Der Untergang des Weinbaus

Von Prof. Dr. A. Naumann

O du weinfrohe Lößnitz! Vor vier Jahrzehnten noch grünten allüberall deine Rebenhöhen, mostvergnügte Menschen jubelten auf deinen gartengeschmückten Straßen, und manch »graue« Züge führten wackere Zecher heimwärts.

Winzerfeste wurden gefeiert, die Tausende natur- und weinbegeisterter Städter in deine gesegneten Gefilde führten. Das berühmteste Winzerfest fand statt am 25. Oktober des Jahres 1840. Es war ein vaterländisches Fest »in Verbindung mit einer Wein- und Traubenausstellung und Musterung,« wie es in der Denkschrift heißt. Das Bild des Winzerzuges ist von Prof. Moritz Retzsch entworfen, und dieses figurenreiche Erinnerungsblatt ([Abbildung 1]) ist noch in gar mancher Weinstube, sogar in farbiger Ausführung[2], als Wandschmuck zu finden.

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Gez. v. M. Retzsch

Lith. v. E. Otte. Gedr. v. E. Böhme.

Abb. 1 Winzerzug

Kein Mensch ahnte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den Feind, der, an den Wurzeln der Reben saugend, all dieser Rebenherrlichkeit und Weinfröhlichkeit ein Ende bereiten sollte. Ein winziger Schnabelkerf »die Reblaus« war unter der sommerdurchwärmten Erde an der Arbeit; jahrzehntelang hatte sie sich unbemerkt in das Wurzelwerk des europäischen Weinstockes, unserer Vitis vinifera eingenistet.

Sie senkte ihre Stechborsten tief hinein in das weiche Gewebe der Wurzelspitzen und saugte die Bildungssäfte auf ([Abb. 2f]). Wohl wehrte sich das Wurzelende und suchte durch Anschwellungen und hakige Krümmungen ([Abb. 2h]) den Feind zu überwuchern und zu erdrücken; aber die Vermehrungskraft der Reblaus war zu gewaltig! Die Altläuse ([Abb. 2d]) legten unbefruchtet, als sogenannte Ammen, mehr denn vierzig Eier, denen nach zehn Tagen schon Jungläuse ([Abb. 2c]) entschlüpften, die nach kurzer Saugtätigkeit wiederum unbefruchtet zur Eiablage fähig waren. Bis zu fünf Generationen wuchsen in einem Jahre heran, so daß eine einzige Wurzellaus die Stammutter von etwa dreiundsiebzig Millionen Nachkommen sein konnte. Da eine so ungeheuere Nachkommenschaft am Geburtsstocke nicht genügend Nahrung fand, mußte die jugendliche, ziemlich bewegliche Reblaus neue Nahrungsquellen aufsuchen und dabei unterirdisch einen mühsamen Weg von Rebstock zu Rebstock zurücklegen. Im sächsischen Weinbau war zur Vermehrung der Weinstöcke das sogenannte Senkverfahren üblich: von einem Mutterstock wurden die Reben niedergebogen und in die Erde eingegraben, damit die Zweigspitzen, über der Erde hervorragend, zu neuen Rebstöcken heranwuchsen. Hierdurch wurden für die wandernden Jungläuse von Stock zu Stock bequeme unterirdische Brücken geboten, und wir dürfen in den meisten Fällen die rasche Verheerung der sächsischen Berge auf dieses Senkverfahren zurückführen. – Mit jedem Karstschlag, mit jedem vom Winzerfuße weitergetragenen Erdklümpchen verbreitete sich der tückische Feind über alle Weingelände der Lößnitz, und bald konnte ein Kundiger an dem Gilben des Stockes, an der nachlassenden Wuchskraft der Reben, an dem jährlich geringer werdenden Ertrag herausfühlen, daß dem Weinbau der Lößnitz, ja dem sächsischen Weinbau, eine Katastrophe drohte. Im Jahre 1885 wurde durch einen Gärtner der Lößnitz in den Königlichen Weinbergen daselbst die Reblaus aufgefunden und der sächsischen Regierung darüber pflichtgemäß Bericht erstattet.

Der damalige Garteninspektor Lämmerhirt, als Vertreter des Landes-Obstbauvereins wurde mit Feststellung und Untersuchung des Schädlings betraut, und als die Verseuchung größerer Flächen durch die Reblaus erwiesen war, wurde der Reichsregierung Mitteilung gemacht.

