Aus der Tätigkeit des Landesamtes für Denkmalpflege
Von Denkmalpfleger Dr. Bachmann
Im Januarheft des Jahres 1922 konnte Verfasser dieser Zeilen eine kurze Übersicht über die Betätigung des Landesamtes in den Kriegs- und Nachkriegsjahren geben. Die Hoffnung, daß die Zeiten sich bessern würden, daß die Gefahr des Verfalls und der Abwanderung des im Lande verstreuten Kunstbesitzes allmählich wesenlos werden würde, hat sich leider inzwischen nicht erfüllt. Schärfer als je steht die staatliche Denkmalpflege im Kampfe gegen widrige Umstände. Auch ständig durchgeführte Überwachung und Hinweis auf die erlassenen Kunstschutzverordnungen hat nicht immer verhindern können, daß seitens der Besitzer eigenmächtige Handlungen vorkamen, die rückgängig zu machen zu teilweise recht unliebsamen Erfahrungen für jene führten.
Besonders viel gesündigt wurde und wird noch heute in bezug auf den reichen Schatz mittelalterlicher Kirchenglocken, den Sachsen mit Stolz sein eigen nennen kann. Es ist tief betrüblich zu beobachten, wie leichten Herzens sich manche Kirchgemeinden von ihren alten Kirchenglocken trennen, die, nachdem sie die Stürme des Dreißigjährigen, des Siebenjährigen und des Freiheitskrieges glücklich überdauert haben, heute der Geschäftstüchtigkeit mancher Glockengießerfirmen zum Opfer fallen. Da Verbote und Ermahnungen oft fruchtlos waren, mußte in einigen Fällen mit dem Nachdruck der Strafgesetzesparagraphen vorgegangen werden. Als Beispiel nur, welch unersetzliche Werte hier in Frage stehen, sei hier auf die prachtvolle Glocke der Kirchgemeinde Elstertrebnitz hingewiesen, die jetzt eine Zierde des Dresdner Kunstgewerbemuseums bildet, nachdem sie bereits heimatlos geworden und in nächste Nähe der Schmelzöfen der Firma Schilling und Lattermann in Apolda gelangt war. Das selten schöne Stück trägt auf seinem Mantel zwei durch Frische der Zeichnung und Lebendigkeit der Darstellung gleichermaßen ausgezeichnete Bildnisgruppen, den heiligen Martin zu Pferd, dem auf der Gegenseite eine Kreuzigungsgruppe entspricht. Die Darstellungen erinnern an frühe Holzschnitte des fünfzehnten Jahrhunderts und vorzüglich hat es der Künstler des Glockenschmuckes, der sich, ein seltener Fall, als »Nicolaus Eisenberg aus Leipzig« selbst nennt, verstanden, dem spröden Material echtempfundene Linienwirkung abzugewinnen. Neben dem Künstlernamen wird uns auch das Herstellungsjahr »1460« genannt. Wenn wohl etwas für die innere Berechtigung der Bestrebungen von Heimatschutz und Denkmalpflege spricht, dann sind es solche Fälle krasser Nichtachtung gegenüber angestammtem Heimatgut.
