II
Ungeduldig hörten die Abiturienten dem Rektor zu, der die lange Entlassungsrede hielt. Endlich stieg sein Brustkorb hoch, der Zeigefinger deutete zum Fenster. Sofort fühlten alle, daß jetzt die Schlußworte kamen.
Sie sollten denn hinaustreten ins ernste Leben, tüchtige, brave Männer werden. Der Zeigefinger deutete noch zum Fenster hinaus. Es war vollkommen still geworden. „Geachtete Männer!“ Da sanken Finger und Brustkorb. Und die Entlassenen brachen los von den Bänken.
Der Lärm entfernte sich rollend, wurde immer dünner, drang noch einmal, wieder stärker geworden, von der Straße aus mit der Sonne durch das Fenster zu den leeren Bänken herein. Und verebbte schnell.
In die Stille des leeren Schulsaales klang eine Stimme, die aus dem Gitter der Dampfheizung zu kommen schien: „Ich möchte mich noch bedanken für alles, was die Herren Professoren in den Jahren meiner Schulzeit Gutes an mir getan haben.“ Ah, ihr niederträchtigen Schufte, setzte Leo Seidel in Gedanken hinzu und trat weg von der Dampfheizung, schob seine Schulter unter die ausgestreckte Hand des Rektors: „Wenn der Herr Rektor jetzt auch noch die große Güte haben wollten, mir den weitern Lebensweg zu ebnen ...“
„Nicht jeder Deutsche kann die Universität besuchen. Das ist doch einleuchtend.“
‚Denn woher sollten sonst die Briefträger und Hausdiener genommen werden.‘
„Aber die Schreiberstelle beim Stadtmagistrat bekommen Sie. Ich habe schon gesprochen ... Machen Sie mir Ehre. Werden auch Sie ein geachteter Mann.“
Die Professoren ließen dem Rektor den Vortritt, verbeugten sich in höflicher Erregung immer weiter von der offenen Tür weg.
Adolf Sinsheimers Gesicht, das aus einem Rahmen oval heraussprang, denn er trug seit Jahren ein schwarzes Seidenband straff über die wegstehenden Ohren gespannt, damit sie sich mit der Zeit anlegen sollten, war während der Prüfung so aufgedunsen, daß er das Band abnehmen mußte. Sofort wurden beide Ohren lebendig, schnellten nach vorne. „Jetzt, mein Lieber, geht das Leben an. Weißt du, was das bedeutet: das Leben? Ich bin grandios glücklich. Morgen kaufe ich mir einen steifen Hut und trete dem Klub junger Kaufleute bei ... Man ist ganz unter sich im Klub. Keine Weiber!“
Jürgen setzt nach einem hartnäckigen Kampfe mit der Tante durch, daß er nicht Staatsbeamter werden muß, sondern Philosophie studieren darf, schreibt eine Abhandlung, die ungeheueres Aufsehen macht, und wird daraufhin zum Bürgermeister gewählt. „... Das ist Glück!“
„Du kannst dich darauf verlassen, daß das Glück ist.“ Während Adolf Sinsheimer von den Anzügen sprach, die er sich machen lassen werde, wurde Jürgen Besitzer einer Fabrik, in der zwanzigtausend Arbeiter beschäftigt sind, und bestimmt mit einem Federzuge, daß alle zwanzigtausend Arbeiter, alle Beamten und er selbst von jetzt an ganz gleichmäßig am Gewinn beteiligt werden.
Der alte Buchhalter sagt bestürzt: ‚Aber ich bitte Sie, Herr Direktor ...‘
‚Genug! Ich will das so. Das ist nur gerecht.‘ Und Jürgen schickt den alten Buchhalter freundlich, aber entschlossen fort.
„Zuhause werde ich meinem Alten ganz kalt erklären: Du, unter uns gesagt, ohne Lackschuhe und Frack bringst du mich nicht auf den Abiturientenball ... Hör mal, Jürgen – aber Diskretion bitte –, ich sage dir, daß ich mich auf dem Ball nicht mit unseren Tanzstundengänschen abgeben werde. Kann mir nicht passieren!“
‚Und wenn einem von euch in meiner Fabrik – das heißt, in unserer Fabrik – etwas zustößt, dann bekommt er eine Rente sein Lebenlang.‘
„Ich halte mich glatt an die Schönheiten, die tadellos tanzen können. Oder hast du etwas gegen einen Busen einzuwenden? Ich nicht.“
Als Adolf sich verabschiedet hatte – „Ich werde Gelegenheit nehmen, dir heute nachmittag meinen Besuch abzustatten“ –, dachte Jürgen darüber nach, weshalb er vor einigen Tagen zum ersten Male in seinem Leben ernstlich über das Dasein und die Not der andern nachgedacht hatte. ‚Weshalb nicht schon Jahre vorher? Weshalb gerade an dem Abend, als ich nach dem Essen im Garten stand und im Nachbarhause die zornige Männerstimme und gleichzeitig vereinzelte Töne einer Ziehharmonika hörte?‘
Bisher habe er doch immer nur, und auch dann nur veranlaßt durch ein qualvolles persönliches Erlebnis, über sich selbst und seine eigene Not nachgedacht; und in jener Minute, ohne jeden äußeren Anlaß und unerforschlicherweise plötzlich darüber, warum Phinchen, dieses gutmütige und nicht dumme Dienstmädchen, ihr Lebenlang in der Küche stehen, Stiegen, Schuhe und Fenster putzen, Schlafzimmer aufräumen müsse, häßlich gekleidet und ungebildet sei, zum Beispiel nie lese, gute Bücher gar nicht verstehe, während die Tante und er die sorgfältig zubereiteten Speisen verzehren, die von Phinchen sorgfältig geplättete Wäsche tragen und Shakespeare oder Goethe lesen könnten, wenn sie wollten; warum die siebzehnhundert Arbeiter von ihrem vierzehnten Jahre an bis zum Tode täglich von früh bis abends in der Papierfabrik des Herrn Hommes arbeiten müßten, während ungezählte tausende junger Männer und Mädchen, die wenig oder nichts arbeiteten, hübsch gekleidet und gepflegt täglich spazierengehen konnten; warum die Arbeiter so schwere, täglich und stündlich zu erfüllende Pflichten hatten – und die Wohlhabenden zum Teil recht angenehme oder gar keine; warum es überhaupt Reiche und Arme gab, und warum der arm und der reich war; warum die Armen tun mußten, was die Reichen wollten; ob all das ein Naturgesetz oder menschliche Willkür war.
Seit jener rätselhaften Sekunde hing er in einem Gedankennetz und suchte vergebens den Mittelpunkt, von dem aus die Grundursache der Gemeinheit des ganzen Lebens, die ihn bedrückte, verstanden werden könnte.
Die Tante empfing ihn freudig mit den Worten: „Alles liegt hübsch klar und geordnet vor dir ... Du wirst Staatsbeamter. Amtsrichter in einem hübschen, kleinen Städtchen. Das ist dein Lebensweg. Ich bin so glücklich.“
Jürgens Kopf nickte. ‚Du taugst zu nichts anderem.‘ Wut wollte herausbrechen. Und wurde zu einem schiefen, gefährlichen Lächeln, während die Tante sich feierlich erhob, das Tischgebet zu sprechen.
„Ich werde nicht Amtsrichter. Ich will keine Urteile fällen über andere.“
Das Dienstmädchen war halbwegs in der Stube stehengeblieben, die Hände gefaltet.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Bringen Sie diesmal auch eine Flasche Wein, Phinchen.“
Das besonders feine Damasttischtuch, das selten benutzte schwere Familienbesteck, die Feierlichkeit der Tante und Jürgens Bemerkung machten, daß das Mahl steif und schweigsam verlief.
„Und wenn du nachher Amtsrichter bist“, begann bei der Süßspeise die Tante in gütigem Tonfall, als ob sie Jürgens Weigerung gar nicht vernommen hätte, „wirst du erst so recht einsehen, daß eben gerade die strenge Pflichterfüllung dir die Achtung deiner Mitmenschen einbringt. Du wirst ein geachteter Mann sein. Und das ist die Hauptsache: Ein Mann, der sein sicheres Auskommen hat! – Auch wenn ich einmal nicht mehr da sein werde. Die Pflicht vor allem!“
Phinchen brachte hervor, das gnädige Fräulein sterbe gewiß noch lange nicht. Die Tante deutete mit dem Zeigefinger auf ihre Brosche: „Meine Brust harmoniert nicht.“ Und Jürgen fragte: „Aber was ist Pflicht?“
„Das weiß doch jeder Mensch. Jeder Mensch muß seine Pflicht tun ... Bringen Sie noch etwas Kompott ... Du willst nicht Amtsrichter werden? Ich sage: du mußt es werden. Du willst keine Urteile fällen? Du mußt Urteile fällen. Denn dein Vater hat dich zum Amtsrichter bestimmt. Ich sage nochmals: Die Pflicht vor allem!“
„Erfüllt der Papierfabrikant Hommes seine Pflicht dadurch, daß er seine täglich in der Equipage spazierenfahrende Gattin zu Pferde begleitet? Wer bestimmt, daß es die Pflicht der siebzehnhundert Arbeiter ist, in die Hommessche Fabrik zu gehen? Und wer sagt mir, ob es meine Pflicht ist, Amtsrichter zu werden und Urteile zu fällen über andere ...“
„Dein seliger Vater und ich!“
„... oder in der Fabrik zu arbeiten, oder täglich auszureiten und andere für mich arbeiten zu lassen?“
„Das sind Dummheiten.“ Die Tante faltete ihre Serviette genau zusammen. „Räumen Sie ab!“ Und stieg voran in Jürgens Zimmerchen.
Er mußte sich auf das Kanapee setzen, über dem, in ovalen Rahmen, symmetrisch zu einem großen Oval geordnet, die vergilbten Photographien der Familie Kolbenreiher hingen. In der Mitte ein Jugendbildnis des Vaters. Die Tante rückte das schon genau in der Tischmitte stehende Resedasträußchen, das sie zur Feier des Tages im Garten geschnitten hatte, in die Tischmitte, zupfte ihr Geschenk, das Papageiüberhandtuch, zurecht. „Du wirst also in eine vornehme Verbindung eintreten. Du trägst eine Mütze, eine grüne oder eine schöne blaue, lernst Schießen und Fechten, natürlich nicht zu echt, eben nur, um deinen Mut zu stählen und weil das dazugehört ... Jetzt nimm diesen Leuchter! Den Partner dazu bekommst du, wenn ich einmal unter der Erde liege. Das wird bald sein, und nachher kriegst du alles.“
Dann schilderte sie fließend, als lese sie wieder aus ihrem Haushaltungsbuch vor, wie Jürgens ganzes Leben sich gestalten werde: – daß er in soundso viel Jahren diesen und diesen, später einen noch höheren und zuletzt den Beamtengrad eines Amtsrichters erreichen werde, mit soundso viel Gehalt, gelangte zu dem Lebensalter, in dem er einen Orden bekommen würde, und ging über zur Pensionierung. „So will es dein Vater. Wenn du deine Pflicht erfüllst, wirst du als ein Mann begraben, von dem deine Kollegen sagen werden: er soll uns ein schönes Vorbild sein und bleiben ... Mehr kann man vom Leben nicht verlangen, Jürgen. Mein Großvater sagte einmal zu mir: Man kann die Achtung, die ein Mensch im Leben genoß, an der Länge seines Leichenzuges messen.“
Jürgen schoß über das Lebensziel, ein pensionierter Amtsrichter zu werden, weit hinaus, stieg in wenigen Sekunden zu einer weltberühmten Leuchte der Wissenschaft empor, nahm eine Brust voll höchster Orden, die er nicht einmal beachtete, entgegen, wurde nebenbei Bürgermeister, ließ sich in den Reichstag wählen und übernahm das Ministerpräsidium. Alle Bürger grüßten ihn tief. Dann sah er sich voller Freude seinen kolossalen Leichenzug an.
„Ja, Jürgen, so ist es: seine Pflicht tun und ein geachteter Mann sein ...“
Unversehens, wie die Uhr aufhört zu ticken, starb in Jürgen die Begeisterung. Das grandiose Zukunftsgebäude krachte lautlos zusammen.
„Das erste gibst du dem Leben und bekommst dafür vom Leben das andere ... Und unsern Garten und mich hast du ja auch noch“, sagte die Tante und ging. Adolf Sinsheimer war eingetreten.
Er lag im Großvaterstuhl wie der Lord im Klubsessel. „Mein Alter hat sich mir erklärt. Wir haben uns geeinigt über die Zukunft, die ich ergreife.“
‚Daß gerade diejenigen, denen ich am allermeisten mißtraue, weil sie mich am allermeisten gequält haben, von mir fordern, ein geachteter Mann zu werden, sollte mir eine Warnung sein, ein solcher zu werden. Vielleicht ist man ganz und gar verloren, wenn man ein geachteter Mann geworden ist.‘ „Welche ergreifst du denn?“
„Industrie, mein Lieber, Industrie! Nur der enorme Aufstieg unserer Industrie hat Deutschlands Weltgeltung begründet ... Mein Vater ist übrigens genau derselben Meinung. Ich werde dir nachher beim Spaziergang die Chose zeigen, in die ich eintrete ... Übrigens, rauchst du? Dieses Etui habe ich mir heute zugelegt. Du rauchst nicht? Aber das ist ja toll ... Herein!“ rief Adolf schnarrend.