Dieselbe ordnete für Sachsen als Reichskommissar den Oberförster Koch aus Trier ab und verfügte die durch die internationale Konferenz der weinbautreibenden Staaten festgesetzten Bekämpfungsmaßregeln. Es zeigte sich nun, daß die Ausdehnung der Reblausschädigungen in Sachsen bereits einen großen Umfang angenommen hatte; zumal die königlichen Weinberge durften infolge ihres starken Befalles als die Herde der Kalamität betrachtet werden.

Es erregte schon damals großes Erstaunen, daß die Weinbergsinspektoren nicht vorher auf den schon lange bekannten furchtbaren Rebfeind aufmerksam geworden waren. Inwieweit einer oder der andern Behörde, beziehentlich deren Vertretern, entsprechende Vorhalte zu machen wären, ist jetzt eine müßige Frage.

Tatsache war, daß die von Oberförster Koch mit zahlreichen Hilfskräften und kostspieligen Bekämpfungsmitteln (Petroleum, Schwefelkohlenstoff) organisierte Abwehr des Schädlings kaum genügte, um die verseuchten Weinkulturflächen rechts der Elbe einigermaßen gründlich zu untersuchen, geschweige denn zu retten.

Bereits im Jahre 1886 wurde mit dem Kampf gegen den übermächtigen Schädling begonnen.

Woher aber war der Feind zu uns gekommen? War er schon seit Jahrhunderten bei uns heimisch? Fast mußte es so scheinen, wenn wir die Größe der Verheerung ermessen, welche die Reblaus nicht bloß bei uns, nein auch in allen Weinbau treibenden Gebieten Europas[3] angerichtet hatte. Nach allem, was wir bis jetzt nachprüfen konnten, ist dieser Schädling aus Nord-Amerika zu uns gelangt. Im Jahre 1865 wurde in der Provence die Reblaus zuerst auf dem europäischen Kontinent aufgefunden. Sie soll von Amerika aus in Englands große Weintreibereien gelangt und auf diesem Umweg auch in die Freilandkulturen des europäischen Festlandes gekommen sein. Nachdem sie ihren Vernichtungszug in den südlichen Ländern Europas begonnen, gelangte sie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auch zu uns nach Deutschland.

Zum Verständnis der zu schildernden Bekämpfungsmaßnahmen diene eine kurze Betrachtung der Lebensweise unseres Schädlings.

Abb. 2 Die Vernichterin des Lößnitzer Weinbaues: die Reblaus (Phylloxera vastatrix) in ihrer Entwicklung

Im Laufe der bereits erwähnten ungeschlechtlich erzeugten Generationen traten, vielleicht infolge besonderer Ernährung, mit Flügelstumpfen begabte Läuse auf, die man auf den schönen Namen »Nymphen« getauft hat ([Abb. 2a]). Aus dieser schon mit einer Art Taille versehenen Form entwickelt sich in warmen Sommern eine geflügelte Laus: Die Reblausfliege ([Abb. 2b]). Diese fliegt bei ruhigem Wetter auf benachbarte Berge und kann, vom Winde getrieben, Kilometerstrecken zurücklegen. Sie landet schließlich auf einem Weinblatt und legt dort wenige Eier von teils runder, teils ovaler Form. Aus diesen erst schlüpfen die eigentlichen »Geschlechtstiere« ([Abb. 2e]); aus den kleinen runden die Männchen, aus den größeren ovalen die Weibchen. Beide entbehren der Saugorgane, sind also bloße Geschlechtsmaschinen, die nur dem Geschäfte der Begattung obliegen. Das befruchtete Weibchen legt ein einziges, etwas dickschaligeres dunkles Winterei.

Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden

Abb. 3 Nußbaum in der Hoflößnitz

Es ist kaum anzunehmen, daß es in unseren Breiten oft zur Ablage dieses Eies kommt, da um diese Zeit die bereits herbstlich kühlen Nächte das Aufkommen der Geschlechtstiere in Frage stellen. Wir müssen vielmehr annehmen, daß bei uns eine Verbreitung nur durch Wanderung oder Verschleppung der Wurzelreblaus möglich war[4]. Wir wußten nicht einmal mit Sicherheit, wohin diese Wintereier abgelegt werden, ob an Weinstöcke, an Rebpfähle oder an die Bäume, welche im Weinberge gepflanzt sind. In der Lößnitz waren es meist Pfirsiche und Nußbäume. Ist doch das gute Gedeihen des Nußbaumes ([Abb. 3]) u. a. ein besonderes Kennzeichen guter und warmer Weinlagen; auch die Edelkastanie ([Abb. 4]) deutet auf solche hin.

Ich mußte trotz allen Dunkels, welches über die Ablage des Wintereies herrscht, diese Frage berühren, damit gewisse drakonische Bekämpfungsmaßnahmen, nämlich das Abhauen und Verbrennen der auf infizierten Bergen stehenden Bäume ihre Erklärung finden. Haben doch gerade diese Maßregeln unter der weinbautreibenden Bevölkerung der Lößnitz besonders böses Blut gemacht, und ich erinnere mich noch mancher Tränen und Flüche, die gerade der Vernichtung besonders geliebter Bäume galten. Auch mir hat ebendiese Forderung gar oft meine Pflicht besonders schwer gemacht.

Die Bekämpfungsmaßnahmen haben im Laufe der Jahrzehnte manche Wandlung erfahren, eins aber ist sicher, daß sie eine völlige Vernichtung der Reblaus nicht erreichen konnten!

Es war im Jahre 1886 als ich, an der Dresdner technischen Hochschule Chemie studierend, durch Zeitungsnotizen darauf aufmerksam wurde, daß für die Untersuchung reblaus-verseuchter Gelände Hilfssachverständige gesucht wurden, welche mit der Handhabung der Lupe vertraut und insektenkundig waren. Da ich zum Weiterstudium auf Gelderwerb angewiesen war, machte ich mich eines Tages auf den Weg, mich beim Reichskommissar um die Stellung eines Hilfssachverständigen zu bewerben. Ich kam damals zum erstenmal in die herrlichen Gefilde der Lößnitz und war geradezu entzückt über die harmonische Vereinigung einer jahrhundertealten, anheimelnden, vornehmen Siedlungskultur mit einer herrlichen, durch die grünen Höhen der Weingelände verschönten Natur. In dem Bad-Hotel zu Kötzschenbroda wollte ich mich bei einem Schoppen Schieler nach dem Aufenthalt des Reichskommissar Koch erkundigen. Da sah ich – es war Frühstückszeit – am Nebentisch eine fröhliche Runde, zu welcher, stürmisch begrüßt, ein jovialer alter Herr trat, eben der gesuchte Herr Kommissar. Ich stellte mich ihm vor, brachte dreist meinen Wunsch an, wurde an die frohe Tafelrunde gebeten, und nach etwa einer Viertelstunde nicht allzu strenger Prüfung ward ich unter frohem Gläserklingen wohlbestallter Hilfssachverständiger für Reblausuntersuchungen in der Lößnitz; wohlgemerkt! mit sechs Mark Tagegeld, für mich eine wertvolle Studienbeihilfe. Meine Kollegen waren teils Forststudenten, teils Männer mit landwirtschaftlicher Hochschulbildung, teils Gärtner. Ich habe meine Stellung als Hilfssachverständiger genügend lange bekleidet, um aus eigener Erfahrung erzählen zu können, wie sich Untersuchung und Vernichtung der Weinberge damals vollzog – leider muß ich sagen »Vernichtung der Weinberge«, denn die Bekämpfung des Schädlings gelang bei der in der Lößnitz übermächtig auftretenden und überall verbreiteten Reblaus nicht mehr. Nur wenige Berge waren damals beinahe reblausfrei; es waren die vortrefflich gehaltenen von Nacke und Böhme, die auch noch heute einen Bestand aus jener Zeit – natürlich verjüngt – besitzen.

Die Untersuchung der Weinberge auf Reblaus wurde folgendermaßen vorgenommen.

Aufnahme von Preusch, Dresden

Abb. 4 Edelkastanie im Grundstück des Herrn Geheimrat Hilger in Zitzschewig: Haus Kynast

Die Hilfssachverständigen, geführt von einem Sachverständigen, etwa vier bis fünf Herren, begaben sich mit je zwei bis drei Arbeitern (meist Winzern und gelernten Weinbergsarbeitern) in den zu untersuchendem Weinberg, unter Vorzeigen eines vom Ministerium des Innern ausgestellten Ausweises.

