Das Trompeterschlößchen zu Dresden

Als ich Dasdorf jüngst und Haschen,

Topographen in den Taschen,

Dresden zu beschau’n begann,

Fand ich vor dem Tor vom See,

Steingehaun an Hauses Höhe,

Einen goldnen Reitersmann.

Wacker stößt in die Trompete

Er am Haus, als blas’ er Fehde

Oder einen frohen Tusch,

Und es weht auf seinem Hute,

Schiefgesetzt in kräftgem Mute,

Ein gewaltger Federbusch.

Also beginnt das lange Gedicht, womit der Dresdner Dichter Theodor Hell (mit seinem eigentlichen Namen Winkler) im Jahre 1816 oder 1817 das Hochzeitsfest eines seiner Freunde verherrlichte, der im Trompeterschlößchen zu Dresden wohnte. Und weiter erzählt Hell in diesem Gelegenheitsgedicht, was ihm angeblich eine alte Krückenfrau über den Ursprung des »Sinnbildes« vom blasenden Trompeter berichtet habe. Im Dreißigjährigen Kriege kam einst ein verirrter Trompeter in ein abgelegenes Wirtshaus, »suchend für die Nacht sich Schutz gegen Ungewitters Trutz«. Aber das Haus ist vom Kriege zerstört und vermag ihm kein Obdach zu bieten. Der Wirt belehrt den Trompeter:

Nur dort oben im Gemäuer

Ist noch Platz, doch nicht geheuer,

Denn ein böser Geist bei Nacht,

Drin gewaltgen Unfug macht.

Wer dort oben übernachtet –

Manchen schon betraf dies Los –

Wird um Mitternacht geschlachtet,

Und ein Geist steht riesengroß

In der Stunde der Gespenster

An dem hohen Bogenfenster

Und trompetet dort hinaus,

Daß uns überläuft ein Graus.

Aber der Trompeter, im Kriege gehärtet, hat frohen Mut; er spornt sein ermattet Roß, eilt flugs zu dem hochgetürmten Schloß empor und sucht sich dort ein Unterkommen in einem der vom Besitzer verlassenen, prächtig ausgestatteten Zimmer. Als aber »auf fernem Turme Mitternacht die Glocke schlägt,« erwacht der Trompeter von einem fürchterlichen Rumor, der das Schloß durchtobt; ein Geist, in der Faust ein Schwert, tritt mit wütender Gebärde in das Zimmer des Trompeters, ein Sturmwind entführt diesem die schnell gezückte Klinge, und der Geist hebt schon »den Sarras blutig rot«, um den Trompeter den Garaus zu machen. Der aber greift in seiner letzten Not, einer plötzlichen Eingebung folgend, zu seiner Trompete und bläst einen tüchtigen Tusch. Ganz verdutzt läßt der Geist seinen Sarras sinken, der Trompeter erfaßt rasch die Sachlage und bläst »rasch, bald kalt, bald heiß, alle Stückchen, die er weiß«. Da nimmt der Geist von der Wand seine eigene Trompete, winkt dem Trompeter und führt ihn in einen großen Saal.

An das hohe Bogenfenster

Tritt der Geist, wo manchesmal

In der Stunde der Gespenster

Er schon Schrecken blies ins Tal.

Neben ihn sich hinzustellen

Winkt er dann: Und Töne schwellen

Aus dem Geisterinstrument,

Wie kein Virtuos sie kennt.

Der Trompeter muß sekundieren und eine ganze Stunde blasen die beiden ihre schauerlichen Melodien zum Fenster hinaus.

Huh, das klingt durch Wald und Auen,

Stört den Schlaf aus Nest und Bett;

Niemand hörte sonder Grauen

Noch ein ähnliches Duett.

Als es Eins schlägt, hört der Geist auf zu blasen, winkt dem Trompeter und führt ihn

Tief in eines Kellers Nacht,

Wo ein Schatz von Golde lacht.

Hier eröffnet der Geist dem Trompeter, daß er einst ein böser Ritter gewesen sei und alle Fremden erschlagen habe, die in seinem Schlosse eingekehrt seien im Glauben, hier ein gastliches Obdach zu finden. Da traf ihn des Himmels Strafe: er sollte nicht eingehen zum Frieden, sondern müsse jede Nacht fortan die Trompete blasen, bis ihm zu seinen »Jammertönen« ein Trompeter sekundieren würde, allen Erdensöhnen aber, die nur Neugier herführen würde,

»Und die nicht als Virtuosen

In die Heertrompete stoßen,

Oder furchtsam sind und bang

Bringen Tod und Untergang.

