Herbst
Wanderung von Bienhof nach Gottleuba
Von Prof. Dr. Arno Naumann
Endlich wieder einmal einige von der Alltagsbürde freie Wandertage! Die Wahl des Zieles ist für mich nicht schwer, hat mir doch der Heimatschutz eine herrliche Unterkunft in unserm Bienhof gewährt! Also auf, dahin! Und wenn auch der Zug erst in der herbstlichen Dämmerung in Gottleuba einfährt. Von dort ist’s ja für den rüstigen Wanderer nur eine gute Stunde, allerdings mitten durch den abendlichen Wald. Am Schlusse taste ich mich nur noch durch den hohen Fichtenwald, aber ich erreiche unser liebes Heim, ohne mich im Nachtdunkel zu verirren.
Bald umfängt mich in Zimmer Nr. 3, welches dem Heimatschutzdienst geweiht ist, eine freundliche Behaglichkeit und recht bald eine wohlige Müdigkeit. Noch im Entschlummern höre ich das klagende »Komm’ mit, komm’ mit« der in dem nahen Gutsgebäude hausenden Käuzlein. Im Volksglauben bedeutet dies das baldige Sterben eines Lieben; vielleicht als Nachklang germanischer Heidenzeit. Und wahrlich! Als ich am andern Morgen hinausschaute auf Wiese und Wald, da wußte ich, wem das »Komm’ mit!« gegolten hatte: Die Natur lag im Sterben, es war Herbst geworden. Aber als Abschiedsgruß will sie noch einmal aufleuchten in herrlichem Farbenbunt, das durch Morgennebel und dampfenden Wald zu mir herüberglänzt. Ich will diesen Scheidegruß genießen auf kurzer, aber inhaltsreicher Wanderung vom einsamen Bienhof zum betriebsamen Bad Gottleuba. Noch erfreuen späte Blüten das Auge. Unten auf feuchter Wiese sind’s Distelarten: »Kohl- und Sumpfdistel«, welche mit der unterseits silberblättrigen Alantdistel allerlei blühende Bastarde gezeugt haben. Gleich hinterm Heimatschutzhaus auf steilem Wiesenweg nach Oelsen ist eine Weidekoppel. Die wogenden Halme der Gräser mit ihrem schmückenden Blumenwerk sind gemäht, aber noch finden sich als Zeugen ungehemmter Werdekraft die purpurblütigen Büsche der Perückenflockenblume mit den gelbblühenden Familienverwandten der Habichtskräuter, der Goldrute und des sternblütigen Hainkreuzkrautes, das gleich Blitzähren das nahe Strauchwerk durchleuchtet. Der Herbstlöwenzahn reckt seinen Blütenkopf empor, während der Frühlingslöwenzahn, die »Maiblume« der Dresdner, schon zum zweitenmal verblüht, seine Laternen zum Ausblasen der Flugfrüchte darbietet. Die Blütensterne der Wucherblume und die weißen Doldenschirme des Bibernells locken die letzten Herbstbummler der Insektenwelt, während Augentrostarten[1] mit ihrer Blütenlieblichkeit sich bescheiden in die wiederaufsprossenden Gräser ducken. Hie und da zeigt sich ein Trupp weißblühenden Labkrautes. Die Glockenblumen, zumal die dunkelblauen, läuten den Sommer aus, und auf flachgründigem, daher trockenem Gelände glänzen zahlreich die Goldsterne des Jakobskrautes. Dazwischen heben sich über die Grasnarbe gleich feinem dunkelgrünen Federwerk die aromatischen Büsche der Bärwurz, des Keppernickels unsrer Gebirgler. Hie und da hat es noch eine Herbstdolde angesetzt, aber einzelne Blätter leuchten schon im herbstlichen Zitronengelb oder Goldbraun. Auf nahen Brachfeldern blühen noch wilde Möhre, die lilaköpfige Knautie, der löwenmaulähnliche Frauenflachs, die drüsige Gänsedistel, und als Dauerschmuck des Jahres die allbeliebte Kornblume.
