden, von welchem Hauptpunkte als der vornehmsten Absicht ich durchaus nicht abweichen soll. Darnach werde ich mich bemühen, nachdem ich verstanden, daß dieses des Königs Wille sey
1.) Einige wohlgewachßene junge gesunde, meiner Statur gleich seyende oder auch übertreffende Mohren auf dem Sklaven Handel zu Guinea oder sonst woher zu erkauffen, und werde ich mich, wegen der Anzahl dieser, nach der Bequemlichkeit des Transports richten.
2.) Barbarische Pferde, von der wahrhaften Race, so wie solche in denen Ställen derer Deys und Könige allein unterhalten werden, zu erhandeln, wobey ich mich des Raths der Sache Kundiger bedienen und da bekandt, daß gedachte Pferde gegen Gewehre vertauscht werden, den Handel mit Zuziehung eines Consuls einer Europäischen Nation, welcher die Garantie über sich nehmen soll, zu seiner Richtigkeit bringen werde.
3.) Ich werde etliche Elephanten erkauffen, die ich baldmöglichst in denen Europa näher gelegenen Küsten aufnehme, umb diesen Thieren die Ihnen beschwehrliche Schiff Fahrt kürtzer zu machen, und da ein weiter Weg zu Lande biß hieher gleichfalls zu evitieren, werde ich solche auf Amsterdam gehen laßen, und soll ich zu dererselben und anderer Thiere und Sachen, deren ich soviel als möglich eine Anzahl auf einmahl senden will, Begleitung einen meiner Gefehrten mitsenden, welcher die Verpflegung, Speiße, Gewohnheiten und Krankheiten derer Thiere und deren Cur erlernet habe; bemeldetem Studioso kan ein oder mehrere Thier Wärter zugeordnet werden.
4.) Ich will einige Strauße verschiedenes Geschlechts aufnehmen, und diejenigen Nachrichten einziehen, welche zu der Vermehrung dieser Thiere allhier etwas beytragen können.
5.) Ich werde mich bemühen, junge Löwen beiderley Geschlechtes, junge Leoparden, Panther, seltene Arten von Affen und Pavians, Africanische Esel und Maulthiere, Afrikanische Hirsche und Rehe, insofern solche von denen bereits gegenwärtigen unterschieden sind, Rhinocerose, auch Casuarios, Vauvaux, oiseaux de Couronne, auch andere Thiere wie sie Nahmen haben mögen, daferne sie frembde und in denen Königlichen Thier Häußern noch nicht vorräthig sind, zu bekommen, welche alle ich doppelt nehmen und wohl besorgen will.
6.) Gedachter Thiere Squelette, Häute, sonderlich schöne Vögel so wie sie Nahmen haben mögen, will ich auf möglichste Art und Weiße zu acquirieren suchen, und diejenigen, welche unmöglich lebendig zu überbringen sind, ausgestopft oder gemahlt, auch genugsam beschrieben einsenden.
7.) Ich will die Historie derer Fische auf das genaueste untersuchen, und nach dem mir dießfalls gemachten Entwurf dieselben getrocknet oder in Spiritu Vini conserviret, samlen, auch mich bemühen, von denen großen Meer Fischen zum wenigsten einige Theile zu erhalten.
8.) Hiernächst will ich nach dem schon bemeldeten Haupt Entzwecke große Thiere zu erhalten, die Conchylien, auch fliegende oder kriechende Insecta, insonderheit Schlangen und dererselben verschiedene Arten, genau observiren, und was von denenselben ganz oder in Theilen oder genau gezeichnet überkommen werden kan, sammlen und wohl verwahren und überhaupt nichts verabsäumen, was zu der Vollkommenheit der Natürlichen Historie von denen Thieren einigen Beytrag thun kan.
9.) Insonderheit befehlen Ihro Königliche Majestät, aller Nationen, welche ich zu sehen Gelegenheit haben werde, Kleidungen, Getränke, Speiße und darzu und zu andern Verrichtungen bei Ihnen übliches Geräthe, auch Kriegs-Instrumente, Bogen, Pfeile und Gewehr, wie es Nahmen haben mag, wie nicht weniger die aus Häuten verschiedener Thiere bei Ihnen gemachte impenetrablen Schilder, die daselbst gewöhnlichen Vergifftungen derer Pfeile und dergleichen, auch Pagoden, und was sonst zum Heydnischen Gottesdienst gehört, wie auch Musikalische und zu denen Spielen gebräuchliche Instrumente, nebst Betten und Haußgeräthe und andere die Sitten und Gewohnheiten derer Völker angehende Dinge aufzunehmen und einzubringen.