Du hast endlich mich gerettet,

Nimm den Schatz zum Danke dir:

Ruhig ist nunmehr gebettet

Meine Totenkammer mir.«

Der Geist verschwindet und der Trompeter füllt, nachdem er sich von dem Schrecken und der Anstrengung erholt hat, flott seinen Mantelsack voll Gold, bläst am Morgen noch einen lauten Tusch zum hohen Bogenfenster hinaus und reitet froh von dannen.

Und nachdem der Krieg geendet,

Nimmt er seinen Abschied gleich,

Hat nach Dresden sich gewendet,

Wohl an Geld und Gute reich,

Hat dies Haus hier aufgebauet,

Wo man ihn noch immer schauet

Steingehaun mit goldnem Schnitt,

Wie er von dem Schlosse ritt.

Reicher Beifall der Hochzeitsgäste lohnte dem Dichter nachdem er geendet hatte, und seitdem erzählt man sich in Dresden die Sage vom Trompeterschlößchen. In der sagenfrohen romantischen Stimmung der Zeit fand sie vollen Widerhall. Ob Theodor Hell irgendwelchen Anhalt für sein Gedicht aus mündlicher Überlieferung erhalten, oder ob er, was wahrscheinlicher ist, nur aus seiner eigenen Phantasie geschöpft hat, bleibe dahingestellt. Aber die Sage spann sich weiter. Hell veröffentlichte seine Dichtung 1817 in der »Zweiten Gabe des Komus«, eines Taschenbuchs, das er mit befreundeten Dichtern seit 1816 herausgab. Noch in demselben Jahre ward es nachgedruckt in dem Buche: »Poetische Sagen der Vorzeit als: Legenden, Volkssagen, Märchen und Schwänke ernsten und launigen Inhalts für Freunde der Dichtkunst und als Stoff für Deklamation gesammelt vom Deklamator C. F. Solbrig,« worin sich eine lange Reihe Dichtungen ähnlicher Art von Castelli, Göcking, Theodor Hell, Friedrich Kind, dem Dichter des Weberschen Freischütz, Theodor Körner, Langbein, Pfeffel, Wilhelm Schlegel, Schwab, Schubert und zahlreichen längst vergessenen Dichtern jener Zeit finden. Auch Goethe ist darin mit dem Gott und der Bajadere sowie mit dem Hufeisen vertreten.

In ganz anderer Fassung tritt uns dann die Sage vom Trompeterschlößchen in Widar Ziehnerts Volkssagen 1834 entgegen. Dieser verlegt den Spuk in das Trompeterschlößchen selbst, das er ein »vielbesuchtes, rühmlichst bekanntes Gasthaus« vor dem Seetor in Dresden nennt.

In Dresden war ein stattlich Haus

Doch ging kein Mensch da ein und aus,

Denn huh! niemanden litt es drin

Und zwang den Hausherrn auszuziehn.

Der Trompeter ist bei Ziehnert ein grober Bayer, namens Claus. Er übernachtet trotz der Warnung in dem verlassenen Spukhause. Um Mitternacht treten vierundzwanzig Gerippe in Leichentüchern in den Saal. Sie fordern den Trompeter auf, ihnen zum Tanz zu blasen und beginnen dann unter fürchterlichem Geheul einen fliegenden Reigen, bei dem der Trompeter für jeden falschen Ton, den er in Todesängsten bläst, einen Backenstreich erhält. Um ein Uhr hört der Tanz auf. Die Tänzer drängen sich zur Tür hinaus und kreischen dumpf: »Zur Grabesruh, zur süßen Ruh.«

Der von Angst erfüllte Trompeter gewinnt endlich seine Fassung wieder.

Er dreht sich um – er wagt es drauf! –

Und reißt das Erkerfenster auf,

Und bläst die Herzensangst mit Macht

Hinaus weit in die stille Nacht.

Der Wirt erscheint, nimmt den Trompeter mit in sein zweites Haus, zählt ihm eine lange Reihe blanker Gulden hin und fordert ihn auf, bei ihm zu bleiben, er solle auch immer »freies Bier« haben. Aber der Trompeter will nichts davon wissen, er sattelt sein Roß und reitet davon.

Und trägt als unschätzbaren Lohn

Die gute Lehre mit davon:

Sieh zu, daß dein Gewissen gut,

Sonst fehlt dir in Gefahr der Mut …

Ziehnert schließt seine moralisch gewendete Dichtung, die aus dem gottlosen Trompeter einen gottesfürchtigen Mann werden läßt, mit folgender Strophe:

Der Spuk im Hause war gebannt.