Schlimmer ist es heute zumeist um die Kirchengebäude selbst bestellt und immer mehr häufen sich beim Landesamte die Unterstützungsgesuche gerade für unsere schönsten und wertvollsten Dome. Die dem Amt zur Verfügung stehenden Mittel sind aber leider solchen Anforderungen gegenüber gänzlich unzureichend. Sollen darum nun wirklich unsre stolzesten Gotteshäuser, die bedeutsamsten Schöpfungen vergangener Jahrhunderte einem langsamen, aber sicheren Verfall entgegengehen?! Aus Leipzig, Freiberg, Wurzen, Pegau, Meißen, Zwickau und anderen Orten kommen die Hilferufe, ja selbst die Meisterschöpfung Georg Bährs, die Frauenkirche zu Dresden erscheint gefährdet. Aufrufe an die Opferfreudigkeit wohlhabender Kreise finden erfahrungsgemäß in solchen Fällen wenig Echo, und das »noblesse oblige« hat heute wenig Kurs. Hier wird es der Anspannung aller Kräfte, der Mitwirkung aller gebildeten Kreise und der Körperschaften aller Arten bedürfen, um nur das schlimmste abzuwenden. Durch Warenlotterien, wie sie der Heimatschutz schon so manches Mal in solchen Fällen durchführte, kann gleichfalls vieles erreicht werden. Alle Bemühungen aber werden unzureichend sein, wenn es nicht denen, die sich in unsrer jetzigen Verfallszeit einen ungebeugten Idealismus und tapferen Optimismus gewahrt haben, gelingt, in ständig durchgeführter Kleinarbeit das öffentliche Gewissen und das Verständnis für unsre Kulturschätze wachzurufen und wachzuhalten.
In einer großen Anzahl von Fällen konnte das Landesamt auch in den vergangenen zwei Jahren gefährdete kleinere Kunstdenkmäler durch staatliche Beihilfen erhalten helfen, zumeist Stücke alter kirchlicher Kunst, und erfreulich war es zu sehen, daß gerade kleine, leistungsschwache Kirchgemeinden die Opfer nicht scheuten, die ihnen selbst aus diesen Erhaltungsarbeiten erwuchsen. Nur wenige Beispiele aus diesem reichen Betätigungsgebiet mögen genannt werden.
Hart am Rande der Erzgebirgsgrenze liegt das kleine Holzarbeiterdorf Deutschneudorf bei Olbernhau. Die malerische Kirche ist eine Gründung böhmischer Exulanten und hat sich aus dieser Zeit eine Reihe kleiner Denkmäler bewahrt, die nunmehr, dank dem tatkräftigen Zugreifen des Pfarrers Ostermuth, eine Auferstehung erlebt haben, und die nun wieder eine Zierde des Gotteshauses bilden. Da die Mittel für eine noch geplante Heldenehrung nicht ausreichten, wurde vom Landesamt ein großer holzgeschnitzter Barockengel zur Verfügung gestellt, zu dem von Paul Rößlers Künstlerhand eine in einfach-edlen Linien gehaltene Ehrentafel komponiert wurde. So kam eine anspruchslos schöne Kriegerehrung zustande die gerade hier, in einer Gegend alter Holzschnitztradition ihre besondere innere Berechtigung hat.
Aus der kleinen Dorfkirche zu Steinsdorf im Vogtlande wurde auf Veranlassung des Landesamtes ein Flügelaltar in die staatlichen Werkstätten eingeliefert, der als früheste bisher bekannte Originalarbeit des Zwickauer Bildschnitzers Peter Bräuer, eines Schülers von Riemenschneider, sich erwies, und der nach der Bezeichnung im Jahre 1497 geschaffen wurde. Der Altar war in der Barockzeit in schlechtester Weise übermalt worden, die Gesichter der Heiligen durch aufgemalte Bärte und anderes völlig entstellt. Nach der Reinigung erst kamen die schönen Formen der alten Schnitzerei wieder voll zur Geltung, wie der hier beigegebene prachtvoll lebendige Kopf eines Bischofs ([Abb. 1]) bezeugen mag. Die Kirche enthält auch aus der Barockzeit manches ansprechende Denkmal bester Volkskunst, wie dies der hier wiedergegebene schöne holzgeschnitzte Taufständer ([Abb. 2]) ausweisen kann.
Abb. 1 Kopf eines heiligen Bischofs vom Peter-Bräuer-Altar zu Steinsdorf i. V.