Ein allgemeiner Überblick über den Rebbestand ließ schon durch die muldenförmige Abnahme der Wuchskraft und durch Gelbstichigkeit der sonst tiefgrünen Stöcke einen Schluß auf die reblausbefallenen Bergteile zu. Der Beweis des Befalls konnte aber erst dadurch erbracht werden, daß die flach unter der Bodenoberfläche verlaufenden sogenannten Tauwurzeln durch uns mit der Lupe auf Anwesenheit von Reblaus geprüft wurden. Die Arbeiter »schlugen die Stöcke an«, das heißt sie entfernten am Wurzelhals die Erde bis zum Erscheinen der Wurzeln, schnitten letztere ab und reichten sie dem Untersuchenden zu. ([Abb. 5.])

Aufnahme von Joh. Hartmann

Abb. 5 Untersuchung der Weinberge auf Reblaus

Dabei wurde reihenweise vorgerückt und möglichst jeder dritte Stock angeschlagen. Fand sich der Schädling an den hakenförmigen Krümmungen der Wurzeln, den Nodositäten, vor, was leider nur zu oft eintrat – so wurde das von uns durch ein kräftig gerufenes »Laus« verkündet, und ein Arbeiter kalkte den Rebpfahl des befallenen Stockes oben ausgiebig an. Im Umkreis eines infizierten Stockes wurde alsdann jeder Stock untersucht, und bald zeigte eine ganze Anzahl weißer Pfahlspitzen den aufgefundenen Reblausherd an. In diesen Herd wurden noch die scheinbar gesunden Reben im Zwanzigmeter-Umkreis einbezirkt, und das Ganze wurde von einer besonderen Kolonne, die mit pfahl- und drahtbeladenem Wagen ankam, eingedrahtet und mit einer Verbotstafel versehen, welche das Betreten des Herdes, auch den Besitzern, versagte. Die Eindrahter wurden geschmackvoll als »Topfstricker-Kolonne« bezeichnet.

Jeder, welcher den Herd, mochte es dienstlich oder anders begründet sein, betrat, selbst die Herren Ministerialdirektoren waren nicht ausgeschlossen, mußte mit seiner Fußbekleidung in ein Becken mit Petroleum treten – dies wiederholte sich auch beim Verlassen des Herdes. Auf diese Weise sollte die Verschleppung der Reblaus gehindert werden – auch ein sorgfältiges Abbürsten der Oberkleider mußte man darum über sich ergehen lassen. Aus gleichem Grunde wurde auf den Herden sogar eine Nachtwache bezogen, die leider von der Bevölkerung in der ersten Erbitterung tätlich angegriffen wurde. Auch wir Hilfssachverständigen wurden auf dem Heimwege von unserer anstrengenden Tätigkeit (acht Stunden stehen auf geneigtem Gelände!) des öfteren mit Steinwürfen bedacht.

Aufnahme von Joh. Hartmann

Abb. 6 Verbrennen der Reben und Rebpfähle

Welch ungeheuere Verseuchung einzelne Berge aufwiesen mag das Beispiel des von mir untersuchten Weinberges des Kammerherrn Exzellenz von Minckwitz zeigen. Dieser Berg zählte allein über dreitausend infizierte Stöcke. Hierbei fanden sich nicht bloß die Nodositäten an den jungen Wurzeln; auch das alte Wurzelholz zeigte knotige Anschwellungen, sogenannte Tuberositäten ([Abb. 2g]), welche oft honiggelb überzogen waren, da Laus an Laus, Eigelege an Eigelege saß.

Auf die »Topfstricker« folgte die Schätzungskommission. Diese hatte die durch gekalkte Rebpfähle kenntlich gemachten verseuchten Stöcke, und gesondert, die in den Herd einbezogenen gesunden Reben auszuzählen, sowie den Wert der daran befindlichen Trauben abzuschätzen. Die durch die Vernichtung entgangene Traubenernte und die in dem Herde befindlichen »gesunden« Rebstöcke wurden vom Staate den jeweiligen Besitzern oder Pächtern nach besonderen »Bonitätsklassen« vergütet.