Phinchen blieb, verlegen lächelnd, im Türrahmen stehen. Die Kaffeekanne dampfte. Ächzend schlug er das Bein über. „Aber ich bitte, treten Sie doch näher ... Trinkst du denn dieses Weibergesüff?“
„Die ist verliebt, kannst dich darauf verlassen“, sagte er, als Phinchen gegangen war. Und auf der Treppe: „Ein Mädchen, das immer gleich lacht, ist verliebt ... Unser Prokurist ist übrigens genau der selben Meinung.“ Sie gingen die Straße hinunter.
„Und in wen wäre sie denn verliebt?“ Jürgen sah steif geradeaus.
„In uns natürlich! In einen Mann, gewissermaßen.“ Er schnallte das Ohrenband ab. „Dies hier ... weg damit!“ Und schleuderte es auf den Asphalt. Die Ohren erholten sich. „Es fällt einem verteufelt leicht, bei einem so jungen Ding Eindruck zu schinden“, sagte er noch und griff an seinen rosaseidenen Schlips. Da rückte auch Jürgen sein fingerschmales Schülerkravättchen zurecht.
„So, dort ists.“ Adolf deutete über den Platz auf das mächtige Eckhaus.
„Knöpfe“ stand in meterhohen Buchstaben weithin sichtbar zwischen allen vier Stockwerken. Und auf dem Firmenschild: Simon Eberlein, Größtes Knopfexporthaus Europas, Alle Sorten Knöpfe.
„Hier trete ich als Volontär ein. Nun? ... Halt, erst von hier aus ansehen! Ein ungeheuerer Betrieb, mußt du wissen! Handelsbeziehungen überall hin! ... Amerika! Jetzt komm!“
Am Arm führte er Jürgen über den Platz, bis vor den elektrischen Aufzug, der an der Außenseite des Gebäudes angebracht war, und las vor: „3000 kg und Führer. Verstehst du, damit können 3000 kg Knöpfe befördert werden ... Stelle dir das vor!“
„Das ist allerdings kolossal“, sagte Jürgen träumerisch.
„Na, einfach grandios!“ Vorsichtig zog er ihn zu den Parterrefenstern, die bis zur Hälfte mit grasgrünen Schutzgitterchen beschlagen waren.
In gleichartig eingerichteten Bureaus arbeiteten junge Schreiber. An Tafeln, die siebenmal den Arbeitssaal durchquerten, etikettierten flinke Mädchenhände Knöpfe auf Akkord. Knopfmustertafeln bedeckten alle Wände. Die Schiebetür in der Rückwand war offen. Dahinter befand sich ein ebensolcher Saal, und durch ihn durch sahen Jürgen und Adolf in einen dritten Arbeitssaal hinein, in dem, durch die Perspektive verkleinert, die Menschen sich wie Insekten bewegten.
Ein Schreiber sauste durch die Seitentür herein in den ersten Saal, pfeilschnell durch und hinaus. Unterm Hoftor stand der Lagerist, einen Pack Frachtbriefe in den Händen, und rief monoton Zeichen und Nummern. Der Arbeiter wiederholte singend, und die Fuhrleute karrten die aufgerufenen Knopfkisten zum bereitstehenden Lastwagen.
„Riskieren wirs und gehen ins Café? Ich habe Geld.“
„Übrigens, andernfalls hätte ich dir auch aushelfen können. Ich stehe dir zur Verfügung. Genügt dir das?“
„Ich habe ja.“
Adolfs Stirn bekam Falten. „Aber ich bitte dich, unter Freunden! Ich bin gerade bei Kasse.“
Jürgen öffnete seinen Beutel. „Da, sieh selbst! Habe ja genug.“
„Jürgen, du bist geradezu beleidigend. Nimm diese Summe ... Ich könnte sonst unter keinen Umständen den Verkehr länger mit dir aufrecht erhalten.“ Adolfs Hände und Schultern bekräftigten: „Wir sind doch heute nachgerade keine Gymnasiasten mehr, gewissermaßen.“ Er öffnete die Tür. „Bitte, nach dir!“
Am Stammtisch qualmten Skatspieler, die alle Glatzen hatten; eine spanische Wand sonderte ein Kaffeekränzchen – neun, mit farbigen Kapotthüten geschmückte, papageienhafte Damen – ab von den stillen Zeitungslesern. Der Ober bediente geschäftsfreudig und schwungvoll, stand manchmal reglos auf seinem erhöhten Beobachtungsposten neben dem Büfett, wachsam das Lokal im Blick. Ein Fenstertisch, mit der Aussicht auf das Knopfexporthaus, war frei.
Der Pikkolo stand, ein Bein elegant übergeschlagen, reglos in genau der selben Haltung wie der Ober, und wand sich auf dessen Augenwink hin schwungvoll und geschäftsfreudig um die Tischecken herum zu den Freunden; er war erst seit zehn Tagen Pikkolo.
„Was befehlen die Herren?“ Die schwiegen. Und der Pikkolo rasselte heraus: „Bier, Wein, Kaffee, Tee, Schokolade ... Eis, Punsch, Glühwein, Limonade.“ Achtungsvoll betrachtete er die Schweißtropfen, die auf den Stirnen der Freunde hervortraten. Und fühlte seine Überlegenheit im selben Maße wachsen, wie die Ratlosigkeit der beiden zunahm, wiederholte singend sein Gedicht.
Adolf bestellte zwei Glas Glühwein und zwei Glas Grenadine und sagte, nachdem der Pikkolo an das Büfett gestürzt war: „Ich habe Glühwein und Grenadine für uns bewerkstelligt. Du gestattest doch!“
Der Pikkolo ließ unterwegs das Tablett, wie von einer Meereswelle mitgeführt, aus der Tiefe weich in die Höhe steigen, wieder abwärts schwimmen und knirschend auf die Marmorplatte auflaufen, ohne einen Tropfen zu verschütten.
„Die Grenadine schmeckt wie der Buchdeckel der Biblischen Geschichte, weißt du, wenn man daran geleckt hat“, sagte Jürgen und verzog das Gesicht.
Als die Freunde sich am dampfenden Glühwein die Zungen verbrannt und im Bad des heißen Sonnenscheins die Zigarillos angezündet hatten, erlangte Adolf die Fassung wieder, lehnte sich zurück, sah zum Knopfgebäude hinüber. „Du hattest Gelegenheit, die Parterresäle in Augenschein zu nehmen. Der selbe Betrieb wickelt sich in allen vier Stockwerken ab. Und unterm Dach sowie im Keller befinden sich ebenfalls gigantische Knopflager ... Das muß man sich nur vorstellen: Das ganze Riesengebäude vollgestopft mit lauter Knöpfen. Alle Sorten, notabene!“
Von der Sonnenhitze mit Glühwein und Zigarillos war Jürgen übel geworden: Das Knopflager wurde lebendig, verwandelte sich in ein ungeheures Meer schwarzer Schwabenkäfer, die an allen Wänden auf- und übereinander krabbelten. In nebelhafter Ferne hörte er die begeisterte Stimme Adolfs.
„Alle, absolut alle Arten Knöpfe! Ich werde mir eine Knopfsammlung anlegen. Sie wird die größte der Welt sein. Lückenlos! Denn, überlege – welcher Knopfsammler hätte, wie ich, diese Gelegenheit ... Und meine zukünftigen Kollegen da drüben, bei denen das gewissermaßen der Fall wäre, denken vermutlich wieder nicht daran, sich eine Knopfsammlung anzulegen.“
Der Ober schwebte einen halben Meter über dem Fußboden durch das Lokal. Jürgen wagte Adolfs wegen nicht, die Zigarillos wegzuwerfen. Den Stumpen im Mundwinkel, das Gesicht von kaltem Schweiße beschlagen, sah er mit dem verzerrten Ausdruck lächelnden Wohlbehagens seinen Freund an.
Der entwickelte den Plan seines Vaters, eines großen Knopffabrikanten, welcher sich mit der Idee trug, seiner Fabrik ein eigenes Knopfexporthaus anzugliedern, nachdem Adolf bei der Konkurrenz den Betrieb gründlich kennengelernt habe. „Da hast du meine Zukunft. Mein Weg läuft pfeilgrad empor ... in logischer Folgerichtigkeit, gewissermaßen ... Industrie und Handel, mein Lieber! Alles andere ist Romantik.“
Sie sahen zum Fenster hinaus; die Pferde vor dem Exporthaus zogen an; die hochgetürmten sauberen Knopfkisten rollten fort, dem nahen Güterbahnhof zu.
Der Knopflastwagen, das ganze Café, Skatspieler, Messinglüster, Sammetbänke kreisten wie eine Berg- und Talbahn um Jürgen herum. Er wollte beiläufig seine schon in wenigen Jahren zu erwartende Wahl zum Bürgermeister erwähnen und sagte krampfhaft gleichgültig: „Es wäre jetzt vielleicht gar nicht unangenehm, ein wenig hinaus in die schöne, frische Luft zu gehen.“
Vor dem Café sah Jürgen, wie eine gepflegte Dame auf einen Krüppel zuging, dem der rechte Arm und das linke Bein fehlten. Die Frau des Krüppels nahm die Banknote sofort an sich und stellte der sekündlich aufblitzenden Wut ihres Mannes einen notgestählten Blick entgegen. Der skrofulöse Säugling auf ihrem Arme unterbrach den stummen Kampf durch Geschrei. Dann zog die Familie weiter. Langsam, böse, farblos.
Nachdem der offene Wagen der Trambahn die verkehrsreichen Straßen durchfahren, die letzten Häuser und den mächtigen Gaskessel hinter sich gelassen hatte und in nun ungehinderter Fahrt durch sanfthügeliges Wiesenland der Endstation entgegensauste, von kühler Luft durchzogen, röteten sich Jürgens Wangen wieder.
Ein Herr, alt, grau, steif, wie aus grauem Pappendeckel zusammengeklebt, wackelte steif hin und her.
„Auch wenn andere Plätze frei sind, fahren alte Leute nicht mit den Augen zur Fahrtrichtung ... Die Jungen immer!“
„Das ist eleganter Blödsinn.“ Adolf saß lässig zurückgelehnt, Bein übergeschlagen.
„Die Alten wollen gar nichts Neues mehr sehen. Die blicken immer in die Vergangenheit.“
„Glatter Unsinn! Direkt eleganter Blödsinn!“
„Die Jungen wollen sehen, wohin die Fahrt geht.“
Die Alleebäume flogen plötzlich nicht mehr nach rückwärts. Der Wagen hielt bei der Endstation im Knirschen der Bremsen. Stille, in die hinein ein Vogel zwitscherte.
Der Führer blieb allein zurück, setzte sich in den Straßengraben. Der Wagen stand beziehungslos in der Landschaft. Der Tag war heiß und lang gewesen.
Jürgen, schnell in Harmonie mit der Natur, wollte durch den Wald heimwärts gehen, während Adolf, zu abrupt ins Grün gestellt, unwillige Blicke den Ackerfurchen zuwarf und vorschlug, wieder mit der Straßenbahn zurückzufahren.
Die schon versinkende Sonne ließ noch Feuer aus den Fenstern der Stadt schlagen. Das sanftgewellte Land lag weit hingebreitet. Die fernen Wälder schienen nur handhoch zu sein. Der herauftönende Pfiff der Papierfabrik stieß die Arbeiter zu den Toren hinaus. Schon stand ein grüner Stern am Himmel. Liebespaare, umschlungen, gingen vorüber, der heraufkommenden Sommernacht entgegen.
„Kein Zweifel, die sind schwer verliebt. Du natürlich bemerkst das nicht.“ Adolf setzte sich mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung und forderte: „Sitze du auch so!“
Da fiel Jürgen ein, daß er eigentlich gegen seinen Willen zurückfuhr. „Ich sitze so.“
„Eleganter Blödsinn! Das gibst du doch zu?“
„Nein, das gebe ich nicht zu. Das gebe ich nicht zu“, sagte er noch beim Betreten der Küche vor sich hin und blickte die feuchten, vollen Schultern Phinchens an, die, im Unterrock und Hemd, glühend am Bügelbrett stand.
Sein Kopf blieb klar; das unbekannte Gefühl fuhr ihm nur in die Beine. Phinchen konnte vor Aufregung die entblößte, aufsteigende Brust nicht bedecken.
Da kreischte die Haustür. Jürgen taumelte aus der Küche hinaus.
„Du mußt von jetzt an immer hübsch vollkommen bekleidet sein. Der junge Herr ist kein Kind mehr.“ Die Tante demonstrierte an ihrer Brosche. „Dies da und auch deine Schultern, überhaupt das alles darf man nicht sehen. So dick und nur einen Unterrock! Das ist nicht schicklich.“ Der Unterrock könne gewiß einmal aufgehen. Dann stehe sie im Hemd vor dem jungen Herrn.