(Phot. Dr. Bachmann)
Dem gleichen Meister Peter Bräuer muß auch ein Flügelaltar aus der Stadtkirche zu Glauchau zugeschrieben werden, der in den Werkstätten des Landesamtes aus starkem Verfall gerettet wurde. Es ist einer jener sächsischen Sippenaltäre, die zwar künstlerisch nicht eben übermäßig hochstehend, aber doch als Ganzes volkstümlich liebenswürdig empfunden sind. Das Mittelstück zeigt uns die Gestalten der heiligen Anna und der Maria mit dem spielenden Jesuskind. Die Kirche selbst wurde im vergangenen Jahr im Innern durch Kunstmaler Karl Schulz in farbig und monumental gleich gut gelungener Form völlig erneuert.
Abb. 2 Steinsdorf i. V. Taufstein der Kirche
(Phot. Arch. Kandler)
Karl Schulz verdanken wir auch die teilweise farbige Erneuerung der schönen alten Dorfkirche zu Leubnitz bei Dresden. Hier hätte es das Landesamt allerdings lieber gesehen, wenn der Kirchenvorstand seine Fürsorge auch der prachtvollen alten Felderdecke und den wertvollen alten Emporenmalereien zugewendet hätte, da diese Teile besonders erhaltungswert sind und zu ihrem Schutze unbedingt in absehbarer Zeit etwas geschehen muß.
Eine weitere wichtige Aufgabe erwuchs dem Landesamte mit den Erneuerungsarbeiten in der alten Nicolaikirche zu Meißen. Dies hochwertvolle frühgotische Gotteshaus wird zur Zeit unter Leitung der staatlichen Porzellanmanufaktur als Kriegergedächtniskirche ausgebaut und hat nur in dieser neuen Bestimmung vor dem völligen Verfall gerettet werden können. Die Kriegerehrung selbst wird nach Entwürfen und Modellen des Meißner Künstlers Professor Boerner rein in Porzellan hergestellt werden und ein erster Versuch sein, das wertvolle Rohmaterial in monumentalen Ausmaßen auszuformen. Die im Jahre 1867 in der Apsis der Kirche unter dem Wandputz gefundenen Freskogemälde gehören zu den ältesten in Sachsen überhaupt noch vorhandenen Freskomalereien und dürften im Anfang des dreizehnten Jahrhunderts entstanden sein. Von einer Verkündigungsgruppe, einer Geburt Christi und einer heilige Dreikönigsdarstellung sind größere zusammenhängende Teile erhalten geblieben, die in ihrer edlen Formensprache und dem feierlich strengen Faltenwurf der Gewänder noch heute eindrucksvoll auf jeden Beschauer wirken, in voller Schönheit der Linien und Farben jedoch erst jetzt nach der überaus glücklich gelungenen Konservierung und Reinigung in Erscheinung treten. Karl Schulz hat auch diese schwierige Arbeit in schonendster und sachverständiger Weise durchgeführt. Wird erst noch die schon seit langem in Arbeit befindliche Porzellanschöpfung den Abschluß des Ganzen bilden, so wird die Stadt Meißen um ein Kunstdenkmal reicher werden, das in der ganzen Welt nicht seinesgleichen hat.
Die Friedhofskapelle St. Nicolai in der Stadt Colditz ist ein altes romanisches Bauwerk, das bis in das zwölfte Jahrhundert zurückreichen dürfte. Die Kirche konnte neuerdings, dank opferfreudiger Stiftungen, durch Professor Oswin Hempel durchgreifend erneuert und zur Kriegergedächtniskirche ebenfalls umgewandelt werden. Das kräftige romanische Rundbogentor an der nördlichen Langseite, das in der Achse der von der Stadt heranführenden, baumbepflanzten Allee gelegen ist, wurde durch ein monumentales Reliefbild in Stein nach einem Entwurfe des Dresdner Bildhauers Artur Lange bekrönt ([Abb. 3]), und der Versuch, hier wertvolle alte Formen mit solchen unsrer Zeit und modernen Empfindens zu vereinen, muß als durchaus glücklich gelungen bezeichnet werden. Professor Paul Rößler hat für die Fenster zu Seiten dieser Tür zwei farbenleuchtende Glasgemälde geschaffen, die dem bisher ganz schmucklosen Innenraume nunmehr das bestimmende Gepräge geben. Der einfache Altaraufsatz wurde durch das Landesamt erneuert.