Nunmehr trat die Vernichtungskolonne in Tätigkeit.

Wagen fuhren die zur Bodendesinfektion und zum Verbrennen der Rebpflanzen und Rebpfähle nötigen Petroleummengen in Fässern heran, später auch die Schwefelkohlenstoff-Behälter, und es entstand ein oft recht bedeutendes Stofflager in der Nähe des betroffenen Weinbergsgeländes.

Es wurden alsdann im Herde die Rebpfähle gezogen, die Rebstöcke und etwa vorhandenen Bäume herausgehackt, die Zwischenkulturen, meist Erdbeeren, aber auch Gemüse herausgerissen. Alles wurde zu einem Scheiterhaufen geschichtet, der, mit Petroleum besprengt, schließlich entzündet wurde, so daß allenthalben von den Bergen die Rauchsäulen emporstiegen, als Zeichen, daß dort eine hundertjährige Weinkultur mit all ihrem Mühen und Hoffen zu Grabe geleitet wurde ([Abb. 6]).

Aufnahme von Joh. Hartmann

Abb. 7 Bodendesinfektion mit Schwefelkohlenstoff

Dieses Autodafé hat den Herzen der Bewohner und dem Reiz des Landschaftscharakters tiefe Wunden geschlagen.

Der nunmehr von allen Pflanzen geräumte Herd wurde alsdann teils durch Überbrausen, teils durch Eingießen von Petroleum in etwa fünfzig Zentimeter tiefe Löcher desinfiziert. Der später verwendete Schwefelkohlenstoff wurde mit besonderem Apparat dem Boden eingespritzt ([Abb. 7]).

Abb. 8 Verödete Weinberge in Oberlößnitz

Das Petroleum durchdrang leider den Boden nicht gleichmäßig, so daß man eine leicht vergasende Flüssigkeit, welche alle Erdporen gleichmäßig durchdrang, erstrebte. Diese schien im Schwefelkohlenstoff gegeben. Derselbe wirkte aber im Übermaß als Wurzelgift; so daß seine Verwendung außerordentlich vorsichtig gehandhabt werden mußte. Ein sicherer Fortschritt in der Reblausbekämpfung lag in dem Bestreben, die Schwefelkohlenstoffgaben so zu bemessen, daß die ungeheuere Vermehrung der Reblaus geschwächt wurde, ohne dabei das Gedeihen des Stockes zu schädigen. Dieses sogenannte »Kulturalverfahren« hat bei einzelnen Bodenklassen, z. B. in dem Muschelkalkgelände des Unstrutgebietes guten Erfolg gezeigt. Bei uns in Sachsen wurde ihm von Anfang an mit Mißtrauen begegnet, um so mehr, als dadurch die vom Staate gewährte Entschädigung für befallene Stöcke in Wegfall kam. Ich bin der Überzeugung, daß bei geeigneten Versuchen für sächsische Verhältnisse ein brauchbares Kulturalverfahren hätte ausgearbeitet werden können. Die von mir auf Brabschützer Flur, gegenüber der Lößnitz, mit Erlaubnis des Ministeriums ausgeführten Versuche mit Schwefelkohlenstoffemulsionen hatten sehr guten Erfolg. Leider stockten diese Versuche, da im Jahre 1907 von der Reichsregierung das sächsische Weinbaugebiet als unheilbar verseucht erklärt wurde, sodaß die sächsische Regierung die kostspieligen Untersuchungs- und Bekämpfungsarbeiten zum größten Teil einstellte.

Abb. 9 Erdbeerkulturen auf früheren Reblausherden

Trotz sorgfältigster Untersuchung und gründlicher Bekämpfung hatte alljährlich die Reblauskalamität wie ein glimmendes Feuer weiter um sich gefressen, so daß nach einem Jahrzehnt die grünen Rebenhänge verschwanden. Öde, mit Unkraut bestandene Geländewunden starrten uns entgegen ([Abb. 8]), denn erst nach einer vier- bis fünfjährigen Quarantänezeit durften die geräumten Herde wieder bepflanzt werden.