Sie nahm aus dem Küchenschrank eine neue Kerze, zog mit dem Messer sorgfältig einen Riß herum – drei Zentimeter unter dem Docht – und stieg in Jürgens Zimmerchen hinauf.
Wortlos steckte sie die Kerze in den silbernen Leuchter und zündete an. Dann deutete sie auf den Riß. „Wenn sie bis hierher abgebrannt ist, mußt du aufhören zu lesen ... Das Bücherlesen im Bett und überhaupt das Ideale, das, was du Ideale nennst, muß auf ein schickliches Maß zurückgeführt werden.“
Jürgen beobachtete, wie das Flämmchen erstarkte, endlich senkrecht stand und wieder flackerte, als die Tante weitersprach. „Und morgen zeichne ich nur zweieinhalb Zentimeter zum Lesen an. Übermorgen wieder etwas weniger. Und allmählich liest du überhaupt nicht mehr im Bett, siehst du ... Auch deine Mutter las immer im Bett. Dein Vater hat es ihr abgewöhnt. Wer nicht selbst streng ist gegen sich, gegen den muß es ein anderer sein ... Deine Mutter hat dich machen lassen, was du wolltest. Verzogen, verwöhnt hat sie dich. Das soll eine Mutter nicht tun.“
„Das kannst du ja gar nicht wissen; du warst ja nie Mutter.“ Staunend beobachtete er, wie ihr ganzes Gesicht – auch die Stirn – sich dunkel rötete. Der Mund stand offen. In unbegreiflicher Fassungslosigkeit verließ sie das Zimmer.
Jürgen nahm das Bild seiner Mutter von der Wand, betrachtete lange den angsterfüllten Mädchenblick, den schmerzlichen Mund, der zu lächeln versuchte, und lehnte die Photographie gegen den Leuchter.
Im Bücherregal standen nur Reisebeschreibungen und Abenteuerromane in bilderreichen Umschlägen. Mit der ‚Schreckenvollen Reise in das Erdinnere‘ stieg Jürgen ins Bett, passierte zusammen mit dem kühnen Abenteurer auf dem Floße die zerklüftete Felsenspalte, geriet plötzlich in ein Loch und sauste auf gischtigen Wassermassen beinahe senkrecht in die Erde hinein. Es wurde nachtstill im Hause.
Dicke Finsternis umgibt Jürgen und sein Fahrzeug, das mit den immer gewaltiger brausenden Gewässern in rasendster Geschwindigkeit in die Tiefe stößt – volle zwölf Tage lang –, unter der ständigen fürchterlichen Gefahr, zu zerschellen.
Plötzlich verlangsamt sich die wilde Fahrt: Jürgen flößt aus einer Felsspalte heraus und, ganz wider Erwarten sanft, hinein in einen wunderbar stillen See im Erdinnern, an dessen Ufern menschenähnliche Geschöpfe mit Kuhköpfen stehen.
Grüne, fremde Helligkeit liegt über dem Tale und den milden Wäldern, obwohl kein Himmel vorhanden ist.
Der Abenteurer durchforscht vorsichtig das Tal nach gefährlichen Wilden, macht ungewöhnlich wichtige Entdeckungen und überlegt endlich, wie er mit seinem Floß auf dem senkrecht herabrasenden Gewässer aus dem Erdinnern wieder zur Erdoberfläche hinauffahren könne.
Heißgelesen, sah auch Jürgen nachdenklich auf. Und bemerkte mit Schrecken, daß die Kerze still bis über die Hälfte herabgebrannt war.
Während er dann im Traume papageiengroße, fliegende Edelsteine fing und mit kuhköpfigen Menschenwesen, die sich plötzlich in lauter geachtete Männer verwandelten, in bösen Kämpfen lag, streifte Adolf Glacéhandschuhe über, ging in den ‚Klub junger Kaufleute‘ und wurde vom Vorsitzenden auch den neuen Mitgliedern, Adolfs bisherigen Schulkameraden, mit feierlicher Korrektheit vorgestellt.
Einige Wochen später lag auf Jürgens Nachtkästchen eine Geschichte der Philosophie, in der schon viele Zettelchen mit Anmerkungen steckten.
Die Abiturienten hatten sich getrennt in zwei Gruppen, die weiterhin nicht mehr miteinander in Berührung kamen: Ein Teil studierte und hatte andere Interessen als die Fabrikantensöhne, die in die Geschäfte ihrer Väter eintraten.
Leo Seidel arbeitete im Magistratsgebäude, im städtischen Wohnungsnachweisbureau, dessen trübe Fenster gegen die Nordseite des immer sonnelosen Lichthofes standen.
Das Mißbehagen der Kollegen war von Monat zu Monat größer geworden. Jeden Morgen hatten sie, beim Eintritt in das Bureau, Leo Seidel schon heißgeschrieben am Pulte vorgefunden.
Vor allem Herr Hohmeier, ein Beamter, der sehr langsam arbeitete und seiner Dienstzeit nach am nächsten daran war, vorzurücken, lebte seit Monaten beständig in der Angst, daß der bei größtem Fleiße und unangreifbarer Gewissenhaftigkeit auch noch ungewöhnlich schnell arbeitende Leo Seidel den Buchstaben M zugeteilt bekommen werde, was der zahllosen zu bewältigenden Müllers und Maiers wegen eine Beförderung außerhalb der Reihe, ein Überspringen Hohmeiers bedeutet haben würde.
Noch besorgte Seidel den ungefährlichen Buchstaben Y, wurde infolgedessen bei seinen Abschreibearbeiten nie gestört und benutzte, zusammen mit dem jüngsten Kollegen, der gleichzeitig angestellt worden war, ein Doppelpult, über dem nur eine Gasflamme brannte.
Die Herren Neubert und Hohmeier hatten jeder ein Pult für sich – mit je einer Gasflamme. Über Herrn Anks Pult befand sich, entsprechend seinem höheren Dienstgrad, ein zweiflammiger Gasarm mit grünen Lichtblenden. Und vor des Herrn Bureauleiters Pult stand zudem noch ein drehbarer Schreibsessel, auf dem ein dienstliches Lederkissen lag. Auch war sein Löschblattbügel bedeutend breiter.
Dieses festgefügte Dienstschema zu sprengen, die niederen Dienstgrade zu überspringen, war Seidels Bestreben. Das allmähliche Vorrücken bis zum breiteren Löschblattbügel wollte er sich ersparen.
Das war seinen Kollegen nicht entgangen.
Der Tag, an dem die Katastrophe sich ereignete, begann damit, daß Herr Hohmeier begann, sich zu schneuzen, indem er Kanzleibogen und den schmalen Löschblattbügel zur Seite räumte und das Taschentuch erst sorgsam auf die Schreibtischplatte breitete.
Unterdessen trat beim Schalter ein Pelerinenkünstler von einem Fuße auf den andern, rastlos wie ein Mensch, der ein natürliches Bedürfnis besetztseinshalber meistern muß, und beobachtete, wie Herr Hohmeier das Taschentuch erst mit einem großen Hausschlüssel, dann mit dem Löschblattbügel beschwerte. Und als er endlich nach der Adresse seines Freundes fragen konnte, erfuhr er, daß die Polizei selbst schon lange nach diesem Kunstmaler Ferdinand Wiederschein fahnde.
„Wir haben herausbekommen, daß dieser Maler seit vielen Wochen jede Nacht in einem andern Bett schläft. Indem er nämlich jeden Morgen sein Handtäschchen wieder mitnimmt und sich, wenn die Schlafenszeit herannaht, ein neues Unterkommen sucht für die Nacht ... Der meldet sich nicht einmal an bei uns.“
Der Diener entleerte den Neun-Uhr-Kohleneimer in den alten eisernen Füllofen, auf dem Eva, schon rotglühend, Adam den rotglühenden Apfel reichte. Des Künstlers Gelächter knallte durch das Bureau.
„Da gibt es aber nichts zu lachen. Das ist eine ernste Sache. Wenns alle so machten, welch eine Unordnung hätten wir dann hier.“ Herr Hohmeier redete noch vor sich hin, als er schon dabei war, das Taschentuch schneuzfertig über die gespreizten Finger zu hängen, wie ein Zauberkünstler, der fragt: ‚Wohin soll ich das Goldstück verschwinden lassen?‘
Während der Vesperviertelstunde sammelten sich viele Leute in dem dunklen Wartezimmer an. Die Beamten aßen ruhig weiter, ungestört vom Leben, das nur bis zum Schalterfenster herankam.
Die Ungeduldigen hüstelten, scharrten mit den Füßen, klopften endlich an das Schiebefenster. Der ganze Schalterraum stand voll Menschen.
Und als die Uhr Viertel elf schlug und Herr Hohmeier zum Schalter trat, stellte es sich heraus, daß einige wieder gegangen waren, und die gebliebenen neun Auskunftsuchenden unter Buchstaben C bis G fielen und somit Herrn Hohmeier unterstanden.
Der fragte freundlich, wer zuerst dagewesen sei. Darüber entstand Streit. Viele waren zuerst dagewesen. Da drückte ein schwarzer Kohlenhändler alle anderen in die Ecken und verlangte die Adresse einer Familie, die umgezogen sei, ohne vorher die Kohlenrechnung bezahlt zu haben.
Während Herr Hohmeier mit dem Zeigefinger die Fächer des Regals nach dem Personalakt abtippte, den Akt nicht fand, setzte der Streit im Schalterraum von neuem ein. Schließlich vereinigte der Zorn alle Streitenden gegen die Beamten.
Wieder dachte Seidel darüber nach, ob außer ihm wohl noch ein Mensch auf der Welt durch so eine teuflische Kleinigkeit wie die, daß es nur wenige Namen mit dem Anfangsbuchstaben Ypsilon gab, daran verhindert sein würde, sich auszuzeichnen und vorwärtszukommen.
Herr Hohmeier trat noch einmal zum Kohlenhändler, fragte ihn, ob er den Namen denn auch richtig aufgeschrieben habe. Alle schimpften, streckten die Zettel durch das Schalterloch.
„Sie erlauben, Herr Hohmeier, daß ich Ihnen helfe.“ Seidel sammelte die Zettel ein.
„Nein, ich kann das nicht erlauben. Bitte sehr, Herr Seidel, ich erlaube das nicht ... Es sind meine Buchstaben.“
Die Wartenden schrien dazwischen. Der Bureauvorsteher, der von dem Tumulte aus seinem Vesperzimmerchen herausgelockt worden war, verfügte, daß die beiden jungen Herren dies eine Mal mithelfen sollten. „Ausnahmsweise!“
Unter unheilvollem Schweigen des bleichgewordenen Herrn Hohmeier wickelte sich das Geschäft jetzt glatt ab.
Herr Hohmeier war nicht fähig, zu arbeiten. Ein ungeheurer innerlicher Aufruhr machte ihn blind. Die beinahe immer gegenwärtige Vorstellung, daß er sich am Tage seiner Beförderung eine goldene Brille kaufen und nach der übernächsten Beförderung sich mit dem neben ihm gealterten Mädchen einstweilen wenigstens verloben werde, schob sich auch jetzt hartnäckig in den Vordergrund. Immer wieder sah er sich, goldbebrillt, vor dem Traualtare stehen. So daß über eine Stunde vergangen war, bevor er gefunden hatte, was Seidel endlich einmal klar und deutlich gesagt werden müsse.
„Der sehr bedauerliche Vorfall von vorhin bedarf dringend der Aufklärung. Ich, meinerseits, muß Ihnen sagen, daß in diesem Bureau ein Sichvordrängen – ich könnte mich auch noch schärfer ausdrücken – nichts nützt ...“
„Und ich muß Sie bitten, mich nicht bei der Arbeit zu stören.“
„... denn wenn alle Beamten hier in diesem Bureau gewissenhaft ihre Pflicht tun – und das kann als sicher angenommen werden –, so daß keiner entlassen wird, werden Sie, Herr Seidel, in acht Jahren an meinem Pulte sitzen und in zwölf Jahren am Pulte des Herrn Ank ... Unterdessen werde ich an Herrn Anks Pult gesessen haben. Herr Ank an des Herrn Bureauleiters Pult. Und der Herr Bureauleiter wird, seinen Dienstjahren entsprechend, eine höhere Stelle in einem anderen Bureau einnehmen ... Es gibt in diesem Gebäude sehr viele Bureaus, die wir zu durchlaufen haben, ehe wir pensioniert werden. Ein Durchbrechen dieser Ordnung gibt es nicht. Das wollte ich Ihnen gesagt haben.“ Bebenden Mundes ging er an sein Pult zurück.
Und Leo Seidel, der schon am Anfang dieser plastischen Darstellung sich gesagt hatte, daß in einem Magistratsbureau das Wort ‚Freie Bahn dem Tüchtigen‘ ganz offenbar keine Gültigkeit habe, und daß somit ein schnelleres Vorrücken nahezu ausgeschlossen sei, schrieb noch am Abend des selben Tages peinlich sauber sein Entlassungsgesuch.
