Volkskundler und Enthusiast
Weite Kreise unsres Volkes bringen in der Gegenwart der Volkskunde und ihren Stoffen mehr oder weniger aufrichtige Teilnahme entgegen. Ja, wer den literarischen Markt als einen Gradmesser der vorhandenen seelischen Bedürfnisse betrachtet, kann mit gutem Gewissen von einer Hochkonjunktur der Werte sprechen, die von den Komplexen Heimat und Volkstum bezeichnet werden. Der Grund dieser Erscheinung ist leicht zu erkennen. Ein Volk, das vom Mutterleibe aus beherrschend seine Glieder über die ganze Welt ausstreckte, mußte seine Hauptenergien auf die Expansionsbewegungen der Glieder verwenden, hatte nicht Zeit, dem Herzschlage seiner Brust zu lauschen. Nun ist die weltumspannende energische Gestalt unsrer Volkskraft in ein klägliches Gebilde zusammengeschrumpft, nun ist der Erdleib unsres Landes verstümmelt worden; grausam zurückgeworfen von allem Drängen nach außen, finden wir uns fassungslos in unserm Innern wieder. Und wie aus schwerer Betäubung Erwachende greifen wir mechanisch nach dem, was uns am nächsten ist. Und erst als die Starre unsrer Augen weicht, erkennen wir, daß wir in unsern Händen Köstlichkeiten halten.
Die Menschen, die in einem innern Verhältnis zur Volkskunde stehen, scheiden sich in zwei Typen. Der eine ist der des Volkskundlers. Er tritt mit Objektivität und wissenschaftlichem Rüstzeug an seinen Gegenstand heran. Seine Haupteinstellung ist im weitesten Sinne kulturhistorisch. Dabei ist der Begriff kulturhistorisch nicht nur im Sinne des Vergangenen zu verstehen. Für den wahrhaften Volkskundler ist die Erkennung und Darstellung der unzähligen Lebensformen mit ihren Ausstrahlungen innerhalb des lebendigen Volkes eine mindestens ebenso wichtige Aufgabe wie Sammlung und Bearbeitung der Niederschläge der Vergangenheit. Der Volkskundler leistet der Soziologie und Volkswirtschaft wertvollste Dienste. In der seelischen Struktur des Volkskundlers ist neben der theoretischen Einstellung ein starker Gefühlseinschlag erkennbar. Diese Gefühlsschwingungen schaffen den liebenswürdigen, lebenverstehenden und darum belebenden Typus des gelehrten Volkskundlers, den wir alle kennen. Aber diese Gefühlsmomente sind gebändigt in kritischer Beherrschung.
Neben dem Volkskundler steht heute als eine weitverbreitete Erscheinung der Enthusiast. Besonders in gewissen Kreisen der Jugendbewegung ist er zu finden. Seine Einstellung den volkskundlichen Werten gegenüber ist durchaus gefühlsmäßig. Zwei Seelenhaltungen kreuzen sich und ballen sich zu einer Einheit in seinem Innern: die ästhetische und die nationale. Dieser Komplex wird von einem schwärmerischen Willen in überwiegender Weise in die Vergangenheit getrieben. Da in dieser Seelenstruktur gewisse Ähnlichkeiten mit der einiger Vertreter der romantischen Bewegung vor reichlich hundert Jahren liegen, wollen wir diesen Typus den romantischen Enthusiasten nennen. Der romantische Enthusiast flieht die harte, nüchterne, individualistisch zerstiebte deutsche Gegenwart. Er haßt die Zivilisation. In der deutschen Vergangenheit, wie er sie sieht, findet er Kultur. Da herrschen strenge Bindungen im Staatsleben, in Religion, Kunst, Gesellschaft. Und in diese würdig-heiteren Zeiten sehnt er sich zurück. Allen Denkmalen irgendwelcher Art, die aus diesen vergangenen Jahrhunderten bis zu uns gekommen sind, zollt er rückhaltlose Bewunderung, stumme oder laute Ehrerbietung. Elegisch ist die Grundstimmung seines Geistes. Sein Wille wird aktiv, wenn er altes Volksgut zu neuem Leben zu erwecken sucht.
Von diesem romantischen Enthusiasten wollen wir einen andern enthusiastischen Typus scheiden. Auch dieser wendet seine seelische Kraft der deutschen Vergangenheit zu, aber er kennt nicht die schwärmerische Melancholie des erstgeschilderten Typus. Sein Wille erstrebt Gestaltung der deutschen Gegenwart und Zukunft durch deutsche Vergangenheit. Da suchen die überschwenglichsten Geister in schauender Ekstase die Urform deutschen Wesens zu erfassen, da trachten die kühleren, besonneneren danach, die Kristallisationsgesetze der Leibwerdung deutschen Geistes zu erkennen, beide aber beschauen die deutsche Vergangenheit, um mit den gewonnenen Einsichten als Richtlinien die deutsche Gegenwart zu gestalten. Nichts Abgestorbenes, Entblutetes soll wieder verlebendigt werden, aber die machtvolle Kraft deutschen Wachstumgesetzes soll neue Ringe, neue Äste, Laubwölbung und Früchte hervortreiben. Wir grüßen dich, deutsche Jugend- und Manneskraft, die an diesem Werke wirkt.
Friedrich Sieber, Löbau.