Reben wurden aber auch dann nicht wieder angepflanzt, denn die geschädigten Besitzer hatten Lust und Mut verloren; die alten Winzer mit ihren weinbaulichen Erfahrungen starben ab, – und der Weinbau der Lößnitz schien auf immer begraben zu sein. Erdbeer- und Obstkulturen ([Abb. 9]), oft auch Gemüseflächen erhoben sich zwar an Stelle des grünen Rebenkleides, konnten aber das ursprüngliche, an die schönsten Gegenden des Rheines erinnernde Landschaftsbild mit seinem Rebenzauber nicht wieder schaffen. Immer blieben unschöne Ödstellen, die das früher so liebliche Gelände schändeten.

Erst eine neue Bekämpfungsart unter Verwendung amerikanischer Reben als Wurzelunterlage sollte der landschaftlichen Schönheit der Lößnitz wieder aufhelfen.

Überall sieht man schon auf amerikanischer Unterlage veredelte, üppig gedeihende Neuanlagen, so daß wir hoffen dürfen, allmählich die frühere Anmut der Lößnitz wieder erstehen zu sehen. Von tüchtigen Weinbausachverständigen beraten, beginnt auch die Kellerwirtschaft sich zu heben, so daß bei guten Jahren uns ein trinkbarer Tropfen winkt, ein Tropfen, viel viel besser als sein Ruf. Möchten dann die Sklavenketten, mit denen das Ausland uns fesselt, gefallen sein, so daß wir bei funkelndem heimischen Rebensaft frohen Herzens jubeln können:

Heil dem freien Deutschland, heil unserem Sachsenland!

Fußnoten:

[2] Z. B. Weinstuben von Julius Papperitz, Dresden, Scheffelstraße.

[3] Frankreich: Champagne. Spanien: Barcelona. Schweiz: Zürich und Genf. Italien: Lago Maggiore, Calabrien. Österreich: Steiermark, Niederösterreich, Dalmatien. Ungarn: Tokaier Lagen. Kroatien 13,5%. Rußland: Kaukasus bei Batum. Rumänien: 31%. Serbien. Bulgarien. Türkei. Außerdem Süd-Amerika: Brasilien, Uruguay. Afrika: Kap. Australien.

[4] In den südlichen Ländern wird außer der Wurzelreblaus eine oberirdische Form: die Blattreblaus in kugeligen Blatt- und Rankengallen gefunden.

Die Rotalge Hildenbrandia rivularis (Liebm.) Bréb., ein ausgestorbenes (?) Naturdenkmal Sachsens

In dem 1922 erschienenen Heft 2 Band IX die Beiträge zur Naturdenkmalpflege (herausgegeben von der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen) berichtet A. v. Lingelsheim über diese bemerkenswerte Rotalge des Süßwassers, die in Deutschland nur an wenigen Stellen, so in einigen Bächen des Riesengebirges, im oberen Rhein, in der Werra und Fulda, im Dieksee in Holstein und nach einem Bericht von R. Wollny aus dem Jahre 1886 in einem felsigen Waldbach bei Niederlößnitz in Sachsen vorkommt. Die Alge ist ein Naturdenkmal von hervorragender Bedeutung; abgesehen von ihrem örtlich sehr beschränkten Vorkommen, ist sie »die einzig wirklich rote Süßwasserfloridee«; bei den übrigen herrscht Blaugrün oder Violettgrün vor. Infolgedessen zeigt das Bett der Gebirgsbäche, wo die Alge reichlich vorkommt, prachtvoll bräunlich »blutrote« Überzüge der Gerölle oder der anstehenden Felsen. Ferner aber gleicht sie in Wuchsform, Mikrostruktur und anderen Punkten ihrer nächsten Verwandten, Hildenbrandia rosea Kütz aus dem Atlantischen Ozean, welche in ganz ähnlicher Weise rote, krustige Beläge auf Steinen oder Muscheln bildet. An Hildenbrandia sehen wir somit sehr deutlich, daß bei ihr der Übergang in ein ganz anders geartetes Medium jedenfalls habituell nicht die geringsten umgestaltenden Einflüsse bewirkt hat. Der Geruch der absterbenden Alge gleicht völlig jenem eigenartig dumpfveilchenartigen »Seetanggeruch«, wie er den Bewohnern der Meeresküsten bekannt ist. Unsere Alge selbst ist ferner in den Subtropen (Nordafrika) und Tropen (Niederländisch Indien, Jamaica, Kongogebiet) vertreten.