Der Wirt zog wieder ein und wandt’

Ein fein Stück Geld daran und ließ,

Wo Claus einst aus dem Fenster blies,

Ihn konterfei’n, in Stein gehau’n.

Dort ist er heute noch zu schau’n

Gar schön vergoldet; und das Haus –

Da ward’s Trompeterschlößchen draus.

Wie man hieraus ersieht, ist Widar Ziehnert der eigentliche Erfinder der Sage, wie sie sich in Dresden erhalten hat. Er hat die Mär aufgebracht, daß der Spuk vom blasenden Trompeter sich im Trompeterschlößchen selbst zugetragen habe. Wer wissen will, wie sich die Sage in der sagenfrohen Zeit der Romantik weiter mannigfach gewandelt hat, der lese nach in Friedrich Gottschalks Deutschen Volksmärchen (Leipzig 1846) und in der Konstitutionellen Zeitung, Jahrgang 1854, Nr. 3 ff., wo ein Schriftsteller namens Winter als den Trompeter einen Polen namens Thaddäus Slawkowsky nennt und die Sage in das Jahr 1524 verlegt.

Auf die mündliche Überlieferung in Dresden und auf Theodor Hells »Ballade« beruft sich auch J. P. Lyser in seiner Sammlung »Abendländische Tausendundeine Nacht«, der den Spuk in Dresden spielen läßt und ihm durch die Hochzeit des verwundeten Wallensteinschen Trompeters mit der Tochter des Wirtes vom Trompeterschlößchen – nach der Rückkehr aus dem Dreißigjährigen Kriege – einen fröhlichen Abschluß gibt. Derselbe Lyser behandelt in Saphirs Humoristen den Stoff unter dem Titel Trompeter und Graumännchen wieder in anderer Weise.

Die Wirklichkeit ist nüchterner als die romantische Sage, die, wie es scheint, erst im neunzehnten Jahrhundert entstanden ist und in immer neuen Wandlungen auftaucht. Sicher ist, daß auf dem Grundstück, das am Dippoldiswaldaer Platz steht, seit 1635 Gasthofgerechtigkeit ruht und daß es sich um 1650 im Besitze des kurfürstlichen Feldtrompeters Peter Andreas befand. Schon im siebzehnten Jahrhundert wurde es als das »Schlößchen« bezeichnet. Nach dem Trompeterschlößchen wurde 1874 der westliche Teil der ehemaligen Großen Oberseergasse und das Weststück der anstoßenden früheren Kleinen Oberseergasse Trompeterstraße genannt. Ob – wie Gottschalk sagt – an Stelle des jetzigen Trompeterschlößchens, das seine gegenwärtige äußere Gestalt dem Jahre 1764 verdankt, ein Jagdschloß bestanden hat, das der Burggraf Konrad von Dohna im neunten Jahrhundert erbaute und das späterhin mit dem Untergange des Grafengeschlechts derer von Dohna allmählich verfallen sei, bleibt ungewiß.

Abb. 1 Trompeterschlößchen, Eingang vom Dippoldiswaldaer Platz

Ohne weiteres falsch ist die Mär, daß die Stätte des Trompeterschlößchens um das Jahr 1150 mit dem Jakobshospital überbaut gewesen sei, denn dieses stand, wie aus jedem alten Plane Dresdens zu ersehen ist, vor dem Wilschen Tor am Eingange der Annenstraße. Sicher aber ist, daß das Trompeterschlößchen mindestens seit dem siebzehnten Jahrhundert ein vielbesuchter Gasthof war. Hier mündeten die Straßen, die von Dippoldiswalde und von Dohna her nach Dresden führten. Von dem Schlößchen aus führte zwischen den beiden Seen, nach denen die Straßen Am See und Oberseergasse benannt sind, die Straße nach dem Seetor, und die Fuhrleute, die von Dippoldiswalde, Dohna usw. nach Dresden fuhren, sei es, um hier ihre Ladung abzulegen oder weiter über die Augustusbrücke nach Bautzen usw. zu fahren, pflegten im Schlößchen zu übernachten und erst am andern Morgen weiter zu fahren. Weiter nennt Iccander in seinem Buche von 1726 »Das fast auf dem höchsten Gipfel seiner Vollkommenheit und Glückseligkeit prangende Königliche Dresden in Meißen« im 32. Kapitel ›Von Gasthöfen in und vor Dresden‹ auch das Trompeterschlößchen am See, in welchem »die Garde du Corps oder reitende Trabanten ihre stets währende Estandart-Wacht hat.«

