Osterreiten zu St. Marienstern

Von Karl Lucas, Meißen

Kindheitserinnerung steht vor mir: Osterreiter auf der Straße nach Schwarzadler zwischen Storcha und Radibor. Wie habe ich damals erstaunt und verwundert die schönen Pferde mit den wundervollen Mähnen und Schweifen, mit dem feinen Zaumzeug und dann die bunten Fahnen beschaut. Das andre war mir Knirps von acht bis zehn Jahren unverständlich. Dann bin ich immer stolz gewesen, wenn vom Osterreiten in der Wendei die Rede war. Ich konnte sagen: »Ja, das habe ich schon gesehen.« Da stieg mein Ansehen unter den Chorschülern der Sophienkirche zu Dresden. Ich mußte manches davon erzählen. Ob ich dabei ganz wahr geblieben bin, ob meine Phantasie mit mir durchgegangen ist, ich vermag es heute nicht mehr zu sagen; die es damals mit angehört haben, wohl auch nicht mehr. Es ist schon lange her. Die Heimat sah mich wieder, neun Jahre lang. Dann trug mich das Lebensschifflein an ein andres Ufer. Doch ich weiß meinen Fuß immer wieder nach der alten Heimat zu lenken. Sind es die Berge, sind es die Täler, die Wasser, die Lebenden, die Toten? Ich vermag es nicht zu sagen. Die Heimat hat mich, ich habe sie. Und ich bin froh dabei. Salve Lusatia!

Abb. 1 Abteigebäude und Klosterkirche St. Marienstern
(Aufnahme A. Heinicke, Freiberg)

Kloster Marienstern wollte ich schauen, und zu mehreren Malen habe ich dort geweilt. Die Stille des Klosterhofes nahm mich gefangen. Links die Kirche mit ragendem Turme. Dann die Klosterhäuser, profanem Besuche verschlossen, der Löwenbrunnen (böhm. Löwe, aus der Zeit der Zugehörigkeit der Lausitz zu Böhmen), Bäume, Blumenbeete, ein Rasenrondel, ragende Heilige. Rechts stehen die Gebäude, die des Leibes Notdurft sichern helfen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er lebt auch nicht vom Wort allein. Hinterm Sägegatter der feine stille Garten: schmiegsame Wege, stille Weiher, dazu ein Kranz von Wiesen und Büschen; da und dort versteckt ein Ecce homo, eine Maria benedicta und doch auch mater dolorosa. Im Kircheninnern gedämpftes Licht, Sonnenglanz an bunten Scheiben, schlanke Pfeiler, Weihrauchdüfte, stille Beter, auf einer Bank im Angesichte des Hochaltars ich Weltkind mitten innen. Nicht schlug das Kreuz mir meine Hand, nicht netzt’ geweihtes Wasser mir die Stirn. Das Knie ging nicht zur Beuge mir, kein Rosenkranz, der durch die Finger glitt. Und doch! Ich hatt’ mich selbst vergessen, war nicht mehr ich, war irgendwer, war irgendwas, war irgendwo. Die Nonnen eilten still geschäftig mit Blumen da und dorten hin, nie fehlend der befohlnen Ehrerbietung vor dem und jenem, das mir rätselhaft verblieb. Mit Blumen schmückten sie des Altars Stufen, die Simse und wo sonsten Platz noch war. Weiße, reichgestickte Decken wurden ausgewechselt. Alles still, auch ich.

Sind es die strebenden Pfeiler, die den Sinn vom Boden in die Unendlichkeit hinaus zu lösen vermögen, daß wir uns fühlen, frei von allen Schranken unsers Ichs, als ein dienend Glied in dem Zusammenhang des Weltenalls? Ich weiß, daß das gleiche Gefühl bei mir einkehrte in der Oybiner Ruine, über deren dachlose Mauern die Baumkronen zu einem grünen Baldachin zusammenstrebten; in der Bautzener Nikolairuine, in der zur Winterszeit der weiche Schnee alles abrundend deckte, und über der der dunkle Himmel in seltner Sternenpracht mit den ragenden Wänden in der Finsternis zu einem Bauwerk von unendlicher Höhe zu verschmelzen schien; im hohen Walde zur frühsten Morgenstunde, wenn goldne Tinten den Himmel übergossen, wenn Sonnenfünkchen im Taubehang der Baumwipfel sich badeten, während über See und Heide noch der düstre Nebel dampfte.

