Janko

Liebe Brüder und Schwestern vom Heimatschutz!

Laßt mich heute mit Euch einen Gewinn teilen, der mir geworden ist! Wenn Ihr dabei denkt, ich hätte in der Staatslotterie gewonnen, dann seid Ihr auf dem Holzwege; denn das ist mir seit zwanzig Jahren noch nicht einmal geschehen, obwohl ich eine Nummer spiele, die meinem verstorbenen Vater als Gesangbuchslied im Traume eingekommen ist. Aber vernehmt meine Geschichte und schreibt wieder, ob mein Gewinn nicht auch des Teilens wert sei.

Im vorigen Sommer unternehme ich eine Ausfahrt ins Storchenland und komme da am Nordostrande unsres Sachsenlandes in so manches Dorf, das leider nur noch kümmerliche Spuren ehemaliger Storchenherrlichkeit aufweist. Bedauerlich ist es ganz besonders, daß für diesen Niedergang auch die Unvernunft so mancher Krone der Schöpfung verantwortlich ist.

Doch hört: In der Woche vom 20. August erhalte ich von einwandfreier und zuverlässiger Storchenseite die bestimmte Nachricht: Wir machen uns auf die Flügel (ein Storch kann nicht gut sagen: wir machen uns auf die Beine oder auf die Socken). Darum losgeradelt.

In den Teichen von Königswartha sehe ich manch stimmungsvolles Storchenbild. Schade, daß ich kein Herr Bernhardt aus Dresden bin, der mit Kamera und Film arbeitet. Es wären herzerquickende Bilder geworden. In der Woche vorher muß es im Orte noch schöner ausgesehen haben. Da haben sich etwa fünfzig Störche vor der Abreise gegen Abend auf Essen, Türmen und auf allem, was sonst noch an hervorragenden Gebäudeteilen aufzutreiben war, niedergelassen, um der Nachtruhe zu pflegen.

Jetzt nach Krinitz bei Neschwitz! Dort lerne ich den Janko kennen. Ihr hättet einen Heidenspaß gehabt, wenn Ihr dabeigewesen wäret, wie er mir vorgestellt wurde. Auf dem Scheunendache des Storchenvaters Trähne klappern im Neste zwei Störche. Unten auf der Düngerstätte liegt auch einer im schönsten Nichtstun. Er hat sich schön bequem ausgestreckt und nimmt ein Sonnenbad. Um ihn her Hühner, Tauben, Gänse, Spatzen, Schwalben, ab- und zugehende Menschen, die der Erntearbeit obliegen. Er mag denken: Ich bin Herr im Hofe. Euch kenne ich alle.

Beim Öffnen des niedrigen Hofgatters hebt er den Kopf und blinzelt mich an. Ich komme ihm näher. Da läßt er ein eigentümlich ziehendes Pfeifen hören. Vater Trähne kommt, nimmt einen kleinen blauen Krug zur Hand, klappert darauf und ruft: Janko. Sofort ist Janko, das ist nämlich der Storchenjüngling, auf den Beinen und mit zwei bis drei Gleitsprüngen steht er vor uns. Mich beachtet er zunächst gar nicht. Ich bin ja auch nicht seinesgleichen, auch nicht einmal ein Frosch. Der Krug ist ihm wichtiger. Sicher fährt sein Schnabel bis auf den Krugboden hinab. Nichts darin, völlig leer! Er pfeift wieder, aber diesmal mit einem etwas ärgerlichen Klang, aus dem auch so etwas wie Enttäuschung zu hören ist. Dann aber verlegt er sich auf gütliches Zureden. Er stellt sich gerade, guckt uns an, verbeugt sich ein über das andre Mal, wobei er streng darauf achtet, daß keiner von uns beiden zu kurz kommt. Dann ein Appell an das Gefühl. Er schreitet auf uns zu, legt seinen Hals an unsre Beine und läßt sich graulen. Wieder geht das Hoftor. Zwei Jungen haben auf den Schwarzwasserwiesen einen Frosch gefangen. Janko kennt seine Lieferanten ganz genau. Schon steht er vor den Jungen und nimmt unter Verbeugungen die Gabe in den Schnabel. Gravitätisch stolziert er vor mir auf und ab. Ich versuche sein Zutrauen zu gewinnen, indem ich ihn im schönsten Hochdeutsch einmal Johann, dann Johannes, Johannchen, Johanneschen, Hans und Hänschen rufe. Er achtet meiner nicht. Ihn muß ich wendisch anreden. Auf Janko hört er sofort. Als ich ihm meinen Ausweis vorzeige, wird er gesprächig und erzählt mir:

»Ich, Janko, wurde geboren im Frühjahr 1922 als das erste von vier Geschwistern im Neste auf der neugedeckten Scheune meines Pflegevaters Trähne. Anfangs ging alles gut. Aber von einem unverständigen Schießer wurde meine Mutter weggeschossen. Mein Vater konnte allein nicht mehr Nahrung für vier hungrige Schnäbel schaffen. Das Geklapper dreier Schnäbel verstummte. Auch meines wurde schwächer und schwächer. Schließlich blieb auch der Vater weg. In der höchsten Not schob sich eine Leiterspitze über den Nestrand. Eine Hand warf meine drei verhungerten Geschwister auf den Dung. Mich nahm sie behutsam zur Erde hinab. Ich wurde gekröpft, geazt, gefüttert mit Kaulquappen, Fröschen, Schlangen, Fischen, Mäusen u. dgl. Alles ist mir gut bekommen. Nur an Heringen vergreife ich mich nicht wieder. Ich bekam davon nicht nur einen gewaltigen Durst, sondern sogar recht schlimme Magen- und Darmbeschwerden. Jetzt sorgt das ganze Dorf vom jüngsten Buben bis zum ältesten Mütterlein für mich. Hunger habe ich einen ganz vorzüglichen. An die sechzig Frösche kann ich verdrücken. Hinaus mag ich nicht gern. Ich bin bei meinen Storchgenossen nicht gut angeschrieben. Also bleibe ich, wo ich bin. Ich verstehe nur nicht, warum meine Pflegeeltern so oft zu mir sagen: ›Janko, Janko! Was machen wir nur mit dir? Der Herbst rückt immer näher, nach ihm der Winter.‹ Neulich wurde die Sache ganz dumm. Da hieß es: ›Janko, entweder du gewöhnst dich an Kartoffeln mit Apern, oder du mußt nach Dresden in den zoologischen Garten!‹ Beides ist so ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Ich werde lieber abrücken. Und du siehst mir gerade aus, als wolltest du mich vierter Klasse nach Dresden bugsieren. Daraus wird nichts. Nichts für ungut. Gehab dich wohl!« Sprach’s, drehte mir den Rücken zu und stelzte davon.

Er hat auch Wort gehalten. Er fühlte die Kraft seiner Schwingen, lernte sie gebrauchen, zog immer weitere Kreise bei seinen Ausflügen und fand den Anschluß nach dem Süden. Zuvor ward sein Fuß mit einem Ringlein geschmückt.

Vor Ostern dieses Jahres war ich wieder in Krinitz. Die Jugend hatte einen Storchenposten auf den Wiesen gesehen. Sofort erscholl der Ruf: Unser Janko ist wieder da! Von Mund zu Mund ging das Wort. Aber es war kein Janko. Seine Pflegeeltern fragen sich angesichts des Nestes: »Ob er wohl wiederkehren wird?« Hoffentlich kommt er wieder, damit ich noch mehr von ihm erzählen kann. Ich muß ganz offen gestehen, daß mein erster Blick bei Postsachen danach geht, ob eine Nachricht aus Krinitz mir Jankos Wiederkehr meldet.