Abb. 2 Trompeterschlößchen, Bräustübl

Eine gleichzeitige Nachricht über das Trompeterschlößchen stammt aus dem Jahre 1719. Als damals die Hochzeit des Kurprinzen mit der Kaiserstochter Maria Josepha in prunkenden Festlichkeiten verherrlicht wurde, ward gleichzeitig aus Furcht vor Unruhen wegen der herrschenden Teuerung und Hungersnot eine Art Belagerungszustand über die Stadt verhängt. Unter anderm waren in den Vorstädten 26 Tage lang Dragoner mit dem Sicherheitsdienst beauftragt. Bezeichnend für die Schattenseiten der üppigen Festlichkeiten war, daß sich nachträglich die Gastwirte in dem Schlößchen (das ist das Trompeterschlößchen), in der Lilie (Fischerdorf) und im Roten Hirsch (Pirnaische Gasse) beschwerten, »daß sie genötigt gewesen seien, während dieser Solennitäten viele Reiter und Pferde bei sich aufzunehmen, ihnen alle Nacht Licht zu geben und dabei viel Ungemach von ihnen sowie vielen Schaden dadurch zu leiden gehabt, weil ihre Pferde, weil sie wenig Futter bekommen, aus Hunger die Krippen, Rauffen und sogar die Planken, wo sie angebunden gewesen, angefressen und so zerbissen hätten, daß neue dafür angeschafft werden mußten.« Nachdem sich der Rat von der Richtigkeit der Beschwerde überzeugt hatte, bewilligte er den drei Wirten eine auch auf Stall- und Lichtgeld sich erstreckende Vergütung von 24 Talern und 16 Groschen, ließ aber diese Summe (laut Resolution vom 7. Dezember 1719) von den zehn vorstädtischen Gemeinden aufbringen, zu deren »Sicherheit« jene Mannschaften dahin postiert worden waren.

Abb. 3 Trompeterschlößchen, Gasträume

Der Siebenjährige Krieg brachte dem Trompeterschlößchen schweres Unheil. Im Jahre 1760 brannte es bei der Belagerung Dresdens durch die Preußen vollständig ab. Erst vier Jahre später erstand es von neuem in der Gestalt, die es im Äußeren heute noch hat. Damals erhielt es auch als Wirtshausschild den blasenden Trompeter in der zeitgenössischen Tracht mit der Unterschrift:

Trompeterschlößchen nennt man mich,

Des Krieges Wut empfand auch ich.

Es warf mich unverhofft ein tötend Feuer nieder,

Allein ich stehe nun durch Gottes Gnade wieder. 1764.

17 Christoph Siegmund Beuther 64

Auch in der Napoleonischen Zeit erlitt das Trompeterschlößchen manches Ungemach. Während der Schlacht bei Dresden am 26. und 27. August ritt Napoleon wiederholt am Dohnischen Schlag vorüber, als er die feindlichen Stellungen und Pläne zu erkunden suchte; er soll auch einmal vor dem Schlößchen gehalten und die zum Ausfall vorüberziehenden Truppen begrüßt und angefeuert haben. Dem Trompeterschlößchen wurde in diesen Tagen von den Soldaten übel mitgespielt: Vater Jäppelt, der damalige Wirt, hat oft erzählt, man habe ihm nicht einen Tropfen in den Flaschen gelassen und von allen Eßvorräten sei nur ein fast fleischloser Kalbskeulenknochen übriggeblieben.

Im ganzen neunzehnten Jahrhundert bis heutigentags war und ist nun das Trompeterschlößchen als gut bürgerliches Gasthaus wohlbekannt und geschätzt. Da gab es unter anderm einen Stammtisch, an dem sich regelmäßig eine Anzahl Dresdner Bürger, besonders Handwerksmeister, beim Glase Bier zu fröhlicher Unterhaltung zusammenzufinden pflegten. An hundert Jahre hat dieser ehrbare Stammtisch bestanden.