Abb. 3 Kriegerehrung an der Eingangstür der Friedhofskapelle zu Colditz
(Arch. Prof. Oswin Hempel Bildhauer Lange)
Die schöne gotische Michaeliskirche zu Bautzen, die wendisch-evangelische Pfarrkirche, die zusammen mit der alten Wasserkunst eines der malerischsten Bilder der Stadt noch heute bildet ([Abb. 4]), besaß einen hohen Barockaltar vom Jahre 1693, der im Jahre 1892 leider entfernt wurde, um einem der geschmacklosen »neugotischen« Aufsätze dieser Zeit Platz zu machen. Gleichzeitig wurde der ganze malerisch reizvolle Innenraum in schlimmster Weise »modernisiert«. Professor Oswin Hempel erhielt dann nach Kriegsende von der Kirchgemeinde den Auftrag, eine Kriegerehrung im Chor der Kirche zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit nahm das Landesamt für Denkmalpflege die schon früher von Cornelius Gurlitt gegebene Anregung der Wiederverwendung des wertvollen Barockaltares auf. Die Planung ist inzwischen in ausgezeichnet gelungener Form ausgeführt worden und der Kirche damit wenigstens ein Teil ihres ehemaligen Stimmungsreizes zurückgegeben worden.
Zu beiden Seiten des Altarplatzes sind unter den Emporen architektonisch straffgegliederte, aber doch in Einzelheiten ornamental bewegte Nischen eingebaut worden, deren Rückwände die edelgeformten Tafeln mit den Namen der Gefallenen tragen ([Abb. 5]). Eine hölzerne Wandverkleidung in vornehm-ruhigen Linien umzieht von den Nischen auslaufend den ganzen Kirchenchor als Heizkörperverkleidung sowohl, wie als Sockel für den mächtig aufstrebenden Altaraufsatz. Holzbildhauer Winde junior in Dresden hat die Schnitzarbeiten geschaffen, durch die Werkstätten des Landesamtes wurden der hohe Altar und der prachtvolle alte Taufstein aufgefrischt und neu aufgestellt.
Abb. 4 Bautzen
Durchgreifend neugestaltet im Innern wurde unter Leitung des Landesamtes und auf Veranlassung des Besitzers die Grabkapelle in der stattlichen Kirche des Dorfes Kürbitz im Vogtlande. Die Herrschaft von Feilitzsch hat seit dem Mittelalter das Patronat der Kirche bis heute innegehabt. Die Kirche, ehemals dem Orden der Deutschritter zugehörig, wurde an Stelle einer älteren im Jahre 1624 von Urban, Caspar von Feilitzsch neu errichtet und konnte sich eine beträchtliche Zahl wertvollster Kunstdenkmäler bis heute bewahren. Zu den schönsten derselben gehören die in der Grabkapelle der Stifterfamilie befindlichen Grabdenkmäler und Epitaphe, die nunmehr teils an Ort und Stelle und teils in den Werkstätten des Landesamtes erneuert wurden.