Wieder sah ich Marienstern, als ich am Karfreitag vom Wohlaer Ländchen her nach Osten fuhr. Auf den Feldern, in denen reiche Sonnenwärme neues Leben weckte, stampften schweren Schrittes stattliche Pferde mit eingeflochtenen Mähnen und Schweifen. Ostersamstag. In Bautzen zeigten sich Wagen, vor denen Pferde gelöste, schön gekräuselte Mähnen und lange Schweife im Lockengewirr zur Schau trugen. Euch werde ich morgen alle wieder schauen!

Abb. 2 Ruhepause der Crostwitzer Osterreiter bei Schweinerden
(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)

Der Himmel schlug einen grauen Mantel um. Der Wind pfiff kälter und kälter. Beim Osterwasserholen am Ostermorgen war es empfindlich frisch. Aber nach dem Kloster wird gefahren. Über Feldwege geht es zur Kamenzer Straße. Sie ist belebter als je: Radfahrer, Motorfahrer, Automobile vom Zwergwagen bis zum Ungetüm, Pferdegeschirre, Fußgänger beiderlei Geschlechts, Gruppen von Wandervögeln mit bunten Wimpeln und Klampfen, alles in buntem Wechsel, alles in einer Richtung. Von allen Wegen und Stegen biegen sie ein nach dem Kloster. Einzelne Reiter im Festgewand auf geschmückten Rossen werden überholt. Wendische Frauen und Mädchen in Volkstracht zu Fuß und zu Rade geben der hastenden Masse eine neue Abwechslung. Deutsche, wendische Laute klingen an unser Ohr. Aber auch in andren Zungen der Welt wird gesprochen. Je näher wir ans Kloster herankommen, desto beängstigender schwillt die Menge, desto größer wird der Lärm. An der Klostermauer entlang steht Kraftwagen an Kraftwagen. Auf der Straße staut sich die Menge. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen. Man muß Geschäfte machen, wenn sie gehen. So denkt jeder in Marienstern, in Kuckau. Gärten aller Art, Schuppen, Hausfluren, alles muß heute zinsen: Einstellung von Fahrrädern. Wir sind froh, daß uns Einwohner mit einnehmendem Wesen der Sorge um unsre acht Stahlrosse entheben wollen. Der Obolus ist valutagemäß. Vor dem Eingang zum Klosterhof eine Menschenmauer. Nur schwierig ist der Eingang zu gewinnen. Nur langsam, ganz langsam weicht die Mauer, wenn Autohupen das Stimmengewirr übertönen. Der Klosterhof ist heute glatt verwandelt. Kopf an Kopf staut sich die Menge an dem Straßenring um das Rasenrondel. Rasenflächen, Gebüsche, alles wird betreten. Wo sonsten Ruhe Wohnung hat, wo fromme Übung nur des Tagewerks Gleichmaß unterbricht, da schwirrt, da lärmt die Menschenmenge. Sie wogt und brandet, sie drängt zur Kirchenpforte. »Dem Nächsten zur Wehr!« Ja warum, du Feuerwehrmann, hast du diesen Wahlspruch? Nun wehre dem und der lieben Nächsten den Zugang zum Innern der Kirche, der stürmisch, fast widerlich stürmisch unter Ausnutzung sämtlicher Ellenbogen und dergleichen begehrt wird. Pure Neugier heißt die meisten sich den Eingang erzwingen und denen, die zur Andacht wollen, die ernste Stimmung stören. Zum Seitenpförtchen an der linken Seite tritt die Menge nach kurzer Zeit wieder aus. Stelle dich hinter diese Leute und höre, wovon ihnen der Mund übergeht. Schweigen darüber ist wirklich Gold, Reden davon nicht einmal Papier. Zu einem wirklichen Erlebnis religiöser, künstlerischer oder sonst welcher Art ist bei dieser Unruhe niemand gekommen. Auf dem Straßenring halten die Osterreiter. An die siebzig Paare mögen es sein. Prächtige Pferde mit ausgesprochenen Ramsesnasen sind vorhanden. Not ist keinem anzusehen. Faltenlos strafft sich die Haut über dem Fleisch. Der Mähnenbusch und der wallende Schweif tragen zur Zier noch hellfarbene Schleifen und bunte Blumen. Der Kopf schwenkt auf und nieder. Das Zaumzeug klirrt. Des Reiters Hand tätschelt den Pferdehals. Aber die Unruhe ist nicht zu dämpfen. Die Vorderhufe scharren den Boden, die Nüstern schnauben. Eins dreht im Kreise. Das Zaumzeug der meisten ist mit Pilgermuscheln besetzt. Die Satteldecken zeigen in ihren Ecken das Bild des kreuz- oder fahnetragenden Lammes. Die Reiter, alte wie junge, sind ganz Würde. Manchem sieht man es an, daß er einst als Gardereiter gedient hat. Auf den breiten Ackerpferden ist es gewiß keine Kleinigkeit, eine stramme Haltung zu bewahren. Andre verraten auf den ersten Blick, daß sie einen solchen festlichen Aufzug vor so zahlreichen Zuschauern zum erstenmal mittun. Die bunten Kirchenfahnen schlagen im scharfen Winde. Vom Kruzifixus, den einer trägt, weht es weiß und goldig. Endlich kommt das Glockenzeichen. Der Vorsänger setzt plötzlich mit weittragender Stimme ein. Bald wird der Klang von allen Reitern aufgenommen und