Liebe Brüder und Schwestern! Das wäre eine Tiergeschichte, wie Ihr sie vielleicht auch in ähnlicher Art selbst erlebt habt. Aber mein Gewinn? Das ist die Bekanntschaft der Pflegeeltern unsres Jankos. Es sind einfache Leute. Aber sie haben einen Idealismus, der nicht häufig anzutreffen ist. Sie reden nicht von Heimat- und Naturschutz, fragen nicht danach, ob das jetzt Mode, ob dabei irgendwelcher Vorteil zu erlangen sei, aber sie handeln aus innerem Triebe heraus für Heimat- und Naturschutz. Aus ihrem Tun spricht eine Selbstverständlichkeit, die rührend ist. Beim Umdecken der Scheune wurde es für ganz selbstverständlich angesehen, daß auf das neue Dach auch wieder ein neues Rad als Unterlage für das Storchnest kommen müsse. Von den dadurch entstandenen hohen Kosten konnte ich von ihnen nichts erfahren, nur von anderer Seite habe ich einige Zahlen zu hören bekommen.

Und wenn Eure Augen auf diesem Hofe die Reihe der besetzten Schwalbennester erblicken, ferner die Schar der ungebetenen Spatzen, die sich als Untermieter unterm Storchnest eingenistet haben, dann die zwei Störche, die als zweite Mieter das verlassene Nest bezogen haben, sich aber auch furchtlos auf dem Hofe bewegen, wenn endlich die Hausfrau noch zeigt, wie ein kleines Maikätzchen darum betteln kann, daß ihm aus einer kleinen Puppenmilchflasche Milch durch den Gummisauger gegeben werden möchte, wenn Ihr schließlich Gelegenheit habt, solche Beispiele praktischen Naturschutzes nicht nur als einen vereinzelten Fall, sondern als verhältnismäßig oft wiederkehrend in den Kreisen der ländlichen Bevölkerung ansprechen zu können, dann müßt Ihr alle glauben an den endlichen Sieg des Heimat- und Naturschutzgedankens und Euch geloben, dafür auch weiterhin Kraft, Zeit und Kosten zu opfern. So ist es mir gegangen. Dieser Aufschwung meiner Begeisterung ist mein Gewinn. Den sollt Ihr teilen mit Eurem

Lucas Karl aus Meißen.

Holznot und Waldesschönheit[1]

Von Forstmeister Otto Feucht

Jeder spürt es am eignen Leibe, wie ungenügend die Holzversorgung ist – trotz den wahnsinnigsten Preisen. Das Baugeschäft liegt still, das einfachste Holzgerät ist kaum mehr erschwinglich, alle Zeitungen klagen über den Mangel an Papierholz, und das Brennholz will erst recht nirgends ausreichen. Früher brauchte sich doch niemand besondre Sorgen zu machen, wie er seinen mittelbaren und unmittelbaren Holzbedarf decke. Warum ist das heute so ganz anders, obwohl doch der Wald eine der wenigen Rohstoffquellen ist, die uns der »Friedensvertrag« gelassen hat? Ist wirklich nur der Waldbesitzer schuld an der Not, der mit dem Einschlag zurückhält, um höhere Preise zu erzielen?

Dieser Vorwurf, der selbst in ernst zu nehmenden Kundgebungen immer wieder in der Öffentlichkeit auftaucht, zeigt aufs deutlichste, wie wenig die Bedeutung des Waldes für die deutsche Volkswirtschaft, wie wenig die Forstwirtschaft nach Wesen und Eigenart richtig erkannt wird. Trotz aller Liebe zum deutschen Wald, oder vielleicht auch gerade deshalb, weil vielen von uns der Gedanke noch ganz ungewohnt ist, den Wald nicht bloß ideell zu werten, denken wir nicht darüber nach, was der Wald als Ort der Erzeugung von Rohstoffen für uns ist, was er leisten und was er nicht leisten kann.