Abb. 5 Michaeliskirche in Bautzen (Einbau der Kriegerehrung unter den seitlichen Emporen Wiederaufstellung und Erneuerung des alten Taufsteins
(Prof. Oswin Hempel)
Von wertvollen sächsischen Dorfkirchen wurden in der Berichtszeit besonders zwei, die zu Dittmannsdorf bei Flöha und die zu Burkhardswalde bei Meißen umfassend erneuert, beide unter Professor Paul Rößlers bewährter künstlerischer Oberleitung, in trefflicher Anlehnung und Einfühlung in den gegebenen Rahmen. Während in Burkhardswalde die Arbeiten noch nicht zum Abschluß gekommen sind, ist es in Dittmannsdorf der Opferwilligkeit des Patronatsherrn, Fabrikant Sieler aus Chemnitz, zu danken, daß die Erneuerung völlig durchgeführt werden konnte. Die Neuausmalung folgte hier in pietätvollster Form allen erhaltenen alten Farbspuren, und alle vorhandenen Kunstdenkmäler und Reste von solchen fanden Neuaufstellung und Wiederverwendung ([Abb. 6]). So kann die kleine Dorfkirche, die durch einen aus dem Jahre 1492 stammenden, sehr wertvollen Flügelaltar besonders bekannt geworden ist, als Musterbeispiel zeitgemäßer Denkmalpflege heute angesprochen werden.
Die Stadtkirche zu Klingenthal im Vogtlande ist eine der in Sachsen nicht allzuhäufigen Zentralkirchen, die den Einfluß Georg Bährs, des Erbauers der Dresdner Frauenkirche in der Grundrißanlage erkennen lassen. Das bisher ziemlich reizlose Innere des Bauwerkes wurde im Jahre 1922 durch Kunstmaler Otto Lange wirkungsvoll ausgemalt.
Eine der schönsten Dorfkirchen des mittleren Erzgebirges, die kleine, malerisch gelegene Kirche zu Mittweida-Markersbach ist schon vor dem Kriege unter Leitung des Landesamtes erneuert worden ([Abb. 7]). Sie erscheint mit dem Schmucke ihrer kräftig bunten Felderdecke, mit den Emporen, auf denen die ganze biblische Geschichte dargestellt ist, als echter Vertreter bester sächsischer Volkskunst, wie er so unberührt kaum sonst in Sachsen sich erhalten hat. Ein alter, aus katholischer Zeit stammender Marienaltar, zu dem dereinst die Andächtigen von weither wallfahrten, war bisher unbeachtet in einer Dachkammer liegengeblieben. Er ist jetzt in den Werkstätten des Landesamtes erneuert worden und wird in kurzem wieder als neuer Schmuck der Kirche aufgestellt werden. Kein Freund unsrer Heimat und alter sächsischer Volkskunst mag aber versäumen, der von Pfarrer Worm mit vorbildlicher Liebe gepflegten kleinen Kirche einen Besuch abzustatten, wenn ihn der Weg einmal in diese Gegend des Fichtelberges führt. Er wird für einen kleinen Umweg auf das reichlichste belohnt werden.
(Prof. Rößler, Dresden)
Abb. 6 Kirche zu Dittmannsdorf bei Flöha
Von sächsischen Burgen sind es zwei ganz besonders, denen das Landesamt in der Berichtszeit seine Fürsorge zuwenden konnte. Die jedem Erzgebirgswanderer wohlbekannte stattliche Burg Scharfenstein ([Abb. 8]) wurde am 2. Juli 1921 leider von einer Feuersbrunst zerstört, der mit Ausnahme des hohen Rundturmes und des Wittwenflügels gerade die architektonisch bedeutsamen Hauptgebäude mit den reichgegliederten gotischen Giebeln zum Opfer fielen. Während des Brandes noch erschienen unter den später angebrachten, von Hitze und Flammen weggesprengten Schalungen prächtige bunte Balkendecken der gotischen Zeit, aber nur, um wenig später gleichfalls ein Opfer des rasenden Elementes zu werden. Die sofort begonnenen Wiederaufbauarbeiten leitete Bodo Ebhardt, und heute steht die schöne Burg wenigstens im äußerlich vertrauten, alten Umriß auf ihrer Bergeshöhe, während das Innere naturgemäß neuzeitlichen Anforderungen angepaßt wurde.