Noch eine literarische Erinnerung knüpft sich an das alte gute Gasthaus. Eine Inschrift, die jetzt im großen Gastraum angebracht ist, berichtet darüber folgendes:

»In diesem Hause wohnte der Dichter Otto Ludwig aus Eichsfeld mit Unterbrechungen vom September 1849 bis zum Juni 1852; sein Drama ›Der Erbförster‹ wurde währenddem am 4. März 1850 vom Dresdner Hoftheater zum ersten Male aufgeführt, und er arbeitete damals an der Makkabäer-Tragödie. Hier erlebte der neununddreißigjährige Mann auch die glückliche Frühzeit seiner am 27. Januar 1852 geschlossenen Ehe mit Emilie geb. Winkler aus Meißen.« Er schrieb darüber an seinen Freund:

»Unsere Wirtschaft hat vor der Hand noch etwas studentenartiges, ich und meine Frau Studentin stecken zu zweit in demselben Zimmer des Trompeterschlößchens, das ich als Junggeselle schon innegehabt, einem Zimmer, das zehn Schritte lang und fünf breit und einem Kämmerlein, das eben Raum hat für die Betten, Koffer, Waschtisch und zwei Leute, die sich eben mühsam dazwischen und aneinander vorbei bewegen können.«


Dieses alte Dresdner Gasthaus, das an sich ein Stück Alt-Dresdner Heimat darstellt, hat nun in den letzten beiden Jahren im Innern eine neue Einrichtung und Ausstattung erhalten, die wir in ihrer Art von unserm Standpunkt aus als vorbildlich bezeichnen dürfen. Sie ist gutbürgerlich, ohne den Luxus oder den Schein von Luxus, durch den uns die vorige Generation von Architekten und Dekorateuren an so vielen Stellen, wo wir ihn weder brauchten noch suchten, den Aufenthalt verleidet hat, und doch so, daß Leute mit künstlerischen Anschauungen ihr Genüge finden und gern dort verkehren. Alles gewaltsam Humoristische, das einen mit der Zeit anwidert, alles falsch verstandene Volkstümliche, alles Unechte und Talmihafte ist vermieden, der künstlerische Grundzug des Ganzen aber ist einerseits aus den geschichtlichen und sagenhaften Erinnerungen des Hauses, anderseits aus den veränderten wirtschaftlichen Bedingungen unsrer Zeit gewonnen. Die alte Grundfläche ist vollständig geblieben, modernen Verhältnissen aber entspricht, daß an Stelle der Ställe und Schuppen für Pferde- und Lastwagen zweckmäßige Autohallen getreten sind. Die Fremdenzimmer mit Raum für insgesamt hundertfünfunddreißig Betten sind einfach aber gediegen mit allem ausgestattet, was ein bürgerlicher Reisender im Gasthause, das nicht ein luxuriöser Fremdenhof sein will, erwartet. Die Gasträume sind behaglich, anheimelnd und gediegen zugleich. Was in der Ausstattung an alte Zeiten erinnert, drängt sich nicht auf, als ob ein Gasthaus ein Altertumsmuseum wäre.

Die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse im kunstgewerblichen Betrieb aber wußte der Meister des Umbaus Professor Oswin Hempel in vollem Verständnis dafür mit genialem Blick auszumünzen. Bildhauer und Maler beanspruchen infolge der tariflich geordneten Gehälter und Löhne heute nicht mehr als der kunsthandwerkliche Arbeiter, der Ausführende, sie führen in gewissen Schranken selbständig aus, was der Meister nach seinem einheitlichen Plan in allgemeinen Zügen vorschreibt, ohne daß er bis in alle Einzelheiten gehende Modelle liefert. Die mechanische Übertragung fällt weg und jedes Stück Arbeit wird so zum kunsthandwerklichen Original. Damit ist ja eine neue Grundlage für eine Blüte des Kunsthandwerks gegeben. Der Meister liefert nur Skizzen, der handwerklich schaffende Bildhauer, Holzschnitzer, Metallarbeiter, Glasmaler, führt sie in freihändig schaffender Technik, die sich aus dem Material ergibt, aus. Was Künstler, wie Karl Groß in Dresden, Hofmann in Wien und andere anstreben, ist hier an einem größeren Beispiel trefflich in die Tat umgesetzt. Eine Reihe jüngerer kunstgewerblich arbeitender Künstler, wie der Bildhauer Rudolf Born, die Maler Skade, Creutz und Petzold haben hier gezeigt, wie sie handwerklich und persönlich zugleich zu schaffen verstehen; kunsthandwerkliche Betriebe wie die deutschen Werkstätten in Hellerau, Fickler in Hainsberg, Eichler und Bernhardt in Dresden haben in bester Einzelausführung die Wandvertäfelung in dunkler Eiche, die fichtene Decke u. a. hergestellt, und Meister Oswin Hempel hat dafür gesorgt, daß alles wie aus einem Guß dasteht, ohne daß die Handschrift der einzelnen Mitarbeiter verloren ging.