Deutschland hat vor dem Kriege rund zweiundsiebzig Millionen Festmeter (Kubikmeter) Holz im Jahre selbst verbraucht, also ohne die Ausfuhr an Holz oder Holzwaren zu rechnen. Davon hat es rund ein Fünftel durch Einfuhrüberschuß bezogen, vier Fünftel selber erzeugt. Der Inlandverbrauch verteilte sich auf Bau- und Schnittholz mit zwanzig, Brennholz dreißig, Grubenholz sieben, Papierholz sechs und Schwellenholz drei Millionen; den Rest von sieben Millionen verarbeiteten die Maschinenbauer und Werkzeugschreiner, die Wagner, Fahrzeugbauer, Küfer, Schnitzer und Flechter, die Dreher und Spielwarenhersteller, ferner Landwirtschaft und Gartenbau, Verkohlung und Destillation. Alle diese Zwecke rufen auch heute nach Erfüllung, ja durch die Kriegsfolgen sind neue hinzugekommen, wie die Herstellung der Gerbstoffextrakte und der Stapelfaser. Andre aber haben ihren Bedarf ungeheuer vermehrt, denn, wie ein rasch verbreitetes Schlagwort heißt: »Holz muß Kohle und Eisen ersetzen«. Im ganzen also trotz der Einschränkung der Bautätigkeit und einiger anderer Holz verarbeitender Industrien doch ein gewaltiger Mehrbedarf an Holz gegenüber der Zeit vor dem Kriege!

Nun ist aber unsere eigene Waldfläche durch Gebietsverluste geschmälert. Vor dem Krieg entfiel im Durchschnitt ein Hektar Waldfläche auf vier Einwohner, heute haben sich fünf darein zu teilen; das Verhältnis von Erzeugungsfläche und Verbraucherzahl hat sich also um ein Viertel verschlechtert. Dazu kommen die große Einschränkung der Einfuhr auf der einen Seite, die maßlosen Holzlieferungen an den Feindbund infolge des »Friedensvertrags«, sowie die Ausfuhr von Holzwaren und Holzstofferzeugnissen zur Beschaffung von Devisen auf der anderen Seite, und nicht zuletzt die privaten Schiebungen ins besetzte Gebiet und darüber hinaus, deren Menge sich jeder Schätzung entzieht.

Wer diese Umstände alle bei sich überlegt und dabei daran denkt, daß sein eigener Hausbedarf eigentlich größer ist als früher, der wird sich nicht mehr fragen, warum die Holznot so groß, das Holz so teuer ist. – Aber warum schlägt man denn nicht einfach so viel Holz, bis der Bedarf gedeckt ist, wir haben ja doch Wald genug? Es ist in der Tat versucht worden, diesen Gedanken durch gesetzlich angeordneten Mehreinschlag im ersten Jahre nach dem Kriege zur Ausführung zu bringen. Aber man hat bald gesehen, wohin das führt, und daß die Sachverständigen recht hatten, die davor warnten. Eine geringe Erhöhung des Einschlags in Notjahren kann verantwortet werden in der Hoffnung auf Ausgleich in späteren Jahren. Wollten wir aber den Einschlag so erhöhen, daß der Markt fühlbar für den Verbraucher entlastet würde, dann stünden wir in kurzer Zeit vor dem Nichts. Müßte etwa die Kohle ganz durch Holz ersetzt werden, so müßte innerhalb drei bis vier Jahren der gesamte Holzvorrat unsrer sämtlichen Wälder in den Ofen wandern! Das ist zwar technisch gar nicht durchführbar, aber die Rechnung zeigt deutlich die Größe der Gefahr!

Wenn wir überhaupt Volkswirtschaft treiben wollen, dann dürfen wir unter keinen Umständen davon abgehen, daß nicht mehr Holz jährlich genutzt wird, als zuwachsen kann. Sonst zehren wir vom Kapital, und dessen Ertrag wird von Jahr zu Jahr geringer, während unser Bedarf doch steigt und immer steigen wird. Und die Hoffnung, etwaige Übernutzungen in späteren glücklichen Zeiten durch erhöhte Einfuhr ausgleichen zu können, steht auf recht schwachen Füßen. Denn die Vorräte der Holzüberschußländer schwinden ungeheuer zusammen.