(Phot. Dr. Bachmann)
Abb. 7 Kirche zu Mittweida-Markersbach (Innenansicht)
Eine der größten Burgen Sachsens, die Augustusburg ist lange Zeit hindurch ein rechtes Stiefkind der Pflege heimatlicher Kunstdenkmäler gewesen. So werden gewiß bisher nur wenige Besucher des Schlosses die alten Hasenmalereien haben würdigen können, mit denen Meister Heinrich Göding im Jahre 1572 das sogenannte Hasenhaus auf besonderen Wunsch des Kurfürsten August ausmalte. Sind diese Bilder auch nicht gerade als Dokumente hohen künstlerischen Könnens anzusprechen, so sind sie doch wertvolle Traditionen des Gefühlslebens ihrer Entstehungszeit. Sie blieben ungepflegt und verfielen mehr und mehr, bis ganz neuerdings der neugegründete Museumsverein »Erzgebirgsschau« unter der tatkräftigen Leitung des Schuldirektors Heinicke in Augustusburg sich die oberen Räume des Hasenhauses vom Staate abtreten und für seine Museumszwecke vorrichten ließ. Heute nun stellt sich der Hasensaal mit seinen Nebenräumen den Besuchern der Burg in völlig gewandelter Form vor Augen ([Abb. 9]). Schmuck und sauber sind Wände, Gewölbe und Fußböden und lustig spielen die Hasen in ihren verschiedenen Verkleidungen und Verrichtungen auf den Türsimsen, Kaminen und Wandnischen, von der Hand des Kunstmalers Karl Schulz im Auftrag des Landesamtes sorgsam und wirkungsvoll aufgefrischt. Jetzt erst kann der Beschauer sich wieder ein Bild davon machen, wie es zu Zeiten des Vaters August und der Mutter Anna etwa auf der Augustusburg gewesen sein mag, als in den mächtigen, reich im Renaissancestil umrahmten Kaminen die Eichenknüppel loderten und durch die architektonisch festlich umrahmten Türen Herren und Damen des kurfürstlichen Hofes aus- und eingingen. Noch bleibt der gänzlich verwahrloste ehemalige Fürstensaal liegen, aber auch er soll in Bälde nach dem Willen der Museumsgründer seine Auferstehung feiern. Möge das neue Museum auf seinen weiteren Wegen stets so erfolgreich fortschreiten, wie seine Entstehung in Deutschlands schwerster Zeit durchgesetzt wurde.
(Phot. Hertel, Leipzig)
Abb. 8 Schloß Scharfenstein
Auch von einigen anderen Museen ist trotz der Not unsrer Tage Erfreuliches zu melden. So ist die Umgestaltung des Ortsmuseums der Stadt Zittau zu einem vorläufigen, glücklichen Abschluß gekommen, nachdem die Räume im alten Franziskanerkloster, vor allem das Refektorium im Erdgeschoß und der ehemalige schöne Bibliothekssaal im zweiten Stock durchgreifend erneuert wurden. Ganz besonders stolz kann auch die Stadt Plauen im Vogtlande auf das in den letzten Jahren geleistete sein. Ihr neues Ortsmuseum ist als mustergültige Schöpfung zu begrüßen, dank dem Opfersinn der städtischen Behörden und einzelner Stifter. Der weiter geplante Ausbau wird das »Vogtländische Kreismuseum« zweifellos in die Reihe der führenden Ortsmuseen Sachsens stellen, dank vor allem des als Rahmen gegebenen Gößmannschen Hauses mit seinen schönen Räumen. Auch der Neubau des Plauener Rathauses ist nunmehr nach Stadtbaurat Goettes Plänen und unter seiner Oberleitung in hartem Kampfe mit allen widrigen Zeitumständen glücklich und eindrucksvoll beendet worden. Besondere Teilnahme wurde dabei dem alten Rathause zuteil, dessen hohe Giebelseite in monumentaler Schönheit den Marktplatz beherrscht, im farbenfrohen Schmucke der alten Kunstuhr, die der Stadtrat nach Paul Rößlers Angaben durch die Werkstätten des Landesamtes wiederherstellen ließ ([Abb. 10]).