10.) Aus dem Reiche der Vegetabilia werde ich die frembden Africanischen Kräuter in möglichster Vollkommenheit auflegen, dererselben Saamen frisch sammeln und zu künfftigem Wachßthum frembder Kräuter in Ihro Majestät Garten Anstalt machen, auch von denen eßbaren Früchten, die bey uns nicht bekandt sind, die Arten zu bekommen trachten, die fruchttragenden und andere seltene Africanische Bäume, so viel es sich tun läßt aufnehmen, sonderlich die Cultur des Zucker Rohrs und deßen Zubereitung erlernen, überhaupt alles thun, was zu Vermehrung der Kräuter Wißenschaft dienen kan.
11.) Die Meergewächse will ich genau untersuchen und große Cabinet-Stücke von allen Arten derer Corallen, Schwamm und Horn Gewächße, wie auch Botanophyta und was vermöge der in Händen habenden Notiz von diesen Sachen zu Vermehrung derer Samlungen in denen Königlichen Cabinets gereichen kann, aufnehmen und übersenden.
12.) In dem Reiche derer Mineralien will ich die vorfallenden Gelegenheiten allerhand Stuffen und Berg Arten, Quartze, Drußen, Steine, Marmor, Achat, Jaspis und was in diese Sammlung gehört, zu erhalten, wohl inacht nehmen, insoferne hierinne etwas gefunden werden kan, das in dem Berg-Cabinet Ihro Königl. Majestät noch nicht vorräthig ist.
13.) Hiernächst werde ich besorgt seyn, die vorkomenden Antiquitäten, Monumenta, Inscriptiones, Manuscripta, Mahlereyen, auch Contrefaits derer Königlichen und anderer der attention würdigen Persohnen zu acquiriren, wie nicht weniger die alten Punischen, Vandalischen und andern Nummos (Münzen), nach einer besonderen von Herrn Hoffrath Fritschen gegebenen Instruction aufzunehmen.
14.) Sollte ich auf meiner Reiße durch Europa biß Marseille in einigen Cabinets derer Curiosen etwas seltenes observiren, werde ich, umb die Zeit nicht zu verliehren, von demselben an des Herrn Geheim Raths von Brühl Excellentz genaue Nachricht geben, oder auch nach Beschaffenheit der Sache dasselbe würcklich ankauffen.
15.) Und da ein mehreres Gelegenheit, Zeit und Art angeben dürffte, werde ich auf alle Umbstände genau acht haben, und was auch gegenwärtig nicht übersehen werden kan, dennoch sobald sich der Fall ereignet, ohne Vorschrift nach Pflicht und Gewißen untersuchen und aufbringen.
16.) Zu dieser Reiße haben Ihro Königl. Majestät mir dreyer Jahre Zeit allergnädigst ohngefähr vorgeschrieben.
17.) Auch habe ich Erlaubniß erhalten, nach vorfallenden Umbständen in einigen Orten nach Erforderung der Nothwendigkeit zu bleiben oder auch von dem ordentlichen Wege hier oder dahin abzuweichen, wenn Ihro Königl. Majestät Nutzen dadurch befördert werden kann.
18.) Und da ich in Erfahrung bringen könnte, daß in denen entlegenen Provinzen mit einigen Waaren vortheilhaftig gegen andere Seltenheiten könte umbgesetzt werden, haben Ihro Königl. Majestät erlaubt, einigen Vorrath statt baaren Geldes in Marseille oder sonst zu nehmen.
19.) Es haben Ihro Königl. Majestät die Gnade gehabt zu versichern, daß dieselben die ohngefehren Unglücks Fälle bey möglichst gebrauchter Vorsicht mir oder meiner Gesellschaft nicht zurechnen wollen.
Es haben Ihro Königl. Majestät aus dero Procuratur Amte mir jährlich 200 Rthlr. pension allergnädigst ausgemacht.
Es haben Ihro Königl. Majestät zu meiner Verpflegung mir täglich 2 Rthlr., jedwedem derer Gefehrten 16 Gr. allergnädigst angewiesen, über welche tägliche 16 Gr. ich einen jedweden zu fernerer Nothwendigkeit jährlich 200 Rthlr. reichen soll.