Unsre Wälder sind eben nicht so unerschöpflich, wie wir gern glauben möchten, und das Holz wächst nicht so rasch und nicht so »ganz von selbst«, wie dies die meisten noch immer annehmen. Wer denkt denn daran, daß eine Tanne hundert bis hundertundzwanzig Jahre alt werden muß, bis sie gutes Nutzholz liefert, daß selbst die schwächeren Papier- oder Grubenhölzer, ja auch das Brennholz, im allgemeinen mindestens fünfzig bis achtzig Jahre lang heranwachsen müssen? Und wenn man Waldbestände vorzeitig, in ihrer besten Leistungsfähigkeit, dem Holzhunger zum Opfer bringt, wenn man hochwertige Nutzhölzer kurzerhand im Ofen verbrennt, wer denkt dabei daran, welch unermeßliche Werte dadurch verloren gehen, nicht dem Geldbeutel des Waldbesitzers, sondern dem gesamten Volksvermögen?

Und die bange Sorge erhebt sich, die heute jeden, nicht mehr den Fachmann allein, angeht: Wie werden unsere Wälder in wenigen Jahrzehnten aussehen, wenn die Ansprüche von allen Seiten so weitergehen, so rücksichtslos Erfüllung heischen? Werden wieder wie in früheren Jahrhunderten nach Zeiten der Not und Teuerung Heide und Moor sich recken und die verwüsteten Waldflächen für sich beanspruchen? Wird es unserer Forstwirtschaft gelingen, all den maßlosen Anforderungen einigermaßen gerecht zu werden und das Schlimmste zu verhüten? Und wenn dies gelingt, wie wird es mit der natürlichen Schönheit des deutschen Waldes stehen, des viel verherrlichten, viel gepriesenen Waldes? Wird das dann überhaupt noch Wald sein, oder werden wir nur Holzäcker und Balkenfelder zu sehen bekommen, endlose, haarscharf ausgerichtete Reihen reiner Kiefern und Fichten, deren es heute schon übergenug gibt, zum Schauder aller Natur- und Heimatfreunde?

Ein kurzer Rückblick wird die Antwort erleichtern: Solange die Bevölkerung noch schwach, Industrie und Handel wenig entwickelt waren, brauchte niemand in Deutschland an Holz zu sparen. Der Wald gab, was man brauchte, aus dem Vollen. Erst allmählich im Verlauf der letzten Jahrhunderte, als Kriegslasten und Ausfuhrhandel in bisher unerhörtem Maße die Wälder gelichtet hatten, als die Übergriffe der großenteils ganz auf Kosten des Waldes betriebenen Ausbreitung der Landwirtschaft sein Wiederaufkommen fast unmöglich machten, fing man an einzusehen, wohin die Sorglosigkeit führte. Aus der Not heraus begannen die Anfänge einer Forstwirtschaft zu erstehen, der wiederum sich bald eine Forstwissenschaft zur Seite stellte. Die vielerorts noch bis ins neunzehnte Jahrhundert herein erschreckend verwüsteten Waldungen wurden künstlich ergänzt, die Nutzung nach bestimmten Plänen geregelt. Die neue Erkenntnis, daß man auch die Waldnatur meistern könne, führte, wie immer und überall im Leben, alsbald zur Überschätzung dieser Möglichkeiten. Auf ein Jahrhundert hinaus glaubte man, dem einzelnen Bestand genau vorschreiben zu können, wie er zu wachsen, und wann er erntereif zu sein hätte. Ein geradlinig abgegrenztes Stück des Waldes nach dem andern wurde völlig kahl geschlagen und nachher wieder angesät oder ausgepflanzt, wobei reine, nur aus einer einzigen Holzart bestehende und in sich gleichalte Bestände das Ziel wurden, genau nach dem Vorbild der Landwirtschaft. Das Verfahren hatte gegenüber der alten Raubwirtschaft zweifellos die Vorzüge der Übersichtlichkeit, der leichten Nutzungsregelung und Überwachung. Von Nachteilen aber war zunächst nichts zu spüren; diese traten erst spät und allmählich in Erscheinung.

Zuerst mußte man die Wahrnehmung machen, daß diese gleichförmigen Bestände sehr wenig widerstandsfähig waren gegen Gefahren aller Art, wie sie durch Sturm, Feuer, Schnee, Insekten u. a. bedingt werden. Die Mahnrufe einzelner, die den gemischten Bestand, den mehr naturgemäßen Wald forderten, wurden wieder gehört. Aber zum Durchbruch kam diese Richtung doch erst in jüngster Zeit, als noch der zweite, weit folgenschwerere Nachteil offenkundig wurde: die Verschlechterung des Bodenzustands und damit das Nachlassen der Erzeugungskraft.