Stanył je horje Jězus Khryst, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wot smojej’ martry ćežkeje, alleluja.

Khwalmy Boha, alleluja!

Wšitkich je wón nas zwjeselił, alleluja!

Khwalmy Boha, alleluja!

(Auferstanden ist Herr Jesus Christ, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!

Von seiner schweren Marter, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!

Alle hat er uns erfreut, halleluja.

Loben wir Gott, halleluja!)

tönt litaneienhaft über den Klosterhof. Der Lärm der andren verstummt. Manche versuchen den Text zu erfassen und sind schier verwundert, daß ihnen das nicht gelingt, bis auf das Halleluja. Nach und nach kommt das Bewußtsein, daß wendische Worte erklingen. Der Sang ebbt ab. Er erhebt sich wieder in neuer Kraft, zweimal, dreimal, vielmal. Inzwischen hat sich der Zug in Bewegung gesetzt. Dreimal reiten sie um das Rondel und verlassen dann den Hof, um hinauszureiten in die Fluren. Da kommt auch wieder Leben in die Massen. Die Eindrücke werden in Worte gekleidet. Wahrscheinliches und Unwahrscheinliches wird vom Osterreiten berichtet. Zumeist werden Bemerkungen daran geknüpft, die nur zu gut verraten, daß die meisten von dem tiefen Sinn, der in dem Saatreiten verborgen liegt, keine Ahnung haben. Auch Ausrufe der Enttäuschung werden laut. Neben mir steht ein Ehepaar aus Frankfurt a. M., wahrscheinlich zur Verwandtschaft derer von Neureich und Raffke gehörig. Beide sind in die zahlreichen Umhüllungen gewickelt, die einen Automobilbesitzer, der da weiß, was er seinem Auto schuldig ist, notwendigerweise zunehmen lassen müssen an – Umfang. »Nun, wenn es weiter nichts ist!« so flötet sie ihr Männchen an, »das ist ja schade um das viele Benzin!« Auch ein Gesichtswinkel, in dem man sich zum Osterreiten einstellen kann.

Abb. 3 Prozession der Crostwitzer Osterreiter durch Schweinerden
(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)

Ein Zug Saatgänger bahnt sich durch die Menge. Auch hier Gesang in Oktavenabstand von barhäuptigen Männern, von Frauen und Kindern. Sie verschwinden im Innern der Kirche. Wieder war vorübergehend Ruhe. Wieder erhebt sich der mühsam gedämpfte Lärm der Zuschauer. Nach geraumer Zeit kommen die Crostwitzer Osterreiter an. Dasselbe Bild wie vorher. Die Reiter sitzen aber schon lange im Sattel. Ihre Stimmen haben schon viel hergeben müssen. Darum wird in einer Pause ein frischer Trunk Klosterbier gespendet. Frisch war der Trunk auf alle Fälle. Wenn das Bier noch so ist wie früher, dann war er auch gut.

Abb. 4 Rast der Crostwitzer Osterreiter auf einem Gutshofe in Schweinerden
(Aufnahme J. Ostermaier, Blasewitz)

Nachdem auch diese Reiter den Klosterhof wieder verlassen haben, verläuft sich die Menge. Autohupen, Fahrradklingeln, Peitschen, menschliche Stimmen lassen sich im freien Wettbewerb der Kräfte hören. Froh ist, wer endlich dem Gewühle entronnen ist und die freie Straße erreicht hat. Von links schallen die Klänge der »Stanył je horje Jězus Khryst, alleluja!« herüber. Auf einem Feldwege tauchen erst bunte Kirchenfahnen, dann Reiter und endlich der ganze Zug auf, der als erster Marienstern verlassen hat.