Die meterlange Tabakspfeife wie einen Offiziersdegen geschultert, kratzfußte der Korpsstudent Karl Lenz abgehackt und streng vor seinem früheren Schulkameraden Jürgen und fragte ihn, welchem Korps er angehöre.
„Ich studiere Philosophie, wie du weißt. Seit einem Jahre!“ sagte Jürgen stolz. „Einer Verbindung gehöre ich nicht an ... Ich wollte Herrn Professor Lenz meinen Besuch machen.“
Der noch immer in steifer Verbeugung stehende Korpsstudent zuckte mit dem Kopf nach vorn, und seinem Mund entfuhr, als er die Lippen öffnete, ein knallender Ton: „Gehören Sie nicht an? ... Vor allem: Ihnen zur Kenntnis, daß mein Vater vor einer Woche zum Geheimrat ernannt worden ist.“ Er machte linksum und blickte, dem Gast den Rücken zugekehrt, paffend zum Fenster hinaus.
Die wirkliche Welt um Jürgen versank. Alles natürliche Denken und Fühlen verschwand. Erst nach minutenlanger Pause sagte er: „Da gratuliere ich.“
Der Student antwortete mit einer weißen Dampfwolke, die an der Fensterscheibe hinaufstieg, rührte sich nicht. Und Jürgen saß plötzlich in einer glänzenden Studentengesellschaft, hatte ebenfalls eine grüne Mütze forsch im Nacken sitzen, das Couleurband schräg über der Brust. Alle trinken ihm zu. Er ist geehrt, geachtet, spielt eine Rolle. Kommt Karl Lenz und starrt ihn herausfordernd an. Jürgen starrt zurück. Und springt auf. Schweigen. Alle springen auf. Kartenwechsel. Jürgen schlägt sich tadellos. Phinchen ist totenbleich vor Bewunderung. Und die Tante läßt sich den ganzen Vorgang erzählen.
‚Er also starrt mich an. Nun, du kennst mich ja, Tante, und weißt, daß in diesem Falle die Forderung meinerseits unvermeidlich war. Meine Kommilitonen und ich zechen erst noch die ganze Nacht durch, als ob gar nichts geschehen wäre. Dann fährt die ganze Bande per Auto mit hinaus ins Wäldchen; sie warten im Wirtshaus auf mich. Ich also trete an, frisch und munter, wie aus dem Bade gestiegen.‘
‚Mein Gott, Jürgen, hattest du denn gar keine Angst?‘
‚Aber Tante! ... Also, er bekommt den besseren Platz, steht im Schatten eines Baumes, ich mit dem Gesicht gegen die Sonne ... Na, und schon beim ersten Gang – schwere Abfuhr natürlich.‘ ‚Nun, und jetzt?‘ ‚Gott, jetzt natürlich ehrenvolle Versöhnung. Denn wenn einmal Blut geflossen ist ... Je, das Hallo, als ich zurück in die Kneipe kam! Ja. Nun aber genug davon!‘
Der breitspurig und noch immer reglos am Fenster stehende Student war von blauem Dampfe eingehüllt. Aus dem Nebenzimmer erklang Gläserklirren. Er schnellte sofort herum, glotzte seinem Gast ins Gesicht.
Da knallte auch Jürgen mit den Absätzen. Die ineinander verkrampften Hände schüttelten sich. Beide Oberkörper zuckten mehrere Male ruckartig und schiefseitwärts aufeinander zu, bis, durch die Handkuppelung hergestellt, die wagrechte Zickzacklinie der zwei Ober- und Unterarme in Stirnhöhe feierlich verharrte.
Und während Jürgen sich auf das Kanapee zurückverbeugte, verbeugte der Student sich der Tür zu und ging in sein danebenliegendes Zimmer, wo auf dem Tisch drei Glas Bier für ihn bereitstanden.
Der Student hatte die Begrüßungsmaske mit in sein Zimmer getragen. Jetzt erst fiel sie von seinem Gesicht herunter. Und der Ausdruck dumpfer, wilder Konzentration nahm Platz, während er, das Bierglas in der einen, die Taschenuhr in der linken Hand, wartete, bis der Sekundenzeiger die Zahl Eins erreichte. Schon vorher war sein Mund ein großes Loch geworden. Plötzlich glotzten die Augen stier und tränten: das Bier stürzte in den Magen. „Bierjunge!“ Und das leere Glas knallte auf den Tisch.
Mit dem Worte ‚Bierjunge‘ spritzte ein Teil des Bieres im Bogen wieder heraus, während die Augen auf den Sekundenzeiger starrten. Das Gesicht des Studenten, der auf dem letzten Kommers von seinem Korpsbruder beim Bierjungen-Trinken besiegt worden war, verzog sich kläglich: er hatte mehr als eine Sekunde zu lange gebraucht.
„Ich habe wieder geschluckt. Ich schlucke noch. Das ist mein ganzer Fehler.“ Energisch trainierte er weiter: Der Sekundenzeiger erreichte die Eins. Großes Loch. Leeres Glas. Ein furchtbarer Brüllton: „Bierjunge!“
Wieder schnellte der im Nebenzimmer sitzende Jürgen erschrocken von der Kanapeelehne nach vorn und horchte gespannt. Wenige Sekunden später langte von oben herab die Hand des Herrn Geheimrat Lenz auf Jürgens Schulter. „Nun, mein Freund, welchem Korps gehören Sie an?“
„Bierjunge!“
„Ah, der Junge übt. Ja, schön ist die Jugend.“ Der Geheimrat Lenz trank gern Moselwein.
Was wird geschehen, wenn ich gestehe, daß ich keiner Verbindung angehöre, dachte Jürgen. Und sein Mund sagte: „Ich halte das für überflüssig.“
Die väterliche Hand rutschte von Jürgens Schulter herab und legte sich in die Hüfte des Geheimrats. Der Unterleib schien in die Brust hinaufzusteigen. Die Augen fragten: Was wollen Sie dann bei mir?
Endlich sagte der Geheimrat: „Junger Mann, nur wer einem Korps angehört, lernt die oberste aller Pflichten, die ihn erst befähigt, später zu den Ersten, zu den Führern seines Volkes zu gehören: die schwere, aber schöne und erhabene Pflicht des Gehorsams, das freie Beugen vor der Autorität, ohne welche nichts in der Welt bestehen kann ... bestehen kann. Die Narben im Gesicht des Korpsstudenten sind die Bürgschaft dafür, daß der ganze Mann, der für seine und für des Korps Ehre ohne zu zucken dem Gegner mit blanker Waffe gegenüber gestanden hat, auch später, wenns einmal so weit ist und Gott es will, bis zum letzten Blutstropfen dem Vaterlande die Treue halten wird, wenn es gilt, die Ehre des Reiches zu wahren ... Aber außerdem: wie wollen Sie vorwärtskommen? Wie anders wollen Sie es zu einer geachteten, einflußreichen Stellung bringen? ... Denken Sie an Ihren Vater. Er war mein Freund. Wir gehörten dem selben Korps an. Er war ein Mann.“
Und ist, wie ich jetzt weiß, zusammengebrochen und kaputtgegangen, weil er nicht erreichte, Vortragender Rat im Ministerium zu werden, dachte Jürgen.
Und glitt, während er durch die Straßen ging, noch eine halbe Stunde lang weiter auf dem glatten Gleis, das der Geheimrat vor ihn hingelegt hatte. Bei einem kleinen Kolonialwarenladen, in dessen Schaufenster ein langbärtiger Zwerg aus Gips eine Zigarre rauchte, blieb er stehen.
Haß und Ekel vor dem Jürgen, der in des Studenten Zimmer das imaginäre Duell ausgefochten hatte, packten ihn so plötzlich und so heftig, daß er sich auf das Mäuerchen setzen mußte, auf dem das Schaufenster ruhte. „Welch ein erbärmliches, widerliches, feiges Schwein bist du!“ rief er dem Zwerg im Schaufenster zu. Jede Bewegung, jedes Wort, das jener Jürgen gesprochen hatte, folterte den Jürgen, der, brennend vor Scham, auf dem Mäuerchen saß.
Da schwenkte, Lack-, Glacé- und Hosenfalten-glatt, Adolf Sinsheimer um die Ecke, nahm schon in der Ferne feierlich den Zylinder ab. Unwillkürlich hatte auch Jürgen feierlich gegrüßt.
„Große Aufregung im Hause Lenz, was?“ fragte Adolf, nachdem er erfahren hatte, wo Jürgen gewesen war. „Wirklich nichts bemerkt? Dann wissen die es einfach noch nicht ... Gestern nämlich ist Katharina von zuhause durchgebrannt. Schlankweg zu den Anarchisten! Die fabriziert jetzt Bomben. Auch eine Beschäftigung! ... Übrigens, du gestattest doch, daß ich mich bedecke?“
„Weshalb solltest du deinen Zylinder in der Hand halten!“ Jürgen war wütend.
„Ein ereignisvolles Jahr! Man entwickelt sich schneller, als man geglaubt hat. Ich sitze längst im Direktionsbureau. Rechte Hand des Chefs! Und was das Leben anlangt, mein Lieber, da akzeptiere ich keine mehr, die nicht tadellos gewachsen ist. Vor allem die Beine! Kann mir nicht mehr passieren.“
Was ist da zu tun – er entwickelt sich, dachte Jürgen und blickte Adolf nach, der frisch und glatt davonschritt. ‚Was ist da zu tun.‘
Plötzlich stand Adolf wieder vor ihm. „Leo Seidel war bei mir. Total zusammengeklappt! Mein Alter hätte ihn ja als Schreiber in unserer Buchhaltung angestellt. Er aber erkundigte sich nach den Aufstiegsmöglichkeiten. Was sagst du dazu? ... Mein Alter fragte ihn, ob er ihm vielleicht Prokura erteilen solle. Schwuppdich – war er draußen ... Später erfuhr ich, daß er zu allen früheren Mitschülern läuft, deren alte Herren, wie er glaubt, ihm einen Posten mit – husch, die Lerche! – Aufstiegsmöglichkeiten verschaffen könnten.“
Auch bei Jürgen war Seidel gewesen. Jürgen hatte ihm vorgeschlagen, er solle mit ihm zusammen einen Bund der Empörer gründen. Seidel hatte geantwortet, dazu sei er nicht dumm genug. Und der Rektor hatte Seidel geantwortet, einem derart unbescheidenen Menschen, der aus Unzufriedenheit leichtfertig sein Glück verscherzt habe, noch einmal eine Stelle zu verschaffen, müsse er prinzipiell ablehnen.
Einige Monate war Seidel bei dem Bankier Wagner in der Buchhaltung beschäftigt gewesen. Aber auch in diesem großen Bankhause waren die Wege zu den zäh verteidigten einträglichen Posten zwanzig Jahre lang und führten, gezogen mit dem Lineal, zwischen unübersteigbar hohen Mauern durch.
Seidel hatte bald erkannt, daß hier alle Angestellten nicht nur unangreifbar gewissenhaft, sondern ausnahmslos auch flink wie die Kreisel waren; daß es Hohmeiers hier überhaupt nicht gab; und daß niemand Bankangestellter werden und bleiben durfte, der Bankier werden wollte.
Der schwindsüchtige Briefträger und seine Frau waren gestorben, die vier jüngeren Geschwister in das Waisenhaus gebracht worden.
Die neue Mietpartei war schon eingezogen in das Hofzimmer, in dem Seidel sein ganzes Leben vom Tage der Geburt an in immer gleicher Armut verbracht hatte. Es war ihm erlaubt worden, die altersschwachen Möbel so lange in der Holzlage einzustellen, bis er einen Altwarenhändler fand, der auch den armseligsten Gegenstand nicht für ganz wertlos hielt.
Den nach Begleichung der letzten Vierteljahrsmiete und der Schulden beim Kolonialwarenhändler und Bäcker von dem Erlöse der Wohnungseinrichtung übriggebliebenen winzigen Rest des Geldes in der Tasche, das Herz kalt vor Energie und zielbewußter Willenskraft, von Wehmut, Feigheit und schwächlichen Überlegungen nicht gehemmt, verließ Leo Seidel um acht Uhr früh für immer seiner Jugend stinkenden Hof, in dem nie etwas schön gewesen war, außer einem Büschel Löwenzahn, der, kümmerlich und zäh, jedes Jahr in der gepflasterten Ecke geblüht hatte.
Seidels Herz hatte ihn niemals zu den gelben Blüten geführt; es war, jenseits von Gefühlsüberschwang, ein gehorsam arbeitender Muskel und wurde vom Gehirn regiert, das Seidel zum Träger eines zielklaren Willens machte.
Losgeschnitten von der Vergangenheit, vor sich das Obdachlosenheim, stand er blank auf der Straße, völlig auf sich selbst gestellt.