Der Ackerboden wird Jahr für Jahr umgepflügt und dadurch auf die ganze Wurzeltiefe durchlüftet, dazu durch Düngung bereichert und durch planmäßigen Fruchtwechsel leistungsfähig erhalten. All das ist im Walde nicht in gleicher Weise möglich und muß daher anderswie erreicht werden. Gewiß sind die Bedürfnisse der Waldbäume bescheidener als die der Feldgewächse, gewiß ist der Wald ein selbständiger Organismus, der sich im großen Ganzen als natürliche Pflanzenformation, im Gegensatz zum Feld, aus sich selber heraus forterhalten kann. Aber wenn wir gewaltsam in seinen Lebensgang eingreifen, seine Lebensverhältnisse künstlich verändern, wie wir das in der steigenden Nutzung tun und noch viel mehr tun müssen, um seine Ertragsfähigkeit zu steigern – dann müssen wir unbedingt auch die Grundlagen seines Gedeihens in unsere Obhut nehmen und dürfen nicht einfach zusehen, wie und was etwa »von selber wächst«.

Und damit kommen wir zum Kernpunkt unserer Frage, nach dem Aussehen des künftigen Waldes. Wenn wir den Ertrag unserer Wälder steigern wollen – und wir müssen das um rund ein Drittel erreichen! – so ist das nur möglich durch sorgfältig verfeinerte Wirtschaft, die den Wald nicht mit den Augen des Mathematikers oder Finanzmannes als toten Stoff ansieht, vielmehr in ihm ein lebendes Wesen anerkennt, dessen Ansprüchen und dessen von Ort zu Ort wechselnden Bedürfnissen sie ins einzelne nachgeht, um ihnen jeweils die günstigsten Bedingungen zu schaffen. Alle die Forderungen, die heute einmütig von den Vertretern der Wissenschaft und der Wirtschaft erhoben werden, wie Bodenpflege, Bestandsmischung, möglichste Naturverjüngung, d. h. Selbsterneuerung der Bestände aus Samen unter Ausschluß minderwertiger Rassen, haben eine gemeinsame Voraussetzung. Das ist die Abkehr vom Großkahlschlag, von jeder künstlichen, das gesunde Wachstum schädigenden Zwangsjacke!

Damit ist aber für das Aussehen unserer Heimat alles gewonnen, was überhaupt gewonnen werden kann. Die rücksichtslos das Gelände zerreißenden Kahlschläge, die schnurgeraden, trostlos öden Balkenfelder ohne Leben und Abwechslung, das an Ausrottung grenzende Zurückdrängen so mancher schöner, eng mit der Heimat verbundener Baumarten, all die mancherlei Vergewaltigungen der Natur, die das Gefühl freien, unberührten Waltens nicht mehr aufkommen ließen, sie sollen alle der Vergangenheit angehören? Die Forderungen höchster Wirtschaftlichkeit und Wahrung natürlicher Schönheit, die so oft scharf aufeinanderprallen, im Wald einmütig auf dem gleichen Wege, nach dem gleichen Ziel? Ist das nicht ein heller Lichtstrahl in trübster Zeit für jeden Freund der Heimat?