Abb. 5 Ankunft von Osterreitern vor dem Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern
(Klostermauer an der Chaussee Bautzen–Kamenz Sa.)
(Aufnahme A. Heinicke, Freiberg)

Osterreiten, Saatreiten. Es ist eine schöne Sitte aus alter Zeit, so sagen die einen. Andre meinen, daß es eine rein katholische Sitte sei, die mit Bittgängen, Wallfahrten usw. auf eine Stufe zu stellen sei. Da bei uns in Sachsen dieser Brauch sich nur in den katholischen Gegenden erhalten hat, so scheint diese Ansicht auch begründet zu sein. In der Hauptsache aber sind Urteile und Ansichten zu hören, die eine völlige Verständnislosigkeit gegenüber diesem Brauch im besonderen wie gegenüber den Osterbräuchen im allgemeinen ohne Einschränkung ausdrücken. Auch ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung hat das Bewußtsein des tieferen Sinnes dieser Bräuche verloren. Das wird den, der die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, ja Jahrhunderte aufmerksam betrachtet, nicht verwundern. Die große Masse des Volkes ist dem Boden entfremdet, von ihm entwurzelt. Die Entwicklung der Städte und Industriebezirke brachte eine Anhäufung der Menschen auf beschränktem Raume mit sich. Auch die ländliche Bevölkerung hat einen ähnlichen Prozeß durchgemacht. Nachdem das Joch der Hörigkeit von ihr genommen worden war, haben es einzelne verstanden, durch Bauernlegen immer mehr Grund und Boden in ihre Hand zu bringen. Es ist berechnet worden, daß in Preußen etwa ein Drittel des Bauernlandes in die Hand des Großgrundbesitzes geraten ist. Eine Änderung im Grundeigentum konnte in der Hauptsache nur durch Enteignungsgesetze vorgenommen werden, wenn der reichlich enggefaßte Begriff des öffentlichen Interesses gegeben war. Straßenbau, Bahnbau usw. waren solche Dinge, die ein erfolgreiches Eingreifen ermöglichten. Die Spekulation machte aus dem Grund und Boden ein Spekulationsobjekt. Die persönliche Verpflichtung dem Grund und Boden gegenüber fehlt solchen Spekulanten ganz. Dagegen waren in alteingesessenen Bauerngeschlechtern, auch wenn die Betriebe noch so ökonomisch geleitet wurden, diese Bindungen rein gefühlsmäßiger Art vorhanden. Eine Verbesserung oder »Melioration« des Besitzes wurde mehr um des Bodens selbst willen vorgenommen als in der Hoffnung, durch diese eine Wertsteigerung herbeizuführen und daraus möglichst bald einen rein persönlichen Gewinn herauszuschlagen. Der Besitz war nicht jedem Meistbietenden gegenüber feil. Der Erbe, das Geschlecht verspürte den Segen dieser großzügigen Auffassung. Dieses Gefühl, ich bin nur der Sachwalter meines Besitzes für die, die nach mir kommen, schuf die Eigenschaften, die dazu berechtigten, den Beruf des Landwirtes als den edelsten unter den rein praktischen Berufen anzusprechen. Der Bauer war bodenfest. Leider geht diese verpflichtende Auffassung mehr und mehr verloren. Heute wird auch die Landwirtschaft industrialisiert, amerikanisiert. Stand früher nur der amerikanische Landwirt mit diesem rein geschäftsmäßigen Brauch mit dem Industriellen Europas auf einer Stufe, so können wir heute dasselbe Bestreben bei uns wahrnehmen. Das aber will uns noch nicht in den Kopf, daß wir so das alte Bauerntum zum Industrierittertum übergehen sehen sollen. Wir vermissen dann gerade am Bauer die Eigenschaften, die ihn sonst auszeichneten. Mit Recht wird darum in Bauernkreisen gegen diese Landflucht und Stadtsucht geeifert. Bodenständigkeit im Sinne der Alten, Verpflichtung der einzelnen gegen die Familie, der Familie gegen das Geschlecht, des Geschlechts gegen den Stamm, des Stammes gegen das Volk, des Volkes gegen seinen Grund und Boden, ohne den es ohnmächtig ist, aus dem es durch die einzelnen Familien seine Kraft schöpft. So stellt der jeweils Lebende dann nichts andres dar als das Sinnbild des lebenden Bodens, der in der Vergangenheit das erwachsen ließ, was heute lebt. Der Lebende ist die Summe der erfüllten oder nicht erfüllten Pflichten der Vergangenen. Er soll sie tragen und sich verpflichtet fühlen von Familie über Geschlecht und Stamm dem Volk und dessen Grund und Boden.