Herabgesunkener Morgennebel, der nur die Dächer der zwei nächsten Häuser links und rechts von Seidel freiließ, hatte die Straße, die wenigen Passanten und alle Geräusche verschlungen. Seidel stand grau in grau. Und erklärte sich selbst, weshalb für ihn Grund zum Jammern nicht vorhanden sei: Er habe Zeit, sei jung und gesund und bereit, rücksichtslos seinem Ziele entgegenzugehen.
Um dieses Zieles Inhalt und Ausmaß einwandfrei abzustecken, sondierte er vorstellungskräftig die Idee eines Friseurgehilfen, der darauf spekuliert, in das Geschäft einer Friseurswitwe einzutreten mit dem Ziele, die Witwe zu heiraten und Geschäftsinhaber zu werden; einen jungen Handlungsgehilfen ließ er mit der reizlosen Tochter des Chefs zum Standesamt gehen und ihn in einem dunklen, duftgeschwängerten Laden ein warmes Drogistenglück bis zum Tode genießen. Unbelasteten Gemütes folgerte Seidel, daß auch er in irgendein Geschäft eintreten und sich im Laufe der Zeit ein auskömmliches Dasein in bescheidenen Grenzen erarbeiten könnte.
Er trennte sich von dem Ziele des Friseurgehilfen, vom Drogisten, und wandte sich seiner Laufbahn zu, die zwar noch kleiner und unsicherer als die eines Drogistengehilfen beginne, aber Lücken und Spalten und Maschen habe, durch die er durchschlüpfen zu können hoffe, worauf die Laufbahn in Form einer Spirale unter zäh zu überwindenden Schwierigkeiten aller Art ansteigen und in der Berliner Börse enden werde. Dann breitete sich das Leben aus: Jedes Wort des Finanziers Leo Seidel hat Gewicht; eine von ihm verweigerte Unterschrift verursacht Beklemmung und Katastrophen in den Bankhäusern.
Seidels Augen schlossen sich halb. Er flüsterte: „Aus eigener Kraft! Keiner meiner Mitschüler wird sich mit mir vergleichen können; sie alle werden hinter mir zurückbleiben, obwohl sie geebnete Wege vorfanden.“
Er befand sich auf dem Wege zu dem Platz, wo die Schaubudengerüste aufgestellt wurden für den am folgenden Tage beginnenden großen Jahrmarkt. Er dachte, gegen die hier beschäftigten verkommenen Existenzen werde ein gewissenhafter Mensch ganz besonders scharf abstechen und, über sie hinweg, bei einem Schaubuden- oder Karussellbesitzer schnell zu einer Vertrauensstellung gelangen können. Außerdem sei er hier nicht, wie der Droschkengaul, zwischen zwei Deichseln gespannt, da allerlei Möglichkeiten, auszubrechen, sich ergeben würden.
Seine kantige, gewaltig breite Stirn bildete zusammen mit dem sehr spitzen Kinn ein beinahe gleichwinkliges Dreieck. Das Dreieck war mit alten Sommersprossen dicht besetzt. Aber auch in bezug auf seine Streberei hatte er in der Schule den Spitznamen „Sprosse“ bekommen. „Von Sprosse zu Sprosse.“
Burschen in verblichenen Sweaters, die Zigarette hinter dem Ohr, rissen Pflastersteine heraus, hockten, in Morgennebel gehüllt, auf den Gerüsten, nagelten, schrien, schraubten die Holzteile fest. Alles fügte sich wie immer ineinander.
Hier ist durch Fleiß und vor allem durch Gewissenhaftigkeit sicher mehr zu erreichen als in einem Magistratsbureau, dachte Seidel und fing vor dem grünen Wagen den Schiffschaukelbesitzer ab, zog den Hut. „Verzeihung, ich möchte fragen, ob Sie noch eine Hilfskraft bei Ihrem Unternehmen brauchen.“
Verdutzt sah der Mann den solid gekleideten jungen Herrn an, die saubere Wäsche. „Ich verstehe nicht recht. Ich brauche zwar noch zwei Adjunkte zur Bedienung von vier Schiffen ... Aber Sie? Was wollen Sie?“
„Ich leiste jede Arbeit, die Sie verlangen ... Was ist das: Adjunkte?“
„So heißen die Burschen bei den Schiffschaukeln ... Zwei sind vorgestern eingesteckt worden. Acht Wochen Gefängnis! Hatten wieder geklaut. Aber schon bevor sie bei mir waren“, setzte er schnell hinzu.
„Demnach können Sie mich also brauchen?“
Der Mann hob abwehrend beide Hände in Kopfhöhe: „Freundchen ... haben Sie Papiere? Waren Sie schon einmal bei so was? ... Zuerst müssen Sie mir einmal nachweisen, daß Sie nicht von der Polizei gesucht werden ... Und vor allem möchte ich wissen, weshalb Sie von der Polizei gesucht werden.“
Da reichte Seidel dem Manne sein Abiturientenzeugnis und das Entlassungszeugnis vom Stadtmagistrat, das den Vermerk über Seidels Tüchtigkeit, Fleiß und Gewissenhaftigkeit enthielt.
Der Mann wunderte sich nicht. Ihm waren während seiner vierzigjährigen Jahrmarktstätigkeit schon alle möglichen Existenzen untergekommen.
„Auf meine Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln könnten Sie sich verlassen.“
„Da wären Sie der erste, auf dessen Gewissenhaftigkeit beim Geldeinsammeln ich mich verlassen würde. Aber brauchen kann ich Sie.“ Er stieg, von Seidel, gefolgt, in den grünen Wagen, in dem, transportfest, die zwölf funkelnden Schiffe standen.
Der kräftige Bursche mit Ledergurt, rotem Sweater und einem großen, pflaumenblauen, herzförmigen Mal auf der Backe tat, als habe er beim Putzen der Messingteile keine Pause gemacht. Der Besitzer schickte ihn hinaus. „Hier, das Handgeld.“
„Handgeld brauche ich nicht ... Ihre Schiffschaukel scheint übrigens ganz neu zu sein ... Wenn Sie zufrieden sind mit mir, werden Sie mir meinen Lohn schon geben.“
Das hatte der Mann noch nicht erlebt. Beinahe verlegen sagte er: „Ja, ich habe die modernste Schiffschaukel der Messe. Kostete mich ein Vermögen! Das will verdient sein. Sie ist einen Meter siebenzig höher als die der Konkurrenz ... Können Sie morgen früh antreten?“
Schnellen Schrittes ging Seidel zu dem Altwarenhändler und holte den Gegenstand ab, den er nicht mitverkauft hatte.
„Das einzige noch einigermaßen brauchbare Stück! Der ganze übrige Plunder ist vollkommen wertlos“, wiederholte der Mann, der am Tage vorher heftig und erfolglos um den Besitz dieses Gegenstandes gekämpft hatte. „Elender Plunder!“
„Wie kann eine Wohnungseinrichtung, in der eine große Familie fünfundvierzig Jahre gelebt hat, plötzlich ganz wertlos sein!“ Seidel nahm den in braunes Packpapier eingewickelten Gegenstand unter den Arm. Stand eine Stunde später im Studierzimmer vor Jürgen, erklärte, auf dessen Fragen hin, mit drei Sätzen, welche Arbeit und weshalb er sie angenommen und welches Ziel er habe. „Ich will zu Geld kommen, reich werden. Sehr reich! Reicher als ihr alle seid!“
„Bei einer Schiffschaukel? Du, ein mehr als gewissenhafter Mensch!“
„So verkommen würdest du niemals, wie? Was würden die Leute sagen? ... Mir jedoch ist das einerlei. Muß mir gleich sein! Gutbürgerliche Gefühle und Sentimentalitäten kann ich mir nicht erlauben. Ich brauche Bewegungsfreiheit, um alle Möglichkeiten ausnützen zu können. Im Magistratsbureau und auch in irgendeiner anderen festen Stellung gibt es keine Möglichkeiten für mich. Bin kein Fabrikantensohn ... Ich will mein Ziel erreichen. Und ich werde es erreichen. Und dann werde ich erst recht rücksichtslos sein.“
„Dein Haß ist ja recht schön ...“
„Wieso ist er schön?“
„Nun, ich kann deinen Haß begreifen; aber Reichtum ist doch kein erstrebenswertes Ziel. Was bist du, was hast du, wenn du reich bist und die Armen wie bisher arm bleiben und überhaupt alles so bleibt, wie es ist? Dann gehörst du bestenfalls zu denen, die gehaßt werden. Wem nützest du damit?“
„Mir!“ Aller Haß, der in einem Menschenkörper Raum hat, sammelte sich in Seidels Blick, gerichtet auf Jürgen, der immer sorgfältig gekleidet gewesen war, nie gehungert, regelmäßig gebadet und die Demütigungen der Armut nie erfahren hatte. „Du machst Worte. Du weißt doch sehr gut, was Reichsein bedeutet!“
„Ich war in anderer Hinsicht immer so arm wie du. In unserer Zeit sind die Menschen arm. Alle! Auch die Reichen, glaube ich. Furchtbar arm!“
Da konnte Seidel nur die Lippen verziehen. „Und was für ein Ziel hast du?“
„Ich weiß nichts. Gar nichts! ... Das Ganze ist unerträglich. Ich sage: das Ganze muß ganz und gar anders werden.“
„Nun, dann wird es ja wohl anders werden.“ Dabei schälte er das Packpapier herunter von dem poliertem, zartgebauten Nähtischchen seiner Mutter und bat, Jürgen möge es für ihn aufbewahren.
„Wenn du schon alle Beziehungen zu deinem bisherigen Leben abbrichst, was hängst du dich da an das Nähtischchen? Dieser Art Gefühle können dir – einem Menschen, der solche Ziele hat – doch nur hinderlich sein. Oder sollten Rücksichtslosigkeit und Sentimentalität einander vielleicht doch nicht ausschließen?“ Jürgen hätte nicht sagen können, weshalb er Seidel diesen Hieb versetzte.
„Mit dem Ding sind meine einzigen schönen Kindheitserinnerungen verbunden. Wenn die Mutter flickte, saß ich am Boden, durfte mit dem Einsatz spielen.“ Er schob die Fächerschublade wieder hinein ... „Na, heb’s auf ... Zweifellos wird die ganze Bande auf die Messe kommen, um mich als Schiffschaukeladjunkt zu sehen. Mögen sie kommen!“ Die Lippen bebten. Die Sommersprossen traten stärker hervor, so weiß war das Gesicht geworden.
‚Vielleicht wird er ein sehr reicher, geachteter Mann werden; im Magistratsbureau würde er ein mittelloser geachteter Mann geworden sein ... Rein äußerliche Rangstufen: arm, wohlhabend, reich, sehr reich, sehr reich und gebildet, Millionär ohne, Millionär mit Geschmack und Kultur, Großfinanzier – die innere Linie ist bei allen die selbe. So ist heute das Leben ... Und ich? Wie stehts mit mir? Was soll, was will ich werden? Was und wie will ich sein? Wie werde ich in zwanzig Jahren sein?‘ Jürgen fand keine Antwort.
Das jüngste Mitglied des von Jürgen gegründeten Bundes der Empörer, ein vor dem Abiturientenexamen stehender Gymnasiast, hatte bei der Gründungssitzung erklärt, einer sei zuviel auf der Welt, entweder müsse er sich oder den Geschichtsprofessor vergiften. Und war von seiner Ansicht nicht abzubringen gewesen durch Jürgens Entgegnung, daß dann ja immer noch einige tausend Geschichtsprofessoren am Leben bleiben würden.
Als einige Tage später auch noch die zwei andern Mitglieder, fünfundzwanzigjährige, halb verhungerte Burschen, die behaupteten, als Matrosen und Goldgräber schon die ganze Welt gesehen zu haben, in der Villa erschienen waren, versehen mit einem Drahtreif voll Sperrhaken und entschlossen, die Wocheneinnahme eines Metzgermeisters, der jeden Freitag verreist sei, unter Führung ihres Vorsitzenden und mit Hilfe der Sperrhaken zu holen, war der Vorsitzende Jürgen aus dem Bunde der Empörer ausgetreten.
Die Aussprache mit einem schon älteren Manne, der sechzehn im Zimmer frei umherfliegende Kanarienvögel und eine Bulldogge besaß, aus Liebhaberei auch vorgedruckte Postkarten täuschend kolorierte und behauptet hatte, er halte die Fäden der anarchistischen Bewegung der ganzen Welt in seiner Hand, in Mexiko dürfte, entzündet durch zwei seiner Chiffretelegramme, die Geschichte demnächst platzen, war von Jürgen nach drei Minuten abgebrochen worden.
In der Jahresversammlung des Vereins für Bevölkerungspolitik und Säuglingsschutz, in der die Damen beschlossen hatten, uneheliche Wöchnerinnen und Kinder in das Heim prinzipiell nicht mehr aufzunehmen, war Jürgens Frage an das Leben ebenso unbeantwortet geblieben, wie durch die Rede des Rektors am Grabe des jüngsten Mitglieds des Bundes der Empörer, jenes Gymnasiasten, der sich am Tage nach dem mißglückten Examen erhängt hatte.
Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll eingerichteten Räumen der ‚Schule zur innerlichen Vervollkommnung‘, wo brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und kurzhaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen, war Jürgen, der geäußert hatte, die Weisheit dieser Richtschnur bestehe ganz offenbar darin, die eigene Seele zu maniküren und sich um die Not der andern nicht zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht worden, den ‚Stillen Stunden innerer Einkehr‘ von nun an fern zu bleiben, worauf er mit steigender Sympathie wieder an die zwei hungrigen Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.
Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen jungen Mädchen asiatischen Gesichtsschnittes vorgestellt worden, das ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte Gesicht emporgerichtet. Noch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt.
In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zu fressen, vielleicht erst in tausend Jahren Bestandteil einer von jeglicher Barbarei befreiten Lebensordnung, zur Zeit aber nur Sache des Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne, den Kampf gegen das Ganze und das Umstürzen erfolgversprechend zu beginnen, war Jürgen, zur Genugtuung der Tante, schon nach einer Woche vom Vegetarismus wieder zurückgekehrt zum Fleische.
Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur die tragische Wahl bleibe, Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden, hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz freiwillig nur all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nichtbesitzenden, sowie alle zusammen nur jeglicher Lüge entsagen würden, sei in der selben Stunde die Menschheit erlöst.
‚Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können‘, hatte Jürgen damals gedacht.
War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und hoffnungslos und nur, um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten.
Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen diesen hellblickenden Mädchen und schwerarbeitenden Jünglingen und über die geistig großartige Lebensauffassung, die in dem Zeichen unbekümmerter Jugendkraft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen stand, hatten Jürgen erfüllt.
Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren, noch unfertigen, nicht ganz hautreinen Gesicht hatte den beglückt durch die Nacht heimwärts Marschierenden eingeholt und ihm einen Stoß Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlern gemeinsam geschriebene und im Selbstverlage erschienene Broschüre ‚Kapitalismus, Universität und freie Jugend‘ und ein vierseitiges Werbeflugblatt ‚An die Gesinnungsgenossen‘, dessen erster Satz lautete: „Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt, die Rückseite gezeigt und im Vorfrühling mit zusammengepumptem Gelde einen verlotterten Bauernhof gekauft, der, obgleich mit Hypotheken gegenwärtig noch schwer belastet ...“ Der Schlußsatz lautete: „Unsere Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk.“
Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend Saatgut gebraucht hatten, mühevolle Feld- und Gartenarbeit und an den Abenden stundenlange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der Siedlung, waren gefolgt.
Tag und Nacht offene Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein Handköfferchen und sonst nichts. Die Wände, hell gestrichen, leuchteten blau, grün, rosa.
„Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.“
Wie lebendig das klingt, hatte Jürgen gedacht. ‚... kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter.‘
Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger verblüfft und gereizt durch ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche, Schule, Ehe, Eigentum, Zins- und Hypothekenräuberei.
Der kirchenfeindliche Verein ‚Gedankenfreiheit und Feuertod‘, der seit Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, sein schon erbautes Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille erklärt worden war, er persönlich habe ja gar nichts dagegen einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen, nur glaube er nicht, daß dadurch der große Stunk merklich vermindert werden würde, die Polizei auf Siedler und Siedlung aufmerksam gemacht.
Kartoffelernte, Hypothekenzinsforderungen, Herbstbeginn, kürzer werdende Tage, in dem selben Maße verlängerte, immer heftiger werdende Diskussionen. Und eines Tages waren die Handköfferchen und Lili mit dem Kinde und die Siedler verschwunden gewesen, unter Zurücklassung der sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet, in dem offenen Schuppen lagen.
Der Bauer hatte seine Kommoden, wandbreiten Eichenschränke und Riesenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände dunkel schabloniert und die Heiligenbilder aufgehängt.
Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine Postkarte aus Berlin gekommen: Die Siedlung sei aufgeflogen. Die Gründe, eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch nicht entschließen können; aber er sei Mitglied der sozialistischen Partei geworden. Und damit Punkt.
Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vornehmen Villenviertel schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an sein ergebnisloses Fragen und Suchen, hinaushorchte in die Nacht, vernahm er die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.
Die fünfzig verschiedenen Melodien zusammen erregten bei manchem Besucher schon Schwindelgefühl, wenn er auf dem Jahrmarkt noch gar nicht angelangt war. Paukenschläge und Trompetenstöße drangen siegreich durch.
Alles drehte sich, funkelte und flog. Die Mädchen klammerten sich an ihre Liebhaber an, schrien auf, wenn die Berg- und Talbahn in die Tiefe sauste, im rosa beleuchteten Tunnel verschwand. Und an der farbensprühenden Budenreihe entlang zog die schwarze Menschenmenge. Alle Ausrufer waren schon heiser, luden hinreißend liebenswürdig ein. Die Konkurrenz war groß.
Trotzdem hatte sich Herr Rudolf Schmied in seinem grünen Wagen zu einem Schläfchen niedergelegt und Seidel die Aufsicht und das Geldeinsammeln anvertraut. Denn tags zuvor, in früher Morgenstunde, als noch kein Budenbesitzer, kein Adjunkt dagewesen war, der die Einnahme hätte kontrollieren können, hatte Seidel kassiert, sich vom Lehrer der Knabenklasse, die geschaukelt hatte, eine Empfangsbestätigung ausstellen lassen und Geld und Schein gewissenhaft Herrn Rudolf Schmied abgeliefert.
Dieser Empfangsschein hatte wie tödliches Gift auf das Mißtrauen des Herrn Schmied gewirkt. Die Adjunkten vermuteten in Seidel einen Verwandten des Herrn Schmied, unterordneten sich ihm, lieferten willig die Einnahme ab.
Die immer besetzten zwölf Schiffe der schönen, besonders hohen Schaukel flogen unausgesetzt. Die sieben der alten, niedrigen Schaukel daneben hingen fast immer reglos. Die Adjunkte luden brüllend ein; der Orgelspieler drehte wie besessen: alle drängten vorbei zur hohen Schaukel.
Seidel blickte starr ins Publikum und befahl, als er Herrn Hohmeier entdeckte, gleichgültigen Gesichtes dem Adjunkten mit dem pflaumenblauen Herzen auf der Backe, der von seinen Kollegen ‚Das Herz‘ genannt wurde, das letzte Schiff in der Reihe anzuhalten, da die Tour zu Ende sei.
Schon preßte ein anderer Adjunkt, der ein abschreckend großes, pferdekopfähnliches Gesicht hatte, das Anhaltbrett gegen den Kiel des allmählich sich totschaukelnden Schiffes. Eine neue Tour begann. Seidel sammelte ein. Der Magistratsbeamte ließ ihn nicht aus den Augen, die vor Hohn und Genuß funkelten. Auch die zukünftige Braut des Herrn Hohmeier machte große Augen. Sie hatte ein ganz mageres, blasses Gesichtchen.
„Das Riesenweib! Wie sie ißt! Wie sie trinkt! Wie sie schläft! Brustumfang 154! Alles andere dementsprechend! Kolossal! Jedem Besucher erlaubt, nachzuprüfen! Brustumfang 154!“ schrie der Ausrufer links neben der Schiffschaukel.
Und ein anderer: „Hopp hopp hopp hopp hopp!“ Der ritt ohne Pferd dem Publikum einen eleganten Trab vor zugunsten des ‚Hippodrom von Eder, wo reiten kann ein jeder‘.
Ein kleiner, verhärmt aussehender Budenbesitzer, auf dessen Schulter ein abgerichteter Rabe saß, der Kopf und Beine und flügellahme Schwingen ruhelos bewegte, sagte zu Jürgen: „Treten Sie ein: Hier wird jedes Menschen Sehnsucht erfüllt.“
Plötzlich stand Jürgen, der blicklos den verhärmten Alten anblickte, mit Katharina Lenz in dem Laubgang beschnittener Korneliuskirschen. Die Tante führt ihn am Arme weg von Katharina.
Wüßte ich, was ich will, dachte er, dann würde ich jetzt Katharina aufsuchen; aber ich weiß heute nicht mehr, als ich damals wußte.
Bei der kleinen Schiffsschaukel entstand Tumult; sie wurde plötzlich von Fahrgästen gestürmt: Der Besitzer hatte ein Plakat ausgehängt, auf dem stand: ‚Hier kostet die Tour den halben Preis‘. Höhnisch blickte er zu Seidel hinüber, dessen Schiffe jetzt reglos hingen.
Seidel stürzte zum Besitzer. Der rieb sich entsetzt den Schlaf aus den Augen, wollte ebenfalls für den halben Preis schaukeln lassen.
„Wenn Sie das tun, kommt man zwar wieder zu Ihnen, weil unsere Schaukel höher ist, aber die Einnahme würde fortan nur die Hälfte betragen. Ihre Schaukel wäre entwertet.“
„Und so verdiene ich gar nichts. Schreiben Sie sofort ein Plakat. Das Herz soll helfen.“ Er tanzte vor Aufregung.
„Ich mache Ihnen den Vorschlag ...“
„Nichts! Nichts! Schnell, Freundchen! Die Zeit vergeht.“
„Wollen Sie riskieren, heute abend keinen Pfennig mehr einzunehmen, wenn Sie dafür an den folgenden Tagen wieder die volle Einnahme haben würden?“
Herr Rudolf Schmied warf die Arme: „Was? Wie? Was? Wie ist das?“
„Lassen Sie ganz umsonst schaukeln.“
Da schrie Herr Schmied mit vollen Lungen so lange nach dem Halben-Preis-Plakat, bis Seidel ihm auseinandersetzte, dann müsse auch der andere umsonst schaukeln lassen, aber es käme darauf an, wer es länger aushielte. „Sie sind ein wohlhabender Mann; der Konkurrent steht vor dem Bankerott. Sie warten ganz einfach, bis er zu Ihnen kommt und bittet, daß beiderseits wieder um den ganzen Preis geschaukelt werden soll.“
Herrn Rudolf Schmieds altes Messegesicht leuchtete.
Seidel rief Das Herz, das Pferdegesicht und die andern Adjunkte in den Wagen. Viele hundert kleine, improvisierte Billetts wurden eiligst geschnitten, gestempelt. Und auf dem gewaltigen Plakat stand: ‚Wer ein Billett hat, fährt ganz umsonst in Rudolf Schmieds modernster und höchster Schaukel der Welt‘.
Das Herz brüllte, schleuderte die Zettelchen ins Publikum. Das nahm die Schaukel im Sturm. Seidel beobachtete die Konkurrenzschiffe, die sich entleerten und nicht mehr füllten.
Ein ungeheurer Tumult erhob sich. Das Hinüber- und Zurückbrüllen der beiden Besitzer hatte das ganze Messepublikum angezogen. Viele Budenbesitzer kamen geeilt, zu erfahren, was ihnen das Publikum entzog. In der ersten Reihe stand Herr Hohmeier.
Eine Viertelstunde später kostete die Tour wieder den ganzen Preis. Seidel hatte im Wagen des Herrn Schmied die Verhandlungen geleitet.
Der Besitzer der Berg- und Talbahn, des größten Unternehmens der Messe, fing Seidel ab, legte ihm die Hand auf die Schulter: „Ich brauche eine Hilfe. Wollen Sie Geschäftsführer bei mir werden? ... Das haben Sie großartig gemacht.“
„Ich bin bei Herrn Schmied angestellt.“
„Ich zahle Ihnen das Dreifache.“
„Ich mache voraussichtlich schon morgen eine eigne Bude auf ... Aber eine Idee will ich Ihnen verkaufen für Ihr Unternehmen!“
„Schreiben Sie eine Erklärung, daß Sie mir Zweihundert bezahlen, wenn Sie meine Idee ausführen.“
„Hundert!“
„Zweihundert!“
Seidel steckte den Zettel ein. „Bei Ihnen fahren hauptsächlich Liebespärchen, weil sie in den scharfen Kurven gegeneinander geworfen werden.“
„Das stimmt. Darauf spekuliert die Konstruktion.“
„Und dann noch wegen des Tunnels. In diesem Tunnel verschwinden die Pärchen besonders gern. Das habe ich beobachtet.“
„Aber sicher!“
„Der Tunnel ist mit roten Glühlämpchen erhellt ...“
„Natürlich! Rosa!“ sagte der Mann mit großer Gebärde.
„Lassen Sie morgen von Ihrem Maschinisten eine Vorrichtung anbringen, die den Kontakt unterbricht, so daß es eine Sekunde dunkel wird im Tunnel, dann wieder hell, dunkel ... Die Liebespärchen werden sich danach richten.“
Strahlend trat Herr Rudolf Schmied zu den beiden.
Seidel ging auf seinen Posten zurück, rief Das Herz zu sich. Der war der Sohn eines bankerottgewordenen Schaubudenbesitzers, dessen Tiere krepiert waren. Seidel hatte erfahren, daß Das Herz den schwer zu erlangenden Gewerbeschein besaß und jederzeit eine Bude aufmachen konnte. „Was für Tiere waren es denn?“
Das Herz schrie in großer Erregung: „Eine Riesenschildkröte und ein Flußpferd. Sie tanzten zusammen Menuett.“
Seidel überlegte, ob ein Mensch mit einem Pferdegesicht beim Publikum Erfolg haben würde. Das Herz erklärte sich bereit, den Gewerbeschein beizusteuern; das Pferdegesicht stellte sich selbst zur Verfügung; Leo Seidel die Idee und das Geld. Fehlte noch die Bude.