Vom Nahen schweift unser Blick ins Ferne: Eine laubholzbewachsene Steinrücke zieht durch ihr köstliches Bunt unsre Blicke auf sich. Der Spitzahorn hat ein goldenes, ins Orange spielendes Herbstkleid angezogen, dazwischen blitzt das Zitronengelb der Birke und das Rotorange der Eberesche, während die Edelesche, das Weltbild unsrer germanischen Altvordern, noch in unbezwungenem Grün prangt. Des Herbstes Farben sind an trockenen und sonnigen Standorten am frühesten zu spüren: die tief im feuchten Grunde verankerte Esche erhält sich daher noch lange frisch. Der Haselbusch gilbt bereits an den Blatträndern, um später im Schmucke braunen Altgoldes dazustehen. An der Steinrücke selbst locken uns blaubereifte Schlehenfrüchte, scharlachrote Hagebutten und schwarzglänzende Brombeeren. Nahe dem wintergrünen, wasserlaufdurchrauschten Fichtenwald hat der glasfrüchtige Schneeball, die »Glosbär« der Einheimischen, sein Laub dunkelweinrot gefärbt, und am Waldeseingang steht als seltene Erscheinung ein schwarzfrüchtiger Kreuzdorn mit noch völlig grünem Blattwerk. Überhaupt hat im Schattenschutz und in der Feuchtkühle des Nadelwaldes die Herbstfärbung nur zögernd eingesetzt, höchstens die Heidelbeerbüsche bringen mit ihrem Mennigrot eine farbige Note in die grüne Eintönigkeit. Doch halt! Hier leuchtet das Fahlgelb des Waldschachtelhalmes und, weißverbleichend, schieben sich Farnwedel dazwischen, und noch entringt sich der Nadelstreu des Waldes ein Heer bunter Gesellen: Die Hutpilze, welche gar lange gezögert, haben sich von der günstigen Herbstwitterung gelockt, emporgedrängt. Rote, gelbe, lilae und grüne Täublinge, kupferfarbene Perlschwämme, braune, weißgetupfte Pantherpilze, formenschöne Scheidenwulstlinge, rotbraune Milchlinge, büschelige Schwefelköpfe beleben das Schwarzbraun des Waldbodens. Am Wasserlauf aber, der seinen Randgewächsen noch immer Nahrung spendet, zeigt sich die blaue Spätblüte des Sturmhutes neben dem hellroten Rupprechtskraut und der Sterndolde der Astrantia; am Wegrande erweisen noch Waldsilche und Sitter[2] ihre späte Blühfähigkeit. Durch das Dunkelblutrot ihres Blattwerkes locken in Menge würzige Brombeeren; gerade recht für ein leckeres Frühmahl.
Vorüber an der Apothekerwiese, die ihren feuchten Charakter durch die flatternden weißen Fruchtfahnen des Wollgrases und die kleinen Purpurköpfchen der Sumpfdistel verrät, steigen wir empor zur Gotteszeche, einer Zeugin vergangener Bergbauherrlichkeit. Die steinige Halde umspinnt glanzblättriges Immergrün und überwuchert sich bräunendes Farnwerk. Das leise Zittern einer kupferblättrigen Eberesche verrät uns ein zierliches Eichhorn, welches uns furchtlos mit seinen klugen Äuglein anschaut, dann aber erschreckt auf einer nahen, noch unverfärbten Eiche sichere Zuflucht sucht.
Oberhalb der rechtsbleibenden Feldscheune des Oelsener Gutsbesitzers Sommerschuh wird uns ein prächtiger Ausblick auf das im herbstlichen Duft verschwimmende, traulich in den Grund gebettete Hellendorf. Wir überschreiten die zur Pfingstzeit so blütenreichen Bergtriften mit ihren jetzt rosablühenden Heideinseln und dem zierlichen Sonnenröschen, die beide den Trockencharakter des Geländes erweisen, aber die reichen Schmelzwässer des Frühlings durchfeuchten den Boden so gründlich, daß sein Wassergehalt ausreicht bis zur Sommerszeit zur Erzeugung solch reicher Blütenfülle. Am Rande eines feuchten Wäldchens aus Fichten und Espen ist noch eine reizvolle Herbstgenossenschaft aus lilaköpfigem Abbiß, aus Bertramschafgarben, purpurähriger Betonie und leuchtendroter Waldnelke[3] versammelt, dazwischen verrät ein kräftiges Scharlachrot eine angepflanzte amerikanische Eiche mit ihren ausgezackten Blättern. Nun wenden wir uns aufwärts durch den auf blockreichem Gelände erwachsenen Baschkens-Busch. Längst schon ist der Besitzer dahingegangen, aber sein Name ist in diesem Flurstück geblieben. In ländlichen Bezirken bedarfs nicht hervorragender geistiger Tüchtigkeit, nicht des Tummelns des Dichterrosses oder blutrünstiger Schauertat, um in der Erinnerung fortzuleben: Der Besitz ist alles, er macht unsterblich.