Wir haben also in Hildenbrandia rivularis eine Pflanze vor uns, deren ganz nahe Verwandtschaft zu Meerespflanzen erwiesen ist, ohne daß es bisher gelungen wäre, diesen Zusammenhang aufzuklären. Aus der Beschaffenheit der verschiedenen Standorte hat v. Lingelsheim festgestellt, daß die Rotalge ihrem gewissen Wärmebedürfnis nach dem atlantischen Florenbezirk angehört. Sie stellt weniger Ansprüche an die chemische und optische Reinheit ihres Wohngewässers, vielmehr scheinen »physische Faktoren, wie festes Substrat zur dauernden Fixierung, eine gewisse Stärke der Wasserbewegung, sowie eine genügende Durchlüftung des Wassers« für ihr Leben ausschlaggebend zu sein. Weiter wurde festgestellt, daß die Alge den Schatten liebt und sich an belichteten Stellen auf die Unterseite des Gesteins usw. zurückzieht oder wohl gar abstirbt. Mit Vorliebe bewohnt sie tiefe Gewässer, so kommt sie im Gardasee noch in neunzig Meter Tiefe vor. Sie siedelt sich auf Gestein verschiedener Art an, meidet jedoch kalkhaltigen Boden. Ihre Vermehrung ist noch nicht aufgeklärt, v. Lingelsheim hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sich losgelöste Thallusfäden anderwärts festsetzen und so der Verbreitung dienen.

Vor einiger Zeit durchsuchte ich das in Frage kommende sächsische Gebiet nach Hildenbrandia rivularis. Meine Bemühung war erfolglos und so glaube ich zunächst annehmen zu müssen, daß dieses Naturdenkmal bei uns ausgestorben ist. Ich vermute wohl mit Recht, daß unter dem felsigen Waldbach der »Lößnitzbach« zu verstehen ist. Da seine Quelle im Dippelsdorfer Teiche liegt, kommt das Wasser genügend durchwärmt in die kurze enge Talschlucht, so daß das Wasser den gestellten Ansprüchen genügen würde. Die einst dicht bewaldete, unwegsame Schlucht wird auch den von der Alge bevorzugten Schatten gespendet haben. Die Pflanzenseltenheit wurde im Jahre 1886 festgestellt. Welche Veränderung ist aber seit dieser Zeit im Lößnitzgrunde vorgegangen! Die Erbauung der Eisenbahn und der Promenadenwege brachte eine Lichtung des Tales mit sich. In den letzten Jahren zumal sind die einst bewaldeten Talhänge beim Kurhaus Friedewald völlig kahlgelegt worden. Auch die vielfache Bebauung des Tales mag das Aussterben beschleunigt haben. Beim Kurhaus und bei der Meierei Lößnitzgrund sind Gondelteiche angelegt worden, die der Lößnitzbach durchfließen muß. Selbst wenn sich die Alge im Oberlauf des Baches noch einige Zeit gehalten hätte, würde eine Neubesiedelung des Unterlaufs dadurch unmöglich geworden sein, da die in die Teiche gelangten Thallusfäden unter der Einwirkung des Lichtes und der mangelnden Durchlüftung des Wassers sicher zugrunde gegangen sind. Hildenbrandia rivularis ist also wahrscheinlich ein Opfer der in den letzten Jahrzehnten in den Lößnitzgrund getragenen »Kultur« geworden. Oder sollte die Rotalge doch noch in einem meiner Nachforschung entgangenen unscheinbaren Bächlein des Gebiets ein verstecktes Dasein fristen? Wer hilft suchen? Algen sind botanische Naturdenkmäler, deren Standortgeheimnisse der Öffentlichkeit wohl unbedenklich preisgegeben werden können; sie fallen Pflanzensammlern kaum zum Opfer, was man von anderen Gewächsen leider nicht immer behaupten kann.

v. Lingelsheim vermutet, daß die Rotalge wahrscheinlich auch an anderen Orten noch hin und wieder vorkommt und ein unbemerktes und unbekanntes Dasein fristet. Vielleicht hat auch Sachsen noch einen Standort, nachdem der Lößnitzgrund anscheinend dafür nicht mehr in Frage kommt.

Klengel.