Ich soll die auf Voiture, Quartiergeld und würckliche Ankäuffe gewendete Gelder berechnen und ordentlich, soviel es die Gelegenheit erlaubet, die Belege und Rechnungen hiervon einschicken.«
Auf Grund dieses Reiseplans ist nun, vielleicht vom Hofrat von Heucher, von dem der Gedanke der Afrikareise zu stammen scheint, eine Instruktion[6] ausgearbeitet worden, die sich in ihren wissenschaftlichen Bestimmungen ziemlich eng an Hebenstreits Reiseplan anschließt. Als neu dem Reiseplan gegenüber tritt auf, daß Hebenstreit seine Untersuchungen in der Barbarei beginnen soll: »Von dar soll er nach Guinea, und nach vollbrachter Expedition daselbst nach Capo di Bonna Espenanza abgehen und von dar nach denen andern Ländern, wie er vor gut befinden wird.« –
Dreizehn Monate (vom 16. Februar 1732 bis 14. März 1733) dauerten die Landreisen durch Algerien, Tunesien und Tripolis, über deren Ergebnisse Hebenstreit sagt: »Wir kamen glücklich nach Tunis zurück nachdem wir Alles gethan, was ein Frembder in einem feindseeligen Lande verrichten kann, gestalten wir biß an das Ende des bewohnten Africa 60 Teutsche Meilen gegen Süd gereiset und einen Vorrath von seltenen Kräutern, Versteinerungen, alten Römischen Aufschrifften und Nachrichten von den Sitten und Gewohnheiten dieser Völker erlanget hatten.«
Am 17. April 1733 reiste Ludwig, dessen Gesundheitszustand eine Weiterreise verbot, mit einem Transport lebender Tiere zu Schiff von Tunis über Gibraltar nach Hamburg (Ankunft am 15. Juli). Dort wurde er belästigt »durch die Neugier der Leuthe, die vorwitzig waren, die mitgebrachten Sachen zu sehen.« Er dang einen magdeburgischen Schiffer zum Transport der Tiere nach Dresden; die Fahrt elbaufwärts dauerte vom 6. August bis 12. September. »Er übergab am 13. September die Thiere im Beyseyn Ihro Excellenz des H. Oberlandjägermeisters H. von Erdmannsdorff und den 14. geschahe ein gleiches mit den Curiosis welche in die Gallerien unter der Aufsicht des H. Hofraths und Leib-Medici Baron von Heuchers kamen.« Außer den lebendigen Tieren sind also »allerhand Curiositäten, an ausgestopften raren Vögeln, Insecten, Fischen, Kräutern, Zeichnungen, Abriß und dergleichen mehr« nach Dresden gebracht worden.
Am gleichen Tage wie Ludwig verließ auch Hebenstreit mit seinen Begleitern den afrikanischen Boden. Er ging zunächst nach Marseille, um von dort aus mit einem Schiffe der »Compagnie des Indes« die Weiterreise nach Westafrika anzutreten. Inzwischen war (am 1. Februar, nicht am 1. Dezember) August der Starke gestorben. Der Kunde davon folgte bald der Befehl zur Rückreise zugleich mit der Ernennung Hebenstreits zum Professor an der Universität Leipzig. In Briefen aus Marseille (vom 15. Mai) an den Kurfürsten und an den Grafen Brühl bat Hebenstreit unter Hinweis auf den unsterblichen Nachruhm, den die Ausführung der Reise in dem geplanten Umfang, also bis Guinea und Kap der Guten Hoffnung, »Ihro Höchstseeliger Majestät« bringen werde, und unter Betonung der Bedeutung der Reise für die Wissenschaft, seinem ursprünglichen Plane folgen zu dürfen, »zumahl ich von der noch übrigen Summa derer 7000 fl. Holl. das Werck auszuführen gedächte,« aber die Bitte fand kein geneigtes Ohr. Enttäuscht trat der kühne Forscher, dessen Berichte von nun an verstummen, mit seinen Gefährten die Rückreise nach Dresden an, wo sie am 20. September eintrafen.