Beim Überschreiten einer Wiese fallen uns die weißverblichenen, vom Vieh herausgerupften Büschel des wertlosen Borstgrases auf; wir schließen uns aber nicht der eigenartigen Meinung an, die im Herausrupfen des nährstoffarmen Grases eine zielbewußte Tat des Weideviehes erblickt. Nunmehr treten wir ein in Baschkens-Busch. Märchenschön ist er mit seinem herbstlichen Buchengold und alabasternen Säulen der Birkenstämme; mit seinen im Altgold leuchtenden Wedeln des Adlerfarns und den weißen Riesentrichtern des Pfeffermilchlings. Überall rieselt es gleich großen goldenen Funken von den Bäumen herab, und schon ist der Boden weithin belegt mit tausenden gefallener Buchen- und Ahornblätter, so daß wir fast lautlos dahinschreiten.
All diese Farbenherrlichkeit regt uns unwillkürlich zu der Frage an: »Woher dieser bunte Zauber des Herbstes mit seinen Farbentönen?« Die Wissenschaft gibt uns darauf eine annähernde Antwort. Das sommerliche Grün der Blätter rührt her von einem »Chlorophyll« genannten Farbstoff, der in den Zellkammern aller grünen Pflanzenteile, vornehmlich in den Blättern, in Gestalt winziger, grünschimmernder Körnchen zu Hunderten gehäuft ist. Alkohol löst diesen Farbstoff heraus, und dieser grüne Auszug erscheint bei auffallendem Licht dunkelblutrot. Durch Ausschütteln mit Benzin aber läßt sich erweisen, daß dieses Grün kein einheitlicher Farbstoff ist, sondern sich spalten läßt in einen widerstandsfähigen gelben und einen leicht zerstörbaren blauen. Infolge der im Herbste geringeren Nährstoffzufuhr, vielleicht auch als natürliche Alterserscheinung, zersetzt sich der blaue, »Cyanophyll« genannte Farbton, und das gelbe haltbare »Xantophyll« bleibt als Grundton des Herbstes bestehen. Um aber all die andern Farbenwandlungen des Herbstes erklären zu können, muß uns ein weiterer Farbstoff dienen: das »Anthocyan«. Es ist nicht in Körnchen sichtbar, sondern im Zellsaft gelöst und wandelt sich bei Anwesenheit von Säuren vom Blau in Rot. Es ist derselbe Farbstoff, der das Tiefblau der Clematis und die Purpurfarbe unsres Rotkohls bedingt. Dieser Farbstoff erscheint gebunden an in den Zellen erzeugten Traubenzucker. Während derselbe in der warmen Jahresperiode durch Ableitung und Atmung aus den Blättern verschwindet, stockt dieser Vorgang bei kühlerer Witterung. Traubenzucker kann sich somit im Blatt anhäufen und gibt dem blauen bzw. dem roten Farbstoff die Entstehungsmöglichkeit. Durch dieses Zusammenwirken von Grün, Gelb, Blau und Rot in wechselndem Mengenverhältnis wird dieses herbstliche Farbenspiel in der Natur geschaffen. Ein in den Herbst hineinreichendes Farbenwunder ist auch der beim Austritt aus dem Wäldchen uns grüßende Hainwachtelweizen mit seinen blauen Hochblättern und seinen goldgelben Rachenblüten, deren Unterlippe orange getönt ist. Ähnliche Färbung zeigt eine einsame Königskerze, aus deren gelben Blüten blauviolette Staubfadenhaare emporragen. Ehe wir auf die neue Autostraße von Hellendorf–Gottleuba einbiegen, säumen den Wegrand noch die Purpurblüte der Steinnelke[4] und die rosaen Blütenähren des duftblättrigen Quendels. Traulich winkt alsbald die Gottleubaer Pfarrkirche zu uns herüber. Auf den Feldern drängen sich frohe Menschen, um die Kartoffelernte zu bergen, die Weideglocken buntscheckiger Rinder tönen mit dem lustigen Gesang der Hüterjungen zu uns heran, und bäuerlicher Fleiß bereitet den herbstlichen Boden durch Pflügen zu neuer Saat. Gar öde mutet uns die Autostraße an, nach all der Blütenherrlichkeit, auf der wir bisher dahinschritten. Wie zur Entschädigung teilt die Sonne das Nebelgewölk, und lichtübergossen leuchtet von den nahen Hartmannsbacher Hängen noch einmal die bunte Pracht, aus der sich in feierlichem Ernste dunkelpurpurn die frisch umbrochenen Äcker abheben und auf künftige segensreiche Ernte hoffen lassen.