Die stand unbenützt neben der Hauptattraktion der Messe: ‚Herrn August Schichtels Spezialitäten- und Zaubertheater‘, dessen Zulauf enorm war. Wer das Unglück hatte, seinen Platz neben Herrn Schichtel zu bekommen, konnte kein Geschäft machen. Deshalb hatte der Besitzer der Bude gar nicht eröffnet.
Der verhärmte Alte, dessen von niemand beachtete Bude rechts neben dem Zaubertheater stand, zeigte, als Jürgen, schon heimwärtsstrebend, noch einmal vorbeiging, wieder einladend die Handfläche: „Hier wird jedes Menschen Sehnsucht erfüllt. Treten Sie ein.“
Einige Tage später schritt Jürgen, der, aus Neugier, zu erfahren, welcher Art die Genüsse seiner früheren Mitschüler seien, Adolf Sinsheimer versprochen hatte, am Monatsersten mit in eine Weinkneipe zu gehen, auf das verwahrloste Vorstadthaus zu, vor dem Adolf, drei junge Kaufleute und der Magistratsbeamte Hohmeier schon wartend unter der roten Laterne standen.
Aus fünf Brusttaschen stand je ein farbiges Tüchlein empor. Blasse und gerötete Gesichter. Auf allen die gleiche fiebrige Erregung und Spannung. Die vier waren im kaufmännischen Klub gewesen, hatten Herrn Hohmeier auf der Straße getroffen und mitgeschleppt.
Sie wollten, zur Feier des Monatsersten, die Animierkneipe mit Damenbedienung besuchen.
„Aber nur eine Flasche zusammen! Das habt ihr mir versprochen“, sagte der Magistratsbeamte, schloß den obersten Knopf des Gehrocks. Und folgte als letzter, während Adolf die Führung übernahm, resolut voranschritt, hinein in das schmale Kneipchen, das noch vor einer Woche ein Bäckerladen gewesen war.
Jetzt waren die drei Glühbirnen mit roten Papierschirmen verhängt, die Brotlaibregale mit schön verkapselten Weinflaschen spärlich gefüllt, und der Ladentisch hatte sich in ein nickelbeschlagenes, glanzsprühendes, mit künstlichen Blumen und Weintrauben reich geschmücktes Büfett verwandelt, hinter dem der Wirt saß und zum zehnten Male die Abendzeitung las.
Jürgen glaubte in ihm den Sklavenhalter zu erkennen, den Held einer Seeräubergeschichte, die er als Gymnasiast gelesen hatte. Des Sklavenhändlers tintenschwarzer Bart, die Riesenglatze, die Hakennase waren da. Nur die Peitsche fehlte; ihre Stelle nahm die Abendzeitung ein. Unsichtbar von ihm geleitet, gerieten seine drei von Seide und Schminke bunten Kellnerinnen mit den Weinkarten in Bewegung.
Der einzige Gast, außer den Kaufleuten, ein schon total betrunkener Fabrikschreiner ohne Halskragen, schaukelte den Kopf knapp über der Tischplatte hin und her, riß ihn in den Nacken und schrie in die falsche Richtung: „Da komm her!“
Die Älteste ging zu ihm, ließ ein bißchen an sich herumgreifen, so lange, bis er einen Geldschein auf den Tisch knallte. Strich ihm über das Haar, in dem noch die Holzteilchen steckten, und gab ihrer jungen Schwester einen Augenwink. Die brachte eine neue Flasche.
Der Magistratsbeamte beugte sich auf die Tischplatte. „Eine zusammen! Ich denke, wir nehmen die billigste.“ Und er legte den auf ihn kommenden Teil der Rechnung gleich auf den Tisch.
Erschrocken nahm Adolf das Geld wieder weg. „Das ist mein Teil“, sagte der Magistratsbeamte deutlich.
Der Arbeiter glotzte auf seine neue Flasche, glotzte die Älteste an. „Jetzt komm aber auch her!“
Kopfschüttelnd lächelte sie den Kaufleuten zu, gab den Augenwink ihrer jungen Schwester, die, noch ungeschickt und verlegen, zum Arbeiter ging und sich von ihm auf den Schoß ziehen ließ. Er griff ihr an die Brust, die noch nicht vorhanden war, und brüllte: „Die andere!“
„Für uns auch ein Gläschen?“ fragte die Älteste mit einem Blick, der allen fünfen in die Augen traf. Und Adolf gewann die Fassung wieder. „Aber selbstverständlich!“
Sie entleerte die Flasche in drei Gläser und goß noch fünf Gläser voll bis zum Rand, so daß plötzlich drei leere Flaschen auf dem Tische standen.
Der Magistratsbeamte beugte sich vor und seitwärts über drei Oberkörper weg, holte sich ein Glas mit Wein aus der ersten Flasche und stellte es bedeutungsvoll vor sich hin.
„Schmeckt, was?“ sagte die Älteste, da Adolf den Wein kennerisch mit der Zunge prüfte. Er schüttete Zigaretten in ihre Hand, und seine Kollegen gaben ihr Geld, damit sie das Riesenorchestrion spielen lasse.
Das nahm die ganze Rückwand ein, reichte bis zur Decke. Begann zu rasseln, knackte: ein farbiger Husarenleutnant aus Holz, den Taktstock im Händchen, schob sich, ruckweise, wie das rotseidene Vorhängchen auseinanderging, in den Vordergrund und dirigierte das von Trommelwirbel umdonnerte Flötensolo.
Der Wirt stand reglos und groß hinter dem Büfett. Sein Bart ging mit der Dunkelheit zusammen. Die Glatze hing losgelöst und weiß über dem Büfett.
Der Arbeiter lallte, goß ein, goß in das überlaufende Glas, bis die Flasche leer war, stülpte den Flaschenhals ins Glas und schimpfte, in der Einsicht, mit seinem Wochenlohn gegen die vornehmen Herren nicht aufkommen zu können, hoffnungslos in eine leere Ecke hinein. „Noch eine Flasche!“ schrie er verzweifelt.
Und die Älteste stand augenblicklich hinter ihm, überredete ihn, erst das Geld zu geben, schob es wieder zurück. „Das langt nicht zu. Geh heim. Hast genug getrunken.“
Schwankend und drohend erhob er sich. Der Wirt stand groß vor ihm, hinter dem Wirt die Älteste mit der Mütze des Arbeiters.
Halb geschoben, torkelte er hinaus, ausgebeutelt und betrogen von seiner Sehnsucht nach Glanz und nach einer Frau, die keinen verbrauchten Körper hatte und keine schmutzige Flanellunterwäsche trug.
Die Älteste, noch bei der Tür, breitete die Arme aus. „Jetzt sagt mir, was hat so ein Arbeiter in einer Weinstube zu suchen.“
Das selbe fragten die Kaufleute. Sie zog aus ihrem Busen pornographische Photographien, auf denen sie selbst in verschiedenen Stellungen nackt abgebildet war, zusammen mit einem Herrn im Frack. Es standen schon neun leere Flaschen auf dem Tisch. Die Gläser der Mädchen waren immer beinahe gleichzeitig voll und leer.
„Aber natürlich bringen Sie noch Wein!“ rief Adolf und ließ die Bilder durch seine heißen Hände laufen. „Aber natürlich bringen Sie noch!“ echoten die andern.
Hinter dem Büfett hing in einem Ring ein Kübel; vom Boden des Kübels lief ein Schlauch weg in die jeweilig darunterstehende Flasche. Nachdem die Mädchen ihre vollen Gläser in den Kübel entleert hatten, besorgte der Wirt mit diesem Weine das Füllen der Flaschen. Und die Mädchen stellten den Wein wieder auf den Tisch.
Das Orchestrion spielte ununterbrochen. Die vier Köpfe, eng aneinandergepreßt, blieben über die Photographien geneigt, bis die Älteste die Bilder wegnahm. Das Wort ‚Sekt‘ fiel. Jürgen legte einen Geldschein in Adolf Sinsheimers Hand und verließ die Weinstube. Die andern bemerkten es kaum.
Plötzlich fühlte der Magistratsbeamte sich beim Halse gepackt. Die ineinander verschlungenen Weiber- und Männerkörper schaukelten hin und her nach der Melodie des Flötensolos. Der Sekt floß. Die Flaschen schwebten selbständig vom Büfett herüber auf den Tisch. Floß eine Stunde lang im Kreislauf: aus den Flaschen in die Gläser, von da in den Kübel, durch den Schlauch in die Flaschen und wieder in die Gläser, bis der kühl und reglos neben dem Kübel stehende Wirt den Wink zur Vorsicht gab.
Da lösten sich die Mädchen allmählich los. Die junge Schwester blieb auf des Magistratsbeamten Schoß liegen. Sie war betrunken. Der Wirt schickte ihr einen Blick, der sie ernüchterte.
Ein Schub Studenten trat ein, setzte sich an den Tisch, an dem der Arbeiter gesessen hatte.
Des Magistratsbeamten geschweifter Mund schnappte auf und zu, und plötzlich warf er die dürren Arme hoch und behauptete: so lebe er, so lebe er, so lebe er alle Tage.
Die Älteste stand schon bei den Studenten, lächelte kopfschüttelnd über die Kaufleute und nahm die Bestellung entgegen. Die Studenten blickten belustigt hinüber.
„Pardon!“ drohte Adolf, der seinen früheren Mitschüler, Karl Lenz, nicht erkannte. Der Wirt kam groß aus dem Büfett heraus.
„... so leben wir alle Tage“, sang der Magistratsbeamte immer noch. Und die Älteste präsentierte die Rechnung.
Die fünf Monatsgehälter reichten nicht. Der halbe Tisch stand voll Wein- und Sektflaschen. Adolf warf noch eine Banknote auf den Tisch, an dessen Stirnseite der Wirt stand und die drei Worte sprach: „Das langt nicht.“
Alle standen schwankend und ausgeliefert, wollten nach ihren Mänteln greifen. „Sie müssen mir Ihren Ring zum Pfande da lassen.“ Der Wirt stellte den Zeigefinger steil auf die Rechnung. Die Studenten beobachteten gespannt die Szene.
Adolf zog den Brillantring vom Finger. „Darüber muß ich eine Quittung bekommen!“ Und blickte, trotz seines Rausches, verblüfft auf die schon ausgefüllte Quittung, die der Wirt sofort vor ihn hinlegte.
Schritt für Schritt ging er hinter den Abziehenden nach, schloß die Tür leise und mit Kraft und zog sich hinter das Büfett zurück, stellte eine leere Flasche unter den Kübel. Diesmal war es eine Rotweinflasche.
Die Älteste atmete hoch auf, ließ den Busen fallen: „Diese Kaufleutchen! Wollen elegante Herren spielen und können dann nicht bezahlen.“ Sie breitete die Arme aus: „Jetzt sagt mir, was haben solche Bürschchen in einer Weinstube zu suchen?“
Karl Lenz stimmte ihr bei. Daraufhin auch die andern. Sie goß den Rotwein ein. „Auch für uns ein Gläschen?“
„Aber selbstverständlich!“ Und dann ging er ernsten Gesichtes erst hinaus in das Klosett und nahm das Couleurband ab; die andern hatten, dem Koment gemäß, ihre Couleurbänder nicht an.
Die Älteste goß neun Gläser voll: es waren sechs Studenten. Die junge Schwester richtete den Tisch der Kaufleute für neue Gäste her. Und der Wirt rückte den Kübel zurecht.
Daß dies besonders herrliche Genüsse wären, wert, ihretwegen auch nur den Bruchteil selbst eines blödsinnigen Ideals aufzugeben, kann gewiß niemand behaupten; aber auch nicht, daß es keine begehrenswerteren Genüsse gäbe, dachte Jürgen auf dem Heimwege durch die schlafende Stadt.
Vor dem kleinen Café in der noch belebten Hauptstraße stand wieder der Krüppel und neben ihm, reglos, grau und böse, die Frau, auf dem Arme den skrofulösen Säugling.
‚Daß einer um den Preis, Liebschaften zu haben mit schönen, gepflegten Frauen, oder um der Macht und des Erfolges willen Verrat übt an allem, was ihm in der Jugend teuer war, wäre schon eher zu begreifen.‘
Und plötzlich entsann er sich des Abends, da er, geladen bei einer der vornehmsten Familien des Landes, solchen Frauen begegnet und Zeuge geworden war von Gesprächen zwischen Großbankiers, die über Weltpolitik, Eisenbahnbauten und den wahrscheinlichen Zeitpunkt eines neuen Krieges in leichtem Plaudertone gesprochen, und zwischen berühmten Schriftstellern, die über die Schönheit eines Goethezitates und sogar über den Satzbau des Zitates länger als eine Stunde äußerst beziehungsreich und sehr klug und geistvoll diskutiert hatten. Das ist Macht, das ist Kultur, hatte er damals gedacht.