Nun muß offen zugestanden werden, daß sich in der Jetztzeit auch Umwälzungen vorbereiten und vollziehen, die gerade das Verhältnis des einzelnen zum Grund und Boden bessern wollen. Bodenreform, Siedlung, Eigenheim, Erbbaurecht, um nur einiges zu nennen. Es ist das alte Lied, daß dann harmonische Ruhe besteht, wenn Form und Inhalt einer Sache im Einklang stehen. So auch hier.

Wenn die Form den Inhalt, der eine andere Form verlangt, in ihr zu bleiben zwingt, dann entstehen notwendigerweise ebensolche Reibungen, wie wenn eine neue Form einem alten Inhalt aufgezwungen wird. Je verständnisvoller der Schrei nach dem Boden von den maßgebenden Stellen vernommen wird, desto ruhiger wird sich der Umwandlungsprozeß vollziehen, um so eher wird ein harmonischer Zustand wieder herbeigeführt werden können zum Besten für alle.

Dann wird vielleicht einmal der einzelne, der jetzt solchen alten Bräuchen verständnislos gegenübersteht, dieselbe oder ähnliche innerliche Bewegungen erleben, die als Ausgangspunkt dieser Bräuche anzusprechen sind, nämlich die Sicherung der eigenen Scholle vor feindlichen Einflüssen. Dann werden diese alten Bräuche nicht absterben, sondern – wenn auch in andren, zeitgemäßen Erscheinungsformen – ihre Auferstehung feiern.

Wir wissen, daß unsre Vorfahren einst den erworbenen Grund und Boden mit Feuer umschritten, wenn sie ihn in Besitz nahmen. Er sollte gereinigt werden. Alle schädigenden Dämonen sollten verbannt werden. Diese anfänglich nur einmalige Handlung wurde schließlich jährlich beim Beginn der Feldarbeit und des Weideauftriebes vorgenommen, also im Frühling. Darum auch die verschiedenen Termine von vor Ostern bis zum Himmelfahrtstage. Man umschritt nicht mehr die Felder, man umritt sie unter strenger Einhaltung der vorgeschriebenen Einzelhandlungen. Nach nordgermanischen Quellen wurde Feuer umhergetragen, nach altdeutschen Quellen können auch Götterbilder an die Stelle des Feuers getreten, auch beides verwendet worden sein. Die Kirchenversammlungen eifern fortgesetzt gegen diese Flurumgänge. Das Volk läßt nicht ab davon. Darum verzichtet die Kirche auf die Ausrottung und hieß den Priester mit dem Kruzifixus oder dem Schutzheiligen des Ortes oder der Maria im feierlichen Zuge die Fluren segnend durchwandeln. Gesang, Glockenklang begleitete die Schar. Lärmen, Poltern, Schlagen, Feuern, Fegen dienten aber bereits in vorchristlicher Zeit zur Vertreibung der schädigenden Dämonen oder Geister oder Seelen, die gerade vor Ostern eine ihrer Urlaubszeiten hatten. In evangelischen Gegenden verblaßten die Bräuche nach und nach. Am längsten hat sich das Ostersingen der Kinder noch gehalten.

Wenn es unsrer Zeit gelingen sollte, den Landhunger zu stillen, dann wird mancher dieselben Gedanken und Gefühle in sich verspüren, wenn er sein Besitztum umschreitet, wie die Saatgänger und Saatreiter von ehedem und von heute. Jedes Jahr wird er wünschen, daß der Boden den in ihn verarbeiteten Fleiß und Schweiß mit guter Ernte segnen möge. Ob das mit dem Priester oder ganz allein oder mit der Familie geschieht, spielt dabei keine Rolle. Es bleibt eine Zwiesprache mit seinem Besitz, der ihm neue Kraft, neues Leben schenken soll, also ein religiöses Erlebnis: Verbundensein und Verpflichtetfühlen der Scholle gegenüber als Nutznießer der Vergangenheit, als Vorarbeiter der Zukunft.

Noch eins ist mir beachtlich. Das ist der soziale Zug im Saatreiten. Nicht der einzelne wünscht den Segen für seine Flur, sondern das ganze Dorf, zwei Dörfer, eine ganze Landschaft. Einer fühlt sich dem andern verpflichtet. Gleichmäßig soll der Boden den Segen auf die verteilen, die er trägt.

Mag auch unsere Zeit, wenn sie den Landhunger einzelner zu stillen vermag, dafür sorgen, daß diese nicht satt werden und träge und die andern vergessen, sondern daß in allen das Verbindlichkeitsgefühl den andern gegenüber wachbleibe wie unter den Saatreitern von Marienstern und anderwärts.