Auf die technische Seite dieser Grundforderungen näher einzugehen, ist hier nicht der Platz, aber wie sie sich in unserm Sinne für das Aussehen des Waldes auswirken, soll an einigen Beispielen angedeutet werden. Bodenpflege bedeutet die Aufgabe, dem Boden die Eigenschaften eines guten Waldbodens zu erhalten oder neu zu schaffen, ihn nicht zum Heide-, Grasland- oder Moorboden werden zu lassen. Er soll bedeckt bleiben, geschützt durch das Kronendach der Bäume und, wo das zu hoch oben oder nicht dicht genug ist, durch Unterwuchs. Die jährlichen Abfälle der Vegetation müssen ihm erhalten werden, soweit sie sich zu gutem Humus zersetzen können, denn dies ist die Voraussetzung zur Erhaltung des nötigen Kleinlebens im Boden (Edaphon), ohne das kein Gedeihen möglich ist. Also darf diese »Bodenstreu« nur in den Ausnahmefällen entfernt werden, in denen sie sich nicht zersetzen kann und dem Wald eher schadet als nützt. Die Laubstreu muß dem Walde belassen werden, wenn sein Ertrag nicht zurückgehen soll. Ständig ausgerechte Wälder verarmen unter unseren Augen, die Bodenflora verschwindet und mit ihr alles Kleintierleben. Der Boden wird fest und verdichtet, der ganze Wald verödet. – Daß gemischte Bestände mehr Abwechslung bieten als die öden Gassen reiner Kiefern- oder Fichtenstangen, das bedarf keiner näheren Ausführung. Die beiden genannten Bäume werden nach wie vor unsere wichtigsten Holzerzeuger bleiben; aber die Mischung mit Laubholz, vor allem mit Buche, die heute aus rein technischen Rücksichten zur Steigerung der Erzeugung erstrebt wird, ist gleichzeitig auch rein landschaftlich hochwillkommen. Sorgfältige Bestandspflege, die fortgesetzt die gutveranlagten, zuwachsreichsten Stämme begünstigt, schafft dem Auge erfreulichere Bilder als die Massenanzucht des Mittelmäßigen. Die Begünstigung der Naturverjüngung verlangt das Herausarbeiten schöner Baumkronen, die blühen und fruchten können, unbehindert von Nachbarn, und das »Überhalten« geeigneter Bäume (besonders Kiefern) zur nachträglichen Ergänzung der Bestockung. Der üble Eindruck roher Holzschlächterei kann nicht entstehen, wo der Boden schon von jungem Nachwuchs bedeckt ist, dem das Herausholen des alten Holzes Raum gibt zur Entfaltung.

Freilich von heute auf morgen kann das alles nicht zur Tat werden. Bei dem langsamen Wachstum der Bäume braucht es lange Zeit. Wir dürfen auch nicht übersehen, daß vielfach durch ungünstige Verhältnisse eine waldschädliche Waldbehandlung geradezu erzwungen wird. Da ist einmal der Mangel an geschulten Kräften, nicht bloß an Wirtschaftern, sondern mehr noch an Holzhauern und Holzfuhrleuten, und was noch schlimmer ist, der Mangel an lernwilligen Kräften. Wird das Holz durch Bequemlichkeit und Unfähigkeit des Holzhauers so geworfen, daß die Stämme beim Fallen oder beim Herausbringen an die Wege den vorhandenen Jungwuchs zerstören müssen, so ist die Mühe vieler Jahre und Jahrzehnte umsonst.

Aber die größte Gefahr ist die, daß alle Einsicht und Absicht gar nicht verwirklicht werden kann, daß alle Mühe und Sorge der Wirtschafter durchkreuzt wird durch den unwiderstehlichen Zwang äußerer Not oder durch kurzsichtige Rücksichten innerpolitischer Art, sei’s gegenüber der am Lebensmark des Waldes zehrenden landwirtschaftlichen Bevölkerung, sei’s gegenüber den brennholzheischenden Massen der Städter. Die Erkenntnis, um was es geht in den nächsten Jahren, muß die weitesten Kreise durchdringen. Nicht »nur« die Schönheit unserer Wälder steht auf dem Spiel, nicht »nur« das natürliche Aussehen des Teiles unsrer Heimat, der den allermeisten Volksgenossen noch den einzigen Zusammenhang mit der Kraft des Mutterbodens verleiht, nein, um viel mehr noch wird es gehen, um das Fortbestehen der Wälder überhaupt, um die Frage, ob Deutschland die in seinem Waldboden steckenden Kräfte erhalten kann, oder ob es der gleichen Waldverödung anheimfallen soll, wie längst schon die Länder seiner westlichen Nachbarn und die Länder am Mittelmeer.