Abb. 4 Trompeterschlößchen, »Otto Ludwig-Zimmer«

Schon an dem rundbogigen Eingang beginnen die geschichtlichen Erinnerungen. Ein Relief in Stein zeigt ein schlichtes Gasthaus, vor dem ein Fuhrmann seine Pferde tränkt, wie es einst war, als die Botenfuhrleute von Plauen, Dippoldiswalde und von weiterher an diesem wichtigen Verkehrspunkte kurze Rast machten oder Einkehr hielten. Der Innenraum, den wir nun betreten, ein ansehnlicher, aber erfreulicherweise nicht für Massenbetrieb gedachter Raum ist durch eine dreifache Bogenstellung in rotem Porphyr und einen mächtigen behaglichen blauen Kachelofen mit bunten Schildereien abgeteilt. Die Kämpfer der Bogen zieren Reliefs mit Darstellungen von Brot, Fischen und vier Kartenkönigen. Eines der stilgerecht kräftigen Fenstergemälde erinnert an die Sage, daß an der Stelle des Trompeterschlößchens einst ein Jagdschloß der Burggrafen von Dohna gestanden haben soll, und in dem wuchtigen Unterzug ist das Wappen der Dohna, Ritter und Edelfräulein in Eichenholz geschnitten; die weiteren Fenster zeigen volkstümliche Gestalten: Koch, Kellnerin, Altenburgerin, Wendin, Dudelsackpfeifer und Postillion. Die Fenstergewände in rotem Porphyr sind mit ornamentalen Reliefs geschmückt.

Die Hauptinnenwand des größeren Raumabschnitts ist der Trompetersage im Bilde gewidmet. Hier hat der Maler Skade in kräftigen Farben gemalt, wie der mutige Trompeter den Gerippen zum Tanz aufspielt und wie er dann vom rosenumrankten Balkon seinen Triumph in die Welt hinausbläst. Dazwischen stehen auf Holztafeln, kunstvoll geschrieben, die ganz vortrefflichen Verse, in denen unser heimischer Dichter Ottomar Enking die Sage vom kecken Trompeterlein – im Inhalt sich nicht an Theodor Hell sondern an Widar Ziehnert anschließend – lebendig und frisch erzählt.

Eine besondere Überraschung bietet ein dem Hauptraum sich anschließendes Nebenzimmer. Es ist dem Andenken Otto Ludwigs gewidmet und in freier Verwendung von Biedermeier-Einzelheiten behaglich ausgestattet. Möbel in hellem Kirschbaumholz, zwei Dresdner Ansichten von Canaletto, Bildnisse Otto Ludwigs und seiner Frau, ein Kronleuchter in Kristallglas, ein eigenartiger Ofen, das alles von hellgelben Wänden umschlossen, ergibt ein charakteristisches Gesamtbild, dem Wesen Otto Ludwigs verwandt zu der Zeit, da der damals noch schwer ringende Dichter im Trompeterschlößchen heimte.

Eine Vorhalle mit Kachelverkleidung und einem blasenden Trompeter zu Pferd über dem Kamin und eine schlichte gemütliche Likörstube, genannt die Trompeterschänke, die sich an das alte Haus nach der Reitbahnstraße zu anschließt, vervollständigen das Trompeterschlößchen, das sein jetziger Besitzer Herr Louis Tögel in schwerer Zeit mit kühnem Mut zu neuer Gestalt erweckt hat. Für die vornehme Baugesinnung, die ihn dabei leitete, fand er in Oswin Hempel und seinen künstlerischen Helfern die Männer, die mit Lust und Liebe mit vollem Verständnis und Können für moderne Bedürfnisse zu sorgen und dabei die geschichtlichen Erinnerungen zu wahren verstanden.

So ist dem alten Trompeterschlößchen der Ruf eines besseren Hotels, einer gut bürgerlichen Gaststätte gewahrt, wie es in der Großstadt so selten und doch so notwendig ist, in seiner Einrichtung ein Beispiel des einfach Gediegenen und Anheimelnden gegeben. Ein Inschriftspruch im großen Gastzimmer lautet:

Laß draußen, was du an Sorgen und Mühen hast,

Und sei an behaglicher Stätte ein froher Gast.

Die Grundlagen dazu sind in dem neuen Trompeterschlößchen zu Dresden gegeben. Die Gäste mögen das übrige tun; denn

Nur dem ist arm das Leben,

Der es mit armen Augen sieht.