(Phot. Dr. Bachmann)
Abb. 9 Schloß Augustusburg Tür und Kaminwand im »Hasensaal«
Schwierig hat sich für manch anderes der kleinen Ortsmuseen im Lande die Lage nach dem Kriege gestaltet. Viele wurden durch die Wohnungsnot obdachlos, andere wieder haben aus Mangel an Mitteln und Interesse schließen müssen, sehr zum Schaden natürlich der nun irgendwo pfleglos aufgestapelten Kunstgegenstände, die nunmehr Rost und Holzwurm schutzlos ausgeliefert sind. Bei solcher Lage der Dinge kann kleinen Museen nur geraten werden, ihre wertvollsten Kunstdenkmäler vorläufig einmal an benachbarte große Stadtmuseen leihweise abzugeben bis auf bessere, kommende Zeiten, bei Gegenständen kirchlicher Kunst aber möglichst die Wiederaufstellung am Ursprungsort anzustreben. Das wird zumeist heute, wo das Verständnis für solche Dinge gewachsen ist, leichter durchzuführen sein als in früherer Zeit. Die Landesberatungsstelle für Ortsmuseen, die dem Landesamte angegliedert ist, steht in solchen Fällen stets mit Rat und Hilfe zur Verfügung.
Postmeilensäulen konnten in der Berichtszeit mehrere ausgebessert werden, so in Königstein, Pegau, Elterlein, Frankenberg, Radeburg und Öderan. In allen diesen Fällen hat das Landesamt beratend und mit Beihilfen bei der Erhaltung der wertvollen Stücke mitgewirkt.
Ein rechtes Sorgenkind der staatlichen Denkmalpflege ist der Zwinger in Dresden geworden. Durchweg in Sandstein erbaut, sind seine reichbelebten Gliederungen, seine empfindlichen Einzelheiten dem Großstadtklima nicht gewachsen geblieben. Dazu kommt noch, daß die Erbauer, wie die genauen Untersuchungen bei den jetzigen Erneuerungsarbeiten immer wieder erkennen lassen, recht leichtsinnige, man ist versucht zu sagen gewissenlose Unternehmer waren. Wenn hierbei auch vieles der schlechten Erhaltung auf Kosten möglichst schneller Ausführung zu setzen sein wird, König August wird gewiß unermüdlich seinen Architekten auf Vollendung gedrängt haben, so ist damit doch kaum zu entschuldigen, daß riesige Sandsteinblöcke von vielen Zentnern Gewicht nur durch ein paar kurze Eisenstifte verankert waren, daß hinter den glänzenden Schauseiten aller nur denkbarer Bauschutt, Holzstücke und dergleichen als Hinterfüllung vermauert wurden. Ein zufälliger kleiner Erdstoß würde sicherlich in den letzten Jahren genügt haben, große Teile der unersetzlich wertvollen Anlage zum Einsturz zu bringen. Man hatte schon 1880 in bester Absicht begonnen, verwitterte Teile des Schmuckes an Figuren, Vasen und Profilen in Zement zu ergänzen und dann das ganze Gebäude mit einer »Schutzschicht« von Ölfarbe überzogen. Heute wissen wir, daß gerade diese Maßregeln den weiteren Verfall beschleunigt, statt zum stehen gebracht haben.
