Das Lied vom kecken Trompeterlein
Von Ottomar Enking
Herr Wirt: Ich bin ein Trompeterlein
Und vom langen Wandern müd,
Laßt mich heut Nachtens bei Euch sein
Ich blas Euch ein schönes Lied.
»Mein Freund, bedaure, das geht nicht an.
Hab nirgends Platz im Haus.
Sieh nur: sie sitzen Mann bei Mann,
Ich weiß nicht ein noch aus!«
»Herr Wirt! Ich kann nicht von der Stell,
Die Füße versagen mir,
Und wäre es auch auf Eurer Schwell,
Ich werf mich nieder hier!«
»Nun wohl! Man ist ja kein Unhold nicht,
Klimm dort in den Schloßsaal hinauf,
Doch wenn Dir da was Arges geschieht,
Bürd mir die Schuld nicht auf!«
»Ich fürcht mich nie! Ein warmes Bett,
Ein Licht und ein Fäßchen Bier
Was fehlt mir noch? Herr Wirt, ich wett,
’s geht keinem so gut wie mir.«
Hohl schlug die Uhr um Mitternacht,
Auf einmal – grausenhaft! –
Auf Trepp und Flur, es klappert und kracht,
Weit offen die Türe klafft.
Und herein mit unheimlich gespreiztem Schritt
Ein Zug von Gerippen quillt,
Umkreist kopfwackelnd des Raumes Mitt,
In modriges Linnen gehüllt.
Trompeterlein mißt sie mit keckem Blick:
»Nun gucke mal einer an!
Noch Tanzgesellschaft! Ihr braucht Musik,
Getrost! Die könnt ihr han!«
Er setzt an die Lippen das blitzblanke Horn,
Die Paare finden sich,
Sie heben die Knochen hinten und vorn
Zum Reigen schauerlich.
Trompeterlein bläst, was die Lunge hält;
Das rast so wütend und wild,
Doch als die Glocke eins gegellt,
Da ist die Lust gestillt.
Zum kühnen Trompeter spricht ein Geist:
»Sei uns gesegnet, du!
Mit deinen Weisen, du Wackrer verleihst,
Du uns die ewige Ruh!«
Fort sind die Gespenster! Die Nacht vergeht.
Beim ersten Morgenstrahl
Liegt, wo sich der Wirbel am tollsten gedreht,
Ein Häufchen Asche im Saal.
Von da an war das Schloß gefeit,
Der Spuk blieb draus verbannt.
Drum hat mans auch in Dankbarkeit
Trompeterschlößchen genannt.
Abb. 5 Die Sage vom Trompeterschlößchen »In Wort und Bild« im Gastzimmer
Paul Schumann.