Die Gesamtkosten der Reise beliefen sich auf 14 958 Rthlr. 17 Gr. 1 Pf. Die Bitte Hebenstreits, den Überschuß der Reise (1304 Thaler) verwenden zu dürfen »zur Anfertigung einer Reisebeschreibung mit Kupfer-Stichen nach dem Sinn und Meinung Höchstseeligster Majestät und zum Andencken einer der großen Thaten Augusti, gestalten diese Reise von aller Welt dazu gezählet wird,« wurde nicht gewährt. Ist es unter diesen Umständen zu verwundern, daß die Afrikaforscher und ihr Werk vergessen wurden? Leider vernichtete ein unglückseliges Schicksal auch die Sammlungen, die den Ruhm der sächsischen Afrikareisenden späteren Geschlechtern hätten künden können; sie befanden sich in dem Teile des Zwingers, der bei den Dresdner Maiunruhen 1849 durch eine Feuersbrunst zerstört wurde. Unersetzlich ist vor allem der Verlust der zahlreichen Zeichnungen des Malers der Expedition, Christian Friedrich Schubarth. Daß die mitgebrachten Samen afrikanischer Pflanzen zur Bereicherung der botanischen Garten verwendet worden sind, läßt sich von Dresden annehmen, für Leipzig nachweisen. Die Ansicht jedoch, daß die ältesten Stämme der jetzt in Pillnitz und Großsedlitz befindlichen Orangerie ein »Mitbringsel« von der afrikanischen Reise seien, ist unhaltbar. Nicht nur, weil zeitgenössische Zeugnisse fehlen, sondern auch wegen der Unmöglichkeit der physischen Voraussetzungen muß man es als Legende bezeichnen, daß Hebenstreit »eine Anzahl (400) von Orangenbäumen, zu Drechselholz bestimmt, mitgebracht habe, welche in Dresden umgekehrt eingepflanzt, Wurzel geschlagen hätten.«
So müssen wir uns bescheiden, in den handschriftlichen Berichten der beiden Reisenden die einzigen, und daher um so wertvolleren, uns übermittelten Reiseergebnisse zu sehen. Die obenerwähnte Arbeit aus dem Jahre 1902 hatte sich nur das Biographische über die Teilnehmer, ferner Vorgeschichte, Verlauf und Nachgeschichte der Reise sowie das Schicksal der Sammlungen, endlich die Stellung der Expedition und der Reiseberichte in der Wissenschaft zum Ziele gesetzt. Von dem reichen naturwissenschaftlichen, völkerkundlichen und geographischen Inhalt der Hauptberichte ist noch nichts wissenschaftlich bearbeitet worden außer den Inskriptionen. Die von Hebenstreit gesammelten sind 1881 im Corpus Inscript. Latin. erschienen. Das Tagebuch Ludwigs enthält zweiundfünfzig römische Inschriften, von denen zwölf nur in seinen Abschriften erhalten zu sein scheinen. Diese hat Professor Dr. Fiebiger, Dresden, in den Jahresheften des Österreich. Archäol. Instituts veröffentlicht. (Wien, 1902.)
Trotz zahlreicher kürzerer Erwähnungen in der sächsischen Literatur, die allerdings die Bedeutung der Hebenstreitschen Forschungsreise nicht ahnen ließen, hat sich niemand veranlaßt gesehen, sie näher zu erforschen. Kein Wunder also, wenn die Geschichten der Entdeckungsreisen Hebenstreit gar nicht erwähnen oder nur mit wenig Worten abfertigen. Für Ludwig dasselbe nachzuweisen, erübrigt sich, da dessen Reisebericht bis vor zwei Jahrzehnten unbekannt geblieben ist. Von der Naturwissenschaft sind die beiden Forscher mehr gewürdigt worden. Ihr großer Zeitgenosse Linné (1707/78) hat den Reisenden Pflanzengattungen gewidmet, eine Hebenstreitia und eine Ludwigia. Auch tragen nach einer Mitteilung Georg Schweinfurths, des Nestors der deutschen Afrikaforscher, verschiedene Pflanzenarten Ludwigs Namen, so u. a. die in Nordafrika und Syrien weitverbreitete Wüstenpflanze Althaea Ludwigii.
Daß Hebenstreit wie Ludwig Deutsche waren, daß sie gerade an unsrer sächsischen »alma mater« gelernt und gelehrt haben, erfüllt uns mit freudigem Stolz. In Sachsen und seiner Hauptstadt, die einen wesentlichen Teil ihrer Schönheit August dem Starken verdankt, feiert man diesen Fürsten naturgemäß in erster Linie als genialen Bauherrn und Veranstalter von prunkvollen Festen. Es ist mir eine Freude, daß ich ihn im vorstehenden auch als Förderer der Naturwissenschaften habe bezeichnen und das Interesse weiterer Kreise auf die von ihm ausgesandte Afrika-Expedition habe lenken dürfen, die in der kulturgeschichtlichen Entwicklung unsres engeren Vaterlandes einzig dasteht.