Abb. 10 Rathaus Plauen i. V. Vor dem Umbau
Die Kommission zur Erhaltung der Kunstdenkmäler kam im Jahre 1898 nach Gehör einer Reihe gutachtlicher Äußerungen, auch solcher aus dem Ausland zu dem Beschluß, »daß weder eine Verwendung von Zement, noch ein anderes Material als nur lediglich bester witterungsbeständiger Sandstein bei Renovationen in Frage kommen solle.« Nach diesem Grundsatz ist in den nun folgenden Jahren verfahren worden, zumal in den letzten beiden Jahren, wo sich die dringende Notwendigkeit ergab, vor allem den herrlichen Wallpavillon vor völligem Ruin zu erretten. Die Kosten für diese Arbeiten bildeten allerdings eine denkbar schwere Belastung für den Staat, selbst wenn man berücksichtigt, daß damit einer ganzen Anzahl von Steinmetzen und Bauarbeitern produktive Tätigkeit gegeben werden konnte. Es wurden dabei sorgfältigst alle verwitterten Teile ausgespitzt und gefährdete Figuren ganz oder teilweise ergänzt, alles unter Leitung des Landbauamtes I und der künstlerischen Oberaufsicht des Dresdner Bildhauers Georg Wrba. Vor allem wurden die alten Ölfarbenanstriche durch Ablaugen überall entfernt, so daß der uneingeweihte Beschauer wohl glauben kann, gänzlich neues Mauerwerk vor sich zu sehen ([Abb. 11]).
(Phot. Dr. Bachmann)
Abb. 11 Erneuerungsarbeiten am Zwinger-Wallpavillon, Südostseite
Der große Fensterbogen und die Girlanden sind alt, Kopf und die Voluten rechts und links davon sind neu
Noch bleibt freilich unendlich vieles am Zwinger ungetan und schon im Gutachten der staatlichen Kommission von 1898 wurde z. B. auf den ruinösen Zustand des schönen »Nymphenbades« besonders hingewiesen. Wir können so nur hoffen, daß Sachsens Wirtschaftslage sich bald wieder genügend kräftigen möge, um das begonnene Erneuerungswerk an einem der bedeutendsten Kunstdenkmäler Deutschlands glücklich fortführen zu können.
Das mit dem Landesamt für Denkmalpflege verbundene Archiv hat in den vergangenen beiden Jahren sein reiches Material beträchtlich erweitern können, vor allem durch Überweisung von annähernd zweitausend alten Bauplänen aus den staatlichen Bauämtern, wo diese für den unmittelbaren Dienstbetrieb nicht mehr benötigt werden. Der gesamte wertvolle Bestand an Plänen, Abbildungen, Negativen usw. wird zur Zeit genau katalogisiert und damit nunmehr der Wissenschaft und der Öffentlichkeit in bester Form zugänglich gemacht. Es sei hierbei noch ausdrücklich bemerkt, daß die Sammlungen des Landesamtes in Dresden-N., Niedergraben 5, jedem Besucher offen stehen und daß Photobilder von Dresdner und sonstigen sächsischen Bauten nach Maßgabe des vorhandenen Negativmaterials auf Wunsch von dort bezogen werden können.
Die Neuinventarisation der sächsischen Bau- und Kunstdenkmäler, ein Hauptzweig der Tätigkeit des Landesamtes konnte, wenn auch in beschränktem Umfang im Sommer dieses Jahres mit Stadt und Bezirk Pirna wieder aufgenommen werden. Diese umfassende Arbeit dient nicht nur als Grundlage kunstwissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis überhaupt, sondern hauptsächlich auch der Überwachung des staatlich geschützten Kunstbesitzes, soweit er sich in Händen der Orts- und Kirchgemeinden befindet. Daß aber gerade hier eine dauernde Kontrolle mehr als je erforderlich ist, hat die Erfahrung des Landesamtes in der Nachkriegszeit mit besonderer Deutlichkeit erkennen lassen. Gerade hierbei ist aber das Landesamt auch auf die Mitwirkung aller Freunde der Heimatschutzbewegung angewiesen und jederzeit besonders dankbar für zweckdienliche Mitteilungen über die im Lande verstreuten Kunstschätze. Sind wir doch alle kommenden Geschlechtern gegenüber verantwortlich für das von den Vätern ererbte Kulturgut, gleichgültig ob es sich um hochragende Dome und stolze Burgen, oder um den schlichten Abendmahlskelch und Zinnleuchter in einer stillen Dorfkirche handelt.