‚Aber kann denn durch diese Macht und durch diesen Geist das Meer von Tränen, kann denn dadurch das würgende, würgende Menschenleid beseitigt werden? Ich glaube es nicht. Was aber soll man tun?‘ Bedrückten Herzens schloß er die rückwärtige Gartentür auf, an die er das Schild angebracht hatte: ‚Hier wird Armen gegeben‘.
Seine Fragen an das Leben fanden keine Antworten; nur die allzu glatten der Schulkameraden und der Tante. Oft – wenn er sah, wie die früheren Mitschüler jenseits aller Zweifel lebten – hatte der Vereinsamte, wie einmal in der Schule, den Wunsch gehabt, auch so zu werden, wie die andern waren, das Fragen und das Suchen aufzugeben und sich der Tantenauffassung anzuschließen. Diese Stunden nannte Jürgen Schicksalspausen.
Er saß am Fenster, hatte noch Kopfschmerzen von dem Wein, sah die Animierkneipe. Schweinerei! dachte er, betrachtete mit inbrünstigem Hasse der Tante Lebensarbeit: die unverwüstlichen gehäkelten Deckchen, die alle Möbelstücke drückten. Der Perpendikel tickte ruhevoll das Wort ‚rich–tig, rich–tig‘.
‚In diesem Zimmer „Schweinerei“ zu sagen, ist unmöglich. Da hört die Uhr auf zu ticken, die Deckchen gleiten von Sesseln, Tisch, Kommode, und die Heiligenbilder fallen von den Wänden.‘
Eine lange halbe Stunde wurde kein Wort gesprochen. Die Tante häkelte. Die Älteste zeigt die Photographien.
„Schweinerei!“ brüllte Jürgen, erwartete die Zimmerrevolution, sah die böse herausgedrückten Augen der Tante. Die Szene von früher wiederholte sich:
„Was hast du gesagt?“
„Ich habs doch nur gedacht.“
„Du lügst mir wieder ins Gesicht hinein?“
„Wenn doch diese verdammte Uhr endlich aufhören würde zu ticken!“
Sie machte eine barsch abschließende Handbewegung und stellte die Häkelnadel senkrecht gegen ihn: „Wenn du erst in Amt und Würden sein wirst ...“
Sein ganzer Körper wurde gemauerter Widerstand. „Niemals! Ich studiere Philosophie.“
Zuerst legte sie die Häkelarbeit weg, griff nach der Stickerei und stach langsam die Nadel von unten in den Stickrahmen, zog sie senkrecht hoch. „Du weißt, dein Vater will ...“
„Er ist ja tot. Tot!“
„... daß du Amtsrichter wirst.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer Lachfratze. Und in die Pause hinein gestand er: „Ich studiere seit einem Jahre, studierte von Anfang an Philosophie. Überhaupt nie eine andere Vorlesung gehört!“
Da saß sie aufrecht, faltete übertrieben ruhig die Hände im Schoß: „In diesem Falle würdest du nicht einen Pfennig mehr von mir bekommen. Von was also wolltest du leben? ... Philosophie? Was willst du denn werden?“
Er sah das Schäfchen auf dem Heiligenbilde an. „Werden?“ Die Uhr tickte: ‚rich–tig, rich–tig‘.
„Nun, was also? Alle deine Schulkameraden wissen längst, was sie werden wollen.“
Plötzlich schlug seine Ratlosigkeit in Wut um. Er brach in die Knie, preßte beide Fäuste an den Hinterkopf und brüllte wild: „Nichts weiß ich! Landstreicher werde ich. Ich gehe auf die Landstraße. Ein Gauner werde ich, wenn du mich noch länger quälst.“
Der Kniende stierte auf die Krüppelfamilie, die grau, elend, schemenhaft vor der Dunkelheit stand. Auch den skrofulösen Säugling auf der Mutter Arm sah Jürgen. Kniend rutschte er auf die imaginäre Gruppe zu und zur Tür hinaus.
Erst oben in seinem Zimmer kam die Wut voll zum Ausbruch. Zuletzt riß er die Waschschüssel mit beiden Händen in die Höhe und schmetterte sie auf den Fußboden. Die Stirn blutete. Das Zimmer war verwüstet.
Allmählich wurde der vom Weinen Gestoßene still. Er saß, Arme verschränkt, Kopf darauf, am Tisch. Tränen und Speichel vermischten sich auf der Tischplatte. So blieb er hocken.
Plötzlich deutete er durch den Fußboden auf das Heiligenbild im Wohnzimmer und verlangte ausdrücklich: „Das Lämmchen muß dem Heiligenbild weggenommen und der Krüppelfamilie vor die Füße gesetzt werden.“
‚Der arme Jürgen! Sie haben ihn so lange gequält, bis er irrsinnig wurde‘, ließ er Katharina Lenz sagen, ahmte eine Kinderstimme nach, schmollte trotzig und weinerlich: „Man muß das Lämmchen zur Krüppelfamilie tun.“
‚Wie man ihn gequält hat! Jetzt ist der Arme irrsinnig‘, klagte Katharina.
Und er schauspielerte: „Das Lämmchen gehört zu der Krüppelfamilie ... Bäh, bäh, bäh!“ Müdigkeit drückte des Erschöpften Wange auf die Tischplatte. Noch einmal hob er das von Tränen und Blut verschmierte Gesicht, rief trotzig und blöd: „Bäh!“ und schlief ein.
Da erschien, grün und aufgetrieben wie ein Ertrunkener, der Vater hinter dem Stuhle, tippte Jürgen auf die Schulter und sagte leise und lächelnden, weitgeöffneten Mundes, so daß alle Zähne bleckten: „Na, du schmähliches Etwas.“ Dabei drehte der Vater des Jahrmarktes riesige, vieltausendstimmige Drehorgel, deren Töne fernher drangen durch den warmen Herbstabend.
Der Kontakt im Tunnel der Berg- und Talbahn funktionierte schon. Die Bude links neben dem Zaubertheater war mit Hilfe von Ölfarbe in einen alten Stall umgewandelt, aus dessen Luke Heu hervorquoll. Der Kopf des mit kosmetischen Mitteln hergerichteten ‚Pferdegesichtes‘ sah sehr abnorm aus.
Das Herz brüllte in das Riesenhorn, das Seidel hatte machen lassen: „Hier ist zu sehen der Mensch mit dem Pferdekopf! Die größte Abnormität der Welt! Er frißt Heu wie Brot! Hafer ist ihm das liebste! ... Man höre ihn wiehern.“
Blies mächtig ins Horn, starrte, Hand am Ohr, ins Publikum: Aus der Bude erklang das brünstige Wiehern des Pferdegesichtes.
Auch Jürgen, der außerhalb der Stadt auf der bewaldeten Höhe stundenlang am selben Flecke reglos gelegen war und sich nach dreißig Schritten, gepeinigt von Unruhe und Ratlosigkeit, wieder in das Moos hatte fallen lassen, den Blick fernaus gerichtet, dem Flußlauf nach, in das weite Land, dem Meere zu, ganz und gar erfüllt von dem Wunsche, aller Last zu entlaufen, hinaus in ein Leben der Ungebundenheit, wurde auf dem Heimwege angezogen von den Drehorgelmelodien, die, wie in der Knabenzeit, in ihm das Gefühl wieder erwachen ließen, daß hier die Freiheit sei.
Das ist das selbe Gefühl, das den sechsjährigen Sohn des Geheimrates sagen läßt: ‚Ich will Droschkenkutscher werden‘, dachte er und betrachtete den Stall. Rechts stand: Eingang; links: Ausgang. In der Mitte saß Leo Seidel vor der grünen Drahtgitterkasse.
Ihn jedoch hat nicht dieses Gefühl vor die Schaubude gesetzt, dachte Jürgen, wollte schon durch die Menge durch, die drei Stufen hinauf, Seidel zu begrüßen, erinnerte sich in dieser Sekunde der Weltgeschichte und seines letzten Gespräches mit Seidel und verließ den Jahrmarkt.
Seidel hatte Jürgen nicht bemerkt; er war sehr beschäftigt. Wenn die Leute sahen, wie das aus der Luke heraushängende Heu sich bewegte, siegte bei vielen die Neugierde, einen Menschen mit einem Pferdegesicht beim Heufressen zu beobachten, so daß die Bude immer guten Zulauf hatte.
In der Hand die Rechnungen für Ölfarbanstrich, innere Ausstattung, Riesenhorn und Stallmeisterlivree, die Das Herz trug, und im Kopfe die Idee, daß nur derjenige zu Geld kommen könne, der andere für sich arbeiten lasse, stellte der kapitalkräftige Seidel Herz und Pferdegesicht am Wochenschlusse vor die Wahl, entweder Mitinhaber zu bleiben und während der ganzen Messedauer auf jeglichen Verdienst zu verzichten – denn diese Rechnungen müßten erst gewissenhaft bezahlt werden –, oder alle Mitinhaberrechte abzutreten und sofort Angestelltengehalt zu beziehen.
Das Herz schrie: „Der Gewerbeschein war mein einziges Erbe.“ Das Pferdegesicht erklärte, nicht jeder könne seine Visage als Pferdekopf für Geld ausstellen, und jeden Tag bis Mitternacht Heu zu fressen, sei auch keine Kleinigkeit. Die grüne Drahtgitterkasse, in der die Wocheneinnahme lag, klappte zu.
Da wählten die beiden das Geld in die Hand. Seidel war Alleininhaber.
Während er einlud und kassierte, grübelte er unausgesetzt darüber nach, wo er eine breitere Basis für seinen spekulativen Geist finden könnte.
Seine Gedanken kehrten immer wieder zu dem mächtigen Backsteinbau zurück: dem Zirkus, der den ganzen Winter über in der Stadt blieb und während der vier Wochen langen Jahresmesse schlechte Einnahmen hatte.
Seidel benutzte die losen Beziehungen, die zwischen einigen Budenbesitzern und dem Zirkusunternehmer bestanden, und schlug diesem vor, Familienbilletts zu ermäßigten Preisen zu verkaufen, solange die Jahresmesse in der Stadt sei. Auch solle er an Stelle der herkömmlichen und deshalb nicht mehr wirksamen Zirkusplakate ein von einem guten Künstler zu entwerfendes modernes Plakat kleben lassen.
Von einem modernen Plakat wollte der Mann nichts wissen. Die Billettidee hatte er selbst gehabt und war schon dabei, sie auszuführen. Aber es gelang Seidel, einige für seine Zukunft wichtige Bekanntschaften mit Zirkuskünstlern zu machen.
Bald darauf behauptete Adolf Sinsheimer, er habe Leo Seidel, im Pelz, den Zylinder auf dem Kopfe, im Vorraume des Berliner Wintergartens gesehen, in Gesellschaft von eleganten Damen und Varietékünstlern.
Und so konnten einige Jahre später seine früheren Kollegen vom Stadtmagistrat und die Schulkameraden, von denen die meisten zu dieser Zeit schon jung verheiratete Männer waren, nicht allzu sehr darüber verwundert sein, daß eines Tages Leo Seidel, der nicht lange Impresario geblieben war, als kaufmännischer Direktor des riesigen Wanderzirkus in die Heimatstadt zurückkehrte, im ersten Hotel abstieg und im eigenen Wagen fuhr.
Zu jener Zeit war Herr Hohmeier eben bis zum breiteren Löschblattbügel vorgerückt und wollte sich verheiraten.
Der Besitzer des Zirkusunternehmens kränkelte und hatte nur eine Tochter. Sie war siebzehn Jahre alt.
Kurz vorher hatte Seidel, der längere Zeit im Weizen- und dann im Stabeisengroßhandel mit nicht besonderem Erfolge tätig gewesen und deshalb noch einmal in das ihm vertraute Fach zurückgekehrt war, an der Börse sehr gewinnreich mit Baumwolle spekuliert. Er war seit Jahren Abonnent volkswirtschaftlicher, bank- und börsentechnischer Zeitschriften.
Er studierte die Preisschwankungen des Marktes nicht wie der Großindustrielle oder Börsianer, die, das Risiko zu vermindern, sich mit ihren Abschlüssen von Tag zu Tag nach den Markt- und Börsenberichten orientieren; er verglich seit Jahren die an- und abschwellenden Kurven der Export- und Importziffern aller Länder, verfolgte genau die hieraus sich ergebenden inner- und außerpolitischen Spannungen, täuschte sich selten über den Zeitpunkt hereinbrechender Wirtschaftskrisen – eine Fähigkeit, die ihn nicht nur vor Verlusten geschützt, sondern ihm seine bisher größten Gewinne eingebracht hatte – und wartete, in jeder Hinsicht gerüstet, seit langem nur auf die Situation, die es ihm gestatten würde, unter möglichster Ausschaltung des Risikos die Hand auf das ganz große Geschäft zu legen.
Schon jetzt glaubte Seidel begründete Hoffnung zu haben, die Siebzehnjährige nicht heiraten zu müssen.